Peter Singer und das Lebensrecht

Harald Stollmeier am 5. Juli 2011

Nicht jeder, der Peter Singer bejubelt, hat seine Praktische Ethik gründlich gelesen: Seine Widerlegung der meistgenutzten Argumente für die ethische Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen (Praktische Ethik, Reclam, S. 177-195) müsste auch hartgesottene Abtreibungsbefürworter nachdenklich machen. Denn für Peter Singer ist der menschliche Embryo von Anfang an ein Mensch.

Leider nützt das dem Embryonen wenig, weil Singer anschließend feststellt, dass dieser noch keine Person sei, sondern von seinem Bewusstsein her noch hinter einem Fisch und erst recht einem Huhn zurückbleibe. Und nur Personen will Singer den vollen Schutz der Menschenrechte zugestehen. Die Abtreibung eines zwölf Wochen alten Embryonen ist für Singer deshalb nicht an sich ein Unrecht.

Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen: Es geht um alle – kein Wunder, dass Lebensrechtler auf den Namen Singer mit einem reflexartigen Sprung in den Schützengraben reagieren.

Vielleicht ist es eine gute Idee, stattdessen einmal zu prüfen, wie sich die konsequente Anwendung der Anschauungen Singers auf die Realität in Deutschland auswirken würde. Dann gäbe es nämlich erheblich weniger Schwangerschaftsabbrüche als heute, weil Singer auch die Auswirkungen einer Abtreibung auf andere Betroffene berücksichtigt. Es gäbe deshalb wahrscheinlich nur noch Schwangerschaftsabbrüche, die beide Eltern wirklich wollen. Abbrüche wegen Trennungsdrohung seitens des Vaters (der mit Abstand häufigste Abtreibungsgrund) oder wegen vermeidbarer Probleme der Mutter in Schule, Ausbildung und Beruf sind nämlich Paradebeispiele für präferenzutilitaristische Katastrophen.

Es gibt also mildernde Umstände: Bei konsequenter Anwendung der Regeln Singers würde die Welt per Saldo besser, nicht schlechter. Denn die meisten der Diagnosen, die heute in Deutschland Abtreibungen wegen Behinderung begründen, vor allem das Down-Syndrom, lassen den Personenstatus der betroffenen Menschen unberührt. Sie sind für Singer zwar wie alle Schwangerschaftsabbrüche an sich wertneutral, aber es gibt für sie keine besondere Rechtfertigung. Anders ist das allerdings bei Anenzephalie.

All dies gilt schon bei einer uneingeschränkten Anerkennung von Singers Anschauungen. Um einen besseren Schutz ungeborener Menschen zu begründen, bedürfte  es einer Weiterentwicklung – die vielleicht möglich ist. Der katholische Philosoph Josef Bordat weist darauf hin, dass Singer das Potenzial der Ungeborenen nicht angemessen berücksichtigt, und in dieser Beobachtung steckt Potenzial.

Denn genaugenommen begnügt sich Singer mit der Widerlegung von Argumenten zur Wahrscheinlichkeit der Entwicklung und zur Einmaligkeit des genetischen Codes. Im Übrigen geht er mit dem Potenzial eines Embryonen, zur „Person“ zu werden, wie mit einem Lottoschein um.

Vielleicht liegt es an der Momentaufnahme: Es kann sein, dass ein Embryo zum Zeitpunkt X die von Singer geforderten Personeneigenschaften nicht besitzt und dass seine statistische Chance, sie zu erwerben, gering genug ist, um dem Embryonen den vollen Schutz der Menschenrechte zu verweigern.

Aber kein Mensch existiert nur in einem Moment. Unser Leben ist von Anfang an ein Prozess. Das heißt: Wenn wir ein Bild betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass es ein Ausschnitt aus einem abendfüllenden Film ist.

Es ist nicht in erster Linie eine Frage der Wahrscheinlichkeit, ob aus einem Embryonen ein Baby und später ein erwachsener Mensch wird: Es ist eine Frage des bereits laufenden Prozesses, in dessen Verlauf standardmäßig eine Person entsteht. Und es ist ein Unterschied, ob man Ergebnisse vergleicht oder Prozesse in verschiedenen Stadien ihres Ablaufs.

