Bistum Essen: Integration durch Einladung

Harald Stollmeier am 16. Dezember 2010

Gehört der Islam zu Deutschland? Das darf diskutiert werden, je nachdem, was dabei mit dem Islam gemeint ist. Die vier Millionen Muslime aber, die in Deutschland leben – sie gehören auf jeden Fall dazu. Und immer mehr Deutsche mit mehr oder weniger christlicher Prägung erleben sie als Nachbarn. Ob Integration gelingt oder nicht, das geht auf Dauer alle an.

„Integration funktioniert nicht nur durch Forderungen an die Einwanderer“, sagt Volker Meißner, Referent des Bistums Essen für Migration, Integration und interreligiösen Dialog, „sondern auch durch aktive Leistungen unserer Gesellschaft. Wir in der Kirche nehmen diese Aufgabe ernst – und sie begegnet uns ständig im eigenen Haus, zum Beispiel wenn muslimische Kinder katholische Kindergärten besuchen oder muslimische Patienten in katholischen Krankenhäusern behandelt, in Einrichtungen der Caritas beraten werden.“

Das Bistum Essen schult deshalb regelmäßig Beschäftigte im Umgang mit Menschen anderer Religion. Die Regeln sind dabei einheitlich, unabhängig von der Religion des Betreffenden, wobei es in der Praxis fast ausschließlich um Muslime geht. Grundlage des Vorgehens ist ein Konzilsdokument.

In seiner Erklärung Nostra Aetate hat das Zweite Vatikanische Konzil das Wahre und Gute in den anderen Religionen als Grundlage für brüderliche Zusammenarbeit anerkannt und ausdrücklich jede Diskriminierung auch aus religiösen Gründen verworfen. Von den Muslimen beispielsweise spricht das Dokument „mit Hochachtung.“

Heißt das nun, dass alle Religionen gleichwertig sind und folglich, dass es auf die Unterschiede nicht mehr ankommt? „Keineswegs“, sagt Volker Meißner, „Voraussetzung für den interreligiösen Dialog ist die Treue zum eigenen Glauben. Für Christen heißt dies, dass sich Gott auf unüberbietbare Weise in Jesus Christus offenbart hat und dass wir ihn als Erlöser bekennen und verkünden. Aber jede Verkündigung, jede Mission hat die Glaubensfreiheit des einzelnen Menschen zu achten. Und sie hat zu berücksichtigen, dass Juden und Muslime aus kirchlicher Sicht mit uns den einen Gott anbeten, wie es ebenfalls das Konzil formuliert.“  Es gibt also beides: Grundlegende Gemeinsamkeiten im Glauben an den einen Gott und unüberbrückbare Unterschiede im Gottesbild. Was das für Konsequenzen hat, zeigt das Modell des Friedensgebets von Assisi, wie es Papst Johannes Paul II. entwickelt hat: Die verschiedenen Glaubensgemeinschaften beten dort in einem gemeinsamen Raum aber sie sprechen die Gebete nicht gemeinsam, sondern jeder betet nacheinander mit Formulierungen aus seiner Tradition.

„Wenn wir zum Beispiel zu einen Friedensgebet der Religionen einladen“, erläutert Meißner, „dann beten wir nicht alle miteinander erst ein Vaterunser, dann das Schma’ Israel und dann die Fatiha. Sondern wir hören gemeinsam zuerst eine christliche Lesung, und die Christen sprechen ein christliches Gebet, dann folgt eine jüdische Lesung, und die Juden sprechen ein jüdisches Gebet, und schließlich eine muslimische Lesung, nach der die Muslime ein muslimisches Gebet sprechen. Das schließt ein, dass der katholische Geistliche bei einer solchen Gelegenheit nicht etwa harmonieversessen auf Lesungen verzichtet, in denen spezifisch Christliches zum Ausdruck kommt, und natürlich auch nicht etwa beim Gebet die trinitarische Formel weglässt.“

Ist ein solcher Umgang mit anderen Religionen nicht trotzdem zu defensiv? Müsste man nicht stärker missionieren? “Den christlichen Glauben  bezeugen wir ja gerade in der Begegnung, im Dialog mit Gläubigen anderer Religionen”, sagt Volker Meißner, der im übrigen auf eine Stelle im ersten Petrusbrief verweist, wo es heißt: “Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt” (1 Petr 3,15). Die den Christen aufgetragene missionarische Haltung bedeutet seiner Meinung nach  weder feindselig noch aufdringlich zu sein. Wenn sich Muslime für den christlichen Glauben interessieren, dann  stehen vor einer Taufe sicher zahlreiche persönliche Gespräche und eine gründliche Einführung in das Christentum. Solche Gespräche mit einem Muslimen schließen selbstverständlich den Hinweis ein, dass er beim Empfang der Taufe zwar nicht mit Lebensgefahr, eventuell aber mit Ablehnung im Familien- und Freundeskreis rechnen muss.

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