Bischöfin Käßmann und der Krieg

Harald Stollmeier am 17. Januar 2010

Kommentar

Wenn eine Bischöfin politisch wird, muss sie das Echo vertragen können, und auch mir war die Kritik am deutschen Afghanistan-Einsatz in ihrer Neujahrspredigt  allzu undifferenziert. Irgendwann allerdings, für meinen Geschmack heute, ist das Maß voll: mit dem Käßmann-Bashing von Jan Fleischhauer, „Käßmanns kleine Geschichtsstunde“, dem kaum verklausulierten Vorwurf, die Bischöfin hätte in ihrem Radikalpazifismus sogar die Herrschaft Hitlers  über Europa in Kauf genommen.

Als Beweis dient Fleischhauer ein Interview mit Bischöfin Käßmann, das die Berliner Zeitung Heiligabend veröffentlichte. Darin erklärt die Bischöfin, für die EKD gebe es keinen gerechten Krieg, allenfalls Kriterien, mit denen man einen Krieg rechtfertigen könne – und was zur Zeit in Afghanistan geschehe, genüge diesen Kriterien nicht.

Die dann folgende Frage, wie man denn Hitler anders als mit Krieg hätte begegnen können, beantwortet Bischöfin Käßmann mit der Einschätzung, dass die Kriegsgegner Deutschlands die nichtkriegerischen Alternativen nicht ausgeschöpft hätten, eine Stärkung der Opposition beispielsweise. Das Scheitern der Appeasement-Politik, vom Interviewpartner ins Gespräch gebracht, genügt der Bischöfin offenbar nicht als Beweis ausreichenden Bemühens um nichtkriegerische Lösungen.

Ich weiß nicht, ob die Bischöfin Recht hat. Ihre Kritik am Fehlen von Strategien bei den späteren Kriegsgegnern Deutschlands ist jedenfalls nicht schon allein durch den Hinweis auf die mit Chamberlain verbundene Appeasement-Politik widerlegt. Denn eine einheitliche Appeasement-Politik hat es nicht gegeben – England und Frankreich zogen keineswegs immer am selben Strang.

Ganz sauer stößt Fleischhauers Verhöhnung des deutschen Widerstands auf („Nicht jedem fallen auf Anhieb die Zigtausenden im Widerstand ein, die nur auf ein Signal aus London oder Washington zum Losschlagen gewartet haben“), von dem man weiß, dass er sehr wohl auf Signale aus London gewartet hat – und ausgerechnet durch die Appeasement-Politik entmutigt wurde.

Angesichts von Hitlers Lebensraum-Ideologie fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass jener Führer früher oder später doch zum Eroberungskrieg geschritten wäre. Dennoch ist der Hinweis von Bischöfin Käßmann auf Versäumnisse der späteren Kriegsgegner Deutschlands grundsätzlich berechtigt, denn auch Engländern, Franzosen und vor allem Polen wäre womöglich bei einer nichtkriegerischen Eindämmung Deutschlands bzw. Hitlers viel Leid erspart geblieben.

Bischöfin Margot Käßmann warnt grundsätzlich vor Krieg und fordert das Anlegen strenger Maßstäbe vor der Entscheidung zum Gebrauch der Waffen. Auf diese Diskussion sollte man sich umso mehr einlassen, wenn man im Einzelfall anderer Meinung ist als die Bischöfin. Wer die Diskussion umgeht, indem er die Bischöfin zur Auschwitz-Relativiererin stempelt, erhöht die eigene Glaubwürdigkeit nicht.

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5 Kommentare zu “Bischöfin Käßmann und der Krieg”

  1. Christine Speckam 17. Januar 2010 um 20:46

    Sehr geehrter Herr Stollmeier,

    für mich ist es – mit einfachen Worten formuliert – die normaleste Sache der Welt, dass eine christliche Leitung sich auf die Seite des Friedens als Nachfolger(in) unserer Botschaft stellt – gerade am wesentlichsten Fest unseres Glaubens hierfür!!!!
    Es ist für mich erschreckend festzustellen, dass die Medienwelt aus einem Glaubenszeugnis einen Stoplperstein produziert.

