Verkehrte Fronten beim Abtreibungsrecht

Harald Stollmeier am 18. September 2011

Buchbesprechung: Caroline Stollmeier, Freiheit heißt leben und leben lassen

Manche Phänomene sind so selbstverständlich, wie man sie hinnimmt. Moralblog-Redakteurin Caroline Stollmeier, selbst seit einigen Jahren im Einsatz für das Lebensrecht ungeborener Kinder, fragte sich eines Tages nach dem Sinn der politischen Zuordnung von „Pro life“ (rechts) und „Pro Choice“ (links). In ihrer neuen Denkschrift mit dem Untertitel „Lebensentfaltung durch Lebenserhaltung“ findet sie überraschende Alternativen.

Die Auseinandersetzungen um das Thema Abtreibung sind in Deutschland wie in den USA durch verhärtete Fronten gekennzeichnet. Caroline Stollmeier kritisiert an diesen leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, dass sie mit den Nöten und Bedürfnissen der Frauen in Schwangerschaftskonflikten oft nicht viel zu tun haben. An den verhärteten Fronten selbst kritisiert sie deren Verlauf.

„Abtreibungsgegner sind in der Regel politisch eher konservativ“, schreibt Stollmeier, und Abtreibungsbefürworter  verortet sie politisch links und von feministischen Strömungen beeinflusst. Und wenn diese aufeinandertreffen, findet ein konstruktiver Dialog „in der Regel nicht statt.“

„Bei genauerem Hinsehen“, schreibt Stollmeier, „können die jeweiligen Positionen und konkreten Vorstellungen aber vielleicht überraschen.“ Das beweist ein genaueres Hinsehen in die Texte der herausragenden Feministin Simone de Beauvoir, deren Urteil über Schwangerschaftsabbrüche ebenso differenziert wie einfühlsam ist und die eine Abtreibung nicht etwa als erstrebenswertes Recht der Frau sondern als bedrückende Folge ihrer Unterdrückung beschreibt.

Ganz genau hingesehen hat Caroline Stollmeier bei einem Aufsatz der  amerikanischen Autorin, Feministin und Friedensaktivistin Mary Meehan aus dem Jahr 1980:  Sie hat ihn übersetzt und publiziert ihn im Rahmen ihrer Denkschrift erstmals in deutscher Sprache.

Mary Meehan, Veteranin der Kämpfe gegen den Vietnamkrieg, versteht sich als links. Als sie sich später in der Lebensrechtsbewegung engagiert, findet sie plötzlich die Mehrheit ihrer Weggefährten auf der anderen Seite.  Sie fühlt sich „nicht wohl dabei“, aber sie sieht keine andere Wahl.

„Uns treibt … der Glaube daran, dass bedingungsloser Respekt vor dem menschlichen Leben uns zwingt, gegen Abtreibungen, Todesstrafe, Sterbehilfe und Krieg zu sein. Wir sind nicht der Ansicht, dass wir uns den Luxus erlauben oder das Recht herausnehmen sollten, einige Formen des Tötens zu akzeptieren und andere abzulehnen.“

Für Mary Meehan „war das traditionelle Merkmal der Linken immer der Schutz von Benachteiligten, Schwachen und Armen. Das ungeborene Kind ist von allen Menschen der Hilfloseste und benötigt noch mehr Schutz als die armen Farmpächter, die geistig Behinderten oder die Bootsflüchtlinge auf dem offenen Meer.“

Punkt für Punkt, von der Rangordnung der Menschenrechte über die Beobachtung, dass privilegierte Schichten legale Abtreibungen als Mittel betrachten, Unterschichten und Einwanderer zu dezimieren, bis hin zum Dammbruch-Argument bereitet Meehan ihre Schlussfolgerung vor: „Zur Rettung der ungeborenen Kinder und zur Rettung ihres eigenen Gewissens sollte die Linke gegen Abtreibungen sein.“

Die Denkschrift Freiheit heißt leben und leben lassen von Caroline Stollmeier, 20 Seiten, 4,80 Euro, ist 2011 im Choros Verlag, Kempen, erschienen.

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Ein Kommentar zu “Verkehrte Fronten beim Abtreibungsrecht”

  1. Gast auf Erdenam 29. Februar 2016 um 2:20

    Das Problem für den römisch katholischen Klerus ist nicht der absolute Lebenschutz bis zum natürlichen Tod. Zumindest in ihrem wichtigsten Regelwerk hat das römisch katholische Lehramt nicht die geringsten Probleme damit, Menschen hinrichten zu lassen (vgl. KKK 2266).

    Das Problem ist, dass katholische Doktrin besagt, dass eine Blastula oder Morula die gleichen Rechte besitzen soll, wie die Frau, ohne deren und in deren Uterus diese Blastula niemals überleben könnte.

    Das macht die römisch katholische Kirche für die Menschen so unglaubwürdig.
    Neben der total an die Wand gefahrenen Sexualmoral natürlich.
    Da aber für die katholische Kirche ja eine göttliche Existenzgarantie postuliert wird, hat sie ja noch ein paar Dutzend Ewigkeiten Zeit, von dem Haken, an dem sie sich seit Casti Connubii, oder noch früher aufgehängt hat, herunter zu zappeln.

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