Eltern und Kinder: Selbstverständlichkeiten im Wandel

Harald Stollmeier am 30. August 2011

Ein Konstanzer Unternehmen will spätestens im Frühjahr 2012 ein Verfahren auf den Markt bringen, mit dem eine Trisomie 21 (Down-Syndrom) bei Embryonen schon in der 10. Schwangerschaftswoche sicher festgestellt werden kann. Untersucht wird dabei nur das Blut der Mutter.  Die heute übliche Fruchtwasseruntersuchung mit ihrem ca. fünfprozentigen Risiko einer Fehlgeburt wird dann überflüssig. Spätabtreibungen wegen Trisomie 21 dürften damit bald der Vergangenheit angehören – weil die Abbrüche dann einfach früher stattfinden.

Tatsächlich dürfte die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche wegen Trisomie 21 sogar steigen, weil dann auch Eltern einen Test vornehmen lassen, die heute auf die Fruchtwasseruntersuchung wegen des Risikos einer Fehlgeburt verzichten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dem Hersteller dieser Tests mit wachsender Zahl überprüfbarer Faktoren märchenhafte Gewinne vorauszusagen – welche Eltern wollen denn nicht bestätigt bekommen, dass es ihrem Baby gut geht?

Lebensrechtler brauchen sich keine Illusionen zu machen: Sobald das funktioniert, wird es zur Selbstverständlichkeit. Ob auch die Entfernung von Embryonen mit unerwünschten Eigenschaften zur Selbstverständlichkeit wird, das ist eine andere Frage.

Ich frage mich, was wohl mein am 25. August 1924 im Alter von 61 Jahren verstorbener Ururgroßvater Bernhard Evers aus Etteln bei Paderborn dazu sagen würde. In seinem Testament verfügte er unter anderem: „Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen …“

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Dorothea Evers geb. Nillies und Bernhard Evers, vermutlich in ihrem Garten in Etteln

Bernhard Evers war kein übermäßig moderner Mensch. Er war ein wohlhabender Ackerwirt, Mitglied der dörflichen Oberschicht, römisch-katholisch und ein strenger Vater. So streng, dass er dem Heiratswunsch seiner Tochter Elisabeth (deren Urenkel ich bin) massiven Widerstand entgegensetzte, weil ihm der junge Johann Isermann zu arm und auch sonst wohl nicht geeignet erschien. Erst nach der Geburt meiner Großtante Dorothea am 29. April konnte Elisabeth am 10. Juni 1914 den Vater des Kindes heiraten. Der Groll des Vaters klingt noch im Testament nach: “Meine Tochter Elisabeth … hat kein Recht mehr auf Forderungen.” So regelt man das unter westfälischen Dickschädeln.

Damals war es selbstverständlich, dass ein Vater auf die Gattenwahl seiner zwanzigjährigen Tochter entscheidend Einfluss nahm. Ebenso selbstverständlich war es offensichtlich, für behinderte Kinder angemessen zu sorgen.

Die heute übliche größere Freiheit von Töchtern bei der Wahl ihres Ehemannes ist in meinen Augen ein Fortschritt. Sie ist die Konsequenz des christlichen Eheverständnisses (und des bürgerlichen), für das die Freiwilligkeit des Eheversprechens unabdingbar ist.

Ist der Verlust des gesellschaftlichen Einvernehmens über die Verantwortung für behinderte Kinder einfach die Kehrseite der Medaille? Muss ich das eine hinnehmen, wenn ich das andere bejahe? Bernhard Evers mag das befürchtet haben, und eingetreten ist ja beides.

Logisch zwingend ist das aber nicht. Das belegt schon die Kombination von Behindertenermordung und Heiratsverboten im Nationalsozialismus. Logisch zwingend ist tatsächlich das Gegenteil: Die Achtung der freien Gattenwahl von Frauen einerseits und des Lebensrechts behinderter Kinder andererseits wurzeln beide in der Überzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Ich hoffe deshalb, dass auch noch meine Enkel in der Verfügung bezüglich meiner Urgroßtante Maria etwas anderes sehen werden als  eine Einschränkung der selbstverständlichen Freiheit des Hoferben, seine unnütze Schwester einfach zu verjagen.

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Aus Gründen der historischen Gerechtigkeit folgt unten der vollständige Text des Testaments, das mir in einer beglaubigten Abschrift vorliegt.

Das Testament von Bernhard Evers

Abschrift.

Eröffnet am 15. Oktober 1924 auf dem Gerichtstage in Alfen.

Gez. Schulze,

Amtsgerichtsrat.

Mein letzter Wille für den Fall meines Todes.

§ 1.

Als Vermögensübernehmer (Erben) mit allen Mobilien und Immobilien, mit allen Aktiven und Passiven setze ich meinen Sohn Johannes ein.

§ 2.

Meine Tochter Elisabeth, jetzt verheiratete Isermann, hat ihr Kindesteil erhalten und hat kein Recht mehr auf Forderungen.

§ 3.

Mein Sohn Wilhelm hat ebenfalls volle Abfindung erhalten.

§ 4.

Meine Tochter Maria ist kränklich und bedarf der Pflege. Das Haus und das ganze Vermögen ist verpflichtet, dieselbe bis zu ihrem Ende in gewissenhafter und anständiger Pflege und Kleidung zu halten und eine standesmäße Beerdigung ihr zuteil werden zu lassen und außer dem Beerdigungsamt im ersten Jahre nach dem Tode wenigstens 2 hl. Messen nachlesen zu lassen.

§ 5.

Meine Töchter Theresia, Anna und Franziska sollen bei einer etwaigen Zustandekunft, sei es Verheiratung oder sonstiger Selbständigmachung folgende Aussteuer erhalten:
1. Zwei vollständige Betten, nämlich 2 anderthalbschläfrige Bettstellen, Matratzen, Unterbetten und Oberbetten, je 2 Kissen, 12 Bettücher, 12 Bett- und Kissenbezüge und 12 weiße Kissenbezüge, 2 Bettspreiten.
2. Einen Waschtisch mit Waschservice, zwei Konsolen, ferner entweder einen zweitürigen Kleiderschrank, der zugleich als Wäscheschrank dient oder einen eintürigen Kleider- und Wäscheschrank extra.
3. Ein Sofa, 6 Stühle, 1 Tisch und ein Büffet (Glasschrank für Porzellan), 1 Nähmaschine.
4. Ein Küschenschrank und 2 Brettstühle,
5. An Leibwäsche, 3 Dutzend leinene Hemde, ½ Dutzend Nachtjacken, ½ Dutzend Unterhosen, 2 Dutzend leinene und 1 Dutzend Damast – Handtücher, 1 Dutzend Trockentücher, 6 Paar Strümpfe, 1 seidenes Kleid, 1 wollenes und 1 Waschkleid, 1 Dutzend Schürzen, ½ Dutzend Tischtücher und ½ Dutzend Servietten.
6. An Porzellan: 1 Eßservice für 6 Personen, 1 Kaffeeservice, 6 weiße Tassen mit 12 kleinen Tellern, 1 Dutzend Eß- und Teelöffel, Gabeln und Messer und 1 Suppenlöffel.
7. Eine gute Milchkuh.
8. Außerdem eine Barabfindung in der Höhe von 3000 Mark Vorkriegszeit.

Falls eine oder alle drei Töchter wegen Kränklichkeit oder einem sonstigen vernünftigen Grunde nicht selbständig wird, so muß ihnen Unterkunft, Kleidung und Kost im Hause gewährt werden aber gegen angemessene Mitarbeit.

§ 6.

Als Testamentsvollstrecker bestimme ich meinen Schwager, den Pfarrer Johannes Nillies; falls derselbe ablehnt oder nicht kann, alsdann meinen Schwager Hermann Nillies in Alfen.

Etteln, den 20. Dezember 1923.

gez. Bernard Evers.

Vorstehende Abschrift übersenden wir mit dem Bemerken, dass Herr Pfarrer Johannes Nillies das Amt als Testamentsvollstrecker angenommen hat.

A.A.

Unterschrift

Justizbüro-Assistent.

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2 Kommentare zu “Eltern und Kinder: Selbstverständlichkeiten im Wandel”

  1. Paulaam 30. August 2011 um 13:40

    Höchst spannend! Und herzliche Grüße von einem westfälischen Dickschädel 🙂 PvK

  2. […] Bernhard Evers wurde geboren am 30 Mai 1861 in Etteln, Hochstift Paderborn2 und verstarb am 25 Aug 1924 in Etteln, […]

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