Warum ich gegen Abtreibung bin – und warum nicht

Caroline Stollmeier am 11. März 2012

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin weder ein Fundamentalist noch ein Neo-Nazi noch sonst etwas, was Abtreibungsgegnern im Allgemeinen nachgesagt wird, damit man sie nicht ernst nehmen muss. Ich finde Abtreibungen aus logischen Gründen falsch – nicht aus ideologischen:

1. Ungeborene Kinder sind Menschen.
Inzwischen ist die Entstehung des Menschen ziemlich gut erforscht. Wie unter anderem in dem anerkannten medizinischen Lehrbuch von Sadler/Langman ausgeführt wird, ist der Mensch ein Mensch ab der Verschmelzung von Samen- und Eizelle. Es kann also keine Diskussionen darüber geben, dass das Wesen, das im Bauch seiner Mutter heranwächst ganz von Anfang an ein Mensch ist – egal wie wir es nennen und egal, ob es gewünscht oder ungeplant entstanden ist.

2. Es gelten die Menschenrechte.
Nach Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jeder das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Auch wenn nicht in jedem Land jedes Menschenrecht umgesetzt wird (auch in Deutschland wird beispielsweise gleiche Arbeit nicht immer gleich entlohnt), so ist die Erklärung doch eine wichtige Orientierungshilfe, die annähernd weltweite Anerkennung findet.

3. Kinder haben ein Recht auf Leben.
Selbstverständlich berührt eine ungewollte Schwangerschaft die Freiheit der Mutter (in der Regel bedroht sie jedoch nicht deren Leben). Es gibt jedoch keinen zwingenden Grund, die Rechte der Mutter höher zu bewerten als die ihres Kindes, zumal hier eine zeitlich befristete Einschränkung der individuellen Freiheit einem Todesurteil gegenüber steht.

Darüber hinaus gibt es viele andere Argumente, die gegen Abtreibungen sprechen. Aber keins davon finde ich so zwingend, wie die, die ich Ihnen gerade genannt habe. Da jedoch im öffentlichen Umgang mit Abtreibungskritikern häufig mit üblen Verleumdungen gearbeitet wird, möchte ich noch einige Aspekte ansprechen, bei denen Sie zustimmen oder andere Meinung sein können. Keinesfalls jedoch sollten Ihnen diese Dinge „egal“ sein. Immerhin geht es hier im wahrsten Sinne des Wortes um eine Frage von Leben und Tod – für mehr als 100.000 Menschen in jedem Jahr alleine in Deutschland.

Nur Gott darf über Leben und Tod entscheiden.
Wenn man daran glaubt, dass alles Leben von Gott geschaffen ist und nur Gott selbst dieses Leben auch wieder beenden darf, dann ist alleine aus diesem Grund eine Abtreibung Unrecht. Ich halte es jedoch eher mit Kant: Handle nur nach der Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz wird. Das bedeutet für mich beispielsweise, dass ich mir manchmal aus einem Impuls heraus für bestimmte Verbrecher die Todesstrafe wünsche, obwohl ein allgemeines Recht auf Leben besteht. Gleichzeitig ist mir aber klar, dass auch ich durch ein rechtstaatliches System mit dem Tode bestraft werden könnte, falls ich mich entsprechend strafbar gemacht hätte. Und nur so ist es richtig.
Es gibt Menschen, die rechtfertigen Abtreibungen damit, dass bestimmte Kinder in ihren Augen kein lebenswertes Leben vor sich haben und deshalb besser sofort getötet werden sollten; vielleicht weil die Eltern arbeitslos sind, vielleicht weil sie Ausländer sind. Für mich sind all diese Argumente Unsinn. Denn warum sollten diese Dinge ausreichende Gründe sein, nicht zu leben? Was ist, wenn plötzlich die Mehrheit oder die Staatsgewalt der Meinung wäre, dass nur Kinder von Millionären geboren werden sollten oder nur Kinder mit grünen Augen? Dann ist man selber vielleicht ganz plötzlich betroffen (obwohl man es doch vorher nur gut gemeint hat). Wie will man rechtfertigen, dass für einen selber etwas nicht gelten muss, was man doch vorher als gültig für andere definiert hat?
Ich möchte, dass eine Institution oder Gruppe über Leben und Tod entscheidet, der ich auch die Entscheidung über mein eigenes Leben (oder das meiner Kinder) anvertrauen würde. Und das bedeutet, dass ich im Zweifelsfall niemanden über Leben und Tod anderer entscheiden lassen möchte.

Wer weiß, was aus dem Kind geworden wäre?
In jedem neugeborenen Kind steckt unvorstellbares Potenzial. Und ob jemand später ein Heilmittel gegen Krebs entdeckt oder auf die schiefe Bahn gerät, kann man vorher nicht wissen. Das hängt nämlich nicht davon ab, wer die Eltern sind und unter welchen Umständen man gezeugt wurde. Ich finde, jeder sollte die Chance bekommen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Und das geht eben nur, wenn man geboren wird.

Der Mensch ist ein gottgleiches Wesen.
Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. Das kann ich weder beweisen noch widerlegen. Ganz sicher ist das für mich aber kein ausschlaggebender Grund Abtreibungen abzulehnen.

Wir hätten kein demographisches Problem, wenn alle abgetriebenen Kinder geboren wären.
Dieses Argument halte ich für ein rein statistisches, das dem Thema nicht gerecht wird. Wer sichere Renten möchte, der kann nicht erwarten, dass andere Menschen dafür Kinder kriegen. Hier sollte lieber über eine Umgestaltung unseres Sozialversicherungssystems nachgedacht werden.

Wem gehört mein Bauch?
Mein Bauch gehört mir, diesen Ausspruch der Frauenrechtsbewegung kennt wahrscheinlich jeder. Er ist wahr. Aber in dem Moment, in dem ein anderer Mensch beteiligt ist, gehört mit gleicher Selbstverständlichkeit dessen Bauch ihm. Und das bedeutet auch, nur weil ein Mensch im Bauch eines anderen Menschen heranwächst (was einfach so ist und sich nicht wegdiskutieren lässt), darf nicht plötzlich der eine über den anderen verfügen.

Die Freiheit eines Menschen hat Grenzen, wo sie die Freiheit eines anderen beschränkt.
Niemand möchte unfrei sein. Insbesondere Frauen haben lange und hart gekämpft, um annähernd gleiche Rechte durchzusetzen, wie sie Männern zustehen. Aber die eigene Freiheit hat spätestens da ihre Grenzen, wo sie die Freiheit anderer Menschen beschneidet. Und das bedeutet, dass ich jedem zugestehe, seine eigene Sexualität so frei auszuleben, wie er möchte. Aber er darf sich dabei nie über den Willen anderer hinweg setzen. Und schon gar nicht darf die freie Auslebung der eigenen Sexualität mit Todesfolgen für andere Menschen verbunden sein. (Nebenbei bemerkt, ich finde selbstverständlich nicht, dass alle Spermien, die in einem Papiertaschentuch landen, getötete Kinder sind: Der Mensch entsteht erst bei der Befruchtung.)

Abtreiben ist keine Empfängnisverhütung.
Es gibt einige mechanische und natürliche Verhütungsmittel, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Verschmelzung von Samen- und Eizelle verhindern. Ich finde, es spricht nichts dagegen, sich dieser Mittel zu bedienen. Das bedeutet aber nicht, dass man quasi das Recht oder gar die Pflicht hätte, bei einer Verhütungspanne sein Kind abzutreiben. Da kein Verhütungsmittel absolut sicher ist, gehört zu einer selbstbestimmten Sexualität immer auch die eigene Verantwortung. Wer das Risiko eingeht, ungeplant schwanger zu werden, der darf im Falle eines Falles nicht sein Kind dafür verantwortlich machen.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich nicht der Meinung bin, dass unsere Gesetzgebung in Deutschland geändert werden muss. Wir haben ein relativ liberales Abtreibungsrecht, das eine straffreie Abtreibung zulässt, die außerdem in den meisten Fällen aus Steuermitteln finanziert wird. Aus meiner Sicht ist es keine unzumutbare Belastung für eine abtreibungswillige Frau, sich einer Beratung zu unterziehen, die je nach Beratungsstelle eine reine Formsache ist, ihr aber dennoch die Möglichkeit gibt, diese wichtige Entscheidung zuvor mit einem Unbeteiligten zu besprechen und jedes Für und Wider abzuwägen.
Anstelle einer Gesetzesänderung wünsche ich mir ein neues gesellschaftliches Umdenken. Eine Abtreibung ist keine reine Privatsache einer einzelnen Frau. Es geht immer auch um einen Vater, um Großeltern, um andere Verwandte und Freunde – und natürlich um ein Kind. Wer eine Frau in einer  verzweifelten Situation sich selbst überlässt, so dass ihr die Abtreibung als einziger Ausweg erscheint, lässt diese Frau im Stich – auch wenn er nichts weiter sagt als: Das musst du ganz alleine entscheiden.

Hilfe statt Abtreibung: 1000plus

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein | Ein Kommentar

Ein Kommentar zu “Warum ich gegen Abtreibung bin – und warum nicht”

  1. Emmaam 23. November 2012 um 12:55

    Natürlich sollte man dazu stehen und sein Kind nicht abtreiben, wenn es mal zu einer Verhütungspanne kommen sollte. Wenn das Elternhaus allerdings in großer Armut oder ähnlichen sozialen Verhältnissen steckt, würde ich das Kind doch lieber vor diesem Leben bewahren wollen, oder sehe ich das falsch?
    Neben der Pille soll übrigens die symptothermale Methode (siehe http://harri-wettstein.de )
    sehr sicher sein. Es kann da aber auch zu einer Schwangerschaft kommen.

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