Monatsarchiv für Februar 2012

Das Spenden-Experiment: Selbsterfahrung Teil I

Caroline Stollmeier am 29. Februar 2012

Am Ende unseres Spenden-Experiments lässt sich sagen, dass das Experiment unser Konsumverhalten beeinflusst hat. Allerdings nicht immer so, wie wir es erwartet hätten…

Beginnen möchte ich meine Abschlussberichte mit unserer Regel 2: „Wenn wir im Alltag mit vertretbarem Aufwand Geld sparen können, spenden wir davon die Hälfte.“

Mineralwasser

Peter Singer schreibt etwas provokant, dass man eigentlich immer noch Geld für gute Taten übrig hat, wenn man Mineralwasser anstelle von Leitungswasser trinkt, da unser Leitungswasser zweifellos von guter Qualität ist. Im Grunde hat er ja Recht. Allerdings schmecken mir manche Mineralwassersorten einfach besser als Leitungswasser.

Ganz am Anfang des Experiments haben wir eher geschätzt als wirklich ausgerechnet, wie hoch die Spende sein könnte, die wir durch den Verzicht auf Mineralwasser zugunsten von Leitungswasser ersparen könnten. Wir kaufen nicht immer die gleiche Sorte Wasser, mal ist es eine ganz billige und mal eine relativ teure. Also mussten wir von einem Durchschnittspreis ausgehen, den wir mit den Kosten für unser Leitungswasser verglichen. Das Ergebnis war eine Spende in Höhe von 5 €-Cent pro Glas.

Insbesondere in den Sommermonaten haben wir häufiger als im Winter Leitungswasser getrunken. Gänzlich auf leckeres Mineralwasser verzichtet haben wir zu keiner Zeit. Und selbstverständlich haben wir auch unseren Besuchern niemals Leitungswasser serviert.

Der Verzicht auf Mineralwasser hat bei uns in einem Jahr zu einer Ersparnis von etwa 12 Euro geführt, was eine Spende nach Regel 2 von sechs Euro ausmacht.

Handelsmarken

Wirklich ohne großen Aufwand lässt sich Geld sparen, wenn man Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs von Handelsmarken anstelle von Herstellermarken kauft. In der Regel ist die Qualität der Ware absolut vergleichbar, der Preis aber deutlich geringer. Wir haben vor dem Experiment immer die gleiche Nudelsorte gekauft. Während des Experiments sind wir aber nahezu komplett auf billigere Produkte umgestiegen. Pro 500-Gramm-Packung Nudeln konnten wir so eine Spende in Höhe von 55 Cent ersparen.

Rückblickend mussten wir aber feststellen, dass wir auf diese Weise keine großen Einsparungen erzielen konnten. Das lag daran, dass wir bereits vor dem Spenden-Experiment verstärkt Handelsmarken gekauft hatten. Und ganz allgemein gesagt: Schlechte Erfahrungen haben wir damit nie gemacht.

Kaffee

Vor dem Spenden-Experiment haben wir meistens fair gehandelten Kaffee aus dem Eine-Welt-Laden in unserer Nähe gekauft. Dieser Kaffee ist relativ teuer, selbst wenn man ihn im Supermarkt bekommt (ca.6-7 Euro pro Pfund).

„Fair Trade“ hat einen guten Ruf. Ich habe die gute Idee dahinter bisher nie in Frage gestellt. Aber im Laufe des Experiments ist fast jede Ausgabe auf den Prüfstand gekommen, also auch die für unseren Kaffee.

Es wird immer gesagt, dass fair gehandelter Kaffee den Kaffeebauern angemessen hohe Entlohnung sichert, die dazu noch die manchmal existenzbedrohenden Schwankungen des Weltmarktpreises abfedert. Ich wollte wissen, wie viel mehr denn ein einzelner Bauer tatsächlich an einem Sack Kaffee verdient und ob sich dadurch wirklich der erheblich höhere Verkaufspreis rechtfertigen lässt (wir haben inzwischen Kaffee für unter 1,50 Euro pro Pfund gekauft).

Leider konnte ich diese Zahlen nicht herausbekommen. Angeblich ist es zu schwierig zu beziffern, was fair gehandelt für einzelne Bauern bedeutet. Ich habe davon gelesen, dass Gewerkschaften gegründet und Bildungsprojekte angestoßen werden. Also scheint es doch nicht darum zu gehen, wirklich dem einzelnen Bauern mehr Einkommen zu sichern? Ich konnte diese Frage nicht abschließend klären.