Auch mit dieser Erweiterung des Singerschen Personenbegriffs (die Singer sich erst noch zu Eigen machen müsste) bliebe eine Lücke zwischen der präferenzutilitaristischen und der christlichen Sicht. Aber sie ist viel kleiner, als Lebensrechtler fürchten und Abtreibungsfans glauben – so klein, dass zwischen der christlichen Forderung, jeden Menschen von der Empfängnis an zu schützen, und der präferenzutilitaristischen Zulässigkeit der Tötung oder zumindest Nichtrettung eines Menschen ohne Personeneigenschaft in der Praxis gar kein Unterschied mehr zu bleiben braucht. Denn wenn man wirklich sicher sein will, dass ein bestimmter Mensch gar keine Chance hat, sich zur Person zu entwickeln, dann gibt man ihm wenigstens eine.

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6 Kommentare zu “Peter Singer und das Lebensrecht”

  1. Matthiasam 6. Juli 2011 um 23:45

    Lieber Harald,

    es freut mich, dass Singers Positionen von dir so sachgerecht und positiv dargestellt werden. Tatsächlich sind die meisten seiner Schlüsse, wenn man sie zuende denkt, konsensfähig. Das macht ja auch die Stärke des Präferenzutilitarismus aus.

    Es sind nicht so sehr die moralischen Normen, es sind natürlich die Begründungen moralischer Normen, die nicht zu den Voraussetzungen der (prinzipiellen) Heiligkeit des menschlichen Lebens, wie sie u. a. eine christiliche Ethik vertritt, passen wollen.

    Man kann diesen Konflikt m. E. nicht über die Einführung des Prozesscharakters heilen. Singer hätte ja wohl gar kein Problem mit der Prozessualität. Aber die Frage lautet doch: Welche moralische Relevanz hat dieser Prozesscharakter?

    Die Prozessualität von Entwicklungsvorgängen in der Natur als solche hat nur moralische Relevanz, wenn man solche Vorgänge auch für sich genommen als moralisch wertvoll betrachtet. Ich sehe aber nicht ein, warum ich z.B. den natürlichen Verlauf einer Krankheit als moralisch wertvoll ansehen sollte. Überhaupt kann man darüber hinaus auch mit Hannah Arendt die Frage stellen, ob es überhaupt “Prozesse” in der Natur geben kann oder nicht nur dort, wo menschliches Handeln mit eine Rolle spielt. Insofern kann die Frage des Schwangerwerdenwollens moralisch relevant sein, nicht aber das Schangerwerden oder Schwangersein.

    Falls ich aber die Prozessualität des menschlichen Lebens für moralisch wertvoll erachte, weil es ein Mensch ist, der da im Entstehen (und Vergehen) ist, dann hintergehe ich eine der wichtigsten Prämissen Singers: dass ein Mensch nicht deswegen moralisch bedeutsam ist, weil er “ein Mensch” ist.

    Ich denke, man muss Singer schon ernst nehmen, wenn man ihn retten will (sofern er denn überhaupt gerettet werden muss). Ich glaube nicht, dass es an diesem Punkt gelingen kann.

    Beste Grüße!
    Matthias.

  2. Harald Stollmeieram 7. Juli 2011 um 5:46

    Lieber Matthias,

    vielen Dank für die aufmerksame Kommentierung! In einem Punkt allerdings bitte ich eindringlich um Korrektur: Ich habe von einem Prozess geschrieben, “in dessen Verlauf standardmäßig eine Person entsteht.” Eine Person, nicht ein Mensch. Ein Mensch ist es ja auch für Singer von Anfang an. Das unterscheidet Singer ja so wohltuend von den selbsternannten Fachleuten, die Embryonen als Zellhaufen bezeichnen.

    Wenn das, was mit dem Menschen nach seiner Zeugung geschieht, nicht als Prozess bezeichnet werden sollte (weil kein “Täter” erkennbar ist?), als was würdest Du es denn sonst bezeichnen? Vom natürlichen Verlauf einer Krankheit ist es jedenfalls unterscheidbar.

