Hexenwahn – ein aktuelles Problem?

Harald Stollmeier am 15. Februar 2012

Ein Ausschuss des Kölner Stadtrats hat die Hexenprozesse der Stadt verurteilt. In der Sache ist das sicher richtig. Aber was nützt es?

Natürlich waren die Hexenprozesse, die in Köln vor 400 Jahren stattfanden, ein großes Unrecht, und widerrechtlich waren sie auch – sogar nach damaligem Recht. Allerdings besteht darüber einerseits schon seit mindestens 200 Jahren Einvernehmen, andererseits sind wirklich alle Schuldigen längst vor ihren ewigen Richter getreten.

Angenommen, solche Beschlüsse sind richtig: Was, möchte man dann fragen, hindert eigentlich den Deutschen Bundestag daran, endlich die Nürnberger Rassegesetze von 1935 aufzuheben? Sind noch nicht genug Jahrhunderte vergangen? Oder hat bloß den Deutschen Bundestag noch nicht die Neigung erfasst, die Vergangenheit zu verändern? Vielleicht ist es bloß Ökonomie: Denn Geltung haben die Rassegesetze nicht mehr; im Zweifelsfall wären sie im höchsten Grade verfassungswidrig.

Natürlich können Verteidiger des Kölner Beschlusses geltend machen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Adolf-Hitler-Plätze umbenannt und nach der Wiedervereinigung eine Reihe von Lenindenkmälern verschrottet wurden. Aber in diesen Fällen waren die Wunden noch frisch – in diesen Fällen bedeutete die Distanzierung von der Vergangenheit noch etwas, wenn auch oft kaum mehr als das verschämte Eingeständnis der Mehrheit, sich geirrt zu haben.

Im Fall von Irrtümern aus dem 17. Jahrhundert, noch dazu längst überwundenen, hat die heutige Rechtshandlung ausschließlich symbolischen Charakter. Und ihre Betreiber haben viel gemeinsam mit den Gerichten von einst, die Tote ausgraben und nachträglich hängen oder vierteilen ließen, damit der Rechtsfriede wiederhergestellt würde.

Dabei sind ihre Beweggründe ehrenwert: Sie treten für das Recht ein, wollen für Unrecht sensibilisieren. Bloß ist der Gegenstand des Engagements nicht adäquat. Nützlicher wäre es wohl, dem Unrecht von heute in den Arm zu fallen, die Hexen von heute zu retten – sie leben nämlich noch. Woran man sie erkennt? Vielleicht daran, dass kaum jemand sie verteidigt. So war es jedenfalls damals.

Hexenprozesse

1631 erschien Friedrich Spees “Cautio Criminalis” – ein wirksamer Protest gegen die Hexenprozesse

(Foto: Caroline Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Politik | 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Hexenwahn – ein aktuelles Problem?”

  1. Manuam 26. März 2012 um 10:41

    Schnee von gestern? Nicht wirklich. In Afrika und Südostasien werden noch heute hunderte von Frauen und Kindern als vermeintliche Hexen und Hexenkinder jedes Jahr hingerichtet. Es ist davon auszugehen mehr als in der gesamten europäischen Verfolgngszeit. Vielleicht öfter mal über den Tellerrand schauen?

    Davon abgesehen: Häusliche Gewalt gegen Frauen ist noch immer auch hierzulande brennend aktuell. Aus den Verbrechen der Vergangenheit lernen heißt eben auch Parallelen im Hier und Jetzt zu erkennen und abzustellen. Das haben Sie ja im Ansatz offensichtlich wenigstens erkannt 😉

  2. Harald Stollmeieram 27. März 2012 um 19:07

    Mit freundlicher Genehmigung von Pfarrer Hartmut Hegeler:

    Sehr geehrter Herr Stollmeier,

    gut fände ich es, wenn Sie zu Ihrem Artikel ergänzend einen Hinweis geben, wo die Leserin/ der Leser Informationen zu der Thematik und den Intentionen der Initiatoren aus 1. Hand erhalten kann.
    Vielleicht wollen Sie diese Zuschrift als Leserbrief verwenden zu Ihren Überlegungen zur Moral-Diskussion?

    Natürlich gibt es viele drängende Probleme unserer Zeit, die priöritär diskutiert und gelöst werden müssen.
    Doch durch Fragen von Schülerinnen und Schülern, vielen Gesprächen und Zuschriften ist unserem Arbeitskreis Hexenprozesse deutlich geworden, dass die Jugend und viele Menschen großes Interesse an den Hexenprozessen haben, Aufklärung und Aufarbeitung verlangen und dass dieses Thema Menschen immer noch gefühlsmäßig bewegt und berührt.

    Informationen zur Diskussion über Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse finden sich:

    AK Hexenprozesse
    http://www.anton-praetorius.de/arbeitskreis/arbeitskreis.htm

    Text zur Rehabilitation der als Hexen hingerichteten Frauen und Männer
    http://www.anton-praetorius.de/arbeitskreis/arbeitskreis_01.htm#Rehabilitation
    http://www.anton-praetorius.de/arbeitskreis/arbeitskreis_34.htm

    Antrag: Bürgerantrag nach § 24 Gemeindeordnung NRW zur Rehabilitation der Katharina Henot und der anderen Opfer der Hexenprozesse in Köln
    http://www.anton-praetorius.de/downloads/koeln_rehabilitation_antrag_an_ob.pdf

    Dieser Antrag an den Rat der Stadt Köln mit der Bitte um Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse wurde von mir, von verschiedenen direkten Nachfahren von Katharina Henot, von Schulleitung, Kollegium und Elternschaft der Katharina Henot Gesamtschule aus Köln, dem Kölner Frauengeschichtsverein und weiteren Einzelpersonen gestellt.

