Hochkultur Islam

Harald Stollmeier am 18. März 2011

Eine Stellungnahme von Abdelmoula Kangoum

Dr. Abdelmoula Kangoum ist in Darfur im Sudan geboren und aufgewachsen, studierte unter anderem in Münster Medizin und hat viele Jahre als Arzt in Deutschland und in den USA gearbeitet. Heute forscht und lebt er in Duisburg und in Linköping/Schweden.

Wenn man die täglichen Nachrichten schaut oder in Zeitungen liest, die über das niemals endende Elend und die Gewalt in der islamischen Welt berichten, ist es kein Wunder dass viele Menschen in Westen die Kultur dieser Länder als rückständig betrachten und ihre Religion im besten Fall als konservativ bezeichnen, diese jedoch häufig als gewaltbereit und extremistisch einordnen.

Dabei gerät in Vergessenheit, dass die westlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften der islamischen Welt Dank schulden. Ich nenne ein paar Beispiele:

Im 8. Jahrhundert, als sich Europa noch im dunklen Mittelalter befand, erstreckte sich das islamische Reich der Abbassiden über ein Gebiet, welches den Mittleren Osten, Gross-Persien, Teile Afrikas und Spaniens umfasste. Dieses Reich war so mächtig und einflussreich, dass während seiner 700-jährigen Dauer arabisch – die Sprache des Korans – internationale Wissenschaftssprache war.

Der bekannteste Herrscher Bagdads  Abu Jaafar al-Mamun (786 –833) halb Araber, halb Perser, der von 813 bis zu seinem Tod im Jahr 833 regierte, war der Kalif, dem es beschieden war, zu dem größten Unterstutzer der Wissenschaften zu werden; er war auch derjenige eine Periode der  Forschung und Gelehrsamkeit ermöglichte, wie es sie seit dem antiken Griechenland nicht mehr gegeben hatte.

Unter al-Mamuns Schirmherrschaft und im damals vorherrschenden Geiste der Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen, die er förderte, kamen viele Gelehrte aus allen Teilen des Reiches nach Bagdad. Er schickte Boten in den entferntesten Teil der Welt, um alte wissenschaftliche Texte zu sammeln .Von den Herrschern besiegter Länder verlangte er als Tribut lieber Bücher als Gold. Die so von ihm geschaffene Institution „Bayt al Hikma“, Haus der Weisheit, wurde als erste Akademie der Wissenschaft in der ganzen Welt bekannt.

In den Büchern, die sich mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigen, findet man nur die großen Leistungen der griechischen Antike und die ihr folgende europäische Renaissance mit Namen wie Kopernikus und Galileo im 16. Jahrhundert. Aber die Errungenschaften, die die  muslimischen Wissenschaftler und Philosophen zu ihrer Zeit erreicht haben, sind ebenso bedeutsam wie die der griechischen Antike und der Renaissance.

Der Gelehrte Ibn Sina ( Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker und Astronom), der in Europa als Avicenna bekannt ist, war der größte Arzt des Mittelalters. Sein Kanon der Medizin (Qanun al-Tibb) blieb bis zum 17.Jahrhundert das Standardwerk der Medizin in Europa.

Muhammed ibn Zakariya al-Razi (in Europa bekannt als Razes) führte im 10. Jahrhundert den Gebrauch von Chemikalien wie Kupfer-, Quecksilber- und Arsensalze sowie Kalk, Teer und Alkohol für medizinische Zwecke ein. Damit ist er der Vater der Chemotherapie.

Man hat uns beigebracht, dass der englische Arzt William Harvey im Jahr 1616 als erster die Blutzirkulation korrekt beschrieben hat. Er war jedoch nicht der erste, denn bereits im 13. Jahrhundert hat dies schon der muslimische Arzt Ibn al Nafees dargestellt.

Niemand bezweifelt das Genie eines Kopernikus, der das Zeitalter der modernen Astronomie eingeleitet hat, jedoch ist nicht allgemein bekannt, dass er auf dem aufbaute, was muslimische Astronomen schon einige Jahrhunderte vor ihm entdeckt hatten. Kopernikus entnahm viele seiner Berechnungen dem Werk des Ibn al-Shatir, der im 14. Jahrhundert in Andalusien lebte.

Abu Rayhan Al Biruni (bekannt in Europa als Alberonius) war ein hervorragender Philosoph, Mathematiker, Astronom, Linguist, Historiker, Geograph, Apotheker und Arzt, der in diesen Fachgebieten einen wirklichen Durchbruch erzielte.

Er war einer der ersten Vertreter einer experimentellen Untersuchungsmethode, und hat diese Methode in die Mechanik, Mineralogie, Psychologie, und Astronomie eingeführt. Daher ist er  auch als der Vater der Geologie und Anthropologie zu betrachten.

Newton ist der unbestrittene Vater der modernen Optik. Jedoch stand er auf den Schultern eines geistigen Riesen, der 700 Jahre früher lebte, dies war ohne Zweifel der muslimische Wissenschaftler Ali Hassan Ibn al-Haytham (geb. 965 n.Chr.),  bekannt im Westen als Alhazen, Alhacen, oder Alhazeni. Er war auch der erste Forscher, der nachprüfbare Experimente  einführte, um Hypothesen   überprüfen zu können. Er hat  dadurch die  „wissenschaftliche Methode“ bereits vor mehr als 200 Jahren vor europäischen Gelehrten – die später von ihm gelernt haben –  entwickelt. Ali Hassan Ibn al-Haytham- wird daher als der erste Physiker der Welt und als Vater der modernen wissenschaftlichen Methode betrachtet- lange vor Renaissancegelehrten wie Bacon und Descartes.

