Monatsarchiv für März 2011

Zwischen Schwarz und Weiß

Harald Stollmeier am 27. März 2011

KOMMENTAR

zum Bericht Mehr als eine Minderheit

Was macht ein Wertkonservativer mit liberalen Tendenzen bei einer Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag im Sultan Hochzeitssaal? Am besten Zuhören. Und dann Aufatmen und erkennen: Zwischen multikultureller Blauäugigkeit und der Furcht vor der Machtergreifung entweder einer islamistischen Diktatur oder der Fünften Kolonne Erdogans gibt es noch eine dritte Option: die Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit ist so unvollkommen wie die Lautsprecheranlage im alten Hamborner Bahnhof. Aber wer genauer hinsieht bemerkt:

  • Es gibt immer mehr Erfolgsgeschichten.
  • Beim Internationalen Frauentag war Deutsch Verhandlungssprache: Deutsch haben alle Migranten gemeinsam. Und je mehr sie erkennen, wie viele von ihnen keine Türken sind, desto mehr kommt es auf diese Gemeinsamkeit an.
  • Zwar bringen die Migranten schwerwiegende Integrationshindernisse mit. Aber die Migranten selbst setzen sie auf die Tagesordnung.
  • Äußerlichkeiten können täuschen: Im Sultan Hochzeitssaal lauschten Frauen mittleren Alters mit langen Gewändern und Kopftuch öffentlicher Kritik an Zwangsehen und Mädchenbeschneidung.

Sicher: Auch 2012 wird mir die Duisburger Gleichstellungsbeauftragte nicht einleuchtend erklären können, inwiefern der sofortige Ausstieg aus der Kernenergie die Frauenbefreiung oder die Integration fördert. Aber das dürfte ich mit den meisten der Zuhörer mit Migrationshintergrund gemeinsam haben. Ich gehe 2012 wieder hin.

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Mehr als eine Minderheit

Harald Stollmeier am 27. März 2011

Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag in Duisburg

„Einhundert Jahre nach dem ersten Internationalen Frauentag 1911 gibt es immer noch viel zu tun“, rief Fatma Hatice Güler, Sprecherin der Initiative 100 Jahre Internationaler Frauentag, „noch immer müssen Frauen in Deutschland mit schlechterem Lohn für gleiche Arbeit und mit schlechteren Aufstiegschancen rechnen. Und weltweit sieht es noch viel schlimmer aus: Gewalt, Beschneidung und Zwangsehen prägen ein bedrückendes Bild.“

Unter dem Motto „Gleichheit und Gerechtigkeit“ fanden sich am 26. März 2010 im Sultan Hochzeitssaal im alten Bahnhof in Duisburg-Hamborn etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter mindestens 30 Kinder, zu einem bunten Fest der Kulturen mit politischem Kern zusammen.

Schirmherrin Doris Freer, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Duisburg, rief zu solidarischem Engagement für eine bessere Zukunft auf: „Es hat bedeutende Fortschritte gegeben seit 1911, aber sie mussten alle von den Frauen erkämpft werden, und das ist zum Teil noch gar nicht lange her – noch bis 1977 konnten Männer die Arbeitsverträge ihrer Frauen kündigen.“

Auf dem Podium rief FDP-Ratsfrau Betül Cerrah Frauen mit Migrationshintergrund zu mehr politischer Partizipation auf und bedauerte die Orientierung vieler junger Menschen mit türkischem Hintergrund an der Politik in der Türkei. Sladana Lucic, Koordinatorin des NRW-Mentorenprojekts für junge Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, zog eine detaillierte Bilanz der Arbeits- und Ausbildungssituation. Ihre Botschaft: Einerseits nähert sich die Lage der Migrantinnen der Lage der Deutschen an, andererseits ist noch viel zu tun; unter anderem bedeutet eine spürbar geringere Ausbildungsquote ein entsprechend höheres Arbeitslosigkeitsrisiko.

Dr. med. MBoyo Likafu vom Vorstand des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschland machte auf die oft übersehene aber beträchtliche Minderheit afrikanischer und arabischer Frauen aufmerksam Immerhin 200 000 der insgesamt etwa 500 000 Migranten aus Afrika in Deutschland sind Frauen. Die Situation dieser Afrikanerinnen ist nach dem Bericht von Dr. Likafu doppelt schwierig, weil sie nicht nur aus den üblichen Gründen sondern zusätzlich wegen äußerer Merkmale und wegen ihrer Namen Diskriminierung erfahren. Die Vielfalt der Sprachen und der Migrationsmotive von Flucht bis Studium erschwert dabei die notwendige Solidarisierung. Aber, so Dr. Likafu. „Wir gehören dazu! Wir sind aktiv und engagiert!“

