Regelrecht hingerichtet?

Harald Stollmeier am 25. August 2010

Haben Sie es auch gelesen? In einem westfälischen Dorf wurden zwei Männer erschossen aufgefunden. In der NRZ von heute heißt es unter Berufung auf die Nachrichtenagentur ddp zu den näheren Umständen wörtlich, dass die beiden „mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet worden sind.“ DER WESTEN schreibt: „Offenbar hat es in dem Dorf mit 2341 Einwohnern eine Hinrichtung gegeben.“

Ich kann mich an diese Wortwahl einfach nicht gewöhnen. Natürlich verstehe ich, was die Verfasser mit dem Ausdruck „hingerichtet“ sagen wollen: dass nämlich die Opfer völlig wehrlos gewesen seien.

Aber eine Hinrichtung ist ein klar definierter Vorgang: Ein Mensch wird von Staats wegen für ein schweres Verbrechen mit dem Tod bestraft. Das bedeutet unter anderem, dass in einem vorausgegangenen Strafprozess die Schuld des Angeklagten geprüft wurde. Zwar muss man einräumen, dass in vielen Ländern, in denen die Todesstrafe gilt, Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Strafprozesse angebracht sind, und darüber hinaus sind die meisten Journalisten, die in Mitteleuropa über Verbrechen berichten, mit Recht Gegner der Todesstrafe.

Aber erstens ist der Vollzug einer Todesstrafe immer noch etwas völlig anderes als zum Beispiel die Enthauptung einer Geisel im Irak, und zweitens würden wir den Vollzug einer Todesstrafe, an deren rechtsstaatlichem Zustandekommen begründete Zweifel bestehen, gerade nicht als Hinrichtung bezeichnen. Sondern als Justizmord.

Dabei haben die Redaktionen, die von einer Hinrichtung schreiben, anscheinend wenigstens den technischen Ablauf des Geschehens zutreffend erfasst. Die Frankfurter Neue Presse weiß demgegenüber, merkwürdigerweise ebenfalls unter Berufung auf ddp, von „einer Schießerei auf offener Straße.“ Setzt der Ausdruck „Schießerei“ nicht voraus, dass beide Seiten bewaffnet sind?

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