Mehr Kröten für den Klapperstorch

Caroline Stollmeier am 22. März 2011

In NRW protestieren die Hebammen. Sie wollen mehr Geld. Das kann man achselzuckend abtun mit einem: „Wer will das nicht?!“ Oder ist die Situation der Hebammen doch etwas Besonderes?

Bereits im letzten Jahr gab es bundesweit zahlreiche Protestaktionen der Hebammen. Hintergrund war vor allem der stark angestiegene Beitrag zur Haftpflichtversicherung für diejenigen unter ihnen, die tatsächlich noch unmittelbar an Entbindungen beteiligt sind. Hebammen, die ausschließlich Vor- und Nachsorge anbieten, waren nicht betroffen, haben sich aber solidarisch gezeigt.

„Ich zahle im Jahr jetzt fast 3.700 Euro für meine Haftpflichtversicherung; das ist doppelt so viel wie vor der Erhöhung“, beklagt eine Beleghebamme aus Duisburg. „Unterm Strich bleibt mir ein Stundenlohn von etwa 7 Euro“, rechnet sie vor.

Florian Lanz, Pressesprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, ist verwundert über den Zeitpunkt der neuen Proteste. „Im letzten Jahr ist die Vergütung für Hebammen zwei Mal erhöht worden; die zweite Erhöhnung wurde von den Hebammenverbänden aufgrund der gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung ausgehandelt. Die aktuelle Vergütungsvereinbarung gilt noch bis Jahresende. Außerdem prüft das Gesundheitsministerium gerade, ob die Vergütung für Hebammen ganz allgemein unzureichend ist. Das Gutachten soll im Sommer fertig sein.“, sagt er gegenüber Moralblog.

Die Beträge und Pauschalen, die sie mit den Krankenkassen abrechnen können seien immer noch viel zu niedrig, beklagen hingegen unter anderem die heute in der Essener Innenstadt streikenden Hebammen. „Wenn noch mehr von uns ihren Beruf aus finanziellen Gründen aufgeben müssen, dann ist bald nicht mehr sichergestellt, dass die Frauen überall wählen können wo und wie sie ihre Kinder zur Welt bringen möchten“, erläutert eine von ihnen die möglichen Folgen.

„Es hat viel zu lange gedauert, bis sich etwas bewegt hat. Wir Hebammen sind einfach nicht so gut organisiert. Das liegt an unseren Arbeitszeiten. Aber vor allem haben wir kein Druckmittel“, sagt eine der Essener Streikenden. Sie betont: „Das hier ist auch kein richtiger Streik. Denn wenn wir einfach bis auf einen Notdienst alle unsere Arbeit niederlegen würden, dann träfe das genau die Falschen. Und das wollen wir nicht“

Und damit sind wir beim wahren Grund der Proteste angekommen: Hebammen tragen eine große Verantwortung gegenüber Frauen, Kindern und der Gesellschaft. Und sie wollen, dass sich diese Verantwortung auch in angemessener Bezahlung widerspiegelt.

„Es geht nicht nur um die Haftpflichtversicherung. Beispielsweise sind die Kosten für unsere Anfahrten auch immer ein Thema. Nicht zu vergessen die Zeit, die wir im Auto verplempern. Und wenn wir Fortbildungen machen, dann können wir die hohen Gebühren dafür zwar von der Steuer absetzen, aber es bleibt immer noch genug übrig. Und vor allem können wir in der Zeit nicht arbeiten, haben also außerdem einen Verdienstausfall“, erläutert die Duisburger Hebamme.

 „Jede Mutter, die von einer guten Hebamme betreut wurde, sieht diese Hilfe als sehr, sehr wertvoll an. In der turbulenten Phase, in der das eigene Leben von der Ankunft eines Kindes völlig auf den Kopf gestellt wird, ist die Hebamme manchmal der einzige ruhende Pol“, sagt die Mutter von zwei kleinen Kindern, die sich in Essen zu den Streikenden gesellt, „Rat und Tat meiner Hebammen während der Geburt und auch in den ersten Wochen danach waren für mich unbezahlbar. Ich fände es sehr schade, wenn andere Frauen diese Hilfe nicht mehr bekommen würden.“.  

Eine Alternative wäre, dass sich Frauen, die von einer Hebamme betreut werden, mehr als bisher an den Kosten beteiligen. Damit sind die Hebammen aber nicht einverstanden: „Wir ärgern uns selber, dass man überall immer mehr zuzahlen soll. Deshalb wollen wir da eigentlich nicht mitmachen.“ Und sie ergänzen: „Für viele Frauen wäre das auch nicht so einfach. Die könnten sich das nicht leisten.“

Für Hebammen ist der Beruf eher Berufung. Aber leben können müssen sie davon trotzdem. Möglich, dass das ausstehende Gutachten des Gesundheitsministeriums ihren Forderungen Nachdruck verleiht. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Deshalb bringen die Hebammen ihr Anliegen momentan erneut auf die Straße. Was eine Hebamme für Frauen und Neugeborene tut kann kein Anderer genauso gut. Eine Hebamme trägt wesentlich dazu bei, dass der Start ins Leben glückt. Dafür gebührt ihr Dank – und entsprechende Entlohnung.

 

Postkartenaktion Kopie1

(Mit einer Postkartenaktion wirbt der Hebammenverband NRW um Unterstützung)

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Ein Kommentar zu “Mehr Kröten für den Klapperstorch”

  1. Moralblog » Weißt du schon was es wird?am 2. Januar 2012 um 21:34

    […] sind in ihrem Bestand bedroht, sondern auch die Hebammen. Zumindest beklagen sie das regelmäßig. Gestiegene Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung und allgemein eine zu niedrige Entlohnung sin… Die Störche haben viele Unterstützer. Der NABU zum Beispiel, gibt sich größte Mühe, die […]

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