Gezeugt durch eine Vergewaltigung: Rebecca Kiessling

Caroline Stollmeier am 3. November 2011

Rebecca Kiessling wurde gleich nach ihrer Geburt adoptiert. Als 18-jährige begann sie die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Es war nicht ganz einfach, aber schließlich fand sie heraus, wer ihre Mutter ist. Darüber war sie sehr glücklich. Todunglücklich hingegen machten sie die Umstände, unter denen sie gezeugt wurde: ihre Mutter war nämlich Opfer eines brutalen Serienvergewaltigers geworden.

Rebecca war überzeugt davon, dass ihre Mutter sie hassen würde. Sie stellte sich vor, dass sie das Schlimmste sei, das ihrer Mutter je passiert ist. Außerdem fühlte sie sich beschmutzt und wertlos. Welcher nette Mann würde sie, das „Produkt“ einer Vergewaltigung, je lieben können? Und sollte sie jemals einen Sohn bekommen, wäre dieser dann auch irgendwann ein Vergewaltiger?

Rebeccas Mutter hingegen war überglücklich, als sie endlich Kontakt zu ihrer Tochter hatte. Nach dem ersten Telefonat schrieb sie ihrer Tochter in einem herzlichen Brief: „All diese Jahre hatte ich nichts von Dir, kein Foto, nichts, das mir sagte, dass Du ein Teil von mir bist. Nur die Erinnerung an eine Schwangerschaft mit dem Baby, von dem ich hoffte, dass es eines Tages seine wirkliche Mutter suchen würde, so wie auch ich mein Baby kennen lernen wollte. Ich habe Dich in meinem Herzen immer geliebt.“

Das Wiedersehen nach all den Jahren war ein wunderbarer Tag für Mutter und Tochter.

Dann ist Rebecca auf das Thema Abtreibung aufmerksam geworden. Sie fragte ihre Mutter, ob diese je daran gedacht hätte, ihr Kind abzutreiben. Und die Mutter gab zu, dass sie es sogar zwei Mal versucht hatte. Zu dieser Zeit aber waren Abtreibungen in ihrem Heimatstaat der USA verboten. Und die Hinterhofpraxen, in die sie geschickt wurde, arbeiteten unter so abstoßenden Bedingungen, dass die Mutter Reißaus genommen hatte. So wurde Rebecca schließlich geboren.

Auch das Wissen darum, dass sie beinahe abgetrieben worden wäre, stürzte Rebecca in eine große Krise. Sie lebte fortan in der zwanghaften Gewissheit, dass sie der Welt beweisen müsse, dass sie es wert sei, zu leben und geliebt zu werden. Mehr noch als Faktoren wie Herkunft, Wohngegend, Beruf und Einkommen der Eltern fühlte sie, dass die Umstände der Zeugung und Geburt den Wert eines Menschen in den Augen anderer ausmachen.

Ihre Beziehungen endeten oft in Missbrauch und Gewalt. Bis sie eines Tages Gottes Wirken in ihrem Leben erkannte. Sie begann sich im Lebensschutz zu engagieren. Ihre Freude darüber leben zu dürfen wollte sie mit anderen Menschen teilen und damit auch beweisen, dass die Umstände der Zeugung nicht entscheidend für ein gelingendes Leben sind.

Nach langen Gesprächen mit ihrer Mutter und vielen anderen betroffenen Frauen weiß sie heute: „Nicht das Baby ist das Schlimmste, das einer vergewaltigten Frau passieren kann, sondern eine Abtreibung ist das.“

Aufgrund ihres Engagements trifft sie häufig auf Abtreibungsgegner und -befürworter. Sie findet es herzlos, wenn diese ihr sagen, dass sie gegen Abtreibungen sind „außer nach einer Vergewaltigung“ bzw. für ein Recht auf Abtreibung sind „vor allem nach einer Vergewaltigung“. Für sie ist das, als wenn diese Menschen sagen würden: „Wenn es nach mir ginge, dann wärst Du heute tot.“ Und so etwas würde Rebecca nie zu jemandem sagen.

Oft hört sie, dass sie damals großes Glück hatte, weil ihre Mutter sie nicht abgetrieben hat. Darauf erwidert sie: „Nein, ich hatte kein Glück, ich wurde beschützt. Ich wurde beschützt vom Gesetz und von den Leuten, die dieses Gesetz gemacht haben. Wären Abtreibungen damals legal gewesen, dann wäre ich heute tot.“

Ihre Helden sind die Menschen, die sich damals so wirksam für den Lebensschutz Ungeborener eingesetzt haben und denen sie ihr Leben verdankt. Und ein bisschen hofft sie nun auch, so ein Held für andere Menschen werden zu können. Deshalb sagt sie deutlich: „Ich bin 100% für das Leben, ohne Ausnahmen und ohne Kompromisse.“

Rebeccas eigene Geschichte hat inzwischen ein nahezu märchenhaftes Ende gefunden: Sie arbeitet als Familienanwältin für verzweifelte Frauen, lebt glücklich zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern, und von ihrer leiblichen Mutter wurde sie rechtskräftig adoptiert.

Rebecca_Moralblog

Rebecca Kiessling bei einer Festveranstaltung der ALfA in Düsseldorf am 31. Oktober 2011 (Fotos: Caroline Stollmeier)

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6 Kommentare zu “Gezeugt durch eine Vergewaltigung: Rebecca Kiessling”

  1. Homepageam 28. Februar 2012 um 22:46

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  2. Dessiam 7. Juli 2012 um 5:05

    Hallo,
    ja es ist schwierig fuer die meisten Menschen anzuerkenen,dass eine Abtreibung prinzipiell eine Gewalt darstellt und mittlerweile so oft praktiziert wurde,dass diese als selbstverstaendlich betrachtet wird und due meisten Feministinnen sind ignorrant gegenueber Ueberlebende einer Abtreibung,da diese Personen einfach nicht in ihrem Konzept passen und deshalb tun die so als wuerden die gar nichts uever ihre Existenz wissen. DIESES VERHALTEN WEIST AUF EINE SCHWAECHE IN DEM KAMPF UM DIE MENSCHENRECHTE HIN…
    Beste Gruesse
    Dessislava Persianova

  3. Anonymam 13. September 2013 um 18:05

    Ich finde es einfach nur abartig, wie andere Leute menschen vorverurteilen, die abtreiben bzw. abtreiben wollen. Ich finde es nach einer Vergewaltigung sehr, sehr gerechtfertigt abzutreiben. Es sollte nicht immer nur auf das wohl der “Kinder” geachtet werden, sondern auch auf das der Mutter. Ehrlich gesagt denke ich nicht, das ein wenige Wochen alter Zellhaufen wirkliche Gedanken hat. ICH zumindest kann mich nicht an die Zeit im Bauch meiner Mutter erinnern. Ich denke, derjenige der so etwas schreibt wurde noch nie vergewaltigt.

    Ich selber wurde vergewaltigt und wurde aus der Vergewaltigung schwanger. In 5 Wochen ist der Geburtstermin und der einzige Grund, warum ich nicht abgetrieben habe ist, dass ich die Schwangerschaft zu spät bemerkt habe. Ich fühle mich abscheulich und hasse dieses Kind wirklich (obwohl ich weiß, das es nichts dafür kann) Ich wünsche mir so sehr, das ich mich richtig gewehrt hätte oder das ich es rechtzeitig gemerkt hätte und noch abtreiben könnte… Ich hatte Suizidgedanken und sehr starke Depressionen. Ich möchte dieses Kind nicht, es fühlt sich an als hätte ich ein Monster in mir. Es ist so schrecklich, wenn das Kind anfängt zu treten und der Bauch groß wird. Man wird jeden Tag an diese Vergewaltigung erinnert. Ich habe sehr oft albträume, ich träume dabei von der Vergewaltigung. Ich könnte noch soo viel schreiben… Ich werde das Kind zur Adoption freigeben. Ich wünsche mir trotzdem einfach, das es nicht da ist…

    Ich denke nicht, das soetwas besser ist, als eine abtreibung. Ich manchen fällen ist das leben und die Gesundheit der mutter einfach wichtiger, als die eines “Zellhaufens”… Immerhin hatte die mutter schon ein richtiges Leben, Freunde, eine Famile, Erinnerungen, Wünsche und sie wusste was das leben überhaupt ist. Wenn die mutter aus soeinem Grund Selbstmord begehen sollte (wenn sie dann noch schwanger ist) währen zwei leben ausgelöscht.
    Der eine Tod hätte mit einer Abtreibung verhindert werden können…

    Es ist immer einfach zu reden, wenn man selber nicht in so einer Situation steckt…

  4. Harald Stollmeieram 1. Oktober 2013 um 11:49

    Sehr verehrte schwangere Gesprächspartnerin,

    wenn Sie in Ihre bedrückenden Situation Hilfe brauchen, von der sie es für möglich halten, dass wir sie leisten oder vermitten können, dann senden Sie uns bitte eine Nchricht (redaktion@moralblog.de).

    Unsere Haltung zu einer solchen Situation bildet der Schlussabsatz eines anderen Artikels ab, den ich im Moralblog geschrieben habe:
    “Niemand hat also das Recht, über eine vergewaltigte Frau zu richten, die sich zu der außerordentlich heroischen Entscheidung, ein dabei entstandenes Kind auszutragen, nicht in der Lage sieht. Aber das ist nicht dasselbe wie die Überzeugung, ein Schwangerschaftsabbruch wäre nach einer Vergewaltigung auf jeden Fall die richtige Entscheidung.”
    (Link: http://moralblog.de/2013/01/25/vergewaltigung-und-die-pille-danach/)

    Den Ausdruck “Zellhaufen” lese ich nie gern. Aber Sie brauchen jetzt keine Grundsatzdiskussion. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie alles gut überstehen und dass Sie später einmal froh darüber sind, dem Kind eine Chance gegeben zu haben.

    Alles Gute
    Ihr Harald Stollmeier

  5. anjaam 23. Mai 2014 um 19:11

    Hi ich hab mal ne frage an jemand der die ihre seine mutter suchen.
    Ist es besser das kind abzutreiben oder das kind zur welt zu tragen nach einer vergewaltigung… fur mutter ist das bestimmt auch nicht einfach so eine entscheidung zu fallen ich weiss auch nicht was ich da machen wurde mich wurde es aber interessieren was ihr davon haltet wenn ihr durch eine vergewaltigung zustande kommt und dann adoptiert werdet ist das fur euch besser als dass eure mutter euch grosziehen wurde und sie kann es nicht immer verstecken obwohl sie euch uber alles liebt?

  6. Harald Stollmeieram 26. Mai 2014 um 12:08

    Liebe Anja,

    wie Sie richtig schreiben: Einfach ist das für die Mutter bestimmt nicht. Aber wenn eine Mutter es schafft, ein bei einer Vergewaltigung gezeugtes Kind auszutragen, dann verdient sie dafür Dank, egal ob sie das Kind selber großzieht oder zur Adoption freigibt.
    Ausführlichere Gedanken zur Frage der Abtreibung nach Vergewaltigung finden Sie hier: http://moralblog.de/2013/01/25/vergewaltigung-und-die-pille-danach/

    Alles Gute
    Harald Stollmeier

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