Für unser Experiment haben wir entschieden, keinen fair gehandelten Kaffee mehr zu kaufen und stattdessen auf billigeren Kaffee umzusteigen. Immerhin haben wir uns vorgenommen, mit den Einsparungen Menschenleben zu retten. Und das erscheint uns dringlicher als die Gründung von Gewerkschaften.

Restaurantbesuche

Wenn man auf Restaurantbesuche verzichtet, kann man ganz einfach Geld sparen. Nun, bedingt durch unsere Kinder gehen wir sowieso nicht häufig essen. Außerdem haben wir uns grundsätzlich entschieden, dass unsere Freunde und Gäste nicht unter unserer Experimentierfreude „leiden“ sollen. Also gab es keine Einsparungen durch den Verzicht auf Restaurantbesuche. Lediglich mein Mann hat sich in seinen seltenen Mittagspausen häufiger selbst verpflegt.

Mitgliedschaften

Sowohl mein Mann als auch ich sind Mitglied in mehreren (Förder-)Vereinen und anderen mehr oder weniger gemeinnützigen Organisationen. Sofern wir dabei nicht einen Lebensbund eingegangen sind, der selbstverständlich nicht zur Diskussion stand, haben wir jedoch abgewogen und berücksichtigt, zu welchem Zweck unsere Mitgliedsbeiträge verwendet werden.

Ohne großen Aufwand ließ sich in einem Fall der Mitgliedsbeitrag reduzieren. Zwei Mitgliedschaften wurden komplett beendet. Wenn unsere emotionale Bindung an eine Organisation bzw. die Überzeugung, dass ein Verein Gutes tut immer noch groß ist, haben wir an der Mitgliedschaft und den Beiträgen natürlich nichts verändert.

Ein besonderer Fall ist die Kirchensteuer, die ich deshalb an anderer Stelle bereits diskutiert habe. Auch hier konnten wir keine Spenden ersparen.

Rabatte

Geld sparen konnten wir auch durch Rabatte oder besondere Aktionen. Experimentrelevant waren für uns aber nur Preisnachlässe, die wir nicht sowieso erhalten hätten. Beispielsweise waren wir ein Mal im Schwimmbad und haben erst vor Ort erfahren, dass genau an diesem Tag alle Besucher aus Duisburg zu einem ermäßigten Eintritt herein durften. Diese Einsparung war relevant für unser Experiment. Rabatte aufgrund von Kundenkarten, die wir bereits vor Experimentbeginn hatten, zählten hingegen nicht.

Bücher

Wir kaufen relativ viele Bücher. Mein Mann erwirbt am liebsten günstige Mängelexemplare. Daran gibt es nicht viel zu sparen. Aber mir haben es eher die leider oft teuren Fachbücher angetan. Als gegen Anfang des Spendenexperiments mal wieder die Anschaffung eines bestimmten Buches, das ich zudem nur aus den USA beziehen konnte, anstand, ist mir eingefallen, dass ich früher immer gute Erfahrung mit der Unibibliothek gemacht habe. Tatsächlich war das von mir gesuchte Buch im Bibliothekskatalog aufgeführt. Die Gebühr für den Benutzerausweis habe ich bereits durch den Verzicht auf den Kauf des ersten Buches eingespart.

Fazit

Durch die Anwendung von Regel 2 haben wir etwa 25 % unserer Spendensumme gewonnen. Wir haben erwartet, dass dieser Anteil höher sein würde. Im Rückblick lässt sich jedoch sagen, dass wir bereits vor Beginn des Experiments immer versucht haben, bei alltäglichen Dingen Geld zu sparen und dabei anscheinend sehr erfolgreich waren.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Ein Kommentar

Spenden-Experiment: Einsparung Kirchensteuer?

Caroline Stollmeier am 26. Februar 2012

Im Sinne unserer Experiment-Regel 2 „wenn wir im Alltag mit vertretbarem Aufwand Geld sparen können, spenden wir davon die Hälfte“ hatte ich eine Idee: die Kirchensteuer. Wir hier in Nordrhein-Westfalen zahlen 9 % Aufschlag auf die Lohnsteuer. Das bedeutet erhebliches Einspar- bzw. Spendenpotenzial!