    Völlig überwältigend war das Echo in den Medien weltweit:
    http://www.anton-praetorius.de/downloads/14.2.12%20%20Koeln%20Hexenprozesse%20Presse%20Berichterstattung.pdf

    Selbst mehr als einen Monat nach der Diskussion im Ausschuss des Rates der Stadt Köln ist das Interesse der Medien ungebrochen. Allein in dieser Woche haben das 1. Russische Fernsehen, das Ukrainische Fernsehen und die deutsche Nachrichtenagentur dapd dazu Interviews durchgeführt.

    Vor einem halben Jahr wurde die Frage der Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse in Düsseldorf, der Landeshauptstadt von NRW, im Rat der Stadt diskutiert.

    Viele waren schockiert, als ein Düsseldorfer katholischer Diplom-Theologe (der am Stadtrand von Duisburg arbeitet) einen Gegenantrag stellte: eine solche Rehabilitation verletze seine grundgesetzlich geschützte Religionsfreiheit, wenn nämlich heutzutage der Rat der Stadt als Hexen verurteilte Frauen rehabilitiere. Damals sei nach gültigen Gesetzen vom zuständigen Düsseldorfer Gericht in dem Prozess ordnungsgemäß festgestellt worden, dass die Verurteilten sich mit dem Teufel eingelassen und verbotene okkulte Praktiken begangen hätten. Solch ein rechtsgültiges Urteil wegen Gotteslästerung, Satanspakt und Schadenszauber könne doch heute nicht aufgehoben werden! Das könne er mit seinem christlichen Gewissen nicht ertragen und dulden. So sinngemäß der Inhalt seiner Einlassung.

    Dieser Gegenantrag hat den Gesamtverband der katholischen Kirche in Düsseldorf zu einer Presseerklärung bewogen,
    http://www.anton-praetorius.de/downloads/kath_kirche_zur_rehabilitation_duesseldorf.pdf

    in welcher sich die katholische Kirche Düsseldorf im Jahr 2011 (!) genötigt sah, sich von der privaten Meinungsäußerung dieses katholischen Theologen öffentlich zu distanzieren und sich im Sinne des Wirkens des katholischen Jesuiten Friedrich Spee in der Cautio Criminalis 1631 für die Intention einer Rehabilitation auszusprechen.

    In Köln tut sich die katholische Kirche nach wie vor sehr schwer mit diesem Thema, wie der Brief des Generalvikars Dr. Schwaderlapp vom 2.2.2012 in seiner verklausulierten Sprache deutlich zeigt.

    http://www.anton-praetorius.de/downloads/Koeln%20Erzbistum%202012%2002.pdf

    Das Thema der Hexenverfolgungen ist gesellschaftlich nicht aufgearbeitet und bewältigt. Deswegen ist zu begrüßen, wenn durch einen Antrag auf Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse (nicht aus juristischen, sondern aus moralischen Gründen) in einer Stadt eine Diskussion über dieses dunkle Kapitel der Geschichte des christlichen Abendlandes unter den führenden Persönlichkeiten in Politik und Medien und in der Öffentlichkeit angeregt wird, um die Geschichtsbücher in den Köpfen und Herzen der Menschen umzuschreiben und die Forschungsergebnisse der historischen Wissenschaft aus den letzten Jahrzehnten der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

    In einer Stadt wie Bamberg z.B. mit den höchsten Hinrichtungszahlen in Hexenprozessen zeugt nichts von der damaligen Hexenjagd. Die örtliche Tageszeitung hat in den letzten Jahren nie etwas zum Thema veröffentlicht. Es herrscht eine Mauer des Schweigens.

    Hexen – oder Heilige?

    Es gibt in der Kirche bis heute noch Exorzisten. Viele Gespräche zeigen immer wieder: leider ist die Aufklärung noch längst nicht bei allen Menschen angekommen, dass es im Sinne der Anklagepunkte keine Hexen gab oder gibt. Man/frau kann das Wetter nicht verzaubern, auf dem Besenstiel zum Hexensabbat fliegen, sich in einen Werwolf verwandeln, Geschlechtsverkehr mit Satan haben oder einen Pakt mit dem Leibhaftigen schließen.
    Nur durch die Folter wurden unschuldige Menschen in den Marterkammern zu Hexen gemacht und zum Geständnis angeblicher Untaten gezwungen. Oft bis zum Tod auf dem Scheiterhaufen haben viele Angeklagten trotz gräßlicher Foltern ihren Glauben zum Herrgott bekannt und sich als Märtyrer erwiesen. Ihr Glaubensmut und ihre Leiden sind in den meisten Orten völlig im Dunkel der Vergangenheit vergessen worden.

    Viele Grüße Hartmut Hegeler

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