Sarah Diehl: Abortion Democracy – Abtreibungen in Polen und Südafrika

Caroline Stollmeier am 15. September 2011

Ein Recht auf Abtreibung? Wie es in Polen und im Vergleich dazu in Südafrika steht, beleuchtet die Filmemacherin Sarah Diehl in ihrer Dokumentation „Abortion Democracy“ aus dem Jahr 2008. Gezeigt wurde der Film kürzlich vom „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ und der gbs. In der anschließenden Diskussionsrunde mit Sarah Diehl traten erstaunliche Ansichten zutage.

Zuerst zum Film: Sarah Diehl nimmt sich Zeit für Interviews mit interessanten Menschen. Abtreibungsärztinnen, Feministinnen und von Abtreibung betroffene Frauen kommen zu Wort. Jede für sich beleuchtet die Probleme authentisch, denen sie täglich begegnet.

In Südafrika wurde in den 1990er Jahren die Gesetzgebung dahingehend verändert, dass Abtreibungen jetzt nahezu ausnahmslos legal sind. Dennoch ist diese Gesetzgebung dem medizinischen Personal immer noch teilweise unbekannt oder die Ärzte, Krankenpfleger, Hebammen und Kliniken weigern sich schlichtweg aus Gewissensgründen Abtreibungen durchzuführen. Wie Sarah Diehl erläutert, sind in der südafrikanischen Gesellschaft Vergewaltigungen, Inzest und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen sehr häufig. In Folge dessen kommt es zu zahlreichen ungewollten Schwangerschaften. Darüber hinaus ist das Wissen um Verhütungsmittel sowie deren Verfügbarkeit wenig vorhanden. Außerdem gehört die Durchführung von Abtreibungen anscheinend nicht standardmäßig zur Ausbildung von Gynäkologen und anderem medizinischen Personal in Südafrika.

Viele Frauen wünschen sich eine Abtreibung als Lösung für ihre Probleme und treffen dann auf die Widerstände der Gesellschaft und des Gesundheitswesens. Wie Sarah Diehl angibt, bringt das viele Frauen dazu, mit ungeeigneten Methoden selbst eine Abtreibung durchzuführen, was schlimme gesundheitliche Folgen haben kann.

In Polen hingegen sind etwa im gleichen Zeitraum Abtreibungen nahezu verboten worden, obwohl dort vorher relativ liberal mit dem Thema umgegangen wurde. In Polen gibt es aber immer noch viele Ärzte, die wissen, wie man eine Abtreibung durchführt. Und wenn ungewollt schwangere Frauen abtreiben möchten, dann finden sie in Zeitungen und auf Plakaten entsprechende Ärzte, die gegen Zahlung großer Summen eine Abtreibung anbieten, obwohl dies verboten ist.

Die gezeigten Frauenrechtsaktivistinnen in beiden Ländern beklagen, dass zulasten der Frauen Politik mit dem Thema Abtreibung gemacht wird und dass die Religiosität der Machthaber eine unrühmliche Rolle dabei spielt. Ein bisschen zu kurz kommt dabei die Beleuchtung der gesellschaftlichen Probleme vor allem in Südafrika. Denn hier scheint es eher das Selbstverständnis der Männer im willkürlichen Umgang mit den Frauen zu sein als die Religion, das dazu führt, dass Frauen unterdrückt werden und in letzter Konsequenz Abtreibungen einfordern.

Eine junge Frau aus Kapstadt berichtet, dass sie nach einer Vergewaltigung schwanger und daraufhin von ihrer Familie aus dem Haus geworfen wurde. Seitdem lebt sie auf der Straße und schläft nachts unter der Rolltreppe in einem Einkaufzentrum, ständig in der Furcht vor einer erneuten Vergewaltigung. Sie sagt, dass sie sich verzweifelt eine Abtreibung wünscht, aber niemanden finden könnte, der ihr dabei hilft. Gleichzeitig wägt sie ab, dass sie ihrem Kind nichts außer einem Leben auf der Straße bieten könnte und als allein erziehende Mutter niemals einen Job finden wird.

Die Gegenüberstellung der von der Rechtslage stark abweichenden gesellschaftlichen Realitäten in Polen und Südafrika ist ernüchternd, wenn nicht sogar bedrückend. Insofern ist „Abortion Democracy“ ein wertvoller Dokumentarfilm. Der Versuch, die beobachteten Missstände zu erklären, gelingt nicht in vollem Umfang und ist womöglich von vornherein zu sehr religionsfixiert.

Vielleicht hätte es dem Film auch gut getan, wenn wenigstens vereinzelt über die Abtreibung als Lösung hinausgedacht würde; das vorgestellte Vergewaltigungsopfer wird nach einer Abtreibung wohl kaum wieder in ihre Familie aufgenommen werden. Bemerkenswert ist übrigens, dass selbst bei dieser bedauernswerten jungen Frau anklingt, dass sie die Abtreibung weniger stark wünschen würde, wenn sie bessere Umstände für ein Leben mit ihrem Kind hätte.

Das ungeborene Kind bleibt in „Abortion Democracy“ vollkommen außen vor. In der anschließenden Diskussionsrunde sagte Sarah Diehl: „Man muss zwischen einem Fötus und einem Baby unterscheiden. Ich finde es unverantwortlich, den Frauen einzureden, dass der Fötus schon ein Kind sei.“ Diese Ansicht war anscheinend Konsens unter den anwesenden Humanisten. Als Beleg wurden philosophische Studien zitierte, nach denen es einen Wendepunkt etwa um die 20. Schwangerschaftswoche gäbe, ab dem nicht nur die Interessen der Mutter, sondern auch die des Ungeborenen zu berücksichtigen seien. Der Einwand einer Teilnehmerin, dass menschliches Leben aus naturwissenschaftlicher Sicht mit der Befruchtung der Eizelle beginnt, wurde geradezu niedergebrüllt.

Ein Teilnehmer warf den Gedanken auf, dass die Frauen in der Rückschau am Ende ihres Lebens die Abtreibung bereuen könnten. Daraufhin erhob eine andere Teilnehmerin unter zustimmendem Gemurmel aus den Reihen die Stimme, dass sie aus eigener Erfahrung sagen könnte, dass man eine Abtreibung nicht bereut. Zugegeben, diese Dame gehörte nicht zu den jüngsten Besuchern der Veranstaltung. Aber sie schien dennoch weit entfernt vom Ende ihres Lebens zu sein.

Das Fazit des Films und die Meinung der meisten Diskussionsteilnehmer war, dass Bigotterie und Heuchelei insbesondere der Vertreter der katholischen Kirche viel Elend über die Frauen in Polen, in Südafrika und im Grunde in der ganzen Welt bringen. Dadurch lässt sich vielleicht der Enthusiasmus erklären, mit dem die Humanisten die kirchliche Weltanschauungen angreifen, zu widerlegen suchen und ständig danach trachten, die religiösen Gefühle anderer Menschen mit Füßen zu treten. Dieses Verhalten ist jedoch sehr erstaunlich, da sie mit ihrer Energie vermutlich viel mehr erreichen könnten, wenn sie diese für ihre guten Ideen von beispielsweise Menschenrechten einsetzen würden.

Immerhin, sofern man in dieser Runde überhaupt einen Konsens bemerken konnte, dann schien er darin zu bestehen, dass keine Frau gerne abtreibt und eine Abtreibung immer nur der allerletzte Ausweg sein kann. Aber auch in diesem Punkt lässt sich einwenden, dass man mit der Energie, die man im Kampf für ein Recht auf Abtreibung verwendet, vielen Frauen besser helfen und eine gangbare Alternative zur Abtreibung aufzeigen könnte.

Abortion Democracy by Sarah Diehl

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5 Kommentare zu “Sarah Diehl: Abortion Democracy – Abtreibungen in Polen und Südafrika”

  1. Liberaler Menschenfreundam 16. September 2011 um 15:47

    Man erkennt in Ihren vielen christlich-fundamentalistischen Beiträgen, dass Sie sich kaum in die Gedankenwelt von Frauen hineinversetzen können, die sich von Beginn nicht mit der Schwangerschaft identifizieren können. Gründe können vielfältig sein (Missbrauch, zu jung, bestehende psychologische Probleme, mögliche Behinderung des Neugeborenen usw.).

    Wahrscheinlich haben sie entweder gar keine Kinder oder Kinder, die gesund und fröhlich auf die Welt gekommen sind und leben des weiteren in einem finanziell behüteten, wohlstandsorientierten Haushalt und müssen sich keine Sorgen um Sich und ggf. um Ihre Kinder machen. Haben Sie behinderte Kinder? Sind Sie (und ggf. Ihr Mann?) ohne Einkommen und leben in einer 20qm Wohnung?

    Wagen Sie einen Blick über den eigenen, scheinbar christlich-fundamentalistisch angehauchten Tellerrand und erkennen Sie, dass andere Frauen/Familien nicht das Glück wie sie haben. Oder unterlassen Sie Ihre Beiträge, um Frauen in Problemsituationen nicht noch “vor den Kopf zu stoßen”.

    Das von Ihnen hochgehaltene “Recht des neuen Lebens” sollte – nein – darf nicht! über dem Recht des “bestehenden Lebens” stehen, wenn das “bestehende Leben” darunter psychisch wie physisch “zugrunde” gehen würde. Abtreibung sollte das allerletzte Mittel sein – aber eine Verurteilung der Abtreibung ist ein weiter Schlag gegen die Frau. Ich glaube Ihnen, dass bestimmt Frauen zu finden sind, die eine Abtreibung im nachhinein bereuen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass genau Sie eine oder mehrerer solcher Frauen kennen. ABER: ich bin davon überzeugt, dass die Mehrzahl der Frauen, die diesen Schritt – aus welchen tragischen Motiven auch immer – gehen mussten, diesen Schritt im nachhinein nicht bereuen. Und ja: ich kenne solche Mädchen und Frauen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihre liberale Menschenfreundin

  2. Josef Jungam 18. Februar 2012 um 17:40

    “Aber auch in diesem Punkt lässt sich einwenden, dass man mit der Energie, die man im Kampf für ein Recht auf Abtreibung verwendet, vielen Frauen besser helfen und eine gangbare Alternative zur Abtreibung aufzeigen könnte.”

    Hier stellt sich mir genau die Frage: was heißt das konkret? Wie die Vorrednerin bereits sagt:

    “Wahrscheinlich haben sie entweder gar keine Kinder oder Kinder, die gesund und fröhlich auf die Welt gekommen sind und leben des weiteren in einem finanziell behüteten, wohlstandsorientierten Haushalt und müssen sich keine Sorgen um Sich und ggf. um Ihre Kinder machen. Haben Sie behinderte Kinder? Sind Sie (und ggf. Ihr Mann?) ohne Einkommen und leben in einer 20qm Wohnung?”

    Was macht man dann? Wer hilft hier? Ist dann pro-life da? Ist Lebensschutz auch nach der Geburt ein Thema?

  3. Giovanniam 18. Februar 2012 um 18:29

    “Was macht man dann? Wer hilft hier? Ist dann pro-life da? Ist Lebensschutz auch nach der Geburt ein Thema?”

    Natürlich kann Lebensschutz nicht bei der Geburt aufhören und hat auch nur Sinn, wenn die Frau mit ihren Problemen (nicht das Kind!) nicht alleine gelassen wird. Es gibt Organisationen die das ernst nehmen. Z.B.: diebirke.org

  4. Harald Stollmeieram 18. Februar 2012 um 23:14

    Lieber Josef Jung,

    das ist es ja gerade, was heute oft aus dem Blick gerät in Diskussionen über die Bewertung von Schwangerschaftsabbrüchen im Allgemeinen: die Frage, wie den betroffenen Schwangeren im konkreten Fall geholfen werden kann. Die Birke hat diesen Ansatz in den Mittelpunkt ihrer Beratung gestellt, einer Beratung, die auf den moralischen Zeigefinger vollständig verzichtet.

    Wenn man stattdessen mit der Betroffenen gemeinsam ihre Stärken ermittelt, herausfindet, auf welche Menschen in ihrer Umgebung sie sich verlassen kann, womöglich gar klärende Gespräche zwischen entfremdeten Angehörigen vermittelt, dann hat man meines Erachtens auf die richtige Weise Energie aufgewendet, um der Mutter und damit auch ihrem Kind zu helfen.

    “Pro Choice”-Aktivisten neigen dazu, die Ziele von Lebensrechtlern schablonenartig zu missdeuten: Ihnen erscheint jedes Eintreten für eine Vermeidung von Schwangerschaftsabbrüchen gleichbedeutend mit einer Kriminalisierung der betroffenen Frauen. Muss man immer noch erklären, wie falsch diese Gleichung ist?

    Es ist cum grano salis eine gute Nachricht, dass unser Strafrecht die Notlage von Frauen im Schwangerschaftskonflikt angemessen berücksichtigt. Wer dennoch, wie ich, jeden einzelnen Schwangerschaftsabbruch für eine schlechte Nachricht hält, ist deswegen noch lange kein Fundamentalist.

  5. Josef Jungam 19. Februar 2012 um 14:34

    Es freut mich, dass es solche Einrichtungen wie “die Birke” gibt. Denn ich sehe, wie “Menschenfreundin” genau die Gefahr der Ideologisierung. Man ist zwar als “guter Katholik” gegen Abtreibung, aber man hat keine Alternative oder Lebenserfahrung aufzuweisen, aus der heraus man Frauen in Not helfen kann. Ich bin auch gegen Abtreibung, aber weniger aus einer verklaerenden Sichtweise, sondern weil ich fuer das Leben bin, auch in Not Armutbund Elend. Und ich bin mir auch darueer bewusst, dass eine Nichtabtreibung mehr Probleme und Leid erzeugen kann, als eine Abtreibung. Es also nicht immer Friede Freude Eierkuchen ist, denn “richtigen” Weg zu gehen. Alleine und arm mit Kind dazustehen kann ganz schoen scheisse sein. Am Ende kann sogar das Kind die Eltern anklagen. Hier setzt Lebensschutz aber an. Mit der Geburt geht es doch erst richtig los. Da muss man dann seine Mann/Frau als Lebensschuetzer stehen und ja sagen.

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