Monatsarchiv für Juni 2012

Wiederverheiratete Geschiedene: Barmherzigkeit oder Respekt?

Harald Stollmeier am 29. Juni 2012

Priester und Laien aus Deutschland und Österreich fordern einen barmherzigeren Umgang mit „wiederverheirateten Geschiedenen“, vor allem deren Zulassung zu den Sakramenten. Eine Pfarrer-Initiative im Erzbistum Freiburg erklärt sogar öffentlich, das bereits so zu handhaben. Neben Beifall erntet sie auch Widerspruch – zu Recht.

Denn die Pfarrer-Initiative schüttet möglicherweise das Kind mit dem Bade aus: Sie reduziert zumindest in ihrem Memorandum das Problem auf einen formalen Verstoß gegen „der­zeit gel­tende kir­chen­recht­li­che Vor­schrif­ten der römisch-katholischen Kir­che“ und übergeht damit das inhaltliche Dilemma: Wie kann die Kirche wiederverheirateten Geschiedenen helfen, ohne das klare Zeugnis für die Unauflöslichkeit der Ehe aufzugeben?

Wenn man die Pfarrer-Initiative richtig versteht, tut sie es um des Seelenheils der Betroffenen willen. Für sich betrachtet ist das einleuchtend, weil die Betroffenen Beistand verdienen in ihrem Bemühen, trotz ihrer schriftwidrigen Situation ein christliches Leben zu führen und ihre Kinder, insbesondere solche aus der zweiten, nichtkirchlichen Ehe, christlich zu erziehen.

Aber dabei darf das Zeugnis für die Unauflöslichkeit der Ehe nicht zum Lippenbekenntnis werden. Einmal abgesehen von der nicht so leicht relativierbaren Festlegung Christi in dieser Frage: Würde man nicht sonst in ihrer Treue unsicher gewordenen Eheleuten faktisch einen Freibrief geben und die hauptsächlichen Opfer von Scheidungen, die Kinder nämlich, einfach im Stich lassen?

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff macht in seinem Buch Chancen zur Versöhnung darauf aufmerksam, dass die Ostkirchen dieses Dilemma durch eine niederrangige zweite (und sogar dritte) Ehe mit beträchtlichen Bußen auflösen – und dass die römisch-katholische Kirche diese Regelungen nicht als Ökumenehindernis betrachtet, sie somit gleichsam als wenn nicht evangeliengemäß so doch evangelienkompatibel anerkennt.

Das bedeutet (auch für Schockenhoff) noch lange nicht, dass dieser Weg auch für Rom der richtige wäre. Denn in der Frage der Unauflöslichkeit der Ehe zweier Getaufter ist die römische Kirche der Fels in der Brandung – wenn sie in dieser Frage nachgibt, sind die Folgen unabsehbar. Das betrifft auch eines der lautesten Argumente zugunsten einer „barmherzigeren“ Behandlung der Wiederverheirateten: „Die Zahl dieser Menschen nimmt dramatisch zu“ (z. B. Schockenhoff, S. 18). Ist denn bei „barmherzigeren“ Zukunftsaussichten mit einer Abnahme dieser Zahl zu rechnen?

Unsere Kirche ist dennoch in der Pflicht, weil sie weder die Sünder in ihrer Zwickmühle noch deren unschuldige Kinder allein lassen darf. Fordern darf man deshalb:

–          eine Überprüfung und ggf. Anpassung der kirchlichen Ehegerichtsbarkeit, damit ein möglichst großer Teil der nichtigen Ehen auch als nichtig erkannt wird;

–          eine strengere Prüfung der Kandidaten vor der kirchlichen Trauung; die große Zahl der Scheidungen legt den Verdacht nahe, dass die Brautleute sehr oft nicht wirklich wissen, worauf sie sich einlassen;

–          eine stärkere Sensibilisierung der Gemeinden für Rang und Bedeutung der Sakramente, besonders der Eucharistie, deren Empfang zur Selbstverständlichkeit geworden ist, auch weil ja normalerweise niemand weiß, was auf der Seele des Einzelnen lastet. Damit würde die sichtbare Ausgrenzung der Wiederverheirateten, deren Sündenlast zu ihrem öffentlichen Pech aktenkundig ist, deutlich relativiert;

–          die systematische Förderung von Seelsorgeformen, die für die Wiederverheirateten und ihre Familien die Zugehörigkeit zu Kirche und Gemeinde spürbar machen, Fürbitten und Gebete eingeschlossen.