Wir bezahlen die Kirchensteuer jeden Monat. Aber freiwillig. Sie ist keine richtige Steuer, die sich (legal) nicht vermeiden ließe. Wie auch andere nicht zwingende Ausgaben, die bei uns inzwischen seit gut einem Jahr auf dem Prüfstand stehen, lohnt es sich auch hier näher hin zu schauen, wofür die Kirchensteuer eigentlich verwendet wird.

Die Bistümer geben an, dass der größte Teil der Kirchensteuereinnahmen für die Seelsorge ausgegeben wird. Dahinter verbergen sich hauptsächlich Personalkosten. Für Verwaltung und die Instandhaltung von Kirchen und anderen Gebäuden wird auch relativ viel Geld ausgegeben. Nur ein kleiner Teil der Kirchensteuereinnahmen wird direkt für soziale und karitative Zwecke ausgegeben. Die konfessionellen Krankenhäuser, beispielsweise, müssen sich selber tragen. Auch Ordensgemeinschaften, die oft viel Gutes für die Menschen tun, bekommen kein Geld aus der Kirchensteuer.

In Kirchenaustritt wäre der einfachste Weg, die Kirchensteuer nicht zu bezahlen. Aber das kommt für meinen Mann nicht in Frage. Vielleicht ist das aber nicht der einzig mögliche Weg?

Wer sagt eigentlich, dass man zwingend Kirchensteuer zahlen muss, um Mitglied (in unserem Fall der katholischen) Kirche zu sein? In den meisten anderen Ländern lebt die Kirche nicht von Steuern, sondern von Spenden und anderen Einnahmen. Dieser Frage sind schon andere Leute nachgegangen. Allen voran der Kirchenrechtler Prof. Hartmut Zapp. Er ist der Meinung, dass man aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts Kirche austreten kann, ohne automatisch aus der Kirche als Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Das Kirchenrecht selbst kennt nämlich gar keinen Kirchenaustritt. Eine Taufe kann nicht ungültig werden.

Tja, diese Frage ist höchst brisant und anscheinend gar nicht so einfach zu beantworten. Prof. Zapp hat bereits vor mehreren Jahren in genau dieser Angelegenheit einen Rechtsstreit angefangen, der bis heute noch nicht entschieden ist. Es scheint jedoch grundsätzlich nicht ausgeschlossen zu sein, dass man bald auch in Deutschland keine Kirchensteuer zahlen muss, obwohl man Mitglied der Kirche bleibt, wenn man glaubt.

Im Rahmen unseres Spenden-Experiments komme ich aber zu dem Ergebnis: So lange der Rechtsstreit nicht entschieden ist, könnten wir die Kirchensteuer nur um den Preis des Kirchenaustritts einsparen, ein Aufwand, der uns unverhältnismäßig hoch erscheint.

Abgelegt unter Allgemein,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Wie kommt es, dass Glaube gelingt?

Harald Stollmeier am 24. Februar 2012

Rezension: Elmar Nass, Vison Mensch – Mission Hoffnung. Glauben, der wieder gewinnt, Paderborn 2012

Umfragen zufolge wollen Hunderttausende von Menschen in diesem Jahr aus der römisch-katholischen Kirche austreten. In dieser Situation sagt der Aachener Domvikar Elmar Nass Nein zu Rezepten wie Resignation, Jesus „light“ und der Konzentration auf eine Elitekirche. Stattdessen weist er nach, dass Glaube in einer immer weltlicher werdenden Welt gewinnen und Menschen aller Milieus erreichen kann. „Unsere Vision ist es“, schreibt Nass, „dass der Ruf Christi einen Inhalt hat, den alle Menschen verstehen können.“

Auf den ersten Seiten klingt Vision Mensch – Mission Hoffnung wie ein Fachbuch für Spezialisten. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, begegnet am Ende der dritten Seite dem alten Priester am Waldrand, den der Verfasser selbst als Jugendlicher zu seinem Mentor wählte. Von da an wird klar: Mission ist weniger eine Frage der Lehre als vielmehr eine der Begegnung.

Anschließend widerlegt Nass ebenso verständlich wie fundiert die wichtigsten Argumente gegen den Glauben und beschreibt die wichtigsten Argumente für ihn, bevor er zum wissenschaftlichen und menschlichen Kern seiner Mission Hoffnung vorstößt: der systematischen, zweistufigen Befragung einer Gruppe junger Erwachsener, die sich zu ihrem Glauben bekennen und dem Autor berichten, wie sie ihren Glauben als Jugendliche erlebten, wie er sich beim Erwachsenwerden veränderte, was er für sie heute bedeutet und wie sie ihn in ihrer Zukunft sehen.

Daraus arbeitet der Autor persönliche Glaubensprofile heraus und ermittelt individuelle Kernphänomene wie „Glauben und ich gehören zusammen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind“ (Tom V., 28) oder „Mich motiviert der Auftrag, den Gott mir mit auf den Weg gegeben hat.“ (Susanne M. 43).

Als Ergebnis der Auswertung trägt Elmar Nass Konsequenzen für die Arbeit in den Kirchengemeinden vor:

– Reflexion über den eigenen Glauben anregen

– Erkennbar kirchliches Profil in der Kinder- und Jugendarbeit zeigen

– Die Jugendpastoral als Alternative zum Alltag gestalten

– Kerngruppen zur Bewährung des Glaubens gründen und begleiten

– Alte und kranke Menschen zum Glaubenszeugnis befähigen

– Bewährte Kerngruppen intensiv und dauerhaft begleiten

– Tiefgründige Vielfalt der Glaubensphänomene bekannt machen

– Eine milieuübergreifende Pastoral der Persönlichkeit profilieren

Elmar Nass lehrt an der Universität Bonn Christliche Gesellschaftslehre. Zugleich hat er nie aufgehört, Priester und Seelsorger zu sein und sich die Fähigkeit bewahrt, ganz normalen Menschen zuzuhören. Vielleicht ist das der Grund, warum er die Instrumente der wissenschaftlichen Sozialforschung nicht auf Krisen und Niederlagen anwendet sondern auf Menschen, deren Leben (und Glauben) gelingt.

Vision Mensch – Mission Hoffnung von Elmar Nass hat das Zeug zum definitiven Handbuch für Missionare. Das Buch macht Mut und kann erklären, warum.

Vision Mensch – Mission Hoffnung (128 S.) ist im Ferdinand Schöningh Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

Abgelegt unter Allgemein,Glaube | Religion,Lesenswerte Bücher | Keine Kommentare

Babyprämie statt Abtreibung

Caroline Stollmeier am 16. Februar 2012

Seit Ende 2009 kooperieren die ProLife Deutschland GmbH & Co. KG und die BKK IHV. Das Besondere an dieser Kooperation von Vertriebsgesellschaft und gesetzlicher Krankenkasse: Wer in der „Verwaltungsstelle ProLife“ versichert ist, verpflichtet sich, auf Abtreibungen zu verzichten. Im Gegenzug zahlt ProLife Deutschland bei der Geburt jedes versicherten Babys eine Prämie in Höhe von 300 Euro.

Nach § 24b des Sozialgesetzbuches V sind alle gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet, die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche in den Fällen zu übernehmen, in denen der Eingriff nicht rechtswidrig durchgeführt wird. Davon bildet auch die BKK IHV keine Ausnahme. In der aktuellen Fassung ihrer Satzung vom 6. Juni 2011 bekräftigt sie explizit: „Die Versicherten der Betriebskrankenkasse erhalten die gesetzlich vorgesehenen Leistungen (…) bei Schwangerschaftsabbruch und Sterilisation.“ In der Regel werden den Krankenkassen die Kosten für Abtreibungen übrigens aus Steuermitteln erstattet.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die BKK IHV verweigert ihren Versicherten keine gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen oder zwingt diese gar, darauf zu verzichten. Wer der Verwaltungsstelle ProLife beitritt, tut dies freiwillig und ohne zusätzliche Kosten. Und wer das tut, möchte damit ein Zeichen dafür setzen, dass ihm der Schutz von Kindern bereits vor ihrer Geburt wichtig ist. Eine Prämie von 300 Euro wird vermutlich sowieso keine Schwangere im Konflikt dazu bewegen, sich für ihr Baby und gegen eine Abtreibung zu entscheiden.

In der Schweiz gibt es ein ähnliches Modell bereits seit über 20 Jahren. Entstanden ist die Idee nicht nur mit dem Ziel, das Leben von Anfang an zu schützen, sondern auch aus handfesten wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Eingespart werden nämlich nicht nur die Kosten für den Eingriff selbst, sondern auch mögliche Folgekosten für medizinische oder psychologische Behandlungen, die nach einer Abtreibung anfallen können.