    Afghanistan ist erst jetzt in seiner Dimension (an)erkannt worden: Kriegszustand!
    Allerdings ist jetzt ein gefährlicher Scheidepunkt erreicht. Wir können unser westliches Denken mit den Strukturen unseres demokratischen Verständnisses nicht in diese ganz anders denkende Welt hineinmanövrieren!! Wenn wir das nicht begreifen, tragen die Taliban auf eine unvermutete Art den Sieg davon.

    Wenn man vergangenes und herrschendees Kriegsgeschen der Welt betrachtet, kommt man zu dem einzigen Schluß: Sie haben Verstrickungen und Dynamiken, die eine Logik übersteigen. Krieg und Kampf resultieren aus niedrigen Denkweisen und fordern zu viele unschuldige Opfer. Kampf erzeugt Gegenkampf und schraubt die Spirale in ihrer Häßlichkeit steigend nach oben.

    Die Geschichte eines Volkes ist ein Bestandteil ihres Seins und sollte integriert und nicht verleugnet werden. Sie produziert Täter und Opfer. Lediglich wenn Täter sich nachfolgend als Opfer deffinieren, wird begangenes Unrecht schlecht bearbeitet und kann nicht korrekt aufgearbeitet werden.

    Aber genau so verwerflich ist die Handhabe, ein Volk aus einem einst begangenen Unrecht nie mehr zu entlassen.

    Hier zitiere ich aus Shoa.de
    Kizel erforscht, wie deutsche Geschichte im israelischen Unterricht und in Lehrbüchern vermittelt wird. Die Ergebnisse seiner Arbeit: die Schüler erhalten eine objektive, sachliche Sicht auf die Geschehnisse. An der Wizo Leo Beck Schule sieht man das ein bisschen anders: “Es wäre schön, wenn die Lehrer gewissenhafter unterscheiden würden zwischen ‘den Deutschen’ allgemein und den ‘Nazis’ im Speziellen”, kritisiert Agivail Eliav. Eigentlich sei es ja nicht die deutsche Geschichte, die sie lernen, sondern vor allem die Geschichte der Nazis. “Ich finde, wir müssen auch nicht unbedingt die Geschichte Deutschlands pauken, genauso wenig wie die Spaniens oder Englands. Es hat eben nicht direkt etwas mit uns zu tun. Aber ich wüsste gerne mehr über Deutschland, wie es heute ist.”
    In diesem Punkt immerhin sind sich Schüler und Forscher einig: Die israelischen Geschichtsbücher, so Arie Kizel, müssen dringend um einige Kapitel ergänzt werden – die dann vor allem die positiven Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit thematisieren sollten. “Schließlich ist Deutschland mittlerweile ein enger Verbündeter – und es wäre ein großer Fehler, unseren Schülern das orzuenthalten.”

    Wie man Bischöfin Käßman einen Fallstrick in einem Interview zu ihrer Weinachtspredigt legen kann, indem man Afghanistan – zu zweitem Weltkrieggeschehen – hin zu einer Ausschwitz-Relativierung kreiert, ist mir äußerst suspekt und erscheint mit skrupellos.

    Wir leben in einer Zeit der Aufklärung – draus resultiert das Wissen über die schäbige Judenpolitik hinsichtlich der Palästineser. Wie sehr das Weltgeschehen darin verstrickt ist, bleibt dabei mal außen vor.

    Aber eine Nation nicht aus dem Schulgefhül zu entlassen und im Gegenzug vielerlei Schuld auf sich zu laden, ist infam!!

    Mit freundlichen Grüßen
    Christine Speck

  2. Christine Speckam 17. Januar 2010 um 20:58

    Sehr geehrter Herr Stollmeier,

    ich hoffe, sie lesen aus den Zeile, dass ich Ihren Artikel schätze und nur hinsichtlich Thematik anderer angriffslustig bin 😉

    LG Christine Speck

  3. Harald Stollmeieram 18. Januar 2010 um 7:17

    Sehr geehrte Frau Speck,

    die Auschwitz-Relativierung erschließt sich nur indirekt aus Jan Fleischhauers Text – sie ist aber die logische Konsequenz.

