Monatsarchiv für Juli 2011

Damnatio Memoriae

Harald Stollmeier am 24. Juli 2011

Norwegen gedenkt seiner Toten. Die Massenmedien der westlichen Welt, und vielleicht nicht nur diese, diskutieren die Motive des Mörders und die mögliche Mitverantwortung der Gruppen und Überzeugungen, auf die sich dieser beruft. Mir wird dabei schlecht.

Denn wer wehrlose Menschen ermordet, ist in erster Linie ein Feigling. Keine Überzeugung kann solche Taten im Geringsten rechtfertigen, auch die richtigste nicht. Und kein feiger Mörder verdient es, dass sein Name und sein Foto um die Welt gehen.

Ich habe den Namen des Mörders gelesen. Schreiben werde ich ihn nicht. Nie.

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Duisburger Integrationspreis für Gülseren Gümüs

Harald Stollmeier am 15. Juli 2011

Gülseren Gümüs, die Gründerin des Güldeste Wohltätigkeitsvereins e. V., erhielt am 8. Juli aus der Hand von Novitas BKK-Vorstand Reiner Geisler den zum zweiten Mal vergebenen Duisburger Integrationspreis der Novitas BKK – als Auszeichnung für ein Leben im Dienst anderer Menschen. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und steht unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters von Duisburg.

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

Reiner Geisler überreicht Gülseren Gümüs (Mitte) den Duisburger Integrationspreis. Bild: Novitas BKK/MvdB

“Duisburg ist reich an Menschen, die ihre Talente wegen unvollkommener Integration weder ausschöpfen noch einbringen können“, erklärte Reiner Geisler in seiner Laudatio, „wenn alle diese Menschen begreifen, was sie können, und ihr Können in unserer Stadt entfalten, dann wird unsere Stadt reich. Und das werden wir dann Menschen wie Gülseren Gümüs verdanken.“

Mit ihrem Verein organisiert Gülseren Gümüs unter anderem eine Theaterwerkstatt, eine Lese- und Schreibwerkstatt und eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder sowie einen Kreativkreis für Frauen. Ihr Engagement hilft behinderten und nichtbehinderten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und trägt zu einer besseren Lebensqualität in Duisburgs Stadtteil Hochfeld bei.

„Integration kann nicht verordnet werden“, erklärte Oberbürgermeister Adolf Sauerland, „Integration muss gelebt werden. Gülseren Gümüs tut das in beispielhafter Weise. Und die Novitas BKK trägt mit ihrem eigenen Engagement für Migranten ebenso wie mit dem von ihr gestifteten Duisburger Integrationspreis dazu bei.“

Gülseren Gümüs, deren 2011 in türkischer Sprache erschiene Autobiographie Engel duvari bereits die zweite Auflage erlebt,stellte in einem Vortrag die vielseitige Arbeit von Güldeste vor und wertete ihre Ehrung als Ermutigung: „Ich werde für die Kinder, für die Menschen und für Duisburg weiterarbeiten, so lange meine Kraft reicht.“

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Peter Singer und das Lebensrecht

Harald Stollmeier am 5. Juli 2011

Nicht jeder, der Peter Singer bejubelt, hat seine Praktische Ethik gründlich gelesen: Seine Widerlegung der meistgenutzten Argumente für die ethische Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen (Praktische Ethik, Reclam, S. 177-195) müsste auch hartgesottene Abtreibungsbefürworter nachdenklich machen. Denn für Peter Singer ist der menschliche Embryo von Anfang an ein Mensch.

Leider nützt das dem Embryonen wenig, weil Singer anschließend feststellt, dass dieser noch keine Person sei, sondern von seinem Bewusstsein her noch hinter einem Fisch und erst recht einem Huhn zurückbleibe. Und nur Personen will Singer den vollen Schutz der Menschenrechte zugestehen. Die Abtreibung eines zwölf Wochen alten Embryonen ist für Singer deshalb nicht an sich ein Unrecht.

Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen: Es geht um alle – kein Wunder, dass Lebensrechtler auf den Namen Singer mit einem reflexartigen Sprung in den Schützengraben reagieren.

Vielleicht ist es eine gute Idee, stattdessen einmal zu prüfen, wie sich die konsequente Anwendung der Anschauungen Singers auf die Realität in Deutschland auswirken würde. Dann gäbe es nämlich erheblich weniger Schwangerschaftsabbrüche als heute, weil Singer auch die Auswirkungen einer Abtreibung auf andere Betroffene berücksichtigt. Es gäbe deshalb wahrscheinlich nur noch Schwangerschaftsabbrüche, die beide Eltern wirklich wollen. Abbrüche wegen Trennungsdrohung seitens des Vaters (der mit Abstand häufigste Abtreibungsgrund) oder wegen vermeidbarer Probleme der Mutter in Schule, Ausbildung und Beruf sind nämlich Paradebeispiele für präferenzutilitaristische Katastrophen.

Es gibt also mildernde Umstände: Bei konsequenter Anwendung der Regeln Singers würde die Welt per Saldo besser, nicht schlechter. Denn die meisten der Diagnosen, die heute in Deutschland Abtreibungen wegen Behinderung begründen, vor allem das Down-Syndrom, lassen den Personenstatus der betroffenen Menschen unberührt. Sie sind für Singer zwar wie alle Schwangerschaftsabbrüche an sich wertneutral, aber es gibt für sie keine besondere Rechtfertigung. Anders ist das allerdings bei Anenzephalie.

All dies gilt schon bei einer uneingeschränkten Anerkennung von Singers Anschauungen. Um einen besseren Schutz ungeborener Menschen zu begründen, bedürfte  es einer Weiterentwicklung – die vielleicht möglich ist. Der katholische Philosoph Josef Bordat weist darauf hin, dass Singer das Potenzial der Ungeborenen nicht angemessen berücksichtigt, und in dieser Beobachtung steckt Potenzial.

Denn genaugenommen begnügt sich Singer mit der Widerlegung von Argumenten zur Wahrscheinlichkeit der Entwicklung und zur Einmaligkeit des genetischen Codes. Im Übrigen geht er mit dem Potenzial eines Embryonen, zur „Person“ zu werden, wie mit einem Lottoschein um.

Vielleicht liegt es an der Momentaufnahme: Es kann sein, dass ein Embryo zum Zeitpunkt X die von Singer geforderten Personeneigenschaften nicht besitzt und dass seine statistische Chance, sie zu erwerben, gering genug ist, um dem Embryonen den vollen Schutz der Menschenrechte zu verweigern.

Aber kein Mensch existiert nur in einem Moment. Unser Leben ist von Anfang an ein Prozess. Das heißt: Wenn wir ein Bild betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass es ein Ausschnitt aus einem abendfüllenden Film ist.

Es ist nicht in erster Linie eine Frage der Wahrscheinlichkeit, ob aus einem Embryonen ein Baby und später ein erwachsener Mensch wird: Es ist eine Frage des bereits laufenden Prozesses, in dessen Verlauf standardmäßig eine Person entsteht. Und es ist ein Unterschied, ob man Ergebnisse vergleicht oder Prozesse in verschiedenen Stadien ihres Ablaufs.

Auch mit dieser Erweiterung des Singerschen Personenbegriffs (die Singer sich erst noch zu Eigen machen müsste) bliebe eine Lücke zwischen der präferenzutilitaristischen und der christlichen Sicht. Aber sie ist viel kleiner, als Lebensrechtler fürchten und Abtreibungsfans glauben – so klein, dass zwischen der christlichen Forderung, jeden Menschen von der Empfängnis an zu schützen, und der präferenzutilitaristischen Zulässigkeit der Tötung oder zumindest Nichtrettung eines Menschen ohne Personeneigenschaft in der Praxis gar kein Unterschied mehr zu bleiben braucht. Denn wenn man wirklich sicher sein will, dass ein bestimmter Mensch gar keine Chance hat, sich zur Person zu entwickeln, dann gibt man ihm wenigstens eine.

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Abtreibung – ein neues Menschenrecht?

Caroline Stollmeier am 2. Juli 2011

Ist Abtreibung ein neues Menschenrecht – in Deutschland, in Europa, in der Welt?

Dazu gab es hochkarätige theoretische Auseinandersetzungen, beeindruckende praktische Veranschaulichung und einige ermutigende Ausblicke beim gemeinsamen Symposium der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), der Christdemokraten für das Leben (CDL) und der Juristen-Vereinigung Lebensrecht (JVL), das am 1. Juli 2011 in Köln stattfand.