Man darf darüber hinaus vermuten: Je deutlicher Kirche und Geistliche sagen, worauf es ankommt und worum es geht, desto mehr Vertrauen können sie der Gewissensentscheidung des Gläubigen schenken, der zum Kommunionempfang vor den Altar tritt, obwohl er nicht beweisen kann, dass er dazu berechtigt ist. Diese Bedeutung des klaren Zeugnisses ist um so größer, als ja niemand die Betroffenen daran hindern kann, in einer Gemeinde die Kommunion zu empfangen, in der sie niemand kennt.

Denn in der Praxis stößt jede Regelung an Grenzen, und wohl kaum ein Priester wird einen vortretenden Gläubigen außer in Extremfällen abweisen; zudem kann kein Priester Gedanken lesen. Aber der allmächtige Gott kann es, und der ganze Streit hat in Wirklichkeit nur dann einen Sinn, wenn man an ihn glaubt und daran, dass seiner Gnade am Ende niemand Grenzen setzen kann. Insofern ist die Vermutung von Papst Benedikt XVI., der Herr werde den wiederverheirateten Geschiedenen ihr Leid dereinst anrechnen (vgl. Salz der Erde, Kapitel II: Probleme der katholischen Kirche/Der Kanon der Kritik), weit mehr als eine bequeme Vertröstung.

Sondern vor allem ein Aufruf zur Hochachtung vor diesen Katholiken, die, wenn sie ihren Ausschluss von den Sakramenten (nicht aus der Gemeinde!) sichtbar ertragen, vielleicht sogar glaubwürdiger Zeugnis ablegen für die Unauflöslichkeit der Ehe als viele Perfektionisten, die in ihrem Leben einfach nur mehr Glück gehabt haben.

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Mögen Sie Tiere?

Caroline Stollmeier am 24. Juni 2012

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Caroline Stollmeier

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Fatwa für Mosebach – soll Gotteslästerung wieder strafbar werden?

Harald Stollmeier am 20. Juni 2012

Der angesehene Schriftsteller Martin Mosebach spricht sich in einem Essay in der Berliner Zeitung für ein strafbewehrtes Verbot der Gotteslästerung aus und zollt dem Islam Anerkennung für sein deutliches Eintreten gegen Blasphemie. Die Aufmerksamkeit ist beträchtlich; die ersten Fatwas sind bereits publiziert.

Es sind Fatwas gegen Mosebach („die Kanaille“), der sich vor allem den nicht völlig abwegigen Vorwurf gefallen lassen muss, Todesurteile gegen Künstler wie den persischen Dichter und Sänger Shahin Najafi zu verharmlosen – oder etwa gegen Salman Rushdie. Und in der Tat beschränken sich fanatische Muslime in ihrem Vorgehen gegen solche Künstler eben nicht darauf, diesen, wie Mosebach schreibt, „einen gewaltigen Schrecken“ einzujagen.

Trotzdem sind Mosebachs Argument es wert, dass man sie prüft. Bei den künstlerischen, die er ausdrücklich von den juristischen trennt, geht es ihm um die Frage, was die Freiheit eines Künstlers konstituiert. Und da hat er Recht: Diese Freiheit kommt nicht von außen. Und ihrerseits ist sie Ausdruck von Gebundenheit, von Pflicht. Der Künstler hat im Grunde keine Wahl: Er tut, was er muss. Das verbindet ihn mit dem Gläubigen, der Gott mehr gehorcht als den Menschen und daraus eine gewaltige Freiheit gewinnt. Allerdings erscheint es nicht logisch, aus dieser Beobachtung die Richtigkeit der Einschränkung von „äußeren“ Freiheiten und Menschenrechten abzuleiten.

Wahr ist auch, dass Grenzen und Verbote Herausforderungen darstellen, die Künstler zu wertvollen Werken anspornen können. Aber nicht einmal Martin Mosebach möchte wohl im Ernst in einer Diktatur leben, bloß weil dort bessere Witze erzählt werden.

