Monatsarchiv für Juni 2011

Darfur – helfen verboten?

Harald Stollmeier am 14. Juni 2011

Während sich die Augen der Weltöffentlichkeit auf die arabischen Länder der Mittelmeerküste richten, nimmt die Katastrophe im westsudanesischen Darfur ihren Lauf. Schon seit acht Jahren führen dort arabische Reitermilizen („Janjaweed“ = Teufel zu Pferde) einen Stellvertreterkrieg gegen die sesshaften schwarzafrikanischen Fur, Masalit und Zaghawa, zunehmend mit Hubschraubern und anderer hochtechnischer Ausrüstung, die sie von der islamistischen Regierung in Khartum erhalten. Die Zahl der Todesopfer wird auf 200 000 bis 400 000 geschätzt, wobei ein großer Teil davon nicht durch direkte Kampfeinwirkung sondern durch Hunger und Seuchen umgekommen ist.

Was in Darfur geschieht, hat viel Ähnlichkeit mit den ethnischen Säuberungen in Bosnien-Herzegowina und später im Kosovo. Die Beweise für die entscheidende Rolle der Regierung in Khartum reichten dem Internationalen Strafgerichtshof aus, um am 12. Juli 2010 wegen Völkermords einen internationalen Haftbefehl gegen den sudanesischen Staatspräsidenten Umar Hasan Ahmad al-Baschir auszustellen. Zur Verhaftung al-Baschirs ist es allerdings noch nicht gekommen; eine Polizei hat der Internationale Strafgerichtshof ja nicht.

Aber zu Reaktionen der sudanesischen Regierung ist es gekommen: Sie hat die meisten ausländischen Hilfsorganisationen ausgewiesen und macht den wenigen verbliebenen die Arbeit so schwer wie möglich. Nach einer kurzen Unterbrechung wegen Friedensverhandlungen zwischen den Fur-Milizen und der sudanesischen Regierung haben die Janjaweed im Frühjahr 2011 ihre Angriffe wieder aufgenommen.

Die humanitäre Lage ist bedrückend. „In Zalingei, der Hauptstadt der Fur“, berichtet Dr. Abdelmoula Kangoum vom Deutsch-Afrikanischen Ärzteverein in der Bundesrepublik Deutschland, „ist die Einwohnerzahl durch Flüchtlinge von 60 000 auf fast 890 000 angestiegen. In der ganzen Stadt gibt es vier Ärzte, nur einer davon ist ein Facharzt. Die Hygieneprobleme sind dramatisch.“

Der Deutsch-Afrikanische Ärzteverein in der Bundesrepublik Deutschland (2010 mit dem Duisburger Integrationspreis ausgezeichnet)  und der Afrikanische Ärzteverein in Skandinavien wollen dieser Situation mit einem straff konzipierten Hilfsprojekt begegnen. Sie planen den Bau von Latrinen, den Bau von Brunnen, ein umfassendes Impfprogramm mit Schulung von Impfhelfern und die gezielte Bekämpfung und Prävention von Durchfallerkrankungen.

Das Projekt ist auf 18 Monate angelegt. Während dieser Zeit wollen je drei Ärzte für je drei Monate unentgeltlich vor Ort arbeiten; die meisten von ihnen stammen aus der Region und sind mit deren Sprache und Kultur vertraut. Ziel des Projekts ist nachhaltige Hilfe vor allem durch Ausbildung und Aufklärung örtlicher Helfer.

Warum hoffen die Deutsch-Afrikanischen Ärzte, in Darfur helfen zu dürfen, während die meisten, wenn nicht alle anderen Organisationen die Region verlassen müssen?

„Die Regierung in Khartum hat uns signalisiert“, berichtet Dr. Kangoum, „dass wir in Darfur helfen dürfen, vielleicht weil sie weniger Sorge hat, wir könnten durch westliche Regierungen instrumentalisiert werden. Es ist sogar für die sudanesische Regierung offensichtlich, dass wir keine ‚christlich-zionistischen Agenten‘ sind. Eine Rolle spielen vielleicht auch die Friedensverhandlungen, die in Quatar zwischen der sudanesischen Regierung und den darfurischen Rebellen begonnen haben.“

Das Hilfsprojekt der Afrikanischen Ärzte wird von verschiedenen Förderern mit Sachspenden unterstützt; die Ärzte selbst arbeiten gratis. Deshalb belaufen sich die voraussichtlichen Gesamtkosten auf nicht mehr als 352 000 Euro, in denen Kosten für Arzneimittel, Flüge und ein Geländefahrzeug enthalten sind.