Angesichts vermeintlich sinkender Abtreibungszahlen und niedriger Geburtenraten in Deutschland könnte man meinen, Abtreibung sei hier kein Thema mehr. Aber das stimmt nicht. Beispielsweise das Verbot der Gehsteigberatung in München und Freiburg sowie die kontrovers diskutierten Äußerungen des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner in der „Zeit“ haben das Thema erst kürzlich wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Ob es aus europäischer Sicht ein Recht auf Abtreibung gibt, erläuterte Prof. Dr. iur. Katharina Pabel. Insbesondere der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat bereits Entscheidungen dazu treffen müssen. Hier handelt es sich immer um Einzelfallentscheidungen, die auf Beschwerde einzelner Bürger erwachsen sind. Keinesfalls darf man also von einer Normkontrolle durch den Europäischen Gerichtshof ausgehen. Die Argumentation bei der Abwägung von Rechten lässt sich jedoch unter Umständen verallgemeinern. In den Staaten der Menschenrechtskonvention besteht keine Einigkeit darüber, ab welchem Zeitpunkt schützenswertes Leben beginnt. Deshalb gesteht der Europäische Gerichtshof den Mitgliedsstaaten einen weiten Beurteilungsspielraum in Fragen der Abtreibung zu. Aus keiner Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte geht hervor, dass es ein Recht auf Abtreibung gebe. 

Maria Grundberger, Hebamme, Mutter und seit 11 Jahren aktiv in der Gehsteigberatung, teilte ihre Erfahrungen und gab tiefe Einblicke zum Verständnis von Betroffenen in Schwangerschaftskonflikten. Die Diskussion um die Gewissensfreiheit der Betroffenen kann sie nicht nachvollziehen. „Diese Frauen sind überhaupt nicht frei“, sagt sie, „die sind verzweifelt, die sind in Not, aber die sind überhaupt nicht frei.“  Und das resultiert daraus, dass alle Frauen, die sie getroffen hat, mit dem Konflikt überfordert waren, den Konflikt einfach nicht mehr ausgehalten haben und Angst hatten.

Auch von gängigen Abtreibungsverfahren erzählte Maria Grundberger, teilweise aus eigener Erfahrung, die sie während ihrer Klinikzeit gemacht hat. Bei der Spätabtreibung beispielsweise wird ein bestimmtes Gel auf den Muttermund gebracht, das Wehen auslöst. Oder die Schwangere bekommt ein bis zwei Tabletten, die ebenfalls Wehen auslösen. Damit wird der Geburtsvorgang eingeleitet. Zwei Tage kann es dann bis zur Geburt dauern. Kurz vorher wird der Schwangeren noch ein Medikament verabreicht, das eigentlich dafür da ist Frauen bei Komplikationen nach der Geburt vor dem Verbluten zu retten. Dieses Medikament bewirkt ein starkes Krampfen der Gebärmutter. Dadurch soll sichergestellt werden, dass das Kind bei einer Spätabtreibung auch auf jeden Fall tot geboren wird. Die dadurch ausgelösten Hirnblutungen seien noch beim Neugeborenen deutlich sichtbar, sagt Maria Grundberger. Nicht wenige Teilnehmer der Veranstaltung mussten während Maria Grundbergers Vortrag mit den Tränen kämpfen.

Der Kinderarzt Dr. med. Peter Liese MdEP erläuterte welche Rolle das Europaparlament und die Kommission bei der Diskussion um Abtreibungen spielen. Er berichtete davon, dass es dem Zusammenschluss der christlichen Parteien in Europa gelungen sei, sich gemeinsam auf den Grundsatz zu einigen, dass eine Abtreibung nie als Lösung des Problems einer ungewollten Schwangerschaft anzusehen ist. Das Subsidiaritätsprizip führt außerdem dazu, dass es kein europäisches Recht auf Abtreibung gibt. Er appelliert an die Lebensrechtsbewegung, sich nicht entmutigen zu lassen. Für Europaabgeordnete gebe es beispielsweise keinen Fraktionszwang, so dass es sich lohnen könnte vor wichtigen Entscheidungen zu ihnen Kontakt aufzunehmen.