Ein sehr offenes Wort richtete Hiltrud Limpinsel vom Verein „Frauen helfen Frauen“ an die Teilnehmerinnen des Frauentages: „Jede Frau hier im Saal hat schon einmal Gewalt erlebt – Duisburg ist mit zwei meist vollbesetzten Frauenhäusern und über 1 000 Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt im Jahr massiv betroffen. Wenn Sie sehen, dass einer Nachbarin, Freundin oder Verwandten Gewalt widerfährt, dann sehen Sie nicht weg.“

Trotz dieses politischen Kerns war die von Yasemin Yadigaroglu vom Hauptsponsor ESTA  Bildungswerk moderierte Veranstaltung zum 100. Internationalen Frauentag im Sultan Hochzeitssaal im Stil keine politische Kundgebung: Tänze und Musik vom koreanischen Fächertanz bis zum Flamenco, machten einen großen Teil des Programms aus, ein vielfältiger Markt der Möglichkeiten mit Ständen u. a. des Migrantenunternehmervereins MUT, des Mädchenzentrums Mabilda, des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins, der Diakonie, der Dersim Gemeinde Rhein-Ruhr und der Stadt Duisburg bot Informationen und Kontakte, und bei gutem Essen plaudernde Eltern und spielende Kinder sorgten für die Atmosphäre eines Familienfestes. Es war in Duisburg das erste Fest seiner Art, der Stimmung nach zu urteilen aber lange nicht das letzte.

Internationaler Frauentag: Koreanischer Fächertanz

Internationaler Frauentag: Koreanischer Fächertanz

Internationaler Frauentag: Fatma Hatice Güler

Internationaler Frauentag: Fatma Hatice Güler

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Mehr Kröten für den Klapperstorch

Caroline Stollmeier am 22. März 2011

In NRW protestieren die Hebammen. Sie wollen mehr Geld. Das kann man achselzuckend abtun mit einem: „Wer will das nicht?!“ Oder ist die Situation der Hebammen doch etwas Besonderes?

Bereits im letzten Jahr gab es bundesweit zahlreiche Protestaktionen der Hebammen. Hintergrund war vor allem der stark angestiegene Beitrag zur Haftpflichtversicherung für diejenigen unter ihnen, die tatsächlich noch unmittelbar an Entbindungen beteiligt sind. Hebammen, die ausschließlich Vor- und Nachsorge anbieten, waren nicht betroffen, haben sich aber solidarisch gezeigt.

„Ich zahle im Jahr jetzt fast 3.700 Euro für meine Haftpflichtversicherung; das ist doppelt so viel wie vor der Erhöhung“, beklagt eine Beleghebamme aus Duisburg. „Unterm Strich bleibt mir ein Stundenlohn von etwa 7 Euro“, rechnet sie vor.

Florian Lanz, Pressesprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, ist verwundert über den Zeitpunkt der neuen Proteste. „Im letzten Jahr ist die Vergütung für Hebammen zwei Mal erhöht worden; die zweite Erhöhnung wurde von den Hebammenverbänden aufgrund der gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung ausgehandelt. Die aktuelle Vergütungsvereinbarung gilt noch bis Jahresende. Außerdem prüft das Gesundheitsministerium gerade, ob die Vergütung für Hebammen ganz allgemein unzureichend ist. Das Gutachten soll im Sommer fertig sein.“, sagt er gegenüber Moralblog.

Die Beträge und Pauschalen, die sie mit den Krankenkassen abrechnen können seien immer noch viel zu niedrig, beklagen hingegen unter anderem die heute in der Essener Innenstadt streikenden Hebammen. „Wenn noch mehr von uns ihren Beruf aus finanziellen Gründen aufgeben müssen, dann ist bald nicht mehr sichergestellt, dass die Frauen überall wählen können wo und wie sie ihre Kinder zur Welt bringen möchten“, erläutert eine von ihnen die möglichen Folgen.

„Es hat viel zu lange gedauert, bis sich etwas bewegt hat. Wir Hebammen sind einfach nicht so gut organisiert. Das liegt an unseren Arbeitszeiten. Aber vor allem haben wir kein Druckmittel“, sagt eine der Essener Streikenden. Sie betont: „Das hier ist auch kein richtiger Streik. Denn wenn wir einfach bis auf einen Notdienst alle unsere Arbeit niederlegen würden, dann träfe das genau die Falschen. Und das wollen wir nicht“

Und damit sind wir beim wahren Grund der Proteste angekommen: Hebammen tragen eine große Verantwortung gegenüber Frauen, Kindern und der Gesellschaft. Und sie wollen, dass sich diese Verantwortung auch in angemessener Bezahlung widerspiegelt.

„Es geht nicht nur um die Haftpflichtversicherung. Beispielsweise sind die Kosten für unsere Anfahrten auch immer ein Thema. Nicht zu vergessen die Zeit, die wir im Auto verplempern. Und wenn wir Fortbildungen machen, dann können wir die hohen Gebühren dafür zwar von der Steuer absetzen, aber es bleibt immer noch genug übrig. Und vor allem können wir in der Zeit nicht arbeiten, haben also außerdem einen Verdienstausfall“, erläutert die Duisburger Hebamme.

 „Jede Mutter, die von einer guten Hebamme betreut wurde, sieht diese Hilfe als sehr, sehr wertvoll an. In der turbulenten Phase, in der das eigene Leben von der Ankunft eines Kindes völlig auf den Kopf gestellt wird, ist die Hebamme manchmal der einzige ruhende Pol“, sagt die Mutter von zwei kleinen Kindern, die sich in Essen zu den Streikenden gesellt, „Rat und Tat meiner Hebammen während der Geburt und auch in den ersten Wochen danach waren für mich unbezahlbar. Ich fände es sehr schade, wenn andere Frauen diese Hilfe nicht mehr bekommen würden.“.  

Eine Alternative wäre, dass sich Frauen, die von einer Hebamme betreut werden, mehr als bisher an den Kosten beteiligen. Damit sind die Hebammen aber nicht einverstanden: „Wir ärgern uns selber, dass man überall immer mehr zuzahlen soll. Deshalb wollen wir da eigentlich nicht mitmachen.“ Und sie ergänzen: „Für viele Frauen wäre das auch nicht so einfach. Die könnten sich das nicht leisten.“

Für Hebammen ist der Beruf eher Berufung. Aber leben können müssen sie davon trotzdem. Möglich, dass das ausstehende Gutachten des Gesundheitsministeriums ihren Forderungen Nachdruck verleiht. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Deshalb bringen die Hebammen ihr Anliegen momentan erneut auf die Straße. Was eine Hebamme für Frauen und Neugeborene tut kann kein Anderer genauso gut. Eine Hebamme trägt wesentlich dazu bei, dass der Start ins Leben glückt. Dafür gebührt ihr Dank – und entsprechende Entlohnung.

 

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(Mit einer Postkartenaktion wirbt der Hebammenverband NRW um Unterstützung)

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Integration: Nicht alle Muslime sind gleich

Harald Stollmeier am 18. März 2011

„Die Deutschen sind keine Rassisten“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und in Wirklichkeit ist es für Einwanderer ganz einfach, mit ihnen in Frieden zu leben: Man muss sich unauffällig kleiden, man muss einigermaßen gut Deutsch sprechen, und man muss sich an ein paar einfache Regeln halten. Die wichtigste davon heißt: Nicht laut reden.“

Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wie viele Afrikaner ist er Muslim – und sieht darin keinen Widerspruch zu Menschenrechten, Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben. „Im Koran steht ausdrücklich“ sagt Dr. Kangoum, „wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit. Das finden Sie in der fünften Sure. Wer sich zur Rechtfertigung von Gewalt auf den Koran beruft, tut Unrecht.“

Für Islamisten hat Dr. Kangoum nicht viel übrig – schon allein wegen der schrecklichen Dinge, die sein Volk von der islamistischen Diktatur in Khartum erdulden muss –, und die beste aller Welten ist die islamische Welt von heute für ihn nicht. Als Vorsitzender des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschand engagiert er sich seit Jahren für eine bessere medizinische Versorgung von Afrikanern in Afrika und Europa. Dazu gehört die Bekämpfung der oft fälschlich mit dem Islam begründeten Genitalverstümmelung von Mädchen. Kritik an Missständen findet Dr. Kangoum berechtigt.

„Aber es beginnt mir auf die Nerven zu gehen“, sagt er, „dass ich als Muslim immer mehr unter Rechtfertigungsdruck stehe und dass immer mehr Menschen in Deutschland den Islam mit Barbarei gleichsetzen. Das ist trotz der vielen schlechten Nachrichten aus der islamischen Welt ein großes Unrecht. Muslime gehören zu einer Kultur, die der abendländischen lange überlegen war und schon vor über 1000 Jahren den Grundstein für die Naturwissenschaften von heute legte. Selbst unter gebildeten Europäern wissen nicht viele, was die Welt muslimischen Forschern wie al-Chwarizmi, Ibn Sina und Ibn Rushd verdankt. Und auch wenn das lange her ist, gehört es zu einem vollständigen Bild des Islam unbedingt dazu.“

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Als Abdelmoula Kangoum nach Deutschland kam, war er ein Exot – ein willkommener Exot. „Es ist oft vorgekommen“, erinnert er sich, „dass ich in der Gaststätte mein Abendessen bezahlen wollte und der Kellner zu mir sagte: Die Menschen an dem Tisch dort haben für Sie bezahlt.“ Noch heute fühlt er sich in Deutschland wohl, wird regelmäßig freundlich gegrüßt und angelächelt. Sorgen macht er sich um die Afrikaner, die unter oft abenteuerlichen Bedingungen nach Deutschland kommen und dann, zum Teil illegal, unter erbärmlichen Bedingungen leben.