„Darfur ist meine Heimat“, sagt Dr. Abdelmoula Kangoum, „und deshalb geht mir das Leid der Betroffenen besonders nah. Es kommt hinzu, dass meine Kollegen und ich dort nützlicher sein können als andere Helfer, weil wir nicht als Fremde kommen. Vor allem aber sind wir jetzt wegen der politischen Lage die einzigen, die helfen dürfen. Wenn wir nicht helfen, sind die Menschen in Darfur allein.“

Das Spendenkonto des Deutsch-Afrikanischen Ärztevereins in der Bundesrepublik Deutschland e. V. ist:

Kontonummer: 4613907
bei der

Commerzbank AG Duisburg
Bankleitzahl: 350 400 38

(Gemeinnützigkeit anerkannt vom Finanzamt Duisburg – Süd, Landfermannstrasse 25, 47051 Duisburg – Steuernummer 109/5842/0523)

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Ethik-Preis für Peter Singer – ein Ausdruck der Meinungsfreiheit

Caroline Stollmeier am 6. Juni 2011

Die Träger des mit 10.000 Euro dotierten Ethikpreises der Giordano-Bruno Stiftung sind der australische Philosoph und Ethiker Prof. Peter Singer sowie die italienische Philosophin Paola Cavalieri. Am 3. Juni 2011 wurde der Preis feierlich in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt übergeben. Im Vorfeld der Preisverleihung gab es einige Proteste, die sich vor allem gegen Positionen Peter Singers zur Euthanasie richteten; diese standen allerdings in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Anlass der Ehrung.

Die wissenschaftsorientierte und religionskritische Giordano-Bruno Stiftung (gbs) ehrte Peter Singer und Paola Cavalieri nicht etwa für ihr Lebenswerk als ethischste Menschen überhaupt, sondern ganz konkret für ihren engagierten Einsatz für die Tierrechte, insbesondere für ihr 1993 initiiertes Great Ape Project.

Das Great Ape Project fordert einige jener Privilegien für Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen, die bisher nur für Menschen gelten: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und ein Verbot der Folter. Da Menschenaffen über ein Bewusstsein verfügen, sich mental in andere Wesen hineinversetzen und in die Zukunft denken können, sollen sie als Personen anerkannt und als Individuen respektiert werden.

Gründer und Vorstandssprecher der gbs Dr. Michael Schmidt-Salomon begründete die Vergabe des Ethikpreises für die Initiatoren des Great Ape Project damit, dass sie dazu betragen könnte den „Speziesismus“ zu überwinden und sie das Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleichwertiger Interessen verträten. Außerdem wertete er das Projekt als Türöffner für andere Forderungen der Tierrechtsbewegung und eine Chance das „größenwahnsinnige Weltbild der Menschen at acta zu legen“.

In seiner Laudatio auf die Preisträger stellte Dr. Colin Goldner fest, dass ernsthafte Tierrechtler Tierschützer ablehnen, die „Hund und Katzen streicheln, aber Hühner und Kühe essen“. Man wolle sich Tieren nicht „von oben herab“ zuwenden, nur weil man sie niedlich findet, sondern man fordert Grundrechte für Tiere ein, weil das logisch sei.

Als Grundlage für die Tierrechtsbewegung gilt Singers Buch Animal Liberation, erstmal erschienen 1975. Darin formuliert er die These, dass die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens nicht ausreicht, um moralische Überlegenheit zu rechtfertigen. Stattdessen beruft er sich auf den Begriff der „Person“, der nicht auf die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens abzielt, sondern auf Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Sinn für Zukunft und Vergangenheit, die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier.

Schimpansen und Bonobos sind mit Menschen genetisch näher verwand als mit Gorillas oder Orang-Utans. Singer und andere Wissenschaftler regen an, insbesondere die vier Großen Menschenaffen unter den Personenbegriff zu fassen und leiten daraus ihre Forderungen nach Grundrechten ab.

Der Personenbegriff Singers beinhaltet allerdings einige Tücken. Demzufolge kann nämlich ein Mitglied der Spezies Homo sapiens unter bestimmten Umständen zwar als Mensch, nicht aber als Person gelten und damit unbedingt schützenswert seien. Dies gilt beispielsweise für ungeborene Kinder oder schwerst hirngeschädigte Neugeborene.

Es gibt gute Gründe, diese Positionen Singers zu kritisieren. Keineswegs jedoch ergibt sich aus der Ablehnung bestimmter Positionen Singers zwingend die Ablehnung aller seiner Positionen oder schlichtweg seiner Person. Und überhaupt nicht zu rechtfertigen ist die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die manchen Singer-Kritikern angemessen erscheint.

Noch heute kann man sich „fremdschämen“ für die Auswüchse der Anti-Singer-Proteste in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren, bei denen es regelmäßig gelang, die Veranstaltungen mit Singer zu sprengen – und bei denen die Entgleisungen vom Niederbrüllen bis zu tätlichen Angriffen reichten. In einem Fall wurde die Meinungsfreiheit in Form von Peter Singers gewaltsam heruntergerissener Brille sogar buchstäblich mit Füßen zertreten. Auch der Vorwurf der Nazi-Ideologie ist nicht nur sachlich unberechtigt sondern auch gefühllos einem Mann gegenüber, von dessen vier Großeltern drei in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Bei der Preisverleihung in Frankfurt kam es nicht zu Ausschreitungen – die anwesenden Kritiker verhielten sich zurückhaltend. Ein Teil der öffentlich vorgetragenen Kritik ist darüber hinaus vielleicht Ausdruck eines Missverständnisses.