Peter Liese betonte, dass die im Moment in Deutschland diskutierte Präimplantationsdiagnostik (PID) keine Abtreibungen verhindern kann, wie manchmal behauptet wird. Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass es eine nennenswerte Zahl von Abtreibungen nach PID gäbe, sagte er. Im Übrigen war er sich sicher, dass die bevorstehende PID-Entscheidung in Deutschland ausstrahlende Wirkung auf die USA und andere Länder habe, die insbesondere wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit einen besonders sensiblen und richtungweisenden Umgang Deutschlands mit der Thematik erwarten.

Als persönliche Botschaft gab Peter Liese den Veranstaltungsteilnehmern noch die Empfehlung auf den Weg, beim Thema Abtreibung nicht nur an Zahlen, Demografieentwicklung, Fachkräftemangel und Rentenversicherungssysteme zu denken. „Das ungeborene Kind hat ein Recht auf Leben. Nur aus diesem Grund müssen wir es schützen“, betonte er.

Alexandra Linder M. A. räumte mit Irrmeinungen der weltweiten Bevölkerungspolitik auf. In der Regel geht man davon aus, dass zuerst die Bevölkerungsexplosion in der „Dritten Welt“ eingedämmt werden muss und dass dann der wirtschaftliche Aufschwung verbunden mit mehr Wohlergehen für alle folgen würde. Dazu wird oft der einfache Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen gefordert (was fälschlicherweise oft auch noch als gleichwertig angesehen wird). Alexandra Linder hingegen betonte, dass es in keinem Fall bisher belegt werden konnte, dass dieser Mechanismus tatsächlich greift. Dies verdeutliche sie unter anderem am Beispiel Bangladesch. Dort wird seit mehr als 30 Jahren in großem Stil heimlich abgetrieben. Dadurch wurde die Geburtenrate auf annähernd westliches Niveau gesenkt. Dennoch ist Bangladesch immer noch eines der ärmsten Länder der Welt, von Wirtschaftsaufschwung durch Bevölkerungsrückgang keine Spur.

Angeblich stirbt jährlich immer noch eine unvorstellbar große Zahl von Frauen an illegalen und deshalb verpfuschten Abtreibungen. Alexandra Linder sagte, dass diese Zahlen schlicht unhaltbar sind, denn sie widersprechen sich und sind durch nichts begründet. Sie vermutet handfeste Interessenpolitik dahinter und belegte, dass insbesondere Länder mit strikten Abtreibungsgesetzen die niedrigste Müttersterblichkeit aufweisen.

Alexandra Linder verfügt über großes Insiderwissen aus der professionellen Abtreibungsindustrie. Häufig steckten bei entsprechenden Organisationen zumindest ursprünglich eugenische Motive hinter den Forderungen nach Verhütungsmitteln und nach Abtreibungen. „Denen geht es nicht mehr darum, ab wann menschliches Leben geschützt werden soll“, sagt sie, „darüber sind die längst hinaus. Es geht nur noch darum, wie man möglichst viele Abtreibungen möglichst effizient machen kann ohne, dass es jemand merkt.“

Die „Profiabtreiber“, wie Alexandra Linder sie nennt, sind mächtig und haben insbesondere durch die Unterstützung der Pharmaindustrie beträchtliche Geldmittel zur Verfügung. Dennoch haben sie noch nicht so viel erreicht, wie sie sich wünschen würden. Die einzigen ernstzunehmenden Gegner seien in den Augen der Profiabtreiber die katholische Kirche und die Lebensrechtler.

Prof. Dr. theol. Peter Schallenberg analysierte, warum Lebensrechtler für die unbedingte Begründung des Rechts auf Leben eintreten und welche Ziele sie dabei verfolgen. „Gott ist nicht Buch geworden, Gott ist Mensch geworden“, sagte er. Und betonte, dass der Einsatz für den Schutz Ungeborener keinesfalls nur religiös begründet ist, sondern ein ethischer Grundsatz, der auch unabhängig von Religion konsensfähig sein müsste.

 

 

Referenten

Die Referenten des ALfA-, CDL- und JVL-Sympossiums “Abtreibung – ein neues Menschenrecht?” am 1. Juli 2011 in Köln

(Fotos: Caroline Stollmeier)

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Gegen maßlose Gewalt hilft nur maßvolle Gewalt

Harald Stollmeier am 1. Juli 2011

Buchbesprechung: Herbert Pribyl (Hg.),Terrorismus – eine apokalyptische Bedrohung?

Terrorismus kann man nur dann erfolgreich bekämpfen, wenn man dabei nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Bevor man ihn mit dem rechten Maß bekämpfen kann, muss man ihn korrekt definieren und richtig verstehen, aus historischer, politikwissenschaftlicher, psychologischer und philosophischer Sicht. Außerdem muss man die eigenen Werte richtig verstehen, und die Grenzen, die diese dem eigenen Handeln auferlegen.

Es muss eine der interessantesten akademischen Tagungen des Jahrzehnts gewesen sein, als sich zu diesem Zweck im März 2009 vierzehn Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen aus Deutschland, Österreich und Ungarn unter der Leitung von Prof. DDr. Herbert Pribyl an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz versammelten, unter ihnen mit  Peter Gridling vom Österreichischen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung auch ein ausgewiesener Praktiker.

Entsprechend lesenswert ist das seit 2010 in Buchform vorliegende Ergebnis dieser Tagung, obwohl über eine befriedigende Definition von Terrorismus offenbar kein Einvernehmen erzielt worden ist. Am genauesten scheint es Manfred Spieker zu treffen, der unter Berufung auf Herfried Münkler den Terrorismus als eine Kommunikationsstrategie auffasst, die ohne Massenmedien keine Erfolgsaussicht hätte (S. 123f.).

Wie schon das Titelbild nahelegt, werden die Anschläge vom 11. September 2001 als Zäsur diskutiert. Herbert Pribyl (S. 163f.) setzt die Zäsur früher, nämlich mit dem Ende des Kalten Krieges an und beobachtet seit 1990 erstens zunehmende Angriffe auf Unschuldige und zweitens das Streben nach hohen Opferzahlen.

Terrorismus ist heute ein fast ausschließlich islamistisches Phänomen. Das ist zwar auch eine Folge des Imperialismus und des Nahostkonflikts. Ein pauschaler Argwohn gegen alle monotheistischen Religionen im Sinne von Jan Assmanns „mosaischer Unterscheidung“  ist bei näherem Hinsehen (Jakob Mitterhöfer, S. 87-100) ebensowenig angebracht wie ein Freispruch für den Islam.

Der Erlanger Islamwissenschaftler Jörn Thielmann (S. 101-120) legt überzeugend dar, dass sowohl der dramatische Unterschied zwischen dem Islam und den übrigen monotheistischen Religionen als auch das Problem mit islamistisch begründeter Gewalt nicht im Inhaltlichen liegen. Nicht was im Koran steht ist das Problem, sondern die in der islamischen Welt vorherrschende Anschauung, der Koran sei direkt und unmittelbar Gottes Wort. Diese Anschauung verhindert die historisch-kritisch gebotene Einordnung der blutrünstigsten Koranpassagen in einen längst überwundenen Zusammenhang und damit ihre Widerlegung als Rechtfertigung terroristischer Gewalt (S. 107f.).

Terrorismus ist ein schweres Übel; man darf ihn mit Gewalt bekämpfen, vielleicht sogar einen Krieg gegen den Terrorismus führen. Dennoch warnen mehrere der Autoren eindringlich vor einer Überschätzung der Möglichkeiten dieses Krieges (Stefan Lakonig, S. 256f.) und vor einer Unterschätzung der Kosten und Folgen (Bernhard Adamec, S. 263-277).

Herbert Pribyl (S. 163-176) und, noch schärfer, Josef Spindelböck (S. 177-197) fordern die Anwendung strenger sittlicher Kriterien im Kampf gegen Terrorismus und Terroristen, insbesondere der Lehre vom „gerechten Krieg“, schließlich vor allem rechtsstaatliches Vorgehen und internationale Zusammenarbeit. Josef Spindelböcks Schlusswort zu seinem eigenen Aufsatz hätte sich gut als Schlusswort für das gesamte Buch geeignet: „Nur ein Tätigwerden im Namen des staatlichen und weltweiten Gemeinwohls ist bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus gerechtfertigt, nicht aber die Durchsetzung eigener Interessen und Machtansprüche.“

Das Buch Terrorismus – eine apokalyptische Bedrohung ist 2010 im Be&Be-Verlag, Heiligenkreuz erschienen und u. a. im Online-Klostershop zum Preis von 15,90 Euro erhältlich.

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