„Diese Menschen haben es schon schwer genug“, sagt er, „auch ohne dass die Regierungschefin dieses Landes sich den Kampfbegriff Multikulti zu eigen macht. Mit der Aussage „Multikulti ist gescheitert“ ruft sie ja nicht zu mehr Differenzierung auf, sondern sie ermutigt Abgrenzung und Feindseligkeit. Dabei gewinnen auch die Deutschen nicht. Natürlich darf Deutschland von seinen Einwanderern Integrationsbereitschaft verlangen.

Aber die Einwanderer sind darauf angewiesen, dass man sie als Individuen ernst nimmt, anstatt ihnen mit Schubladendenken zu begegnen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist eine wichtige Eigenschaft, aber man darf Menschen nicht darauf reduzieren. Ein Freund von mir ist ein gutes Beispiel dafür, wie kontraproduktiv das sein kann: Als er nach Deutschland kam, trank er Whiskey, flirtete mit Frauen und war in religiösen Dingen tolerant. Aber man akzeptierte nicht, dass er so war, fragte ihn immer wieder, ob er nicht als Muslim anders sein müsse. Heute ist mein Freund ein strenggläubiger Muslim, der es mit den Geboten sehr genau nimmt.“

Moralblog veröffentlicht einen Aufsatz von Abdelmoula Kangoum über den muslimischen Beitrag zur modernen Wissenschaft.

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Hochkultur Islam

Harald Stollmeier am 18. März 2011

Eine Stellungnahme von Abdelmoula Kangoum

Dr. Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wenn man die täglichen Nachrichten schaut oder in Zeitungen liest, die über das niemals endende Elend und die Gewalt in der islamischen Welt berichten, ist es kein Wunder dass viele Menschen in Westen die Kultur dieser Länder als rückständig betrachten und ihre Religion im besten Fall als konservativ bezeichnen, diese jedoch häufig als gewaltbereit und extremistisch einordnen.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass die westlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Welt Dank schulden. Ich nenne ein paar Beispiele:

Im 8. Jahrhundert, als sich Europa noch im dunklen Mittelalter befand, erstreckte sich das islamische Reich der Abbassiden über ein Gebiet, welches den Mittleren Osten, Gross-Persien, Teile Afrikas und Spaniens umfasste. Dieses Reich war so mächtig und einflussreich, dass während seiner 700-jährigen Dauer arabisch – die Sprache des Korans – internationale Wissenschaftssprache war.

Der bekannteste Herrscher Bagdads  Abu Jaafar al-Mamun (786 –833) halb Araber, halb Perser, der von 813 bis zu seinem Tod im Jahr 833 regierte, war der Kalif, dem es beschieden war, zu dem größten Unterstutzer der Wissenschaften zu werden; er war auch derjenige eine Periode der  Forschung und Gelehrsamkeit ermöglichte, wie es sie seit dem antiken Griechenland nicht mehr gegeben hatte.

Unter al-Mamuns Schirmherrschaft und im damals vorherrschenden Geiste der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen, die er förderte, kamen viele Gelehrte aus allen Teilen des Reiches nach Bagdad. Er schickte Boten in den entferntesten Teil der Welt, um alte wissenschaftliche Texte zu sammeln .Von den Herrschern besiegter Länder verlangte er als Tribut lieber Bücher als Gold. Die so von ihm geschaffene Institution „Bayt al Hikma“, Haus der Weisheit, wurde als erste Akademie der Wissenschaft in der ganzen Welt bekannt.

In den Büchern, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigen, findet man nur die großen Leistungen der griechischen Antike und die ihr folgende europäische Renaissance mit Namen wie Kopernikus und Galileo im 16. Jahrhundert. Aber die Errungenschaften, die die  muslimischen Wissenschaftler und Philosophen zu ihrer Zeit erreicht haben, sind ebenso bedeutsam wie die der griechischen Antike und der Renaissance.

Der Gelehrte Ibn Sina ( Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker und Astronom), der in Europa als Avicenna bekannt ist, war der größte Arzt des Mittelalters. Sein Kanon der Medizin (Qanun al-Tibb) blieb bis zum 17.Jahrhundert das Standardwerk der Medizin in Europa.

Muhammed ibn Zakariya al-Razi (in Europa bekannt als Razes) führte im 10. Jahrhundert den Gebrauch von Chemikalien wie Kupfer-, Quecksilber- und Arsensalze sowie Kalk, Teer und Alkohol für medizinische Zwecke ein. Damit ist er der Vater der Chemotherapie.

Man hat uns beigebracht, dass der englische Arzt William Harvey im Jahr 1616 als erster die Blutzirkulation korrekt beschrieben hat. Er war jedoch nicht der erste, denn bereits im 13. Jahrhundert hat dies schon der muslimische Arzt Ibn al Nafees dargestellt.

Niemand bezweifelt das Genie eines Kopernikus, der das Zeitalter der modernen Astronomie eingeleitet hat, jedoch ist nicht allgemein bekannt, dass er auf dem aufbaute, was muslimische Astronomen schon einige Jahrhunderte vor ihm entdeckt hatten. Kopernikus entnahm viele seiner Berechnungen dem Werk des Ibn al-Shatir, der im 14. Jahrhundert in Andalusien lebte.

Abu Rayhan Al Biruni (bekannt in Europa als Alberonius) war ein hervorragender Philosoph, Mathematiker, Astronom, Linguist, Historiker, Geograph, Apotheker und Arzt, der in diesen Fachgebieten einen wirklichen Durchbruch erzielte.

Er war einer der ersten Vertreter einer experimentellen Untersuchungsmethode, und hat diese Methode in die Mechanik, Mineralogie, Psychologie, und Astronomie eingeführt. Daher ist er  auch als der Vater der Geologie und Anthropologie zu betrachten.

Newton ist der unbestrittene Vater der modernen Optik. Jedoch stand er auf den Schultern eines geistigen Riesen, der 700 Jahre früher lebte, dies war ohne Zweifel der muslimische Wissenschaftler Ali Hassan Ibn al-Haytham (geb. 965 n.Chr.),  bekannt im Westen als Alhazen, Alhacen, oder Alhazeni. Er war auch der erste Forscher, der nachprüfbare Experimente  einführte, um Hypothesen   überprüfen zu können. Er hat  dadurch die  „wissenschaftliche Methode“ bereits vor mehr als 200 Jahren vor europäischen Gelehrten – die später von ihm gelernt haben –  entwickelt. Ali Hassan Ibn al-Haytham- wird daher als der erste Physiker der Welt und als Vater der modernen wissenschaftlichen Methode betrachtet- lange vor Renaissancegelehrten wie Bacon und Descartes.

Ein anderes Genie war der Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi. Er wirkte in der Zeit von 800 bis 850 . Sein größtes Vermächtnis ist sein außergewöhnliches Buch: „Kitab Hisab al-Jabr w’al Muqäbala“ (Das Buch der Vollziehung). Bekanntermaßen wird ja  das Wort  „Algebra “ aus dem Titel dieses Buches abgeleitet. In diesem Buch beschreibt er als Erste die Regeln und Schritte, wie algebraische Gleichungen zu lösen sind. Algebra ist aus dem arabischen Wort „al-jabr“ abgeleitet. Das Wort Algorithmus leitet sich von der lateinischen Übersetzung  (Algoritmi) seines Namens ab.

Abu Nasr al-Farabi, der im Westen als Alpharabius bekannt ist, hatte ebenfalls  mehrere Jahrhunderte lang großen Einfluss auf die Wissenschaft und Philosophie. Im weltweiten Ansehen rangierte er direkt nach Aristoteles (Darauf wies auch sein Titel  „der Zweite Lehrer“ hin). Seine Arbeit zielte auf die Synthese zwischen Philosophie und Sufismus ab. Er setzte die Islamisierung der griechischen Philosophie fort und die auf ihn folgenden Fackelträger waren zwei Männer, die in Europa großes Ansehen erreichten und viele Renaissancedenker nachhaltig beeinflussten. Dies waren Ibn Sina (980-1037) und Ibn Rushd (1126-1198),  die in Europa den meisten Menschen unter ihren latinisierten Namen vertrauter sind: Avicenna und Averroës.

Abu Uthman al-Jahith, der afro-arabische Zoologe, entwickelte im 8. Jahrhundert eine rudimentäre Theorie der natürlichen Auslese – und zwar eintausend Jahre vor Darwin. In seinem Werk Kitab al-HayawanDas Buch der Tiere“ führt  Jahith seine Gedanken aus, wie Umweltfaktoren die Eigenschaften der Arten beinflussen können, wie der Zwang zu Anpassung  auf die Tierwelt wirkt,  und wie sie ihre veränderten Charakteristika an die auf sie folgenden Generationen ihrer Art weitergeben.

Die Musa-Brüder, drei schillernde Persönlichkeiten, waren ebenfalls mit dem bereits oben erwähnten Haus der Weisheit verbunden.

Mohammad, dem Ältesten, sagt man nach dass er der erste war, der annahm, dass Himmelskörper wie der Mond und die Planeten denselben Gesetzen der Physik unterworfen waren, die auch auf der Erde vorherrschten. Diese Erkenntnis markierte einen klaren  Bruch gegenüber dem bis dahin anerkannten Aristotelischen Bild des Weltalls. Mohammad Musas Buch über die Bewegung der Himmelskörper gibt seine Gedanken und Vorstellungen über diese Kräfte wieder, obwohl sie noch nicht so umfassend waren wie die späteren Gesetze Newtons. Die Brüder sind wahrscheinlich eher für ihre großartigen Erfindungen im Bereich der Technik bekannt. Ihr berühmtestes Werk war ihr Buch „von den Genialen Geräten“ (Kitab al-Hiyal), welches im Jahr 850 veröffentlicht wurde.

