Organtransplantation: Nächstenliebe oder Mord?

Harald Stollmeier am 5. April 2012

Organentnahme ist Mord. Das jedenfalls behaupten einige katholische Lebensrechtler und warnen vor der Ausschlachtung von Patienten, die eigentlich gerettet werden könnten, aus rein kommerziellen Motiven. Wahr ist: Nicht schon allein das Leid der Menschen, die auf ein Spenderorgan hoffen, rechtfertigt die Organtransplantationen. Wahr ist aber auch: Wenn Kritiker unter Berufung auf fragwürdige Einzelfälle behaupten, Organverpflanzungen seien ethisch unzulässig, dann machen sie es sich nicht nur wesentlich leichter als Papst und Kirche – sie berufen sich auch zu Unrecht auf Papst und Kirche für ihr pauschales Urteil.

Der Deutsche Bundestag ändert das Transplantationsgesetz: Aus der Zustimmungslösung wird eine Entscheidungslösung. Inhaltlich gilt zwar nach wie vor, dass nur Menschen Organe entnommen werden, deren ausdrückliche Zustimmung vorliegt. Aber alle Erwachsenen in Deutschland werden künftig regelmäßig befragt, und die Intention der Befragung ist klar. Kritiker sind alarmiert.

Einige katholische Publizisten halten Organtransplantationen für unvereinbar mit dem katholischen Bekenntnis, manche halten sie sogar für Mord. Selbst der Papst habe seine früher zustimmende Haltung relativiert. Ist das wahr? Muss man als Katholik gegen Organtransplantationen sein?

Im Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 (Katechismus 2296) steht zwar „Organverpflanzung ist sittlich unannehmbar“, aber weiter heißt es: „…, wenn der Spender oder die für ihn Verantwortlichen nicht im vollen Wissen ihre Zustimmung gegeben haben. Sie entspricht hingegen dem sittlichen Gesetz und kann sogar verdienstvoll sein, wenn die physischen und psychischen Gefahren und Risiken, die der Spender eingeht, dem Nutzen, der beim Empfänger zu erwarten ist, entsprechen. Die Invalidität oder den Tod eines Menschen direkt herbeizuführen, ist selbst dann sittlich unzulässig, wenn es dazu dient, den Tod anderer Menschen hinauszuzögern.“

Das heißt: Organtransplantationen sind unter bestimmten Bedingungen sittlich erlaubt, und Organspende ist unter diesen Bedingungen ein Akt der Nächstenliebe. Im Kern der Bedingungen steht neben der echten Freiwilligkeit der Entscheidung des Spenders das Verbot der direkten Herbeiführung seines Todes. Nur „ex cadavere“, ergänzt Papst Bendedikt XVI., dürfen Organe entnommen werden.

Für einige katholische Publizisten und z. B. den katholischen Fundamentaltheologen Josef Schuhmacher entzieht diese Bedingung der gesamten heutigen Transplantationsmedizin die Grundlage. Denn für sie kann mit dem Tod des Spenders nur der vollständige Tod gemeint sein, der nicht vorliegt, solange das Herz noch schlägt. Schlägt das Herz aber nicht mehr und wird der Körper nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, so sterben auch die einzelnen Organe – mit der Folge, dass sie nicht mehr verpflanzt werden können. Wie kann, fragen diese Kritiker, ein Mensch tot sein, dessen Organe noch leben?

Das deutsche Transplantationsgesetz sieht als Lösung dieses Dilemmas die strikte Anwendung des Hirntodkriteriums an: Ein hirntoter Mensch kann lebende Organe spenden. Zwar wenden die Kritiker ein, das Hirntodkonzept sei direkt zu diesem Zweck formuliert worden. Aber damit ist es noch nicht in der Sache widerlegt.

Wie tot ist denn ein Mensch, der die Bedingungen des Hirntodes erfüllt? Ist er lebendig, so dass die Entnahme lebenswichtiger Organe Mord ist? Oder ist Hirntod gleich Tod? Diese Frage ist tatsächlich entscheidend, eigentlich nicht nur für die Haltung von Katholiken.

Für Papst Benedikt XVI. muss diese Frage auf der Höhe der Wissenschaft beantwortet werden; das „ex cadavere“ in seinem Vortrag vor einem Kongress der Päpstlichen Akademie für das Leben im November 2008 ist eine Aufforderung zur Diskussion, nicht ihr vorweggenommenes Ergebnis. Dafür spricht auch, dass der Papst im selben Vortrag ausdrücklich auf die vielen Menschen hinweist, die auf ein Spenderorgan warten.

