Spenden-Experiment: Wirtschaftliche Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe

Caroline Stollmeier am 14. Februar 2012

In Deutschland wird vieles streng kontrolliert und dokumentiert. Die Mensche wollen Sicherheit. Und Papier ist geduldig. Ein Prüfsiegel, ein Qualitätsbericht oder ein Testergebnis spiegeln jedoch nicht immer wider, was einem persönlich wichtig ist. Im Rahmen unseres Spenden-Experiments haben wir uns selbst die Vorgabe gemacht, dass unsere Spende am Ende zum Menschenlebenretten beitragen soll. Aber welche Bewertungskriterien sind dafür ausschlaggebend?

Die Großen – Oxfam, Unicef & Co.

Zunächst liegt es nahe, große und bekannte Organisationen unter die Lupe zu nehmen. Oxfam Deutschland e.V. hat Moralblog bereits beispielhaft vorgestellt. Den meisten Menschen bekannt dürfte auch UNICEF Deutschland sein. Diese Hilfsorganisation setzt sich vor allem für die Recht von Kindern ein. Im Geschäftsbericht 2010 wird ausgewiesen, dass von jeder 100-Euro-Spende rund 85 Euro für die „weltweite UNICEF-Arbeit eingesetzt“ wurden. Noch eine andere Angabe ist mir jedoch aufgefallen: Mehr als die Hälfte der Spendeneinnahmen wurden von UNICEF zweckgebunden bereitgestellt. Und dem Zweck „Überleben von Kindern sichern“ wurden nur etwa 9 % dieser Spenden zugeführt. Zugegeben, ein relativ großer Anteil (etwa 53 %) floss in die Nothilfe. Hier kann man wohl davon ausgehen, dass auch mit diesem Geld Menschenleben gerettet wurden.

Große Organisationen verstehen ihr Kommunikations-Handwerk. Von Broschüren und Websites schauen uns große Kinderaugen entgegen, Geschäftsberichte wirken transparent, Ansprechpartner scheinen immer verfügbar. Es fällt mir wirklich schwer zu beurteilen ob es Unterschiede in der Glaubwürdigkeit gibt. Und das soll selbstverständlich nicht bedeuten, dass ich davon ausgehe, dass Organisationen mit weniger öffentlichkeitswirksamen Auftreten deshalb unglaubwürdiger sind. So komme ich also nicht weiter…

In der Nähe – das Friedensdorf

Vielleicht ist der Zugang zu Hilfsorganisationen, die in räumlicher Nähe aktiv sind, einfacher? Zusammen mit einigen Lesern hat die Moralblog-Redaktion deshalb das Friedensdorf International im benachbarten Dinslaken besucht. Das Friedensdorf ist in den 60er Jahren aus einer Bürgerbewegung hervor gegangen. Der Verein kümmert sich inzwischen um etwa 1.000 Kinder pro Jahr, die lebensbedrohlich erkrankt oder verletzt sind und denen aufgrund von Krieg oder anderen Krisen in ihren Heimatländern nicht geholfen werden kann. Die Kinder werden nach Deutschland gebracht, haben hier in der Regel längere Krankenhausaufenthalte durchzustehen und bleiben dann mehrere Wochen oder sogar Monate im Friedensdorf, bis sie gesund genug für die Heimreise zu ihren Familien sind. Wir haben einen guten Eindruck von der Arbeit im Friedensdorf, die unzweifelhaft Menschenleben rettet. Beeindruckt sind wir auch vom Umfang der ehrenamtlichen Arbeit, die dort geleistet wird. Trotz dieses Engagements kostet die Betreuung eines Kindes im Friedensdorf pro Tag etwa 50 Euro, wie Heike Bruckmann erklärt, die uns durch das Dorf geführt hat. Und die Kosten für den Hin- und Rückflug sind dabei noch nicht eingerechnet.