Die zuständige Aufsichtsbehörde, das Bundesversicherungsamt, prüft derzeit, ob bei der BKK IHV in diesem Zusammenhang alles rechtens ist. Mit Versichertengeldern muss nämlich besonders wirtschaftlich und verantwortungsbewusst umgegangen werden. Deshalb ist in Deutschland beispielsweise auch genau geregelt, wie viel Geld eine gesetzliche Krankenkasse für Werbung und Maklerprovisionen ausgeben darf.

Wolfgang Treuter, Geschäftführer von ProLife Deutschland erläuterte gegenüber Moralblog: „Für jedes neue Mitglied, das wir über die Verwaltungsstelle ProLife für die BKK IHV gewinnen können, erhalten wir nur die gesetzlich vorgeschriebene Vergütung. Deshalb können wir leider auch nicht mehr als 300 Euro Babyprämie bezahlen.“

Die „Verwaltungsstelle ProLife“ hat inzwischen mehr als 1.200 Versicherte. „Und es werden jeden Tag mehr“, freut sich Treuter.

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein | 3 Kommentare

Hexenwahn – ein aktuelles Problem?

Harald Stollmeier am 15. Februar 2012

Ein Ausschuss des Kölner Stadtrats hat die Hexenprozesse der Stadt verurteilt. In der Sache ist das sicher richtig. Aber was nützt es?

Natürlich waren die Hexenprozesse, die in Köln vor 400 Jahren stattfanden, ein großes Unrecht, und widerrechtlich waren sie auch – sogar nach damaligem Recht. Allerdings besteht darüber einerseits schon seit mindestens 200 Jahren Einvernehmen, andererseits sind wirklich alle Schuldigen längst vor ihren ewigen Richter getreten.

Angenommen, solche Beschlüsse sind richtig: Was, möchte man dann fragen, hindert eigentlich den Deutschen Bundestag daran, endlich die Nürnberger Rassegesetze von 1935 aufzuheben? Sind noch nicht genug Jahrhunderte vergangen? Oder hat bloß den Deutschen Bundestag noch nicht die Neigung erfasst, die Vergangenheit zu verändern? Vielleicht ist es bloß Ökonomie: Denn Geltung haben die Rassegesetze nicht mehr; im Zweifelsfall wären sie im höchsten Grade verfassungswidrig.

Natürlich können Verteidiger des Kölner Beschlusses geltend machen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Adolf-Hitler-Plätze umbenannt und nach der Wiedervereinigung eine Reihe von Lenindenkmälern verschrottet wurden. Aber in diesen Fällen waren die Wunden noch frisch – in diesen Fällen bedeutete die Distanzierung von der Vergangenheit noch etwas, wenn auch oft kaum mehr als das verschämte Eingeständnis der Mehrheit, sich geirrt zu haben.

Im Fall von Irrtümern aus dem 17. Jahrhundert, noch dazu längst überwundenen, hat die heutige Rechtshandlung ausschließlich symbolischen Charakter. Und ihre Betreiber haben viel gemeinsam mit den Gerichten von einst, die Tote ausgraben und nachträglich hängen oder vierteilen ließen, damit der Rechtsfriede wiederhergestellt würde.

Dabei sind ihre Beweggründe ehrenwert: Sie treten für das Recht ein, wollen für Unrecht sensibilisieren. Bloß ist der Gegenstand des Engagements nicht adäquat. Nützlicher wäre es wohl, dem Unrecht von heute in den Arm zu fallen, die Hexen von heute zu retten – sie leben nämlich noch. Woran man sie erkennt? Vielleicht daran, dass kaum jemand sie verteidigt. So war es jedenfalls damals.

Hexenprozesse

1631 erschien Friedrich Spees “Cautio Criminalis” – ein wirksamer Protest gegen die Hexenprozesse

(Foto: Caroline Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Politik | 2 Kommentare

Spenden-Experiment: Wirtschaftliche Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe

Caroline Stollmeier am 14. Februar 2012

In Deutschland wird vieles streng kontrolliert und dokumentiert. Die Mensche wollen Sicherheit. Und Papier ist geduldig. Ein Prüfsiegel, ein Qualitätsbericht oder ein Testergebnis spiegeln jedoch nicht immer wider, was einem persönlich wichtig ist. Im Rahmen unseres Spenden-Experiments haben wir uns selbst die Vorgabe gemacht, dass unsere Spende am Ende zum Menschenlebenretten beitragen soll. Aber welche Bewertungskriterien sind dafür ausschlaggebend?

Die Großen – Oxfam, Unicef & Co.

Zunächst liegt es nahe, große und bekannte Organisationen unter die Lupe zu nehmen. Oxfam Deutschland e.V. hat Moralblog bereits beispielhaft vorgestellt. Den meisten Menschen bekannt dürfte auch UNICEF Deutschland sein. Diese Hilfsorganisation setzt sich vor allem für die Recht von Kindern ein. Im Geschäftsbericht 2010 wird ausgewiesen, dass von jeder 100-Euro-Spende rund 85 Euro für die „weltweite UNICEF-Arbeit eingesetzt“ wurden. Noch eine andere Angabe ist mir jedoch aufgefallen: Mehr als die Hälfte der Spendeneinnahmen wurden von UNICEF zweckgebunden bereitgestellt. Und dem Zweck „Überleben von Kindern sichern“ wurden nur etwa 9 % dieser Spenden zugeführt. Zugegeben, ein relativ großer Anteil (etwa 53 %) floss in die Nothilfe. Hier kann man wohl davon ausgehen, dass auch mit diesem Geld Menschenleben gerettet wurden.

Große Organisationen verstehen ihr Kommunikations-Handwerk. Von Broschüren und Websites schauen uns große Kinderaugen entgegen, Geschäftsberichte wirken transparent, Ansprechpartner scheinen immer verfügbar. Es fällt mir wirklich schwer zu beurteilen ob es Unterschiede in der Glaubwürdigkeit gibt. Und das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass ich davon ausgehe, dass Organisationen mit weniger öffentlichkeitswirksamen Auftreten deshalb unglaubwürdiger sind. So komme ich also nicht weiter…

In der Nähe – das Friedensdorf

Vielleicht ist der Zugang zu Hilfsorganisationen, die in räumlicher Nähe aktiv sind, einfacher? Zusammen mit einigen Lesern hat die Moralblog-Redaktion deshalb das Friedensdorf International im benachbarten Dinslaken besucht. Das Friedensdorf ist in den 60er Jahren aus einer Bürgerbewegung hervor gegangen. Der Verein kümmert sich inzwischen um etwa 1.000 Kinder pro Jahr, die lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind und denen aufgrund von Krieg oder anderen Krisen in ihren Heimatländern nicht geholfen werden kann. Die Kinder werden nach Deutschland gebracht, haben hier in der Regel längere Krankenhausaufenthalte durchzustehen und bleiben dann mehrere Wochen oder sogar Monate im Friedensdorf, bis sie gesund genug für die Heimreise zu ihren Familien sind. Wir haben einen guten Eindruck von der Arbeit im Friedensdorf, die unzweifelhaft Menschenleben rettet. Beeindruckt sind wir auch vom Umfang der ehrenamtlichen Arbeit, die dort geleistet wird. Trotz dieses Engagements kostet die Betreuung eines Kindes im Friedensdorf pro Tag etwa 50 Euro, wie Heike Bruckmann erklärt, die uns durch das Dorf geführt hat. Und die Kosten für den Hin- und Rückflug sind dabei noch nicht eingerechnet.

Freunde fragen – Gemeinden, Kindergärten, Patenschaften

Eine weitere Überlegung war, unsere Freunde und Bekannten zu fragen, wohin sie regelmäßig spenden bzw. welche Organisation sie gerne unterstützen. Einige gaben an, dass sie ihrer Kirchengemeinde oder einem Kindergarten in ihrer Nähe Geld geschenkt hätten. Und einige haben „Patenschaften“ für Kinder in wenig entwickelten Ländern übernommen; beispielsweise vermittelt von Plan Deutschland. Während die Einen sicher waren, dass ihre Spende in ihrem unmittelbaren Umfeld Gutes bewirkt, waren die Anderen vor allem vom Briefkontakt mit ihren „Patenkindern“ beeindruckt, der ihnen ein Gefühl dafür vermittelt, dass ihre Spende ankommt.

Keine Frage, in unseren Kirchengemeinden und Kindergärten fehlt oft das Geld an allen Ecken und Enden. Aber Leben werden dort in der Regel nicht. Und „Patenkinder“ sind ein Thema für sich. Inzwischen sind die meisten nachhaltig arbeitenden Organisationen dazu übergegangen keine Spenden mehr einzelnen Kindern bzw. deren Familien zukommen zu lassen, sondern mit ihren Projekten ganze Dörfer oder Regionen zu unterstützen. Häufig sind es Projekte, die bessere Bildung (und nicht die Rettung von Menschenleben) zum Ziel haben. Das Patenschaftskonzept dient dabei eher der Spendergewinnung und -bindung.