Ein anderes Genie war der Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi. Er wirkte in der Zeit von 800 bis 850 . Sein größtes Vermächtnis ist sein außergewöhnliches Buch: „Kitab Hisab al-Jabr w’al Muqäbala“ (Das Buch der Vollziehung). Bekanntermaßen wird ja  das Wort  “Algebra ” aus dem Titel dieses Buches abgeleitet. In diesem Buch beschreibt er als Erste die Regeln und Schritte, wie algebraische Gleichungen zu lösen sind. Algebra ist aus dem arabischen Wort „al-jabr“ abgeleitet. Das Wort Algorithmus leitet sich von der lateinischen Übersetzung  (Algoritmi) seines Namens ab.

Abu Nasr al-Farabi, der im Westen als Alpharabius bekannt ist, hatte ebenfalls  mehrere Jahrhunderte lang großen Einfluss auf die Wissenschaft und Philosophie. Im weltweiten Ansehen rangierte er direkt nach Aristoteles (Darauf wies auch sein Titel  “der Zweite Lehrer” hin). Seine Arbeit zielte auf die Synthese zwischen Philosophie und Sufismus ab. Er setzte die Islamisierung der griechischen Philosophie fort und die auf ihn folgenden Fackelträger waren zwei Männer, die in Europa großes Ansehen erreichten und viele Renaissancedenker nachhaltig beeinflussten. Dies waren Ibn Sina (980-1037) und Ibn Rushd (1126-1198),  die in Europa den meisten Menschen unter ihren latinisierten Namen vertrauter sind: Avicenna und Averroës.

Abu Uthman al-Jahith, der afro-arabische Zoologe, entwickelte im 8. Jahrhundert eine rudimentäre Theorie der natürlichen Auslese – und zwar eintausend Jahre vor Darwin. In seinem Werk Kitab al-HayawanDas Buch der Tiere“ führt  Jahith seine Gedanken aus, wie Umweltfaktoren die Eigenschaften der Arten beinflussen können, wie der Zwang zu Anpassung  auf die Tierwelt wirkt,  und wie sie ihre veränderten Charakteristika an die auf sie folgenden Generationen ihrer Art weitergeben.

Die Musa-Brüder, drei schillernde Persönlichkeiten, waren ebenfalls mit dem bereits oben erwähnten Haus der Weisheit verbunden.

Mohammad, dem Ältesten, sagt man nach dass er der erste war, der annahm, dass Himmelskörper wie der Mond und die Planeten denselben Gesetzen der Physik unterworfen waren, die auch auf der Erde vorherrschten. Diese Erkenntnis markierte einen klaren  Bruch gegenüber dem bis dahin anerkannten Aristotelischen Bild des Weltalls. Mohammad Musas Buch über die Bewegung der Himmelskörper gibt seine Gedanken und Vorstellungen über diese Kräfte wieder, obwohl sie noch nicht so umfassend waren wie die späteren Gesetze Newtons. Die Brüder sind wahrscheinlich eher für ihre großartigen Erfindungen im Bereich der Technik bekannt. Ihr berühmtestes Werk war ihr Buch „von den Genialen Geräten“ (Kitab al-Hiyal), welches im Jahr 850 veröffentlicht wurde.

Das war eine große illustrierte Arbeit, die von mechanischen Geräten, Automaten, Rätsel und magische Tricks handelte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele war eine programmierte Maschine: ein automatisierter Flötenspieler.

Der Nordafrikaner Ibn Khaldun (1332-1406) ist der Begründer mehrerer wissenschaftlicher Disziplinen: Bevölkerungsstatistik, Kultur- und  Sozialgeschichte, Historiographie, Philosophie der Geschichte und Soziologie. Er wird auch von vielen als Wegbereiter der modernen Volkswirtschaft betrachtet. Mit seinem berühmten Buch „Muqaddimah“ (Die Einführung) nahm er bereits viele Elemente der oben genannten Disziplinen vorweg – lange bevor sie in Europa begründet wurden.

Sicherlich hätte diese wissenschaftliche Revolution innerhalb der muslimischen Zivilisation nicht so stattgefunden, hätte es den Islam nicht gegeben. Trotz der Ausbreitung des Christentums während der vorangegangenen Jahrhunderte hat es in der christlichen Welt zu dem frühen Zeitpunkt keine ähnliche Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens gegeben. Der Charakter des Islam zwischen dem Anfang des 9. Jahrhunderts und dem Ende des 11. Jahrhunderts war geprägt von dem Geist des freien Denkens, der Toleranz und des Rationalismus. Das Goldene Zeitalter der Islamischen Wissenschaft verlangsamte  sich nach dem 11. Jahrhundert. Hierfür  war ursächlich die allmähliche Zersplitterung des Abbassidenreiches und das Desinteresse der nachfolgenden Kalifen an Wissenschaft und Forschung.

Warum ist es wichtig, dass wir uns heute diese geschichtlichen Tatsachen ins Gedächtnis zurückrufen?

In Zeiten zunehmender kultureller und religiöser Spannungen, Missverständnisse und Intoleranz sollten Deutschland und das restliche Europa einmal versuchen, die islamische Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Rufer nach “unserer jüdisch-christlichen Zivilisation” übersehen, dass es eine gemeinsame menschliche Zivilisation gibt, zu der die islamische Welt einen wertvollen Beitrag geleistet hat und weiterhin leisten kann.

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Ein Kommentar zu “Hochkultur Islam”

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