Denn Singer setzt nicht Behinderte mit Tieren gleich. Er selbst sagt immer wieder ausdrücklich, dass er sich für Grundrechte bestimmter Tiere einsetzt, weil er sie auf moralisch gleicher Stufe mit Menschen sieht: Das ist eine Aufwertung der Tiere, nicht notwendigerweise eine Abwertung der Menschen. Dieser Unterschied ist der Giordano-Bruno-Stiftung wichtig. „Wir wissen“, erklärte Dr. Schmidt-Salomon am vergangenen Freitag wörtlich, „dass der Name Peter Singer in Deutschland immer noch für irrationale Reflexe sorgt. (…) Aber seien Sie versichert, dass wir Peter Singer nicht ehren würden, wenn er tatsächlich gegen Behinderte wäre.“

 

 

Peter Singer bedankt sich für den Ethik-Preis der gbs
(Peter Singer bei der Verleihung des Ethik-Preises der gbs in Frankfurt a.M., 3. Juni 2011, Foto: C. Stollmeier)
 
 
→ Empfehlenswerte Literatur dazu von Peter Singer: „Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere“ und „Praktische Ethik. Neuausgabe“

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Spenden-Experiment: Hilfe nach dem Do-no-harm-Prinzip

Caroline Stollmeier am 2. Juni 2011

Ich möchte nicht mit dem Ende beginnen. Aber motivierend für unser Spenden-Experiment ist es doch zu überlegen, wem unsere gesparten Euros später zugute kommen sollen. Das wichtigste Auswahlkriterium dafür haben wir bereits vor Beginn des Experiments definiert: Menschenleben retten. Aber dennoch bleibt viel zu bedenken.

Peter Singer spendet an Oxfam und äußert sich ausgesprochen wohlwollend über diese Organisation. Wollen wir doch selber etwas genauer hinschauen…

Oxfam Deutschland e.V. ist eine unabhängige Hilfs- und Entwicklungsorganisation, die sich für eine gerechte Welt ohne Armut einsetzt. Wir leisten weltweit Nothilfe und stärken sozial engagierte Kräfte vor Ort. Mit unserer Kampagnenarbeit decken wir die der Armut zugrunde liegenden Strukturen auf und drängen Entscheidungsträger/innen in Politik und Wirtschaft zu verantwortlichem Handeln“, heißt es in der Selbstdarstellung. Das klingt beeindruckend.

Aber wann genau wird Oxfam aktiv? Und vor allem, wie wird sichergestellt, dass Oxfam sich tatsächlich am Bedarf in armen Regionen orientiert und sich nicht von politischen und wirtschaftlichen Interessen leiten lässt, wie es der staatlichen Entwicklungshilfe häufig unterstellt wird (Moralblog wird diesem Vorwurf an anderer Stelle nachgehen)?

„Der Bedarf vor Ort ist gegeben und festgestellt, Partnerorganisationen teilen die Prinzipien und Grundsätze von Oxfam, Schwerpunkte entsprechen dem Oxfam strategischen Plan, Doppelungen durch Unterstützung anderer Hilfsorganisationen sind ausgeschlossen – um nur einige wenige Kriterien sehr kurz zu benennen“, erläutert Oxfam Projekt-Referentin Reinhild Schumacher gegenüber Moralblog.

Und wie geht Oxfam sicher, dass die Aktivitäten auch nachhaltig die gewünschte positive Wirkung haben? „Bereits bei der Projektplanung ist uns der Do-no-harm Ansatz wichtig, um negative Wirkungen durch Projektaktivitäten zu vermeiden. Dabei hilft uns, dass unsere lokalen Partnerorganisationen eine profunde Kenntnis der Kultur, der Gewohnheiten und Traditionen sowie der lokalen Hierarchien und Gesetzgebung haben“, so Schumacher, „hinzu kommt eine Risikoanalyse.“

Die Erfolgskontrolle ist wichtig für Oxfam. Auch die Partnerorganisationen werden dabei unterstützt. Und immer wieder werden externe Gutachter hinzugezogen.

Oxfam finanziert seine Arbeit vor allem aus den Erträgen der 36 Oxfam Shops, in denen fast 2.300 Ehrenamtliche „Überflüssiges flüssig machen“. Private Spenden sind außerdem besonders wichtig. Und für bestimmte Einzelvorhaben gibt es auch Zuschüsse von der Bundesregierung und der EU.

Besonders beeindruckend wäre für uns natürlich, wenn wir erfahren könnten, mit welchem Euro-Betrag Oxfam ein Menschenleben retten könnte. Aber dazu sagt Schumacher: „Das kann ich leider nicht sagen, denn hier ist alles abhängig von der Art der Intervention. Mal kann es eine simple Chlortablette sein, die Trinkwasser sauber macht, ein anderes Mal ist es weiterführende Schulbildung, die neue Chancen eröffnet. Uns geht es darum Menschen zu schützen (in der Nothilfe) und Wege aus der Armut zu finden (Wiederaufbau, Entwicklungszusammenarbeit). Das lässt sich bei der Vielfalt der Aktivitäten nicht auf eine einfache Rechnung runterbrechen.“

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