Es wäre deshalb zumindest voreilig, aus dem Brief des Prälaten Dr. Georg Gänswein an den Münchner Arzt Dr. Gero Winkelmann auf eine neuerdings restriktive Haltung des Papstes zu Organtransplantationen zu schließen. In diesem Brief teilt Prälat Gänswein mit, der Organspendeausweis des Heiligen Vaters sei mit seiner Wahl zum Papst „ipso facto“ ungültig geworden und eine Berufung darauf folglich nicht mehr statthaft.

Aber ungültig geworden ist der Organspendeausweis aus zwei Gründen, die mit der Frage der Organspende selbst gar nichts zu tun haben: Erstens ist es völkerrechtlich ausgeschlossen, dass das Staatsoberhaupt eines souveränen Staates den Gesetzen eines anderen Staates unterliegt. Zweitens gelten für den Umgang mit dem Leichnam eines Papstes strenge Regeln, die u. a. mit Reliquientheologie zu tun haben und die Abgabe von Organen ausschließen.

Während Heinz-Josef Algermissen, der Bischof von Fulda, in einer persönlichen Stellungnahme in der Tagespost im März 2012 Unbehagen gegenüber dem Hirntodkriterium äußert und (zu Recht!) auf die Notwendigkeit gründlicher Aufklärung der Organspender und ggf. ihrer Angehörigen hinweist, ist die offizielle Haltung der Deutschen Bischofskonferenz zum Hirntodkriterium und zum deutschen Transplantationsgesetz zustimmend.

Als durchaus repräsentativ dafür wird man den Vortrag von Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger, Mitglied im Deutschen Ethikrat, vor dem Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages am 24. Juni 2011 betrachten dürfen (S. 3-4): Für Weihbischof Losinger ist das Hirntodkriterium nach sorgsamer Abwägung „ein hinreichend sicheres Kriterium der Todesfeststellung […], das mit der ärztlichen Pflicht zur Lebenserhaltung und dem Tötungsverbot vereinbar ist“ – obwohl es „in der Tat“ aus pragmatischen Rücksichten auf die Erfordernisse der Transplantationsmedizin formuliert wurde.

Wem die Deutsche Bischofskonferenz nicht katholisch genug ist, den mag beruhigen, dass auch die Päpstliche Akademie der Wissenschaften in ihrer Stellungnahme aus dem Jahr 2008 den Hirntod ausdrücklich als „Tod des Individuums“ anerkennt (S. 22): „Das Gehirn ist tot und das Funktionieren der anderen Organe wird direkt oder indirekt durch künstliche Mittel aufrechterhalten. Dieser Zustand ergibt sich einzig und allein durch die Anwendung moderner medizinischer Technologien und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann er nur für eine begrenzte Zeit aufrechterhalten werden.“

Das bedeutet: Bei korrekter Anwendung des Hirntodkriteriums ist die Explantation von Organen aus Sicht der katholischen Kirche zulässig. Insbesondere ist sie kein Mord.

Kritiker sollten deshalb unterscheiden zwischen der ethischen Zulässigkeit der Organtransplantation bei Vorliegen klar formulierter Bedingungen – die man jedenfalls nicht im Einklang mit dem Lehramt bestreiten kann – und der Frage, ob diese Bedingungen im Einzelfall oder auch im jeweils geltenden Gesetz erfüllt sind.

Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften nimmt es dabei mit dem Hirntod ganz genau (S. 22): „Dass Hirntod den Begriff ‚Tod’ einschließt, mag ein zentrales Problem bereiten, aber innerhalb neurologischer Kreise (mit wenigen Ausnahmen) wird anerkannt, dass sich Hirntod durch etwas Essentielles von allen anderen schweren Dysfunktionen des Gehirns unterscheidet, die Änderungen im Bewusstsein umfassen (z.B. Koma, Vegetativer Zustand oder Minimaler Bewusstseins Zustand). Wenn die Kriterien für Hirntod nicht erfüllt sind, dann ist die Grenze zwischen Tod und Leben nicht überschritten, gleich wie schwer oder irreversibel die Hirnschädigung auch sein mag.“

Damit bewegt sich die Akademie auf der bereits von Papst Johannes Paul II. in seinem Vortrag beim Internationalen Kongress für Organverpflanzung am 29. August 2000 in Rom vorgegebenen Linie. In diesem Vortrag weist Papst Johannes Paul II. darauf hin, „daß das heute angewandte Kriterium zur Feststellung des Todes, das völlige und endgültige Aussetzen jeder Hirntätigkeit, nicht im Gegensatz zu den wesentlichen Elementen einer vernunftgemäßen Anthropologie steht, wenn es exakt Anwendung findet. Daher kann der für die Feststellung des Todes verantwortliche Arzt dieses Kriterium in jedem Einzelfall als Grundlage benutzen, um jenen Gewißheitsgrad in der ethischen Beurteilung zu erlangen, den die Morallehre als „moralische Gewißheit“ bezeichnet. Diese moralische Gewißheit gilt als notwendige und ausreichende Grundlage für eine aus ethischer Sicht korrekte Handlungsweise.”

Auch andere Kriterien sind für die ethische Zulässigkeit der Organtransplantation unverzichtbar. Dazu gehört die vollständige Freiwilligkeit der Spende, die bei einer reinen Widerspruchslösung übrigens auch für Weihbischof Losinger (S. 6) nicht gewährleistet ist. Diese Freiwilligkeit setzt die vollständige Aufklärung der Beteiligten ebenso voraus, wie sie kommerzielle Interessen ausschließt. Wer seine Organe aus wirtschaftlicher Not spendet, der tut es nicht vollständig freiwillig.

Entscheidend ist und bleibt aber die strikte Einhaltung des Hirntodkriteriums und insbesondere die Frage: Ist gewährleistet, dass vor einer Organentnahme gründlich und korrekt geprüft wird, ob der Hirntod (vollständig und unwiderruflich!) wirklich vorliegt? Können Inhaber eines Organspendeausweises sicher sein, dass ihre Spendereigenschaft ihnen bei bewusstloser Einlieferung ins Krankenhaus nicht zum Nachteil gereicht?

Das deutsche Transplantationsgesetzt schreibt hierzu u. a. zwei Untersuchungen durch voneinander unabhängige und an der Organentnahme unbeteiligte Ärzte vor, die noch dazu umfassend dokumentiert werden müssen. „Wegen der strengen gesetzlichen Bestimmungen zur Hirntoddiagnostik“, sagt die Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation Dr. Ulrike Wirges, „wird kein Mensch so gut auf Lebensspuren untersucht wie ein möglicher Organspender“ ( Siehe NOVITAS. Das Magazin für Versicherte und Freunde der Novitas BKK, Nr. 1/März 2012, S. 17).

In der Tat: Ein Arzt, dem die Manipulation eines Hirntodprotokolls nachgewiesen würde, wäre in jeder Hinsicht erledigt. Hinzu kommt: In einem solchen Fall müssten zwei Ärzte gemeinsame Sache machen und darüber hinaus sicherstellen, dass Krankenschwestern und Krankenpfleger entweder nichts bemerkten oder nichts verrieten.

Das schließt dennoch nicht aus, dass beruflicher Erfolgsdruck unsensiblen Umgang mit Angehörigen, honorarorientierte Moralaufweichungen und sogar kriminelles Verhalten hervorrufen kann. Es gibt dagegen keine Garantie. Wollte man aber deshalb die gesamte Tranplantationsmedizin abschaffen, so würde man nicht nur das Kind mit dem Bade ausschütten. Man dürfte sich auch als Gesunder im Grunde überhaupt nicht mehr zum Arzt wagen.

Abgelegt unter Allgemein,Glaube | Religion,Gute Menschen | Gute Taten,Politik | 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Organtransplantation: Nächstenliebe oder Mord?”

  1. Birger Mausam 3. November 2012 um 17:24

    Es geht um das “Spiel” mit Leben und Tod, mit der Macht und Ohnmacht des Menschen, um das Geschäft mit der Angst ums Überleben und der Unfähigkeit, sein Lebensende bewusst anzunehmen – gleich in welchem Alter – es geht um Lobbyarbeit und dem Kosteninteresse mehrerer Gruppen im Hintergrund, es geht darum, dass auch Medizin und Wissenschaft sich in ihren Definitionen und der Meinung zu einem Zustand “bewegen und verändern”.
    Der Mensch mit seiner Würde, Gesundheit und Unversehrtheit ist nicht mehr sicher auf Erden, gerade auch durch Bestimmungen und Zugriff auf ihn “von außen”.
    Bleibt nur noch ein klares: NEIN !

  2. Harald Stollmeieram 11. November 2012 um 6:21

    Sehr geehrter Herr Maus,

    Ihre Diagnose beschreibt unsere grundsätzliche Situation richtig. Umso wichtiger ist in meinen Augen, dass man genau hinschaut, damit man nicht Ungleiches gleich nennt. Dieses genaue Hinschauen führt mich zu der Erkenntnis, dass Organtransplantationen unter bestimmten (“katholischen”) Regeln etwas grundlegend anderes sind als verbrauchende Embryonenforschung, PID oder gar Schwangerschaftsabbrüche – und deshalb verantwortbar.
    Wenn Verstöße gegen diese Regeln beobachtet werden, ist es geboten, sie abzustellen (und scharf zu kritisieren sowieso). Immer wieder aber schließen Kritiker aus solchen Verstößen, dass die Regeln selbst wertlos seien. Und das ist eine intellektuelle Abkürzung, die nicht ans Ziel führt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Harald Stollmeier

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