Freunde fragen – Gemeinden, Kindergärten, Patenschaften

Eine weitere Überlegung war, unsere Freunde und Bekannten zu fragen, wohin sie regelmäßig spenden bzw. welche Organisation sie gerne unterstützen. Einige gaben an, dass sie ihrer Kirchengemeinde oder einem Kindergarten in ihrer Nähe Geld geschenkt hätten. Und einige haben „Patenschaften“ für Kinder in wenig entwickelten Ländern übernommen; beispielsweise vermittelt von Plan Deutschland. Während die Einen sicher waren, dass ihre Spende in ihrem unmittelbaren Umfeld Gutes bewirkt, waren die Anderen vor allem vom Briefkontakt mit ihren „Patenkindern“ beeindruckt, der ihnen ein Gefühl dafür vermittelt, dass ihre Spende ankommt.

Keine Frage, in unseren Kirchengemeinden und Kindergärten fehlt oft das Geld an allen Ecken und Enden. Aber Leben werden dort in der Regel nicht. Und „Patenkinder“ sind ein Thema für sich. Inzwischen sind die meisten nachhaltig arbeitenden Organisationen dazu übergegangen keine Spenden mehr einzelnen Kindern bzw. deren Familien zukommen zu lassen, sondern mit ihren Projekten ganze Dörfer oder Regionen zu unterstützen. Häufig sind es Projekte, die bessere Bildung (und nicht die Rettung von Menschenleben) zum Ziel haben. Das Patenschaftskonzept dient dabei eher der Spendergewinnung und -bindung.

Entwicklungshilfe – Armutsbekämpfung im Vordergrund?

Die Bundesrepublik Deutschland gibt viel (Steuer-) Geld für so genannte Entwicklungshilfe aus; die Armutsbekämpfung spielt dabei nach eigenen Angaben eine wichtige Rolle. Das zuständige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz: BMZ) erklärt, dass Entwicklungshilfe unterschiedlich funktioniert: Entweder durch direkte Zusammenarbeit mit Regierungen oder Organisationen in Partnerländern, über den Umweg der Europäischen Union oder durch Unterstützung von internationalen (Nichtregierungs-) Organisationen. Im Haushaltsjahr 2011 standen dem BMZ 6,22 Milliarden Euro zur Verfügung.

Entwicklungshilfe wird oft kritisiert, da sie anscheinend weniger humanitäre als vielmehr wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund stellt. Das BMZ selbst sagt dazu: „Von Entwicklungszusammenarbeit profitieren nicht nur die Empfängerländer, sondern auch die Geber. Das gilt ganz besonders für die Exportnation Deutschland. (…) Jeder Euro, den wir für Entwicklung in unseren Partnerländern ausgeben zieht deutsche Exporte von 1,80 Euro nach sich.“ Das ist an sich ja nicht verwerflich. Aber betrachten wir diesen Aspekt doch einmal vor dem Hintergrund der Armutsbekämpfung…

Die 10 Länder, die die Rangliste der Empfänger deutscher Entwicklungshilfe im Jahr 2010 angeführt haben, sind: Indien, China, Afghanistan, Brasilien, Indonesien, Pakistan, Ägypten, Serbien, Tansania und die Türkei. Das wechselkursbereinigte Pro-Kopf-Einkommen ist ein relativ guter Indikator für die Armut in einem Land. Dazu gibt die Weltbank Ranglisten heraus: Im Jahr 2010 war Indien dort auf Platz 153, China auf Platz 118, Afghanistan auf Platz 200, Brasilien auf Platz 96, Indonesien auf Platz 147, Pakistan auf Platz 163, Ägypten auf Platz 127, Serbien auf Platz 95, Tansania auf Platz 186 und die Türkei auf Platz 79. Nach diesem Maßstab zählt also – außer Afghanistan – keines der von Deutschland am meisten geförderten Länder zu den ärmsten der Welt!

Hilfsorganisationen, die vom BMZ finanziell unterstützt werden, müssen BMZ-Kriterien erfüllen. Und nach meinem Eindruck mag die Verteilung der Gelder für Entwicklungshilfe zwar ein Indikator für Allerlei sein. Aber ein Gradmesser für (erfolgreiche) humanitäre Hilfe ist sie nicht.

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International

Moralblog-Besuch im Friedensdorf International in Dinslaken

(Foto: Caroline Stollmeier)

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