Was macht mein Geld, wenn ich nicht hinsehe?

Caroline Stollmeier am 3. Dezember 2009

Manfred* liebt diese kurzen ungewiss-spannungsvollen Augenblicke, in denen er vor seinem Briefkasten steht und noch nicht weiß was drinsteckt. Welche Überraschungen mag die Welt für ihn haben?

Vor kurzem fand er einen dicken Umschlag mit dem T-Logo drauf. Was mochte die Telekom noch von ihm wollen? Längst war er kein Kunde mehr. Zu oft war er von Service und Angeboten enttäuscht worden.

Das Rätsel um den Brief war schnell gelöst. Der Umschlag enthielt Manfreds Einladung zur Hauptversammlung des Unternehmens. Nach kurzem Besinnen fiel Manfred wieder ein, dass er vor Jahren T-Aktien gekauft hatte. Aber das hatte er inzwischen fast vergessen.

Alles hatte damit angefangen, dass seine Freunde, Kollegen und Bekannten plötzlich wie vom Börsen-Fieber befallen waren. Jeder wollte Shareholder sein, winzige Teile von Unternehmen besitzen und gutes, schnelles Geld „machen“. Ganz einfach. Selbst Manfreds Mutter gehörte dazu.

Im Jahr 2000 war der Halbleiterhersteller Infineon an die Börse gegangen. Und wegen des großen Medienrummels und des allgemeinen Aktien-Fiebers wollten die Menschen viel mehr von diesen Aktien kaufen, als es überhaupt gab. Manfreds Mutter gehörte zu den Überglücklichen, denen eine Handvoll Aktien zugeteilt wurden. Sie habe gewonnen, erzählte sie daraufhin stolz.

Manfred bezweifelte, dass seine Mutter überhaupt wusste, was Halbleiter sind und wofür man sie benutzt. Erst recht konnte er sich nicht vorstellen, dass sie eine Ahnung davon hatte, welche Stellung Infineon im Wirtschaftsgeschehen hat und wie die nahen und fernen Zukunftsprognosen aussahen.

Manfred ließ den Infineon-Zug abfahren ohne aufzuspringen. Er fühlte sich jedoch zunehmend als Außenseiter, als Miesmacher, als jemand, der die Zeit verschläft. Als seine Mutter dann auch noch wenige Wochen später berichtete, dass sie einen Teil ihrer Aktien wieder verkauft und durch die unglaubliche Kursentwicklung ihren ursprünglichen Einsatz schon wieder heraus bekommen hätte, da war Manfred sprachlos. Und weil er kein Argument mehr dagegen hatte, wollte er jetzt auch Aktien kaufen.

In diesem Moment fiel ihm die „Volksaktie“ ein. Die Deutsche Telekom vergab auch Aktien – an jeden, der welche haben wollte. Und die Telekom kannte Manfred. Telefonieren tat doch schließlich jeder. Und das würde auch immer so bleiben. Eine T-Aktie ist also eine solide Sache. Manfred ist ein Typ, der nicht gerne unnötige Risiken eingeht.

Für 751,20 Euro (damals natürlich noch als Äquivalent in D-Mark) kaufte er Telekom-Aktien. Und von diesem Tag an gehörte er zum Club. Er war nun Aktionär wie seine Freunde, Kollegen und Bekannten. Und wie seine Mutter.

Im Laufe der Zeit ebbte das Aktien-Fieber wieder ab. Glücklich waren inzwischen diejenigen, die nur mit Geld spekuliert hatten, dass sie im Grunde nicht benötigten. Manfred hörte von niemandem, dass der schnelle Reichtum eingetreten war. Und ganz allgemein wurde über Aktien nun wenig gesprochen.

Manfred hielt noch immer den Brief mit der Einladung in der Hand. Ohne in seinen Kalender zu sehen wusste er, dass er am Tag der Hauptversammlung etwas Besseres vorhaben würde. Genau wie auch in den Jahren zuvor.

Manfreds Geld arbeitete noch für die Telekom. Aber sein Bekannter Willi* nicht mehr. Denn dem wurde im Rahmen irgendeines Einsparprogramms gekündigt. Und wenn Manfred Fragen zu seinem Telefon hatte, dann rief er jetzt eine Servicenummer an, unter der er sofort einen echten Menschen erreichte, der ihm wirklich helfen konnte.

Da stimmt doch etwas nicht mehr, dachte sich Manfred. Bei der nächsten Gelegenheit machte er sich auf den Weg zu seiner Bank um zu erfragen, welchen Wert seine Telekom-Aktien heute haben. Immerhin 794,58 Euro. Er gehörte also nicht zu den Menschen, die in der Finanzkrise ihre Existenzgrundlage verloren hatten. Manfred war eben vorsichtig. Und die Telekom-Aktie eine solide Geldanlage.

Manfred ist nicht reich. Deshalb hat er weder viel Geld zu verschenken noch zu verschleudern. Aber er hat sein Geld aus den Augen gelassen. Das war ein Fehler, wie er im Nachhinein sagen muss. Sein Geld hat dazu beigetragen, dass es ein Unternehmen am Markt gibt, das ihn selber als Kunden im Stich lässt und seine Mitarbeiter auch.

Am gleichen Tag noch hat Manfred seine Telekom-Aktien verkauft. Letztlich hat er mit dieser Anlage zwar keinen Gewinn gemacht. Aber immerhin weiß er jetzt wieder wo sein Geld ist. Das macht ihn froh.

Und heute hat Manfred zwei Umschläge aus dem Briefkasten gezogen. Es sind Spendenaufrufe wie er sie in diesen Adventstagen beinah täglich erhält. Manfred öffnet sie. Er ist nicht reich. Und er hat wenig Geld zu verschenken. Aber ein bisschen eben doch. Und das tut er dort, wo er sein Geld ruhig aus den Augen lassen kann. Denn an manchen Orten muss Geld eben nicht nur arbeiten, sondern darf auch Gutes tun.

 

* Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt, werden aber auf Wunsch der genannten Personen nicht veröffentlicht.

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4 Kommentare zu “Was macht mein Geld, wenn ich nicht hinsehe?”

  1. Tobias Bischkopfam 4. Dezember 2009 um 11:54

    Gutes Tun – und sei es nur durch finanzielle Zuwendung – ist gerade in der Adventszeit, äh, gut. Für die Beschenkten, für die Welt (die ein kleines bischen besser wird) und für sich selber. Aber wenn´s um Geldanlage geht: Wie geht das denn, das Geldimaugebehalten, wenn man – wie fast alle Nichtfinanzberater – keine Ahnung vom Geldanlegen hat. Grüne Aktienfonds? Clean Tech-Aktien? Investment in sozialen Wohnungsbau? Und wer hat die Zeit nach der Investmententscheidung noch am Ball zu bleiben und alle Hintergründe und Zusammenhänge verfolgen zu können? Die wenigsten… Danbar für Tipss wie es trotzdem besser geht als in Manfreds Fall ist
    T. Bischkopf

  2. Caroline Stollmeieram 17. Dezember 2009 um 18:42

    @ Tobias und alle Anderen:

    Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, aber Gedankenlosigkeit ist am schlechtesten. Natürlich kann man sein Geld nicht immer im Auge behalten und kontrollieren, was es gerade tut. Dazu ist unser Wirtschaftsgeschehen wohl zu komplex. Aber zumindest Gedanken machen sollte man sich, wie ich finde.

    Ein guter Richtwert bei der Geldanlage könnte doch beispielsweise sein, dass man keinem Unternehmen sein Geld leiht, dem man nicht vertraut und keinerlei persönliche Bindung hat. So wie Manfred, der selber nicht einmal Kunde der Telekom war. Dabei darf man natürlich nicht vorrangig auf die Rendite schielen.

    Außerdem gibt es Geldinstitute, wie beispielsweise die Steyler Bank ( http://www.steyler-bank.de/ ), die sich auf “ethische Geldanlagen” spezialisiert haben. Auch hier kann man nicht alles kontrollieren, aber vielleicht mehr vertrauen als anderswo.

    Gruß!

    C. Stollmeier

  3. Christine Speckam 18. Dezember 2009 um 21:00

    Ich kann die Bahn der Himmelskörper
    auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen,
    aber nicht,
    wohin die verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann
    (von Isaac Newton)
    Also mathematisch “Die große Unbekannte”.
    Sind wir damit wie “auf hoher See in Gottes Hand”??
    NEIN: Nur auf hoher See!!!
    Gottes Hand umfaßt Wesentliches, Unwesentliches entgleitet ihm……

  4. Miriamam 26. März 2010 um 3:10

    Steyler Bank? Wir haben die noch gar nicht drin, aber ethische Geldanlagen sind am beliebtesten, keine Ahnung warum…
    Miriam, http://www.tagesgeld-leitzins.de

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