    Wir Deutschen werden noch sehr lang mit der Schuld leben müssen, die unser Volk durch seine Regierung auf sich geladen hat, unabhängig davon, dass schon sehr bald garantiert kein Deutscher mehr lebt, der persönlich Shoa-Schuld auf sich geladen hat (und es waren ja nicht nur Juden unter den Opfern …).
    Wir können uns nicht die Rosinen herauspicken: Wer Deutscher ist, darf dankbar in der Tradition von Walther von der Vogelweide, Friedrich von Spee, Goethe, Schiller und Thomas Mann stehen, aber jener Führer ist immer dabei. Es ist guter Stil, sich dieser Last bewusst zu sein, auch und gerade im Gespräch mit Angehörigen von Opfern.

  4. Christine Speckam 18. Januar 2010 um 11:13

    Sehr geehrter Herr Stollmeier,

    da bin ich völlig dacors mit Ihnen – Die Geschichte ist und bleibt ein nicht zu leugnender Bestandteil eines Volkes (wie oben geschrieben) und ihre Lasten sind Kollektivschuld….
    Ich störe mich nur an der Tatsache, dass wir Deutschen in Teilen des Auslands eine Grundtitulierung NAZIS für uns als Volk stehen lassen sollen. Die WM in Deutschland hat diesen Tatbestand entsprechend mit den Formulierungen aufgedeckt: “Die Deutschen sind ja ganz anders”.
    Es kann m.E. auch nicht richtig sein, dass – auch wenn hier nur eine logische Konsequenz eines Textes von Ihnen so widergegeben wurde – wir “durch die Bank” (Papst, Käßmann usw.) bei kritischen Verlautbarungen sofort gewollt und “zufällig” an den Pranger des Antisemitismus gestellt werden. Hier geschieht nichts Positives für unsere jungen Menschen, die wir als Nachfolger unseres Landes bei der Geschichte halten wollen. Ihre Auflehnung dagegen ist dann mehr als wahrscheinlich, bedenklich und auch gefährlich!.
    Glücklicher Weise ist die Welt so zusammen-
    gewachsen, dass sich hier Vieles durch Kontakte wie von selbst erledigt…..
    Wenn ein Volk nie aus dem “Kerker” seiner Missetaten entlassen werden soll, liegt darin vielleicht auch die nützliche Ableitung, dass man dafür weiter und weiter BEZAHLEN muss…..
    Oder müssen wir so sehr den Kopf hinhalten, weil Täter von damals DANACH sofort in guten Posten abgetaucht sind ?!?!?!?! und die Vergangenheit hier nie gut bewältigt wurde!!!

  5. Christine Speckam 18. Januar 2010 um 16:11

    Sehr geehrter Herr Stollmeier,

    mich bewegt zu diesem thema auch noch folgendes:

    Ich bin ein Kind von Flüchtlingen, den sogenannten Donauschwaben. Diese Deutschen, die entlang der Donau angesiedelt wuden und sich haben, mußten unter den Serben Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung hinnehmen, weil sie Deutsche waren. Sie mußten in einem Land für etwas BEZAHLEN als quasi Nazis, die sie niemals waren, sondern nur gottesfürchtige Gläubige und friedliebende Menschen.
    In dieser Vernichtungszeit habe ich meine Großeltern und einen Großteil meiner Verwandschaft verloren und somit niemals kennen lernen dürfen.
    die Serben haben mit den Deutschen in gleicher Weise verfahren: Erschiessungen, Verhungern lassen, menschliche Versuche, Vergewaltigungen und Verschleppung zur Zwangsarbeit in Sibirien.

    Wenn ich jetzt, nachdem diese Volksgruppe eine Wiederholungstat nochmals im Kosovo vollzog, mich nur auf den einfachen Nenner reduzieren würde: Serben sind Verbrecher, wo würde das hinführen???

    Es ist und bleibt eine unumstößliche Tatsache, dass Krieg die niedrigsten Energien nach vorne katapultiert und daraus Elend, Not und Verzweiflung auslöst…..

    Und nun sind wir doch wieder bei Bischöfin Käßmann angekommen: Jeder Krieg ist verwerflich und auch die unterlassene Prüfung einer anderen Regulierung!!!

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