Steine im Weg: Das Aus für die Gehsteigberatung in München?

Caroline Stollmeier am 24. Mai 2011

In München ist die bewährte Hilfe in letzter Sekunde für ungewollt Schwangere und ihre ungeborenen Babys ab sofort verboten. So wurde es dem Verein Lebenszentrum e. V. vom zuständigen Kreisverwaltungsreferat der Landeshauptstadt mitgeteilt.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit des Lebenszentrums ist die  “Gehsteigberatung” vor einer der größten Abtreibungskliniken Deutschlands. Dabei sprechen die Beraterinnen und Berater Frauen freundlich an, die gerade die Klinik betreten wollen, bieten Informationen und Hilfe an und beten für sie und ihre ungeborenen Kinder. Unzähligen Kindern konnte seit der Vereinsgründung im Jahr 1999 auf diese Weise das Leben gerettet werden. Viele Mütter kehren glücklich und voller Dankbarkeit mit ihrem Baby auf dem Arm ins Lebenszentrum zurück.

Aber laut Bescheid des Kreisverwaltungsreferats (kurz: KVR) ist seit Freitag Schluss mit dieser wichtigen Arbeit, denn die Gehsteigberatung vor der Klinik wurde mit sofortiger Wirkung untersagt. Wolfgang Hering, Gründer und erster Vorsitzende des Lebenszentrums, kann diesen Sinneswandel der Behörden nicht nachvollziehen: „Seit elfeinhalb Jahren haben wir gegenüber dem KVR und der Polizei unsere Arbeit transparent und ehrlich dargestellt. Aber offensichtlich ist man dort plötzlich zu einer neuen Rechtsauffassung gelangt.“

Hering ist enttäuscht, dass die Behörde bei ihrer Entscheidung viele wichtige Aspekte anscheinend nicht berücksichtigt hat. „Wir haben die zuständigen Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats ins Lebenszentrum eingeladen. Erst nachdem wir diese Einladung mehrfach wiederholt haben, ist einer von ihnen zu uns gekommen, um sich die Berichte von Frauen anzuhören, die betonten, dass ihre Kinder nicht leben würden, wenn wir sie nicht vor der Klinik angesprochen hätten“, sagt Hering gegenüber Moralblog, „aber genützt hat das nichts, denn die Entscheidung des KVR stand zu diesem Zeitpunkt wohl schon fest“

Außerdem wies Hering auf ein Urteil des Landgerichts München I aus dem Jahr 2006 hin. Der Arzt, der die Abtreibungsklinik betreibt, hatte die angeblich respektlose Gehsteigberatung zu unterbinden versucht. „Er vertrat die Auffassung, das Arzt-Patientinnen-Verhältnis sei durch unsere Kontaktaufnahme gestört“, erläutert Hering, „aber auch nach sorgfältiger Beweisaufnahme ergaben sich keine Anhaltspunkte für eine Belästigung oder gar Rücksichtslosigkeit gegenüber den von uns angesprochenen Frauen.“

„Der Bescheid des KVR berücksichtigt ausschließlich das Persönlichkeitsrecht der schwangeren Frau, die sich in einer besonders schwierigen Situation befindet, und die unbehelligt die Abtreibungsklinik betreten soll“, so Hering, „aber das eigenständige und von unserer Verfassung geschützte Recht des ungeborenen Kindes auf Leben findet überhaupt keine Beachtung.“

„Wenn wir keine Gehsteigberatung mehr machen dürfen, dann sterben in München 50-80 Kinder mehr in jedem Jahr“, sagt Hering. Aber noch ein anderer Aspekt ist ihm sehr wichtig: „Ich schätze, dass 80 Prozent der Frauen nach einer Abtreibung am Post-Abortion-Syndrom leiden. Das kann ganz unterschiedlich auftreten, manchmal erst nach 20 Jahren. Und davor warnt die Frauen keiner.“

Hering und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lebenszentrums sind sehr unglücklich über die Entscheidung des KVR. „Freitag, der erste Tag, an dem wir keine Hilfe in letzter Sekunde anbieten konnten, war der traurigste Tag in unserer Vereinsgeschichte“, sagt Hering, „wir werden gerichtliche Schritte einleiten und hoffen und beten, dass wir unsere Gehsteigberatung vor der Abtreibungsklinik bald wieder aufnehmen können.“

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein | 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Steine im Weg: Das Aus für die Gehsteigberatung in München?”

  1. Caroline Stollmeieram 24. Mai 2011 um 14:22

    Und das sagt die Behörde…

    “Einerseits muss die Intimsphäre der schwangeren Frauen, die sich in einer extrem schwierigen Lage befinden, gewahrt bleiben. Sie müssen unbehelligt zum Arzt gehen können. Außerdem finden wir, dass Beratung in die Hand der Ärzte gehört und keine Zwangsberatung durch Lebensschützer sein darf.

    Andererseits möchten wir die Möglichkeit zur Beratung nicht völlig unterbinden. Deshalb haben wir die Gehsteigberatung nur auf der Straßenseite der Praxis verboten, nicht aber in der ganzen Straße so wie es die Stadt Freiburg kürzlich in einem ähnlichen Fall entschieden hat“, erläutert Daniela Schlegel, Pressesprecherin des Kreisverwaltungsreferats, auf Nachfrage von Moralblog.

  2. […] könnte man meinen, Abtreibung sei hier kein Thema mehr. Aber das stimmt nicht. Beispielsweise das Verbot der Gehsteigberatung in München und Freiburg sowie die kontrovers diskutierten Äußerungen des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal […]

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel