Monatsarchiv für September 2010

Start With Why: Simon Sineks Rezept für nachhaltigen Erfolg

Harald Stollmeier am 19. September 2010

Ein Topmanager sagte einmal zu mir: „Unsere Mitarbeiter wollen in erster Linie einen sicheren Job. Alles Andere ist ihnen egal.“ Ein anderer Topmanager benannte vor anderthalb Jahrzehnten einmal öffentlich die drei Ziele unternehmerischen Handelns: „Profit, Profit, Profit.“ Ist das wirklich alles? Kommt wirklich erst das Fressen, und dann immer noch keine Moral? 

Was bringt Sie dazu, morgens zur Arbeit zu gehen? Nur das Geld? Hauptsächlich das Geld? Was macht Menschen treu, Mitarbeiter loyal, Kunden zu Fans? Qualität, niedrige Preise, attraktive Extras, aufwendige Werbung?

Nein, sagt Simon Sinek, Werber und Unternehmensberater in New York, all das ist zwar mehr oder weniger nützlich, langfristig aber bedeutungslos, weil all das auch der Wettbewerb kann. Entscheidend, sagt Sinek, ist allein, dass man von Anfang an weiß und sagt, wozu man da ist, und sich darin treu bleibt. Dann kann man Menschen inspirieren: Mitstreiter, Angestellte, Kunden.

In seinem Buch Start With Why stellt er sein auf nicht einmal ganz neuen neurologischen Erkenntnissen aufgebautes Modell menschlichen Handelns vor: den Goldenen Kreis. Genaugenommen sind es drei konzentrische Ringe. Ganz innen steht das Warum/Wozu, das unser Wesen ausmacht. Im nächsten Ring folgt das Wie: Wie setzen wir unser Wesen in die Tat um, was sind unsere Methoden? Ganz außen schließlich steht das Was: Was tun wir, was stellen wir her, was bieten wir den Menschen an? Der Warum-Kreis und der Wie-Kreis entsprechen den archaischeren Teilen des menschlichen Gehirns, dem Stamm- und dem Zwischenhirn. Das Was spielt sich auf der Ebene des Groß- bzw. Stirnhirns ab. 

Sineks Paradebeispiel für ein Unternehmen, das mit dem Warum beginnt, ist Apple: Von Anfang an verstand sich Apple als Vorkämpfer des Individuums gegen das Establishment. Das ist Apples Warum. Apples Wie besteht darin, auf jedem denkbaren Gebiet den Status quo in Frage zu stellen, herkömmliche Sichtweisen zu überprüfen, anerkannte Fakten aus neuen Perspektiven zu betrachten. Apples Was waren ursprünglich Computer. Inzwischen hat das Unternehmen erfolgreich auch in anderen Branchen das Establishment das Fürchten gelehrt.

Die entscheidende Kommunikation mit den Kunden findet dabei auf der Warum-Ebene statt. Diese kaufen die Produkte nicht aus den meist vorgetragenen analytischen Gründen wie Qualität, Extras und Preis, sondern weil der Hersteller sich in Wort und Tat zum selben Glauben bekennt wie sie. Dann, und nur dann drückt der Kunde durch Kauf und Besitz des Produkts sein eigenes Wesen aus. Oder durch Teilnahme an Veranstaltungen, Unterstützung von Kampagnen, persönliche Freundschaft. Deshalb sind Unternehmen (nicht nur kommerzielle) mit einem klaren Warum profitabler als Unternehmen ohne eines.

Diesen Weg kann jeder gehen: Jedes Unternehmen, jeder Politiker, jedes Individuum. Es ist wahr, dass viele das schon tun: Sie bilden die starken Marken, sie sind die Menschen mit Charisma. Aber selten zuvor hat jemand so griffig erklärt, wie das funktioniert. Entschuldigung: Warum das funktioniert.

Start With Why: How Great Leaders Inspire Everyone To Take Action ist am 29. Oktober 2009 bei Portfolio in englischer Sprache erschienen und kostet bei Amazon neu 18,60 Euro. Eine Taschenbuchausgabe ist für 2011 in Vorbereitung; ein Termin für eine deutsche Übersetzung steht noch nicht fest.

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Anders geht es auch

Caroline Stollmeier am 1. September 2010

 

In Amazonien, im Bundestaat Pará im Norden Brasiliens, liegt die kleine Gemeinde Alenquer. Dort traf Moralblog Pater Manuel Lopes Rodrigues (SVD), um mit ihm über eines der größten gesellschaftlichen Probleme der Region zu sprechen: ungewollte Schwangerschaften.

Etwa die Hälfte der Menschen in Pater Manuels Gemeinde leben nicht in der Stadt, sondern teilweise mehrere Tagesreisen über die Flüsse von ihr entfernt. Insbesondere diese Menschen sind es, von denen er spricht.

 

Pater Manuel (SVD)

Pater Manuel (SVD), Foto: Caroline Stollmeier

„Dass Mädchen früh schwanger werden ist natürlich und erstmal kein Problem. Das Problem entsteht, weil fast niemand heiratet, sondern die Partnerschaften oft wechseln. Daraus resultieren viele Schwierigkeiten. Beispielsweise wollen Söhne sich von ihren Stiefvätern nichts sagen lassen. Oder die Männer schlafen mit ihren Stieftöchtern. Es wird offen damit umgegangen, dass es keine leibliche Beziehung zwischen Vätern und Kindern gibt. Obwohl fast alle getauft sind, glauben die Menschen, dass heiraten Unglück bringt.“, berichtet Pater Manuel.

Auf die Frage nach Verhütungsmitteln bricht Pater Manuel spontan in Lachen aus: „Machen Sie Witze?! Selbst die Kirche verteilt hier bei uns Kondome, aber niemand benutzt sie.“

Trotzdem sind Schwangerschaftsabbrüche in Alenquer kein Thema. „Es gibt keine Abtreibungen.“, sagt Pater Manuel, „Nur reiche Leute könnten ihre Mädchen nach Manaus schicken.“ Aber davon gibt es nicht viele. „Die Großmütter nehmen die Kinder auf und ziehen sie groß – so gut es eben geht.“, so Pater Manuel. 

Pater Manuel arbeitet in einem von Missionsschwestern geführten Hospital, in dem es ein Haus für werdende Mütter gibt. Dort können Schwangere die letzten Wochen vor der Geburt ihres Kindes verbringen, alle Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen und den verantwortungsbewussten Umgang mit einem Neugeborenen erlernen, bevor sie die Stadt wieder verlassen. Kostenlos.

 

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

 Das Mütterhaus in Alenquer, Foto: Caroline Stollmeier

(Das Gespräch mit Pater Manuel führte Caroline Stollmeier am 8. Juni 2010.)

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