Missbrauch: Das Ende der katholischen Kirche?

Harald Stollmeier am 4. April 2010

Ostersonntag 2010: Nicht nur für Katholiken ist die seit Wochen andauernde Debatte um Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen und durch katholische Geistliche eine schmerzliche Erfahrung. Aber Katholiken haben damit ein besonderes Problem – wegen eines doppelten Vertrauensbruchs: Erstens haben sich nicht Wölfe und nicht Räuber sondern ausgerechnet Hirten an den Lämmern vergriffen, und zweitens hat die Kirche als Ganzes diese Verbrechen mindestens nicht ausreichend bekämpft, möglicherweise aber sogar begünstigt. Ist das das Ende der Kirche, wie wir sie kennen?

In einer Hinsicht ja: Die heilige katholische und apostolische Kirche muss sich der Erkenntnis stellen, dass sie in einer Weise versagt hat, die für Organisationen typisch ist: Sie hat in zahlreichen Einzelfällen und vielleicht sogar systematisch die Interessen der Organisation über die Interessen der „Kunden“ gestellt. Das wäre nicht weiter überraschend, wenn die Kirche eine Einrichtung von Menschenhand wäre. Aber das ist ja nicht ihr Selbstverständnis: Sie ist von Christus eingesetzt, „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (Mt 16, 18).“

Das heißt: Sie hat einen höheren, strengeren Anspruch an sich selbst als jede andere Organisation, und diesem Anspruch ist sie in der Frage des Missbrauchs Schutzbefohlener bislang nicht gerecht geworden.

Natürlich gibt es nichts zu beschönigen: Es ist entsetzlich, wenn ausgerechnet ein Priester Kinder missbraucht, die ihm anvertraut sind. Aber wer mit der Unvollkommenheit der Menschen oder auch mit dem Begriff der Erbsünde vertraut ist, den konnte nicht überraschen, dass sogar so etwas möglich ist. Überraschen darf ihn, dass die Kirche selbst es offenbar nicht in hinreichendem Umfang für möglich gehalten hat.

Immerhin: Sie weiß es jetzt. Und sie selbst hat die aktuelle deutsche Debatte über Missbrauch von Priesterhand angestoßen – es war ein Geistlicher, Pater Klaus Mertes SJ, der wegen der Ereignisse an dem von ihm geleiteten Berliner Canisius-Kolleg an die Öffentlichkeit ging.

Und selbst die wüstesten Kirchenfeinde konnten den Katalog der von ihm angesprochenen Defizite nicht nennenswert erweitern (aus dem Brief des Rektors an die ehemaligen Schüler vom 20. Januar 2010):
Neben der Scham und der Erschütterung über das Ausmaß des Missbrauchs in jedem einzelnen Fall und in der – bisher sichtbaren – Anhäufung müssen wir uns seitens des Kollegs die Aufgabe stellen, wie wir es verhindern können, heute durch Wegschauen wieder mitschuldig zu werden. Wegschauen geschieht ja oft schon in dem Moment, wo man sich entscheidet, nicht wissen zu wollen, obwohl man spürt, dass man eigentlich genauer hinschauen sollte. Das ist eine Herausforderung für die persönliche Zivilcourage jedes
Einzelnen wie auch für die Überprüfung der Strukturen. Denn es drängt sich zugleich auch die Frage auf, welche Strukturen an Schulen, in der verbandlichen Jugendarbeit und auch in der katholischen Kirche es begünstigen, dass Missbräuche geschehen und de facto auch gedeckt werden können. Hier stoßen wir auf Probleme wie fehlende Beschwerdestrukturen, mangelnden Vertrauensschutz, übergriffige Pädagogik, übergriffige Seelsorge, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Tabuisierungen und Obsessionen in der kirchlichen Sexualpädagogik, unangemessenen Umgang mit Macht, Abhängigkeitsbeziehungen.

Priester und Laien sind bis ins Mark erschüttert – selbst in den Osternachtfeiern war das zu spüren. Aber: Priester und Laien sind auch entschlossen, die Mängel abzustellen, die Pater Klaus Mertes in seinem Brief vom 20. Januar 2010 anspricht. Wenn diese Therapie erfolgreich ist, wird man auch künftig nicht ausschließen können, dass es zu Untaten durch Geistliche kommt. Aber man wird weitgehend ausschließen können, dass die Täter, aus welchen Gründen auch immer, gedeckt werden.