    Herzliche Grüße
    Harald

  3. Matthiasam 8. Juli 2011 um 8:06

    Lieber Harald,

    sorry, Du hast natürlich recht! Da habe ich nicht sorgfältig genug hingelesen. Mit dem Personenbegriff setzt Du Dich auf jedem Fall nicht dem Vorwurf eines unqualifizierten Speziezismus aus. Ich möchte aber auch davor warnen, den Personenbegriff bei Singer überzustrapazieren. Ich habe ihn immer eher als terminus technicus verstanden, um den moralisch relevanten Eigenschaften der Leidensfähigkeit, des Bewusstseins bzw. Selbstbewusstseins sowie der Fähigkeit, sich als Wesen in der Zeit zu begreifen, eine begriffliche Gesamtheit zu schaffen. Ontologisch betrachtet interssiert ihn m. E. weder der Mensch noch die Person, sondern allein die (aggregierten) Leidens- und Glückszustände in der Welt. Da ist er dann doch ganz Utilitarist. Aber hier wird es dann vielleicht doch etwas spitzfindig…

    Was Deine Frage angeht, so würde ich doch wirklich gerne an die klassische Unterscheidung zwischen Handeln und Herstellen erinnern. Solange wir im moralischen Denken bleiben, dann sind wir beim Handeln, beim Setzen eines Anfangs. Hier müssen wir uns die Frage stellen, ob wir moralisch gesehn etwas anfangen dürfen oder nicht. Diese Abwägung verlangt danach, die Folgen unseres Handelns möglichst genau zu überblicken. Das bedeutet auch und heutzutage vielleicht gerade, Wahrscheinlichkleiten mit einubeziehen.

    Das, was Du ‘Prozess’ nennst, klingt für mich eher nach einem Problem für denjenigen, der etwas herstellt. Für ihn oder sie stellt sich die Frage, etwas ‘gut zu machen’, für den moralisch Handelnden die, ‘gut zu sein’. Ich weiß jedenfalls nicht, wie man den Prozessbegriff konstitutiv für das moralische Denken machen soll.

    Nicht umsonst beschäftigt uns der Prozess des Menschwerdens als moralisches Problem ja genau dann, wenn wir uns fragen, ob wir damit anfangen dürfen, Menschen herzustellen. Aber auch hier geht es ja um eine entsprechende Abwägung der Folgen und damit auch um die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens. Die Frage des eigentlichen Prozesses, um den es da geht beim Menschenmachen, ist ein Thema der Fachdisziplinen, nicht der Ethik.

    Ich hoffe,ich habe mich halbwegs verständlich ausgedrückt.

    Liebe Grüße!
    Matthias.

  4. Harald Stollmeieram 9. Juli 2011 um 9:09

    Lieber Matthias,

    vielen Dank für Richtigstellung und Erläuterung!

    Was mit dem Menschen nach seiner Zeugung geschieht, unterscheidet sich vom technischen Prozess einer Herstellung insofern markant, als letzterer, jedenfalls bei vergleichbarerer Fertigungstiefe, aus mehreren Schritten besteht, die sich nicht von selbst vollziehen.

    Die Entwicklung eines Embryonen (nicht nur eines menschlichen) verläuft unter natürlichen Bedingungen ohne weiteren Anstoß in eine von vornherein feststehende Richtung. Es dürfte zulässig sein, vom Ablauf eines Programms zu sprechen.

    Alles, was der menschliche Embryo nach der Zeugung noch braucht, um eine Person im Sinne Singers zu werden, ist Zeit.

    Bei näherem Hinsehen muss ich einräumen, dass dieser Prozess sich in dieser Hinsicht zwar vom Verlauf einer Infektionserkrankung, nicht aber von Verlauf einer Krebserkrankung unterscheidet (im Hinblick auf die Unausweichlichkeit des Ergebnisses, nicht auf das Ergebnis selbst, das bei der Schwangerschaft die Geburt eines Babys, bei der Krebserkranung der Tod des Patienten ist).

    Das heißt: Während man bei der Krebserkrankung gut beraten und definitiv berechtigt ist, massiv einzuschreiten, solange die bösartige Neubildung noch ganz klein ist, gilt für die Person im Embryonalstadium, dass man gut beraten und definitiv berechtigt ist, sie zu schützen, während sie noch ganz klein ist.