Entwicklungshilfe – Armutsbekämpfung im Vordergrund?

Die Bundesrepublik Deutschland gibt viel (Steuer-) Geld für so genannte Entwicklungshilfe aus; die Armutsbekämpfung spielt dabei nach eigenen Angaben eine wichtige Rolle. Das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: BMZ) erklärt, dass Entwicklungshilfe unterschiedlich funktioniert: Entweder durch direkte Zusammenarbeit mit Regierungen oder Organisationen in Partnerländern, über den Umweg der Europäischen Union oder durch Unterstützung von internationalen (Nichtregierungs-) Organisationen. Im Haushaltsjahr 2011 standen dem BMZ 6,22 Milliarden Euro zur Verfügung.

Entwicklungshilfe wird oft kritisiert, da sie anscheinend weniger humanitäre als vielmehr wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund stellt. Das BMZ selbst sagt dazu: „Von Entwicklungszusammenarbeit profitieren nicht nur die Empfängerländer, sondern auch die Geber. Das gilt ganz besonders für die Exportnation Deutschland. (…) Jeder Euro, den wir für Entwicklung in unseren Partnerländern ausgeben zieht deutsche Exporte von 1,80 Euro nach sich.“ Das ist an sich ja nicht verwerflich. Aber betrachten wir diesen Aspekt doch einmal vor dem Hintergrund der Armutsbekämpfung…

Die 10 Länder, die die Rangliste der Empfänger deutscher Entwicklungshilfe im Jahr 2010 angeführt haben, sind: Indien, China, Afghanistan, Brasilien, Indonesien, Pakistan, Ägypten, Serbien, Tansania und die Türkei. Das wechselkursbereinigte Pro-Kopf-Einkommen ist ein relativ guter Indikator für die Armut in einem Land. Dazu gibt die Weltbank Ranglisten heraus: Im Jahr 2010 war Indien dort auf Platz 153, China auf Platz 118, Afghanistan auf Platz 200, Brasilien auf Platz 96, Indonesien auf Platz 147, Pakistan auf Platz 163, Ägypten auf Platz 127, Serbien auf Platz 95, Tansania auf Platz 186 und die Türkei auf Platz 79. Nach diesem Maßstab zählt also – außer Afghanistan – keines der von Deutschland am meisten geförderten Länder zu den ärmsten der Welt!

Hilfsorganisationen, die vom BMZ finanziell unterstützt werden, müssen BMZ-Kriterien erfüllen. Und nach meinem Eindruck mag die Verteilung der Gelder für Entwicklungshilfe zwar ein Indikator für Allerlei sein. Aber ein Gradmesser für (erfolgreiche) humanitäre Hilfe ist sie nicht.

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International in Dinslaken

(Foto: Caroline Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Gute Menschen | Gute Taten,Spenden-Experiment | Keine Kommentare

Christenverfolgung: Mehr als nur Streit um ein Wort

Harald Stollmeier am 4. Februar 2012

Die Zahl der in Nigeria von der muslimischen Sekte Boko Haram ermordeten Christen ist inzwischen vierstellig. Die Ankündigung der Sekte, alle Christen in Nigeria zu töten, gilt Beobachtern wie dem katholischen Philosophen Josef Bordat als hinreichend, um eine Christenverfolgung zu erkennen. Thomas Seiterich sieht es in Publik-Forum anders: Es gehe um Verteilungskämpfe – die Religion sei nicht die Ursache des Mordens. Deckungsgleich argumentiert Ruprecht Polenz (CDU), immerhin Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages.

Während Seiterich den Boko-Haram-Massenmorden eine Gebetskampagne von Open Doors für Christen in Ägypten gegenüberstellt und den Eindruck begünstigt, er bewerte beides gleich, verdient der Außenpolitiker Polenz, dass man ihn ernst nimmt – und mit ihm sein Argument, das letztlich lautet: Die Bezeichnung „Christenverfolgung“ lenkt von den Ursachen ab.

Bei näherem Hinsehen wird rasch klar: Die Opfer der Morde werden gezielt anhand ihrer Religion ausgewählt. Diese Menschen werden ermordet wegen des Glaubens, den sie mit Josef Bordat, Ruprecht Polenz und Thomas Seiterich gemeinsam haben. Und sie sind unschuldig: Es gibt keine Belege dafür, dass die christlichen Opfer ihrerseits vergleichbare Gewalt angewendet hätten, insbesondere nicht als Angreifer. Insofern ist es zweifellos eine Christenverfolgung.

Der Grund allerdings, aus dem die Mörder zur Waffe greifen, ist wohl nicht religiöser Art. Hinzu kommt, dass Boko Haram auch friedfertige Muslime ermordet. Deshalb ist es sozusagen keine dogmatische Christenverfolgung. Das ist insofern eine gute Nachricht, als man dann, wenigstens langfristig, etwas machen kann. Es ist bedeutsam, ob die Mörder sich zu Recht oder zu Unrecht auf den Koran berufen (in diesem Fall mit Sicherheit zu Unrecht), denn dann haben sie eine Wahl.

„Wenn wir diese schrecklichen Taten auf ihre religiöse Komponente reduzieren“, warnt Ruprecht Polenz im Dialog mit Moralblog, „dann gießen wir Öl ins Feuer, statt den bedrohten Christen zu helfen.“ Gefragt, wie man helfen kann, macht er auf die völkerrechtlichen Voraussetzungen aufmerksam: „Hier ist erstens die Regierung in Nigeria und zweitens die Afrikanische Union gefordert. Effektiver Schutz durch Intervention von außen würde neben einer entsprechenden Anforderung durch die nigerianische Regierung ein Mandat der UN voraussetzen.“

Zugegeben: Man kann nicht einfach ein Kanonenboot hinschicken. Aber man könnte das Gespräch suchen, in diesem Fall zunächst mit der nigerianischen Regierung und der Afrikanischen Union. Nähere Auskünfte gibt Polenz dazu nicht: „Die Bundesregierung legt nicht die Hände in den Schoß. Aber erfolgreiche Außenpolitik ist meistens diskret. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel besucht in diesen Tagen Nairobi. Ich bin sicher, dass er die richtigen Worte findet und auch Konsequenzen deutlich macht.“

Politiker können mehr tun als Normalbürger, gerade deshalb aber dürfen sie oft weniger sagen. Das muss man ihnen zugestehen. Wie ist es aber mit den Normalbürgern selbst, und wie mit Journalisten? Gerade Journalisten verstehen sich ja oft nicht nur als Überbringer von Nachrichten, sondern auch als Erklärer, manchmal gar als Mahner und Warner. Und so ungern sie es hören: Ihr Schreiben hat Folgen. Immer.

Das heißt: Wenn ein Außenpolitiker wie Ruprecht Polenz vor dem Ausdruck „Christenverfolgung“ warnt, kann er dahinter wertvollen Einsatz zugunsten der Verfolgten verbergen. Wenn aber ein Journalist wie Thomas Seiterich, noch dazu in einem christlichen Magazin, die Christen gleichsam zu Mitschuldigen erklärt, dann signalisiert er damit, hoffentlich aus Versehen, dass man diese Glaubensgeschwister im Stich lassen darf.

In einem Punkt hat sogar Thomas Seiterich recht: Es wäre schrecklich, wenn sich Gesellschaft und Normalbürger bei uns durch das Unrecht, das Christen anderswo widerfährt, dazu verleiten ließen, in unserem Lande Muslimen und anderen Andersgläubigen ihrerseits Unrecht zuzufügen.

Was aber können wir christlichen Normalbürger tun? Erstens Briefe schreiben an die Frauen und Männer, die uns in den Parlamenten vertreten. Bundestags- und Landtagsabgeordnete sind daran interessiert, was ihren Wählern wichtig ist. Und wenn genügend Wähler schreiben, dass sie Anteil nehmen am Schicksal der Christen in Nigeria, Ägypten oder Nordkorea, dann wird das auch Politiker ermutigen, sich für diese Christen einzusetzen.

Zweitens beten, und zwar öffentlich. Das ist ernst gemeint,  weil das Gebet nicht nur Ausdruck dessen ist, was wir mit den Verfolgten gemeinsam haben, und nicht nur, weil der barmherzige Gott tatsächlich zuhören wird. Sondern auch, weil volle Kirchen eine Botschaft an die Menschen sind, und der Kirchgang, noch vor einer Generation Ausdruck von Anpassung, zu einer Demonstration des Glaubens, des Mutes und der Individualität geworden ist – und zu einer Demonstration der Solidarität mit den verfolgten Christen werden kann.

Abgelegt unter Gerechtigkeit,Glaube | Religion,Politik | Keine Kommentare