Das war eine große illustrierte Arbeit, die von mechanischen Geräten, Automaten, Rätsel und magische Tricks handelte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele war eine programmierte Maschine: ein automatisierter Flötenspieler.

Der Nordafrikaner Ibn Khaldun (1332-1406) ist der Begründer mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen: Bevölkerungsstatistik, Kultur- und  Sozialgeschichte, Historiographie, Philosophie der Geschichte und Soziologie. Er wird auch von vielen als Wegbereiter der modernen Volkswirtschaft betrachtet. Mit seinem berühmten Buch „Muqaddimah“ (Die Einführung) nahm er bereits viele Elemente der oben genannten Disziplinen vorweg – lange bevor sie in Europa begründet wurden.

Sicherlich hätte diese wissenschaftliche Revolution innerhalb der muslimischen Zivilisation nicht so stattgefunden, hätte es den Islam nicht gegeben. Trotz der Ausbreitung des Christentums während der vorangegangenen Jahrhunderte hat es in der christlichen Welt zu dem frühen Zeitpunkt keine ähnliche Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens gegeben. Der Charakter des Islam zwischen dem Anfang des 9. Jahrhunderts und dem Ende des 11. Jahrhunderts war geprägt von dem Geist des freien Denkens, der Toleranz und des Rationalismus. Das Goldene Zeitalter der Islamischen Wissenschaft verlangsamte  sich nach dem 11. Jahrhundert. Hierfür  war ursächlich die allmähliche Zersplitterung des Abbassidenreiches und das Desinteresse der nachfolgenden Kalifen an Wissenschaft und Forschung.

Warum ist es wichtig, dass wir uns heute diese geschichtlichen Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen?

In Zeiten zunehmender kultureller und religiöser Spannungen, Missverständnisse und Intoleranz sollten Deutschland und das restliche Europa einmal versuchen, die islamische Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Rufer nach „unserer jüdisch-christlichen Zivilisation“ übersehen, dass es eine gemeinsame menschliche Zivilisation gibt, zu der die islamische Welt einen wertvollen Beitrag geleistet hat und weiterhin leisten kann.

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Die PID-Entscheidung: Eine Chance für unsere Gesellschaft

Harald Stollmeier am 11. März 2011

OFFENER BRIEF AN ALLE BUNDESTAGSABGEORDNETEN

Sehr geehrte Frau Bundestagsabgeordnete, sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter,

die bevorstehende Entscheidung über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ist etwas Besonderes,

  • weil es keine klaren Fronten gibt;
  • weil es für Pro und für Contra humanitäre Argumente gibt
  • und weil ein Nein unserer Gesellschaft eine Chance geben kann, humaner zu werden.

Man kann gegen die PID sein,

  • obwohl man grundsätzlich für straffreie Abtreibung ist;
  • obwohl man gegen Spätabtreibungen ist;
  • obwohl man für In-Vitro-Fertilisation ist
  • und obwohl man allen Eltern gesunde Kinder wünscht.

Man sollte gegen die PID sein,

  • weil sie nicht der Heilung des untersuchten Patienten dient;
  • weil sie nur genetisch bedingte Behinderungen erkennt (und diese machen nur einen Teil der angeborenen Behinderungen aus)
  • und weil sie das Lebensrecht behinderter Menschen beeinträchtigt.

Einige Politiker sagen: Lieber PID als Spätabtreibungen! Das heißt: Wenn man ein ungeborenes Kind wegen einer angeborenen Behinderung töten will, dann soll man das so früh wie möglich tun – nur darum geht es. Aber in beiden Fällen wird das Kind getötet.

Natürlich sind Spätabtreibungen eine barbarische Praxis, und noch dazu widersinnig, weil gleich alte Kinder ohne Behinderung als Frühchen mit dem vollen Einsatz der modernen Medizin gerettet werden – und das mit Recht.

Aber wer die PID mit ihren Konsequenzen erlaubt, schafft dadurch die Spätabtreibungen ja nicht ab. Im Gegenteil: Er trägt zu ihrer Erleichterung bei, weil man ja Eltern, die erst spät in der Schwangerschaft mit einer Diagnose wie dem Down-Syndrom konfrontiert werden, nicht gut verweigern kann, was man Eltern mit künstlicher Befruchtung erlaubt: die möglichst frühzeitige Eliminierung eines behinderten Kindes, damit Platz für ein (jedenfalls erblich) gesundes geschaffen wird.