    Hinzu kommt, dass ein Schwangerschaftabbruch ind der Regel vorgenommenwird, nicht obwohl sondern weil der menschliche Fötus automatisch in absehbarer Zeit zur Person im Sinne Singers wird. Auch das spricht für die moralische Relevanz des (vielleicht noch nicht optimal benannten) Prozesscharakters.

    Und das gilt meines Erachtens allein auf der Grundlage des Präferenzutilitarismus, ohne Rückgriff auf die Heiligkeit des menschlichen Lebens. Und das ist der Sinn meines Ansatzes: herauszufinden, wie weit man eigentlich kommt, wenn man Singer eine Chance gibt.

    Herzliche Grüße
    Harald

  5. Matthiasam 9. Juli 2011 um 15:50

    Lieber Harald,

    vielen Dank für Deine Entgegnung und Klarstellung. Ich glaube, ich habe mich zunächst blöd ausgedrückt und bin dann über die von mir selbst vorgeschlagene Unterscheidung ein Stück weit in Konfusion geraten.

    Was ich eigentlich meinte: Ein naturnotwendiger Vorgang kann im klassischen Sinne kein Prozess sein, und zwar deswegen, weil es dafür einen Anfang braucht, ein Durchbrechen des natureigenen ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Das ist ungefähr das, was ich von Hannah Arendt gelernt habe und hier möglicherweise von Interesse ist.
    Falls ich es recht verstanden habe, ist der rein natürliche Vorgang danach nicht von politischer oder moralischer Relevanz; sehr wohl aber das durch bewusstes Handeln erwachsende Beenden oder Verändern natürlicher Vorgänge. Alles, was daraus folgt, ist ja dann durch den Menschen (mit)verursacht.

    So wäre das natürliche Werden oder Vergehen eines Menschen als solches weder ein Prozess noch von moralischen Wert. Das bewusste Zeugen eines Menschen, der Abbruch der Schwangerschaft mit der erwünschten und kalkulierten Folge der Tötung eines Menschen dann allerdings sehr wohl eine moralische Frage – unabhängig davon, ob bei einer vollständigen Abwägung aller Folgen eine moralische Rechtfertigung dieses Handelns möglich ist oder nicht.

    Man könnte sich natürlich eine abgeleitete Bedeutung des Prozessbegriffs vorstellen, wenn man das Werden des Menschen als göttliches Eingreifen begriffe. Damit würde der notwendige Kreislauf der Natur von Gott selbst mit der Initiierung eines menschlichen Lebens unterbrochen, also ein heiliger, gottgegebener Prozess. Ich denke aber nicht, dass du so etwas meinst, oder?

    In der Hoffnung, nicht an dem vorbeizuargumentieren, was Du meinst,
    liebe Grüße!
    Matthias.

  6. Harald Stollmeieram 9. Juli 2011 um 19:50

    Lieber Matthias,

    das meine ich in der Tat nicht, dass jede Zeugung eines Menschen ein Eingriff Gottes in die Natur wäre. Als guter Katholik glaube ich zwar an solche göttlichen Einwirkungen in zwei Fällen, aber diese sind definitiv Ausnahmen.

    Mir scheint, dass “Prozess” für den Vorgang, den ich beschreibe, vielleicht nicht die beste Bezeichnung ist. Jedenfalls ist das, was nach der Zeugung des Menschen geschieht, ganz zweifelsfrei ein natürlicher Vorgang.

    Insofern gibt es wohl keinen Widerspruch zwischen der Arendtschen Sicht und derjenigen, die in der Enzyklika Humanae Vitae zum Ausdruck kommt, und vielleicht sind die Auseinandersetzungen mit dem Natürlichkeitsbegriff von Humanae Vitae und mit dem m. E. bislang verkürzten Potentialitätsverständnis Singers näher verwandt, als ich selbst gedacht hätte.

    Ich weiß nicht, ob der Reifungsvorgang des Menschen selbst moralischen Wert hat. Ich meine aber, dass ihre späteren Stadien bei der Entscheidung über die Bedenklichkeit einer Tötung in einem früheren Stadium auch für den Präferenzutilitaristen der Singer-Schule Berücksichtigung verdienen, weil sie in einem Reifungsvorgang erworben werden.

    Herziche Grüße
    Harald

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