Weißt du schon was es wird?

Caroline Stollmeier am 2. Januar 2012

Oder: Der Klapperstorch und andere Irrtümer

KOMMENTAR

Wohl jeder kennt die eine oder andere Geschichte, die damit endet, dass der Klapperstorch die Babys bringt. Das geht dann in etwa so: Eine junge Frau wird vom Storch so feste ins Bein gebissen, dass sie sich hinlegen muss. Durch den Schornstein schlüpft dann Mister Adebar ins Haus und legt im Bett der armen Gebissenen ein Baby ab.

Ich finde, Klapperstörche – genauer gesagt: Weißstörche – sind prachtvolle, elegante, sympathische Tiere. (Aber ich bin ja auch keine Maus und kein Frosch…) Kein Wunder also, dass man diesen Tieren besondere Fähigkeiten nachsagt. Woher die Geschichten vom Kinderbringen kommen, ist unklar. Nichtsdestotrotz halten sie sich haltnäckig und werden stets aufs Neue erzählt.

Auch viele Hebammen, Kreißsäle und Frauenarztpraxen zieren sich mit Störchen, die in ihren Schnäbeln bündelweise Babys herbei tragen. Das finde ich fast ein bisschen gemein, denn weder die beste Hebamme noch der gemütlichste Kreißsaal noch die fürsorglichste Frauenarztpraxis können einer Frau die Mühen und Schmerzen einer Entbindung vollständig ersparen, so wie es ja angeblich der Klapperstorch tut. Wenn schon jemand sich mit dem prachtvollen Storch gleichsetzt, dann sollten das doch eigentlich die Mütter tun, denn schließlich bringen sie in Wirklichkeit die Kind zur Welt.

In Europa sinkt die Zahl der Störche in ähnlicher Form wie die Reproduktionsrate der Menschen. „Dies ist jedoch kein Beleg dafür, dass der Storch die Babys bringt. Die gemeinsame Ursache sind die wirtschaftlichen und sozialen Änderungen in Europa. Intensivere landwirtschaftliche Techniken sowie verstärkter Siedlungs- und Straßenbau auf ehemals landwirtschaftlichen Flächen beeinträchtigen den Lebensraum der Störche“, entlarvt Wikipedia einen Logikfehler, der auch cum hoc ergo propter hoc genannt wird. Bei zwei gleichzeitig auftretenden Ereignissen wird das eine zur Ursache und das andere zur Wirkung erklärt ohne, dass es eine zwingende Begründung dafür gibt.

Aber nicht nur die Störche sind in ihrem Bestand bedroht, sondern auch die Hebammen. Zumindest beklagen sie das regelmäßig. Gestiegene Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung und allgemein eine zu niedrige Entlohnung sind das Problem. Die Störche haben viele Unterstützer. Der NABU zum Beispiel, gibt sich größte Mühe, die Gewohnheiten von Weißstörchen zu ihrem Schutz zu erforschen und verfolgt ein paar von ihnen deshalb sogar per GPS oder Webcam. Für die Hebammen kämpfen vor allem die Hebammen. Wobei die Dokumentationen, die sie über ihre Arbeit erstellen müssen, inzwischen wahrscheinlich genauer sind als GPS-Signale.

Ach, und noch etwas Unerklärliches rund ums Kinderkriegen fällt mir gerade ein. Eine sichtbar Schwangere wird gefragt: „Und, weißt du schon was es wird?“ Eine alltägliche Begebenheit. Selbst mein Frauenarzt, an dem ich ansonsten nichts, aber auch gar nichts auszusetzen habe, sagt seinen neugierigen Patientinnen beim Ultraschall: „Es wird ein Mädchen“ oder „es wird ein Junge“. Ganz selbstverständlich.

Aber das ist ganz selbstverständlich Unsinn. Das Geschlecht des Babys ist bereits ganz am Anfang, zum Zeitpunkt der Befruchtung, genetisch festgelegt. Etwa in der 7. Schwangerschaftswoche beginnt dann allmählich die Ausbildung der Geschlechtsorgane.* Nicht viele Frauen bemerken vor diesem Zeitpunkt, dass sie schwanger sind. Und das alles passiert lange, lange bevor eine Schwangerschaft von außen sichtbar ist. Ein wenig mehr Sorgfalt bei der Wortwahl wäre also angebracht, finde ich. Was spricht dagegen zu fragen: „Weißt du schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?“

Aber um noch einmal auf die Störche zurück zu kommen… Auch hier gibt es weitere Ungenauigkeiten. Weißstörche gelten als absolut treue Partner. Eine romantische Vorstellung. Sie sind es normalerweise auch – für eine Saison. Aber richtig treu sind sie in erster Linie ihrem Nistplatz. Jedes Frühjahr versuchen sie ihr altes Nest wieder zu beziehen. Gerne auch mit einem anderen Partner. Und ihre Küken werden extrem schnell selbstständig. Bereits nach wenigen Wochen begeben sie sich alleine auf ihre lange Flugreise von Europa nach Afrika, wo sie dann überwintern. Ich muss ja vom heutigen Standpunkt aus sagen, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn die Kinder nicht allzu schnell flügge werden müssen. Insofern ist es also nicht schlimm, dass ich kein Storch bin. Auch wenn Störche elegant und sympathisch sind…

Mein Sohn ist erst vier Jahre alt. Sein Auf-die-Welt-kommen liegt noch nicht allzu lange zurück. Ich habe ihn gefragt: „Bringen Störche Babys?“ Er überlegt kurz und sagt dann: „Ja. Aber nur Tierbabys, weil Störche selber Tiere sind.“ Selbstverständlich. Das ist doch logisch.

Weißstorch in Duisburg

(Weißstorch in Duisburg; Foto: Caroline Stollmeier)

* Sadler, Thomas W./Langman, Jan: Medizinische Embryologie: die normale menschliche Entwicklung und ihre Fehlbildungen, 11. Aufl., Stuttgart, 2008, S. 323.

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