Mosebachs rechtliche Argumentation, seine Begründung staatlicher Zuständigkeit für den Schutz Gottes vor Beleidigung ist zweistufig. Erstens ergibt sich diese Zuständigkeit aus dem Gottesbezug des Grundgesetzes (in der Präambel), zweitens aus dem Gewaltmonopol des Staates und seiner Verantwortung für die öffentliche Ordnung: Fühlt sich eine hinreichend große Gruppe von Gläubigen gleich welcher Religion durch den Staat nicht hinreichend geschützt, wird ihre Empörung „zu einem öffentlichen Problem.“

Das heißt: Muslime müssen vor Gotteslästerung geschützt werden, damit sie nicht zur Selbstjustiz schreiten. Christen, denen ihr Glaube Selbstjustiz verbietet[1], muss der deutsche Staat schützen, weil er selbst bis zu einer (recht unwahrscheinlichen) Änderung des Grundgesetzes dem christlichen Gott verpflichtet ist.

Die so begründete staatliche Zuständigkeit ist grundsätzlich akzeptabel. Zugunsten einer staatlichen Grenzziehung gegen allzu verletzende Angriffe auf religiöse Gefühle spricht auch, dass damit privaten oder gar transnationalen Aktivitäten die Rechtfertigung massiv erschwert würde. Mit der Durchführbarkeit ist es schon schwieriger. Wie will man es Allen recht machen?

Man kann es nicht Allen Recht machen. Wenn der Ayatollah im Iran zufrieden ist, werden es viele Deutsche nicht mehr sein. Eine verschärfte Gotteslästerungs-Gesetzgebung würde nicht notwendigerweise mehr Frieden und gegenseitigen Respekt bringen, sicher aber mehr gegenseitige Überwachung. Aus praktischen Gründen spricht also manches dagegen.

Aus religiösen auch. Christen beispielsweise sind nicht verpflichtet, jede Kränkung hinzunehmen. Aber in einer Diskussion über (womöglich harte) staatliche Bestrafung von Gotteslästerungen wird man wohl noch darauf hinweisen dürfen, welcher Straftat Jesus Christus schuldig gesprochen wurde.


[1]. Widerstand verbietet der christliche Glaube übrigens nicht; die andere Wange hinzuhalten heißt nicht, den eigenen Standpunkt zu verleugnen: Als Christus während seines Verhörs vom Knecht des Hohepriesters geschlagen wird, fordert er eine inhaltliche Widerlegung anstelle von Gewalt (Joh 18,23). Massendemonstrationen von Christen dürfen also sein, nur gewalttätige nicht.

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0,4 Prozent

Caroline Stollmeier am 13. Juni 2012

Im ersten Quartal 2012 gab es 0,4 % mehr Schwangerschaftsabbrüche als im Vorjahreszeitraum. Das hat heute das Statistische Bundesamt offiziell gemeldet. Sicherlich ist das keine Topmeldung am Tag der EM-Partie Deutschland gegen Holland…

In den ersten drei Monaten diesen Jahres haben sich etwa 29.100 Frauen zur Abtreibung entschlossen, die allermeisten von ihnen nicht aus medizinischen Gründen oder weil sie vergewaltigt wurden. Nur 4 % waren minderjährig. Bei weit mehr als der Hälfte der Schwangeren handelte es sich nicht um das erste Kind.

0,4 % mehr Schwangerschaftsabbrüche. Diese kleine Randnotiz mag vielen am heutigen Tag bedeutungslos erscheinen. Nur eine Statistik. Aber jede einzelne Mutter und alle Kinder, die sich hinter dieser Statistik verbergen, haben eine Bedeutung.

0,4 % mehr Schwangerschaftsabbrüche bedeuten ein totes Kind mehr, eine weitere Frau, die keine Alternative zur Abtreibung ihres Kindes sah, eine traurige Geschichte mehr, der niemand zu einem glücklichen Ende verhelfen konnte – an jedem einzelnen Tag in den ersten drei Monaten diesen Jahres.

Das ist kein Spiel. Und hier gibt es keine Gewinner.

Weil jeder fehlt, der nicht geboren wurde... Hilfe statt Abtreibung

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