Kirche und Staat: Besser trennen?

Harald Stollmeier am 15. Januar 2012

KOMMENTAR

Vor wenigen Wochen legte Kardinal Meisner dem Bundespräsidenten nahe zurückzutreten. Vor wenigen Tagen erklärte Bundestagspräsident Lammert, der derzeitige Papst stehe einer notwendigen Kirchenreform im Wege. Kein Zweifel: Für beide gilt die Meinungsfreiheit. Beide durften das. Trotzdem finde ich, dass beide Aussagen die Grenze zwischen Kirche und Staat überschreiten.

Nun gut: In der Bundesrepublik Deutschland sind Kirche und Staat nicht sauber getrennt. Auf manchen Gebieten herrscht Partnerschaft, auf anderen Arbeitsteilung. Aber gerade wenn man diese Partnerschaft erhalten möchte, sind alle Beteiligten gut beraten, mit Einmischungen in die Tätigkeit der jeweils anderen Institution sparsam zu sein.

Wenn der Erzbischof von Köln öffentlich, idealerweise in einer Predigt, die deutsche Gesetzgebung zum Schutz ungeborener Kinder als ungenügend kritisiert, dann tut er das nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant der Kirche und Beauftragter Gottes. Und dann ist diese öffentliche Kritik sowohl inhaltlich als auch formal seine Aufgabe, für deren Wahrnehmung ich ihm als katholischer Christ dankbar bin.

Wenn der Bundestagspräsident Papst Benedikt XVI. im Bundestag mit der Anrede „Heiliger Vater“ begrüßt, dann tut er das nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant des Deutschen Bundestages und Beauftragter des deutschen Volkes. Und als Bürger bin ich ihm dankbar für diese Dokumentation guten Benehmens stellvertretend für uns alle .

Wenn der Erzbischof von Köln öffentlich über die Eignung von Christian Wulff für das höchste Staatsamt spricht, tut er das als Wähler? Wenn der Bundestagspräsident öffentlich Kirchenreformen fordert, tut er das als Katholik? Können beide überhaupt als Privatpersonen öffentlich auftreten? Ich glaube nicht. Und deshalb sollten sie bei allem, was sie öffentlich tun, das Ende bedenken. Und beide können weder einen Staat wollen, dem die Kirche das Oberhaupt vorschreibt, noch eine Kirche, die sich vom Staat sagen lässt, was sie zu predigen hat.

Lasst uns dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Konsequent.

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Ein Kommentar zu “Kirche und Staat: Besser trennen?”

  1. Josef Jungam 15. Januar 2012 um 16:01

    “Vor wenigen Tagen erklärte Bundestagspräsident Lammert, der derzeitige Papst stehe einer notwendigen Kirchenreform im Wege” Ob die Reform notwendig ist, sei dahingestellt. Allerdings zeigt das Zitat die enge Staatskirchenverbindung in Deutschland. In den USA wäre sowas nicht möglich. Die Frage nach der Trennung von Staat und Kirche geht allerdings tiefer, letztlich ist es keine politische, sondern eine philosophisch-theologische Frage, in der es um Naturrecht, Schöpfungsordnung usw. geht. Es geht um die Frage: Wie ist die Kirche und die Welt beschaffen? Das Zweite Vatikanum hat den Gedanken einer Staatskirche verworfen und mit der katholischen Tradition gebrochen. Letztlich kann man daher pragmatisch argumentieren und sagen: Eine Trennung von Staat und Kirche wird all diejenigen von der Kirche fernhalten, die im Grunde staatliche Interessen haben und fordert zu einer Entscheidung auf: Will ich zur Kirche gehören, auch wenn dies finanzielle, staatliche und andere Nachteile bringen kann?

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