Abtreibung – ein neues Menschenrecht?

Caroline Stollmeier am 2. Juli 2011

Ist Abtreibung ein neues Menschenrecht – in Deutschland, in Europa, in der Welt?

Dazu gab es hochkarätige theoretische Auseinandersetzungen, beeindruckende praktische Veranschaulichung und einige ermutigende Ausblicke beim gemeinsamen Symposium der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA), der Christdemokraten für das Leben (CDL) und der Juristen-Vereinigung Lebensrecht (JVL), das am 1. Juli 2011 in Köln stattfand.

Angesichts vermeintlich sinkender Abtreibungszahlen und niedriger Geburtenraten in Deutschland könnte man meinen, Abtreibung sei hier kein Thema mehr. Aber das stimmt nicht. Beispielsweise das Verbot der Gehsteigberatung in München und Freiburg sowie die kontrovers diskutierten Äußerungen des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner in der „Zeit“ haben das Thema erst kürzlich wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Ob es aus europäischer Sicht ein Recht auf Abtreibung gibt, erläuterte Prof. Dr. iur. Katharina Pabel. Insbesondere der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat bereits Entscheidungen dazu treffen müssen. Hier handelt es sich immer um Einzelfallentscheidungen, die auf Beschwerde einzelner Bürger erwachsen sind. Keinesfalls darf man also von einer Normkontrolle durch den Europäischen Gerichtshof ausgehen. Die Argumentation bei der Abwägung von Rechten lässt sich jedoch unter Umständen verallgemeinern. In den Staaten der Menschenrechtskonvention besteht keine Einigkeit darüber, ab welchem Zeitpunkt schützenswertes Leben beginnt. Deshalb gesteht der Europäische Gerichtshof den Mitgliedsstaaten einen weiten Beurteilungsspielraum in Fragen der Abtreibung zu. Aus keiner Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte geht hervor, dass es ein Recht auf Abtreibung gebe. 

Maria Grundberger, Hebamme, Mutter und seit 11 Jahren aktiv in der Gehsteigberatung, teilte ihre Erfahrungen und gab tiefe Einblicke zum Verständnis von Betroffenen in Schwangerschaftskonflikten. Die Diskussion um die Gewissensfreiheit der Betroffenen kann sie nicht nachvollziehen. „Diese Frauen sind überhaupt nicht frei“, sagt sie, „die sind verzweifelt, die sind in Not, aber die sind überhaupt nicht frei.“  Und das resultiert daraus, dass alle Frauen, die sie getroffen hat, mit dem Konflikt überfordert waren, den Konflikt einfach nicht mehr ausgehalten haben und Angst hatten.

Auch von gängigen Abtreibungsverfahren erzählte Maria Grundberger, teilweise aus eigener Erfahrung, die sie während ihrer Klinikzeit gemacht hat. Bei der Spätabtreibung beispielsweise wird ein bestimmtes Gel auf den Muttermund gebracht, das Wehen auslöst. Oder die Schwangere bekommt ein bis zwei Tabletten, die ebenfalls Wehen auslösen. Damit wird der Geburtsvorgang eingeleitet. Zwei Tage kann es dann bis zur Geburt dauern. Kurz vorher wird der Schwangeren noch ein Medikament verabreicht, das eigentlich dafür da ist Frauen bei Komplikationen nach der Geburt vor dem Verbluten zu retten. Dieses Medikament bewirkt ein starkes Krampfen der Gebärmutter. Dadurch soll sichergestellt werden, dass das Kind bei einer Spätabtreibung auch auf jeden Fall tot geboren wird. Die dadurch ausgelösten Hirnblutungen seien noch beim Neugeborenen deutlich sichtbar, sagt Maria Grundberger. Nicht wenige Teilnehmer der Veranstaltung mussten während Maria Grundbergers Vortrag mit den Tränen kämpfen.

Der Kinderarzt Dr. med. Peter Liese MdEP erläuterte welche Rolle das Europaparlament und die Kommission bei der Diskussion um Abtreibungen spielen. Er berichtete davon, dass es dem Zusammenschluss der christlichen Parteien in Europa gelungen sei, sich gemeinsam auf den Grundsatz zu einigen, dass eine Abtreibung nie als Lösung des Problems einer ungewollten Schwangerschaft anzusehen ist. Das Subsidiaritätsprizip führt außerdem dazu, dass es kein europäisches Recht auf Abtreibung gibt. Er appelliert an die Lebensrechtsbewegung, sich nicht entmutigen zu lassen. Für Europaabgeordnete gebe es beispielsweise keinen Fraktionszwang, so dass es sich lohnen könnte vor wichtigen Entscheidungen zu ihnen Kontakt aufzunehmen.

Peter Liese betonte, dass die im Moment in Deutschland diskutierte Präimplantationsdiagnostik (PID) keine Abtreibungen verhindern kann, wie manchmal behauptet wird. Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass es eine nennenswerte Zahl von Abtreibungen nach PID gäbe, sagte er. Im Übrigen war er sich sicher, dass die bevorstehende PID-Entscheidung in Deutschland ausstrahlende Wirkung auf die USA und andere Länder habe, die insbesondere wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit einen besonders sensiblen und richtungweisenden Umgang Deutschlands mit der Thematik erwarten.

Als persönliche Botschaft gab Peter Liese den Veranstaltungsteilnehmern noch die Empfehlung auf den Weg, beim Thema Abtreibung nicht nur an Zahlen, Demografieentwicklung, Fachkräftemangel und Rentenversicherungssysteme zu denken. „Das ungeborene Kind hat ein Recht auf Leben. Nur aus diesem Grund müssen wir es schützen“, betonte er.

Alexandra Linder M. A. räumte mit Irrmeinungen der weltweiten Bevölkerungspolitik auf. In der Regel geht man davon aus, dass zuerst die Bevölkerungsexplosion in der „Dritten Welt“ eingedämmt werden muss und dass dann der wirtschaftliche Aufschwung verbunden mit mehr Wohlergehen für alle folgen würde. Dazu wird oft der einfache Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen gefordert (was fälschlicherweise oft auch noch als gleichwertig angesehen wird). Alexandra Linder hingegen betonte, dass es in keinem Fall bisher belegt werden konnte, dass dieser Mechanismus tatsächlich greift. Dies verdeutliche sie unter anderem am Beispiel Bangladesch. Dort wird seit mehr als 30 Jahren in großem Stil heimlich abgetrieben. Dadurch wurde die Geburtenrate auf annähernd westliches Niveau gesenkt. Dennoch ist Bangladesch immer noch eines der ärmsten Länder der Welt, von Wirtschaftsaufschwung durch Bevölkerungsrückgang keine Spur.

Angeblich stirbt jährlich immer noch eine unvorstellbar große Zahl von Frauen an illegalen und deshalb verpfuschten Abtreibungen. Alexandra Linder sagte, dass diese Zahlen schlicht unhaltbar sind, denn sie widersprechen sich und sind durch nichts begründet. Sie vermutet handfeste Interessenpolitik dahinter und belegte, dass insbesondere Länder mit strikten Abtreibungsgesetzen die niedrigste Müttersterblichkeit aufweisen.

Alexandra Linder verfügt über großes Insiderwissen aus der professionellen Abtreibungsindustrie. Häufig steckten bei entsprechenden Organisationen zumindest ursprünglich eugenische Motive hinter den Forderungen nach Verhütungsmitteln und nach Abtreibungen. „Denen geht es nicht mehr darum, ab wann menschliches Leben geschützt werden soll“, sagt sie, „darüber sind die längst hinaus. Es geht nur noch darum, wie man möglichst viele Abtreibungen möglichst effizient machen kann ohne, dass es jemand merkt.“

Die „Profiabtreiber“, wie Alexandra Linder sie nennt, sind mächtig und haben insbesondere durch die Unterstützung der Pharmaindustrie beträchtliche Geldmittel zur Verfügung. Dennoch haben sie noch nicht so viel erreicht, wie sie sich wünschen würden. Die einzigen ernstzunehmenden Gegner seien in den Augen der Profiabtreiber die katholische Kirche und die Lebensrechtler.

Prof. Dr. theol. Peter Schallenberg analysierte, warum Lebensrechtler für die unbedingte Begründung des Rechts auf Leben eintreten und welche Ziele sie dabei verfolgen. „Gott ist nicht Buch geworden, Gott ist Mensch geworden“, sagte er. Und betonte, dass der Einsatz für den Schutz Ungeborener keinesfalls nur religiös begründet ist, sondern ein ethischer Grundsatz, der auch unabhängig von Religion konsensfähig sein müsste.

 

 

Referenten

Die Referenten des ALfA-, CDL- und JVL-Sympossiums “Abtreibung – ein neues Menschenrecht?” am 1. Juli 2011 in Köln

(Fotos: Caroline Stollmeier)

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4 Kommentare zu “Abtreibung – ein neues Menschenrecht?”

  1. P. Robert Jauch OFMam 2. Oktober 2011 um 22:05

    Es muß Symposium oder Symposion heißen, also auf jeden fall nur ein -S-. Schallenberger habe ich in Paderbporn getroffen. Schön, mal wieder etwas von A. Lindner (mit Bild) zu sehen. Ihre Beiträge im VATICAN-Magazin gefallen mir immer sehr. Gruß! Robert

  2. Waleam 11. Januar 2015 um 11:46

    Mal Hand aufs Herz: Wer hat nur Sex rein zur Fortpflanzung?
    Meine Freundin und ich jedenfalls nicht! Wir genießen unser Sexleben in vollen Zügen. Weil kein Verhütungsmittel 100% sicher ist, sind wir froh, ein allenfalls ungewollt gezeugtes Kind abtreiben zu können. Schon in alten Zeiten wurde abgetrieben und wie: Mit fragwürdigen chemischen Substanzen oder dubiosen mechanischen Methoden wurde versucht, den Embryo zu töten. Oft kam es vor, dass er die Prozedur mehr oder weniger stark verletzt überlebte und in der Folge ein behindertes Kind geboren wurde. Dass die abtreibende Frau bei diesem Eingriff erhebliche gesundheitliche Risiken einging, kam noch dazu.
    Die heutzutage angewandten Abtreibungsmethoden -ob chemisch oder mechanisch durch Absaugung- töten den Embryo sicher, schnell und schmerzlos und für die Frauen bestehen kaum mehr gesundheitliche Risiken.

  3. Harald Stollmeieram 14. Januar 2015 um 6:12

    Oh Wale! “Fragwürdig” und “dubios” sind die von Ihnen beschriebenen Substanzen und Methoden aus Ihrer Sicht ausschließlich, weil sie nicht zuverlässig töteten und, das bedrückt Sie wirklich, das Kind nicht tot zur Welt kam sondern, schlimmer noch, behindert! Ich finde Ihre Stellungnahme so auffallend kaltherzig, dass ich mich verpflichtet sehe, Sie zu fragen, ob das Ihre wirkliche Meinung ist oder ob Sie in Wirklichkeit ein radikaler Abtreibungsgegner sind, dem die Stellungnahmen der “Pro Choice”-Leute nicht durchsichtig genug sind.

    Mit freundlichen Grüßen
    Harald Stollmeier

  4. Waleam 17. Januar 2015 um 10:18

    Natürlich bin ich ein überzeugter Abtreibungsbefürworter.
    Erst die Möglichkeit, ein allenfalls ungewollt gezeugtes Kind abtreiben zu können, garantiert meiner Freundin und mir ein unbeschwertes Sexualleben. Im Klatext: Wir akzeptieren keine Verhütungpannen!

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