Bitte bedenken Sie: Jedes ungeborene Kind, auch vor der Implantation, ist ganz ohne Zweifel ein Mensch wie Sie und ich, nicht etwa ein Zellhaufen, wie immer wieder unbedacht oder auch bedacht geschrieben wird. Und selbst wenn man diesem ungeborenen Menschen erheblich weniger Rechte zumisst als allen geborenen: Können die Vorteile für die Gesellschaft oder auch für die Eltern den gewaltsamen Tod eines unschuldigen Menschen aufwiegen?

Ich habe Menschen mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen persönlich kennengelernt, und während einerseits ihre Behinderung unübersehbar war, galt das andererseits auch für ihre Lebensfreude. Die Selbstverständlichkeit, mit der unsere Gesellschaft diesen Menschen ein geringeres Recht zu leben zuweist als Ihnen und mir, sollte nicht das letzte Wort behalten.

Ich bitte Sie: Nehmen Sie sich Zeit für die Vorbereitung Ihrer Entscheidung, legen Sie sich selbst Rechenschaft ab über die Gründe für Ihre Entscheidung, denken Sie Ihre Entscheidung zu Ende. Es spricht sehr viel dafür, dass eine Entscheidung gegen die Zulassung der PID unserer Gesellschaft eine Chance gibt, unseren Umgang mit den Schwächsten zu überdenken. Bitte geben Sie unserer Gesellschaft diese Chance.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Harald Stollmeier

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Das Spenden-Experiment – ein Selbstversuch

Caroline Stollmeier am 9. März 2011

Angeregt von Peters Singers Buch „Leben retten“ haben mein Mann und ich beschlossen, einen Selbstversuch zu wagen. Unser Ziel ist es, mehr Geld als bisher für die Rettung von Menschenleben zu spenden. Und weil wir leider nicht über das Einkommen eines Bill Gates verfügen und mal eben mehrere Milliarden US-Dollar wohltätigen Zwecken zuführen können (wobei das große Anerkennung verdient und Nachahmung auch), haben wir uns zwei einfache Regeln überlegt, nach denen wir ab heute ein Jahr lang leben wollen:

1. Die Hälfte des Betrags, den wir für Luxus-Güter (also Dinge, die wir nicht unbedingt brauchen und die man nur kauft, weil sie Freude machen) ausgeben, wollen wir spenden.

2. Wenn wir im Alltag mit vertretbarem Aufwand Geld sparen können, spenden wir davon die Hälfte.

Singers These ist kurz gesagt, dass man die Armut auf der ganzen Welt abschaffen kann, wenn jeder einen relativ kleinen Teil seines Einkommens abgibt (und dafür hat er sogar eine Formel entwickelt). Wir sind nicht mit allem einverstanden, was Singer schreibt. Aber wir denken wie er, dass es besser ist mit den eigenen Mitteln zu helfen, statt nur mit dem Finger auf Andere zu zeigen oder die Schlechtigkeit der Welt zu beklagen.

Wir sind selbst gespannt, was wir im Laufe des Experiments lernen können – über uns und über Andere. Wird sich unser (Kauf-) Verhalten ändern? Werden wir für verrückt erklärt? Schaffen wir es, unser Ziel ohne schmerzhaften Verzicht zu erreichen? Gibt es irgendwelche Nebenwirkungen? Wir werden es herausfinden.

 

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(Foto: Caroline Stollmeier)

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Was macht Guttenberg zur Lichtgestalt?

Harald Stollmeier am 2. März 2011

KOMMENTAR

Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg hat zu Recht seine Ämter niedergelegt. Und obwohl  schon Politiker trotz weit schlimmerer nachträglich aufgedeckter Verfehlungen im Amt bleiben konnten (wie Joschka Fischer), sind auch schon Minister aus weit ehrenvollerem Anlass zurückgetreten (wie Rudolf Seiters).  All das ist unbestreitbar.

Trotzdem hat sich außerhalb der politischen Klasse eine beachtliche Bewegung zu seiner Verteidigung gebildet, und nach der Rücktrittserklärung bildete sich über Nacht ein Solidaritäts-Tsunami: Weniger als 36 Stunden nach ihrer Eröffnung zählt die Facebook-Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“ über 450.000 Mitglieder. Was geschieht da eigentlich?

Die technische Seite ist mit der flächendeckenden Verbreitung von Facebook leicht erklärt. Nicht so leicht erklärt ist das inhaltliche Rätsel: Warum ist Karl Theodor zu Guttenberg zu einer solchen Lichtgestalt geworden? Am Heiligenschein kann es ja nicht liegen.

Wie kann es sein, dass ein so junger Mann ohne nennenswerte Verdienste, wenngleich von gutem Auftreten, zur Heilsfigur für Hunderttausende, ja zum Gegenentwurf für das gesamte politische System erhoben wird?

