Auf der Straße

Caroline Stollmeier am 12. März 2010

„Bevor meine Frau gestorben ist, war es ein schönes Leben. Ich habe gearbeitet, hatte ein Haus und sechs Kinder.“, beginnt Axel Markowsky, als er im Moralblog-Interview über seine Zeit auf der Straße spricht.

Wie viele Menschen in Deutschland ohne festen Wohnsitz leben ist unklar, darüber gibt es keine verlässlichen Statistiken. Lediglich das Land Nordrhein-Westfalen veröffentlicht die Zahl der gemeldeten Obdachlosen. 2006 waren das beispielsweise in Duisburg sechsundneunzig. Aber vermutlich ist die wahre Zahl größer.

Axel dürfte in dieser Statistik zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr aufgetaucht sein. Denn das war das Jahr, als es in seinem Leben langsam wieder bergauf ging. Inzwischen lebt er in einem kleinen Apartment von Hartz IV und den Verkaufserlösen des Straßenmagazins fiftyfifty.

„Das mit meiner Frau war eine richtige Sandkastenliebe. Wir waren seit unserem zweiten Lebensjahr zusammen.“, erzählt Axel, „Wir haben uns zwar scheiden lassen als die Kinder groß waren, aber bald gemerkt, dass das nichts für uns war. Wir wollten wieder zusammen kommen. Aber dann ist meine Frau krank geworden und vier Wochen später gestorben.“

„Sie war eine tolle Frau. Und obwohl wir sechs Kinder hatten, war sie immer schlank. Aber als ich sie dann auf dem Sterbebett gesehen habe, bin ich zusammengebrochen. Ich habe das Haus verkauft und das Geld unter den Kindern aufgeteilt. Von da an habe ich auf der Straße gelebt.“, blickt Axel zurück. „Ich wollte gar nicht mehr leben. Mir war zu der Zeit alles egal.“ 

 

Axel bei der Arbeit - er verkauft Straßenmagazine in Duisburg (Foto: Caroline Stollmeier)

Axel bei der Arbeit:
Er verkauft Straßenmagazine in Duisburg-Neudorf
(Foto: Caroline Stollmeier)

 

Warum Menschen obdachlos werden, lässt sich nicht pauschal sagen. Axel berichtet von Professoren und Geschäftsführern, die von Schicksalsschlägen so aus der Bahn geworfen wurden, dass sie obdachlos wurden. Er kennt aber auch Menschen, die freiwillig gerne so leben möchten.

Axel kann auf 35 Jahre Berufsleben zurück blicken: „Ich habe eine Lehre als KFZ-Mechaniker gemacht. Danach habe ich Lokführer gelernt und zwei Jahre gearbeitet. Dann wurden Lokführer entlassen, weil alles mit Funk gemacht wurde. Dann habe ich als Dachdecker gearbeitet, fast 15 Jahre lang. Dann habe ich Auslieferungsfahrer gemacht. Zum Schluss habe ich als Schlosser gearbeitet. Da war ich auf Montage und habe das meiste Geld verdient. Das war ein schöner Job. Ich könnte mir heute in den Hintern beißen, dass ich den aufgegeben habe.“

Wenn möglich bis zur Rente möchte Axel nun weiter die Obdachlosenzeitung verkaufen. Manchmal wird er gefragt, warum er nicht wieder richtig arbeitet. „Ich bin bald 55 Jahre alt. Ich kriege keine Arbeit. Wenn ich mein Alter sage, dann kann ich gleich wieder nach Hause gehen.“, ist die Erfahrung, die Axel machen musste.

„Ich habe heute noch die Bilder von meiner Frau auf dem Sterbebett im Kopf. Ich kriege die auch nicht raus. Ich habe getrunken. Das hat nichts genutzt. Da habe ich wieder aufgehört. Ich habe sogar Drogen genommen. Die haben einen aber auch nur matschig gemacht. Da habe ich auch mit aufgehört.“, so Axel, „Zum Glück habe ich noch mal die Kurve gekriegt.“

Wenn Axel lacht, dann blickt er zur Seite oder kneift die Lippen zusammen. Axel erklärt: „Ich bin mehrmals überfallen worden und habe keine Zähne. Wenn ich das Geld dafür zusammen habe, dann gehe ich zum Zahnarzt. Ich hoffe, dass ich im Sommer wieder richtig mit den Menschen reden kann.“

Regelmäßig werden Obdachlose Opfer sinnloser Gewalt. Jugendliche schleichen sich an die schlafenden Menschen an und verprügeln sie. „Einem Kollegen haben sie den Schlafsack angezündet, als er drin gelegen hat.“, sagt Axel.

In Deutschland muss niemand obdachlos sein. Aber Axel bestätigt, dass man Hilfe auch annehmen muss. „In der Zeit, in der ich Drogen genommen und getrunken habe, habe ich mich abgeschottet. Aber dann bin ich durch einen Bekannten an die Zeitung gekommen. Und das war ein Glücksfall.“

„Durch die Zeitung habe ich meinen jetzigen Vermieter kennen gelernt. Er hat mich angesprochen, mir die Wohnung angeboten und alles für mich geregelt.“, erzählt Axel. „Erst durch die Zeitung habe ich wieder Kontakt zu anderen Menschen bekommen.“

 Axel hat inzwischen viele gute und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Jetzt möchte er selber anderen Menschen helfen. Im neuen fiftyfifty-Büro an der Koloniestraße kann er sich inzwischen nützlich machen, wenn eine neue Zeitungslieferung eingetroffen ist. Und er freut sich, wenn er kleine Arbeiten in Haus und Garten für Menschen übernehmen kann, die zu alt dafür geworden sind.

Inzwischen hat Axel auch wieder regelmäßig Kontakt zu seinen Kindern und Enkelkindern. „Und wenn ich mir etwas wünschen könnten, ganz ehrlich: Ich wünsche mir Weltfrieden. Ich wäre zufrieden, wenn jeder Hand in Hand mit anderen leben könnte – Mensch ist schließlich Mensch.“ Axel hat nicht aufgegeben: „Ich bin katholisch. Ich denke mir, Jesus ist immer bei mir. Mit ihm kann ich sprechen, er hilft mir immer. Dafür muss man nicht in die Kirche gehen. Die Kirche ist nur ein Haus. Jesus und Gott, die sind hier…“, sagt Axel und fasst sich an die Brust.

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5 Kommentare zu “Auf der Straße”

  1. Kerstinam 12. März 2010 um 13:38

    Wow…viel mehr kann man dazu nicht sagen!
    Und man selbst scheint manchmal über die kleinsten Probleme zu straucheln.
    Wenn ich sowas lese, dann schäm ich mich immer ein bisschen!
    Sehr schön geschrieben Caro und eindrucksvoll geschildert!
    Danke!
    Kerstin

  2. Christine Speckam 12. März 2010 um 14:20

    Mir gehen die Gänsehaut-Schauer rauf und runter…. Ich werde es gleich auch bei Facebook “Teilen”.
    Danke!

  3. Stefanie Baumam 22. November 2011 um 20:45

    Ich weis ja nicht was das alles soll ….aber teilweise ist alles erstunken und erlogen …sicher war sie eine wunderbare Frau und einfach Atemberaubent … aber sie hat gearbeitet und von einen schönen Leben war auch nicht die rede …wenn ich das lese was er alles gesagt hat wird mir teilweise echt schlecht und muss mich übergeben …die hälfte seiner kinder konnten ihn nicht ausstehen …er hat alles und die wunderbare frau ,die meine Mutter war mit zerstörrt und sie wollte nicht wieder mit ihm zusammen kommen und wann bitte hat er sie auf dem Sterbebett gesehen ..ich war da und dann meine Schwester … aber ihn haben wir nicht gesehen .

  4. Caroline Stollmeieram 8. Dezember 2011 um 11:39

    @ Stefanie Baum:

    Sehr geehrte Frau Baum,
    es tut mir leid, dass es in Ihrem Familienleben offenbar sehr große Enttäuschungen gab. Darüber kann und will ich natürlich nicht urteilen und auch keine weiteren Einzelheiten veröffentlichen. Ich möchte Ihnen aber auf Ihre erste, indirekte Frage antworten, nämlich warum ich den Artikel über Ihren Vater geschrieben habe. Es ist nicht zu übersehen, dass Ihr Vater nicht nur gute Zeiten erlebt hat. Trotzdem ist er freundlich, geschickt und fleißig. Das ist bereits vielen Menschen aufgefallen, die ihn tatkräftig dabei unterstützt haben, sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Deshalb ist der Artikel bei uns auch unter der Rubrik „Gute Menschen“ erschienen. Am Beispiel Ihres Vaters zeigt sich deutlich, dass unsere Gesellschaft tatsächlich noch zu Nächstenliebe und Verzeihen fähig ist. Möglicherweise trug Ihr Vater einen Teil der Verantwortung für seine zwischenzeitlich bedrückende Situation selbst. Und dennoch hat er Menschen gefunden, die ihm helfende Hände reichten. Und er selbst hatte das Vertrauen, danach zu greifen. Ich finde das bemerkenswert.

    Alles Gute für Sie und viele Grüße aus Duisburg!

  5. Stefanie Baumam 17. Januar 2012 um 19:06

    Sehr geehrte Frau Cornelia Stollmeier

    danke erstmal das sie mir geschrieben haben ,
    mag sein das ihm andere Menschen Helfen da sieht man echt das es noch gute Menschen gibt .
    Aber ich wette das wenn sie wüssten was er alles gemacht hat dann sehe es anderes aus .
    Für mich bleibt er und ist er ein Lügner und ein Mensch der andere Menschen Körperlich und Seelisch verletzt hat und diese Narbe noch nach Jahren bluten .
    Ich habe mir sogar überlegt ein Buch darüber zu schreiben wie wirklich alles war .
    Er gehört aus meiner und noch aus der sicht von anderen in den Knast ,aber das ist ansichts sachen von verschiedenen .Er kann sehr gut ein auf mitleid machen und redet davon was er alles durchmachen muss ,aber was er mir und meiner Schwester angetan hat darüber verliert er natürlich kein Wort .
    Aber belassen wir das ,er ist und bleibt für mich und meiner schwester einer der nicht Exestiert ,aber das was hier ist ,die lügen was er von sich gibt das geht nicht .Es gibt Menschen die sich änderen können und auch wollen aber er ,nein .Glauben sie mir ,er lügt .

    Alles gute aus Sachsen

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