Jeder Mensch kann friedlich sterben

Harald Stollmeier am 27. März 2012

Rezension: Gian Domenico Borasio, Über das Sterben, Verlag C. H. Beck, München 2011

Sterben kann entsetzlich sein. Aber eine gute und gut organisierte Palliativmedizin kann dazu beitragen, dass es nur noch sehr, sehr selten entsetzlich ist. Der andere entscheidende Faktor für ein friedliches Sterben ist die Vorbereitung, die jeder Einzelne für sein eigenes Sterben treffen kann.

Das wichtigste Einzelinstrument dabei ist die Vorsorgevollmacht, mit der jeder Mensch für den Fall, dass er sich nicht mehr äußern kann, einen Menschen seines Vertrauens umfassend bevollmächtigt, auch für Entscheidungen gegenüber dem Arzt. Der entscheidende Schritt aber, den jeder Mensch tun kann, ist mit den eigenen Angehörigen oder auch engen Freunden über den eigenen Tod und die eigenen Wertvorstellungen und Wünsche im Zusammenhang damit zu reden, reden, reden.

Gian Domenico Borasio, einer der Wegbereiter der Palliativmedizin in Deutschland, klärt in diesem Buch über das Sterben auf: über das Missverhältnis zwischen den Wünschen und Befürchtungen der Menschen einerseits und der statistischen Wirklichkeit andererseits, aber auch über gefährliche medizinische Mythen, deren Folge furchtbares Leid über Sterbende bringt. Das gilt vor allem für Atemnot und Durst, die Plagen, vor denen sich die meisten Menschen zu Recht fürchten.

Zu Bekämpfung von Durst ist die Bekämpfung des Durstgefühls entscheidend, und dabei spielt die Befeuchtung der Mundschleimhaut eine zentrale Rolle. Die Zuführung großer Mengen von Flüssigkeit ist, zumindest bei Menschen in der Sterbephase, eher schädlich und belastet Herz und Lunge.

Gegen Atemnot hilft nichts besser als Morphin, von dem es aber in vielen Lehrbüchern immer noch heißt, es führe zu Atemlähmungen. Borasio (S.135): „Diese Fehlvorstellung ist zwar wissenschaftlich längst widerlegt […]. Trotzdem haben viele Ärzte immer noch Angst davor, Morphin bei Atemnot einzusetzen …“

Gegen die Angst, die naturgemäß mit Atemnot einhergeht und diese in einem Teufelskreis verstärkt, nennt Borasio Benzodiazepine als wirksames Mittel. Dringend empfiehlt er, die Angehörigen anzuleiten, wie man diese Medikamente unter die Haut verabreicht. Atemnot (S. 136) „ist ein medizinischer Notfall.“

Mehr Aufklärung unter Ärzten führt zu besserer Aufklärung der Patienten und ihrer Angehörigen und kann manches Dilemma lindern: Höfliche, in der Sache aber deutliche Kritik übt Borasio, der den Willen des Patienten hoch achtet, auch den Sterbewillen, an der Aufklärung im Vorfeld von Euthanasien (S. 159): „Zwei Ärzte bestätigten dem Patienten unabhängig voneinander, dass er ohne Euthanasie ‚qualvoll ersticken‘ werde. Der Patient entschied sich dann nachvollziehbarerweise für die Euthanasie […]. Das Problem ist nur, dass die Information, die er bekommen hatte, falsch war.“

Ein friedliches Sterben braucht mehr als Medikamente: Menschen in der letzten Phase ihres Lebens brauchen Zuwendung, brauchen Menschen, die Zeit für sie haben. Oft gehen diese Menschen als Beschenkte nach Hause, denn (S. 191): „Im Angesicht des Todes erkennen die Menschen, worauf es wirklich ankommt.“

Gian Domenico Borasios nützliches, gut lesbares Buch Über das Sterben kostet 17,95 Euro.

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