Und wie kann es sein, dass so viele Menschen einem wertkonservativ auftretenden Politiker eine Verfehlung verzeihen, die mit ihrer Missachtung der akademischen Redlichkeit an sich jeden Wertkonservativen schmerzen muss?

Die Erklärung liegt in Guttenbergs Unabhängigkeit, vor allem aber in einer Schwäche unseres Wahlsystems, durch die diese Unabhängigkeit zu einer Rarität wird: Das modifizierte Verhältniswahlrecht der Bundesrepublik Deutschland macht mindestens die Hälfte der Bundestagsabgeordneten (für die Landtage gilt das im Prinzip auch) stärker vom Wohlwollen ihrer Parteiführung als vom Wählerwillen abhängig. Denn die Parteiführung hat großen, meist entscheidenden Einfluss auf den Listenplatz eines Kandidaten. Die vom Grundgesetz vorgesehene Gewissensfreiheit der Parlamentarier wird dadurch weitgehend aufgehoben.

Das gilt mit Einschränkungen auch für die Abgeordneten, die ihr Mandat im Wahlkreis errungen haben: Sie sind zwar nicht in ihrer Existenz, wohl aber in ihren Aufstiegsmöglichkeiten von der Parteiführung abhängig, weil diese ja die Mehrheit der Fraktion lenken kann. Solche Abhängigkeiten zwingen den Aufrichtigsten zu Kompromissen, mit denen er nicht glücklich sein kann, und es liegt auf der Hand, dass solche Bedingungen vor allem stromlinienförmigen Politikern förderlich sind. Und da die Wählerinnen und Wähler klüger sind, als es ihnen die Experten gewöhnlich zutrauen, haben sie das auch bemerkt.

Karl Theodor zu Guttenberg ist von der Wählermehrheit seines Wahlkreises in den Bundestag entsandt worden, verdankt sein Mandat also nicht vorrangig der Partei. Wirtschaftlich unabhängig, muss er zudem das Ausscheiden aus der Politik weniger fürchten als die meisten anderen Parlamentarier. Im Hinblick auf den weiteren politischen Aufstieg allerdings galt auch für ihn, dass man nicht die Hand beißen sollte, von der man gefüttert wird.

Der dramatische Aufstieg von Karl Theodor zu Guttenberg in der Gunst der öffentlichen Meinung datiert  von seinem öffentlichen Widerspruch gegen die Staatshilfen für Opel. Mit diesem prinzipiell begründeten Widerspruch riskierte er den Zorn der Bundeskanzlerin und des CSU-Vorsitzenden, aber er demonstrierte (vielleicht zu einem klug gewählten Zeitpunkt), dass er sich den Luxus einer eigenen Meinung nicht nur leisten kann sondern auch will.

Seine über 450.000 Facebook-Fans und wohl auch viele andere Anhänger müssen eine solche Demonstration ersehnt haben wie ein Verdurstender frisches Wasser, und sie verzeihen Guttenberg seine unsaubere Doktorarbeit, weil sie von einem Politiker, vor allem einer politischen Führungskraft, nicht Heiligkeit erwarten sondern Klarheit und Mut. Es ist nicht Guttenbergs Schuld, dass er als nahezu einziger Politiker diese Erwartung zu erfüllen scheint.

Es ist durchaus nicht sicher, dass Karl Theodor zu Guttenberg die Erwartungen seiner Fans wirklich erfüllen kann. Aber es ist sicher, dass diese Erwartungen bleiben werden, auch wenn Guttenberg geht – und dass sie eine Herausforderung für unsere Demokratie sind. Im Grunde gibt es nur zwei Lösungen für dieses Problem. Die erste besteht in dem Versuch, die Wählerinnen und Wähler davon zu überzeugen, dass ihre Vorstellung von Führung mit einer Demokratie nicht vereinbar ist und sie sich bescheiden müssen.

Die zweite bestünde in einer Veränderung des Wahlrechts hin zu einem mehr oder weniger reinen Mehrheitswahlrecht. Das hätte natürlich den Nachteil, dass in jedem Wahlkreis die Stimmen für die Verlierer unter den Tisch fielen. Es hätte aber den Vorteil, dass alle Abgeordneten wirklich nur noch ihrem Gewissen verpflichtet wären – und natürlich ihren Wählern.

Für die Parteiführungen wäre eine solche Reform mit einem schmerzlichen Verzicht auf Kontrolle verbunden, und für die Abgeordneten, die ihr Mandat über eine Landesliste erhalten haben, wäre es wahrscheinlich das Ende ihrer politischen Laufbahn. Ihre Zustimmung wäre somit Ausdruck beachtlicher Selbstlosigkeit. Grundsätzlich traue ich diese Selbstlosigkeit einer überwältigenden Mehrheit der deutschen Parlamentarier zu.

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