Etwas anderes sollte sich nach Möglichkeit nicht ändern: Auch künftig werden Bischöfe mehr als nur vage Verdächtigungen verlangen, bevor sie einen Pfarrer suspendieren oder gar anzeigen. Kaum eine Straftat ist abscheulicher als Kindesmissbrauch. Entsprechend schnell und nachhaltig ist der Ruf eines Menschen ruiniert, wenn er unter Verdacht gerät. Und während sich alle Beteiligten einig sein sollten, dass die Kirche den Schutz der Opfer dem Schutz der Täter jederzeit überordnen muss, so sollte doch andererseits niemand bei dieser Gelegenheit den Rechtsstaat zur Disposition stellen.

Die gegenwärtige Situation ist eine gute Gelegenheit, einmal wieder Friedrich Spees Cautio Criminalis von 1631 zu lesen. Friedrich Spee von Langenfeld, vielleicht nicht zufällig wie Klaus Mertes Jesuit, übte damals scharfe Kritik an der verbreiteten Praxis, Hexereiverdächtigen wegen der besonderen Schwere des Delikts die üblichen Angeklagtenrechte zu verweigern, weswegen in der Regel schon eine anonyme Anzeige nicht nur beinahe automatisch einen Prozess sondern auch eine Verurteilung zur Folge hatte.

Die Analyse Friedrich Spees trug seinerzeit maßgeblich zum Abflauen der Hexenjagden bei. Der Grund hierfür dürfte weniger in abnehmendem Hexenaberglauben liegen – diese Frage lässt Spee völlig offen – als vielmehr in der Plausibilität seiner Warnung vor den Folgen der Abschaffung des Rechtsstaats: Niemand könne dann mehr sicher sein, dass er nicht der Nächste werde, denn niemand könne unter einem solchen Verdacht seine Unschuld beweisen.

Diese Warnung könnte auch den heutigen Kirchenkritikern in Politik und Medien gelten, die nicht nur mit gar nichts zufrieden sind, was Papst und Kirche jetzt unternehmen, sondern auch bereit sind, jeden Missbrauchs- oder Misshandlungsvorwurf zu veröffentlichen, wenn er sich nur gegen einen Geistlichen richtet. Sie alle sollten sich fragen, ob es wirklich im Interesse unserer Gesellschaft sein kann, die Kirche mit maßlosen Forderungen und maßloser Strenge zu einer Randgruppe zu machen. Und das gilt sogar dann, wenn die Kirche nur eine Organisation von Menschenhand ist.

Denn natürlich kann man, wenn man keinem Priester mehr traut, völlig sicher sein, dass man keinem zu Unrecht getraut hat. Aber selbst wenn die katholische Kirche eine Organisation von Menschenhand ist, müsste man doch all das Gute, was sie tut, auf andere Weise erst einmal zuwege bringen.

Wenn sie aber mehr ist – und Ostern ist ein guter Zeitpunkt sich zu fragen ob man das glaubt –, wenn sie nämlich im Auftrag des auferstandenen Christus Völker lehrt und Menschen fischt, dann ist sie trotz all ihrer Mängel wert, dass man ihr beisteht bei der Bewahrung eines Erbes, das der ganzen Menschheit zusteht. Meine persönliche Antwort auf diese Frage habe ich heute Nacht gegeben: Ich glaube.

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Glaube | Religion | 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Missbrauch: Das Ende der katholischen Kirche?”

  1. Josef Spindelböckam 28. April 2010 um 20:12

    Danke für dieses Glaubenszeugnis, gepaart mit gesundem Realismus! Auf dieser Basis ist Erneuerung möglich, so hoffen wir alle.

  2. Josef Jungam 28. Januar 2012 um 16:23

    Massgeblich beigetragen zum klerikalen Missbrauchspotenzial hat die kirchliche Sexualvermittlung. Bei den Missbrauchstatern handelt es sich fast ausschliesslich um paedophile mit homosexueller Veranlagung, die, wenn sie dies erkannten, keinen Raum hatten darueber zu sprechen, da das Damoklesschwert der Todsuende, selbst wenn dareber nur nachgedacht wurde, ueber ihnen hing. Sexualaufklaerung, Sexualerziehung und Psychologie sollten daher unerlaessliche Bestandteile der Priesterausbildung sein. Wir brauchen weder verklemmte, noch gehemmte oder anderweitg zukurzgekommene, sondern ernsthafte Zeugen und Verkuender. Die Auswahl muss daher auch haerter werden

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel