Sexuelle Gewalt: sind die Opfer mitschuldig?

Caroline Stollmeier am 13. Dezember 2011

Eine sexuelle Belästigung, ein Missbrauch oder gar eine Vergewaltigung werden häufig nicht angezeigt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nicht zuletzt bleiben solche Taten unbestraft, weil viele Opfer mit dem Vorwurf rechnen, sich mitschuldig gemacht zu haben.

„Die Opfer sind Opfer und nur Opfer“, macht die Kriminalhauptkommissarin Claudia Jacoby von der kriminalpolizeilichen Vorbeugungsdienststelle in Duisburg unmissverständlich klar. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Prävention von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Außerdem kennt sie die Gründe, aufgrund derer ein Ausbruch von sexueller Gewalt nicht zur Anzeige gebracht wird. Die Opfer schämen sich und sind zutiefst verunsichert oder eingeschüchtert. Bei Freunden, Verwandten oder Kollegen finden sie außerdem kaum Verständnis. Diese unterstützen nämlich häufig noch die Selbstzweifel, mit denen sich das Opfer ohnehin schon quält.

Viele Opfer entschließen sich erst Jahre nach der Tat dazu, gegen den Täter vorzugehen. Das kompliziert zwar die Beweislage, aber die Polizei ermittelt trotzdem, wenn sie eingeschaltet wird. Schwierig ist es, wenn es zu diesem Zeitpunkt nur noch die Aussagen von Opfer und Täter gibt. Beweise am Tatort oder auch am Opfer können nur unmittelbar nach der Tat gesichert werden.

„Viele Frauen empfinden großen Ekel und duschen nach einem Missbrauch stundenlang. Das ist verständlich. Aber besser wäre es, Spuren fachgerecht sichern zu lassen und aufzubewahren; Verletzungen sollten für ein mögliches späteres Strafverfahren dokumentiert werden. Der vertraute Gynäkologe oder eine Notfallambulanz können das machen und sind nicht verpflichtet die Polizei einzuschalten“, erläutert Jacoby.

„Sexualstraftäter werden erfahrungsgemäß eher angezeigt, wenn sie dem Opfer unbekannt sind; beispielsweise der Exhibitionist auf dem Spielplatz. In den meisten Fällen von sexueller Gewalt sind sich Opfer und Täter jedoch bekannt oder sogar miteinander verwandt“, sagt Jacoby, „wir müssen deshalb leider von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“.

Die Polizei ermutigt Opfer von sexueller Gewalt, sich zu melden und die Tat anzuzeigen. „Das bringt ja sowieso nichts“, denken einige Opfer vielleicht. Das ist allerdings nicht richtig, auch wenn sich die Ermittlungen gegen den Täter selbstverständlich einfacher gestalten, je weniger Zeit seit der Tat verstrichen ist. Aber auch einer möglicherweise notwenigen späteren Traumabewältigung kann die Einleitung eines Strafverfahrens zuträglich sein. Und nicht zuletzt sind Sexualstraftäter häufig Wiederholungstäter. Sind sie der Polizei erst einmal aufgefallen, kann das spätere Ermittlungen erleichtern.

Opfern von sexueller Gewalt stehen in unserem Rechtssystem viele Hilfen zur Verfügung. Sie haben beispielsweise Anrecht auf einen Opferanwalt und Prozesskostenhilfe – auch bei Nichtbedürftigkeit. Unter Umständen können sie nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) Schadenersatz und die Kostenübernahme für eine traumatologische Behandlung in einer Opferambulanz erhalten. Wichtiger dürfte jedoch sein, dass sie besonderen Schutz während des Strafverfahrens genießen. Sie können beispielsweise darauf bestehen, nur mit weiblichen Beamten zu sprechen oder sich während der Verhandlung in einem Zeugenschutzzimmer aufzuhalten. Die Öffentlichkeit und auch der Täter können auf Antrag an den vorsitzenden Richter oder die vorsitzende Richterin während der Vernehmung des Opfers ausgeschlossen werden.

Kriminalhauptkommissarin Jacoby kennt viele Tricks, mit denen sich bereits sehr junge Frauen wirksam gegen sexuelle Gewalt schützen können: „Wenn man auf der Straße angesprochen wird, sollte man sich vor allem in einsamen Gegenden auf kein Gespräch einlassen, sondern selbstbewusst weiter gehen und das nächste beleuchtete Haus ansteuern.

Fühlt man sich verfolgt, sollte man die Straßenseite wechseln, sich einer Personengruppe anschließen und um Hilfe bitten, mit dem Mobiltelefon den Notruf 110 wählen und den Kontakt halten, bis die Polizei eingetroffen ist und nicht zum eigenen Hauseingang gehen. Bei konkreter Bedrohung rate ich, durch die direkte Ansprache einer Person auf sich aufmerksam machen und damit praktisch ‚Öffentlichkeit’ herzustellen.

Auch zuhause kann man sich schützen. Dabei helfen die Kollegen der technischen Prävention in der kriminalpolizeilichen Beratungsstelle kostenlos. Ist aber bereits jemand – möglicherweise durch Vorspiegelung falscher Tatsachen – in der Wohnung und bekommt man ein ungutes Gefühl, sollte man verlangen, dass derjenige die Räumlichkeiten  verlässt. Kommt er dieser Aufforderung nicht nach, sollte man selber sofort die eigenen vier Wände verlassen und mit Verstärkung, beispielsweise durch die Nachbarn, zurückkommen.

Bei dem Versuch, sich mit Waffen und technischen Hilfsmitteln selbst zu verteidigen, ist Vorsicht geboten, denn diese kann der Täter möglicherweise an sich bringen und dann gegen das Opfer verwenden, oder man muss zu nah heran. Ich empfehle eigentlich gerne den Schrillalarm. Das ist ein kleines Gerät, das man bequem mitnehmen kann und beim Auslösen großen Lärm macht, eine Tatsache, die alleine vielleicht schon dazu führt, dass man dem überraschten Angreifer entkommen kann. Außerdem ist einem die Aufmerksamkeit anderen Menschen gewiss.“

„Es werden immer wieder Fälle bekannt, in denen ein Täter vom Opfer abgelassen hat, wenn dieses sich zur Wehr gesetzt hat. Die Angreifer setzen auf Hilflosigkeit und Einschüchterung“, erklärt Jacoby „deshalb empfehle ich jeder Frau dringend: Wehre dich entschieden und laufe weg, sobald du kannst.“

Der Vorwurf, dass eine Frau einen Ausbruch von sexueller Gewalt selbst provoziert hat, ist in der Regel ebenso ungerecht wie unbegründet. Insbesondere Mädchen und junge Frauen kleiden und verhalten sich nicht etwa zu dem Zweck sexuell aufreizend, ältere Männer zu verführen. Stattdessen geht es ihnen um Anerkennung in der Gruppe Gleichaltriger. Jacobys Erfahrungen bestätigen das. „Ich sage den Mädchen, die zu mir zur Beratung kommen, dass es in Ordnung ist, sich figurbetont zu kleiden, sich hübsch zu machen und sich vorteilhaft zu stylen. Niemand ist deshalb berechtigt, sie für leicht verfügbar zu halten. Die Mädchen wollen gefallen. Aber sie müssen auch lernen, damit umzugehen, wenn sie Jungen und Männern dann tatsächlich auffallen. Pfeift ihnen ein Junge hinterher, verstecken sich die Mädchen aber leider oft hinter ihren langen Haaren und signalisieren dadurch Unsicherheit. Das ist genau falsch. Hier wäre Selbstbewusstsein gefragt. Brust raus, Po rein, ein aufrechter Gang. Und im Zweifelsfall sollte bereits ihr fester Blick sagen: Denk nicht mal dran…!“

„Ich rede mit den Mädchen auch über den Umgang mit sexueller Belästigung. Das ist unter Jugendlichen oft das gleiche wie später am Arbeitsplatz. Je nachdem, ob anzügliche Worte, Gesten und Berührungen von einem beliebten oder eher unbeliebten Jungen kommen, werden diese unterschiedlich bewertet; bei dem einen fühlen sie sich geschmeichelt, bei dem anderen beleidigt und angegriffen“, berichtet Jacoby, „hier plädiere ich klar für mehr Gerechtigkeit. Man sollte sich selber und anderen deutlich klar machen, wann eine Grenze überschritten ist.“

„Für mich beginnt sexuelle Gewalt immer dann, wenn eine sexuelle Handlung nur noch einem der Beteiligten Spaß macht beziehungsweise wenn sie nicht mehr dazu dient, Zuneigung auszudrücken, sondern lediglich die eigenen Bedürfnisse befriedigt. Es ist immer ein Machtmissbrauch“, sagt Jacoby. Jede Frau (und natürlich auch jeder Mann) hat jederzeit das Recht, eine sexuelle Handlung zu verweigern. Und niemand ist dazu berechtigt, sich über diese Weigerung hinweg zu setzen – welche guten Gründe er auch immer dafür zu haben glaubt.“

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit | Ein Kommentar

Ein Kommentar zu “Sexuelle Gewalt: sind die Opfer mitschuldig?”

  1. P. Robert Jauch ofmam 2. Januar 2012 um 20:08

    Gefällt mir sehr gut! (sorry, auch ohne Facebook). Neulich sprach mich meine Nichte darauf an, was ich eigentlich von Kondomen hielte. Hinter der zunächst doch etwas schockierenden Frage verbarg sich die ganze Problematik junger Menschen, attraktiv sein zu wollen, aber deswegen nicht gleich als junge Frau mit jedem ins Bett zu gehen… Danke für den Beitrag!
    P. Robert ofm

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel