Ethik-Preis für Peter Singer – ein Ausdruck der Meinungsfreiheit

Caroline Stollmeier am 6. Juni 2011

Die Träger des mit 10.000 Euro dotierten Ethikpreises der Giordano-Bruno Stiftung sind der australische Philosoph und Ethiker Prof. Peter Singer sowie die italienische Philosophin Paola Cavalieri. Am 3. Juni 2011 wurde der Preis feierlich in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt übergeben. Im Vorfeld der Preisverleihung gab es einige Proteste, die sich vor allem gegen Positionen Peter Singers zur Euthanasie richteten; diese standen allerdings in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Anlass der Ehrung.

Die wissenschaftsorientierte und religionskritische Giordano-Bruno Stiftung (gbs) ehrte Peter Singer und Paola Cavalieri nicht etwa für ihr Lebenswerk als ethischste Menschen überhaupt, sondern ganz konkret für ihren engagierten Einsatz für die Tierrechte, insbesondere für ihr 1993 initiiertes Great Ape Project.

Das Great Ape Project fordert einige jener Privilegien für Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen, die bisher nur für Menschen gelten: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und ein Verbot der Folter. Da Menschenaffen über ein Bewusstsein verfügen, sich mental in andere Wesen hineinversetzen und in die Zukunft denken können, sollen sie als Personen anerkannt und als Individuen respektiert werden.

Gründer und Vorstandssprecher der gbs Dr. Michael Schmidt-Salomon begründete die Vergabe des Ethikpreises für die Initiatoren des Great Ape Project damit, dass sie dazu betragen könnte den „Speziesismus“ zu überwinden und sie das Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleichwertiger Interessen verträten. Außerdem wertete er das Projekt als Türöffner für andere Forderungen der Tierrechtsbewegung und eine Chance das „größenwahnsinnige Weltbild der Menschen at acta zu legen“.

In seiner Laudatio auf die Preisträger stellte Dr. Colin Goldner fest, dass ernsthafte Tierrechtler Tierschützer ablehnen, die „Hund und Katzen streicheln, aber Hühner und Kühe essen“. Man wolle sich Tieren nicht „von oben herab“ zuwenden, nur weil man sie niedlich findet, sondern man fordert Grundrechte für Tiere ein, weil das logisch sei.

Als Grundlage für die Tierrechtsbewegung gilt Singers Buch Animal Liberation, erstmal erschienen 1975. Darin formuliert er die These, dass die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens nicht ausreicht, um moralische Überlegenheit zu rechtfertigen. Stattdessen beruft er sich auf den Begriff der „Person“, der nicht auf die Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens abzielt, sondern auf Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Sinn für Zukunft und Vergangenheit, die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, sich um andere zu kümmern, Kommunikation und Neugier.

Schimpansen und Bonobos sind mit Menschen genetisch näher verwand als mit Gorillas oder Orang-Utans. Singer und andere Wissenschaftler regen an, insbesondere die vier Großen Menschenaffen unter den Personenbegriff zu fassen und leiten daraus ihre Forderungen nach Grundrechten ab.

Der Personenbegriff Singers beinhaltet allerdings einige Tücken. Demzufolge kann nämlich ein Mitglied der Spezies Homo sapiens unter bestimmten Umständen zwar als Mensch, nicht aber als Person gelten und damit unbedingt schützenswert seien. Dies gilt beispielsweise für ungeborene Kinder oder schwerst hirngeschädigte Neugeborene.

Es gibt gute Gründe, diese Positionen Singers zu kritisieren. Keineswegs jedoch ergibt sich aus der Ablehnung bestimmter Positionen Singers zwingend die Ablehnung aller seiner Positionen oder schlichtweg seiner Person. Und überhaupt nicht zu rechtfertigen ist die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die manchen Singer-Kritikern angemessen erscheint.

Noch heute kann man sich „fremdschämen“ für die Auswüchse der Anti-Singer-Proteste in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren, bei denen es regelmäßig gelang, die Veranstaltungen mit Singer zu sprengen – und bei denen die Entgleisungen vom Niederbrüllen bis zu tätlichen Angriffen reichten. In einem Fall wurde die Meinungsfreiheit in Form von Peter Singers gewaltsam heruntergerissener Brille sogar buchstäblich mit Füßen zertreten. Auch der Vorwurf der Nazi-Ideologie ist nicht nur sachlich unberechtigt sondern auch gefühllos einem Mann gegenüber, von dessen vier Großeltern drei in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Bei der Preisverleihung in Frankfurt kam es nicht zu Ausschreitungen – die anwesenden Kritiker verhielten sich zurückhaltend. Ein Teil der öffentlich vorgetragenen Kritik ist darüber hinaus vielleicht Ausdruck eines Missverständnisses.

Denn Singer setzt nicht Behinderte mit Tieren gleich. Er selbst sagt immer wieder ausdrücklich, dass er sich für Grundrechte bestimmter Tiere einsetzt, weil er sie auf moralisch gleicher Stufe mit Menschen sieht: Das ist eine Aufwertung der Tiere, nicht notwendigerweise eine Abwertung der Menschen. Dieser Unterschied ist der Giordano-Bruno-Stiftung wichtig. „Wir wissen“, erklärte Dr. Schmidt-Salomon am vergangenen Freitag wörtlich, „dass der Name Peter Singer in Deutschland immer noch für irrationale Reflexe sorgt. (…) Aber seien Sie versichert, dass wir Peter Singer nicht ehren würden, wenn er tatsächlich gegen Behinderte wäre.“

 

 

Peter Singer bedankt sich für den Ethik-Preis der gbs
(Peter Singer bei der Verleihung des Ethik-Preises der gbs in Frankfurt a.M., 3. Juni 2011, Foto: C. Stollmeier)
 
 
→ Empfehlenswerte Literatur dazu von Peter Singer: „Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere“ und „Praktische Ethik. Neuausgabe“

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2 Kommentare zu “Ethik-Preis für Peter Singer – ein Ausdruck der Meinungsfreiheit”

  1. […] Kräften dafür ein, unsere Welt humaner zu machen. Als ich anlässlich Ihrer diesjährigen Auszeichnung von Peter Singer und Paola Cavalieri erstmals auf Sie und die Giordano Bruno Stiftung aufmerksam wurde, war ich neugierig und […]

  2. Landschaft & Oekologieam 18. Februar 2014 um 9:20

    Sind Tiere auch Menschen?…

    Die Wissenschaft hat bekanntlich nicht nur aufklärend gewirkt, sondern auch einen neuen Aberglauben hervorgebracht, nämlich den an die Wissenschaft, heute insbesondere die Naturwissenschaft. Während früher der Aberglaube vornehmlich darin bestand, etwa…

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