Monatsarchiv für September 2012

Berlin ist immer eine Reise wert

Caroline Stollmeier am 25. September 2012

Einmal im Jahr machen sich Lebensrechtler aller Altersklassen aus der ganzen Welt auf den Weg nach Berlin, um am „Marsch für das Leben“ und verschiedenen Rahmenveranstaltungen teil zu nehmen.  Auch wenn der Marsch im Vergleich zu ähnlichen Veranstaltungen im Ausland klein ist, gaben sich die Veranstalter mit den seit Jahren steigenden Teilnehmerzahlen sehr zufrieden; nach Polizeiangaben waren es  am vergangenen Samstag 3.000 Teilnehmer.

Ebenfalls alle Jahre wieder versuchen kleinere Gruppierungen den Marsch mit verschiedenen Aktionen zu stören. Diese überwiegend jungen Menschen, sind in der Regel nicht gewalttätig, aber  schrecken vor kaum einer persönlichen Beleidigung oder besser gesagt Verleumdung zurück. Sie schmeißen Konfetti und Kondome und lärmen mit Trillerpfeifen und Sprechchören. Mein persönlicher Favorit unter den sinnfreien Ausrufen war übrigens: „Mittelalter, Mittelalter, hey, hey!“

Alles in allem sind mir in diesem Jahr aber nur wenige Gegendemonstranten aufgefallen. Entweder waren in diesem Jahr nicht viele von ihnen dort oder sie wurden von der Polizei in großem Abstand gehalten. Das konnte ich aus der Mitte des Zuges heraus nicht beurteilen.

Die Berliner Polizei hat einmal mehr ein dickes Lob für ihre Arbeit verdient! Nicht zuletzt durch ihre gut koordinierte und starke Präsenz konnte der Marsch reibungslos ablaufen, und alle Teilnehmer haben sich sicher gefühlt.

Die Veranstaltung begann mittags mit einer Kundgebung vor dem Bundeskanzleramt. Besonders beeindruckend fand ich die Frauen, die offen über ihren Schwangerschaftskonflikt sprachen. Sie sandten die unmissverständliche Botschaft, dass Abtreibung keine gute Lösung ist, dass sie zu schweren Krisen führen kann und dass keine Frau später bereut, ihr ungeplantes Kind doch noch geboren zu haben.

Zusammen mit einem Teil meiner Familie habe ich mich in diesem Jahr in Berlin der „Jugend für das Leben Deutschland“ angeschlossen. Gemeinsam war es besonders schön! Die jungen Leute haben alle einen unterschiedlich stark ausgeprägten christlichen Hintergrund und stehen konsequent hinter dem Lebensrecht. Viele von ihnen haben internationale Erfahrungen gemacht und konnten anschaulich berichten, wie die Pro-Life-Bewegung beispielsweise in Kanada oder den USA arbeitet. Entsprechend bunt und informativ war auch die Konferenz, die die Jugend für das Leben am Abend nach dem Marsch organisiert hat.

Aber um noch einmal auf die Teilnehmerzahlen zurück zu kommen… Es mag ein gutes Zeichen sein, dass jedes Jahr mehr Menschen nach Berlin kommen. Aber ist es nicht eigentlich eine Schande, dass sich die Menschen in unserem großen Land zu Zehntausenden motivieren lassen beispielsweise gegen den Ausbau eines Bahnhofs oder gegen Atomenergie auf die Straße zu gehen, was aber in jedem Jahr mit mehr als 100.000 unserer kleinsten Kinder und ihren Müttern passiert, interessiert kaum?!

Unter den Teilnehmern waren zudem viele ausländische Pro-Life-Gruppen vertreten. Das wirft für mich einmal mehr die Frage auf: Wo verstecken sich eigentlich unsere eigenen Wutbürger? Ist es nicht an der Zeit öffentlich zu sagen: In unserem Land brauchen unzählige Mitmenschen Hilfe – wir wollen helfen?! Zum Beispiel in einer Stadt, die immer eine Reise wert ist…

Im nächsten Jahr findet der Berliner Marsch für das Leben am 21. September statt. Der dringende Appell der Veranstalter ist: Beim nächsten Mal bringt jeder noch einen mit! Wird gemacht.

Marsch für das Leben, Berlin 2012

Marsch für das Leben, Berlin 2012

Marsch für das Leben, Berlin 2012

(Impressionen vom Marsch für das Leben in Berlin, 2012. Fotos: Caroline Stollmeier)

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Beschneidung: Zwei Welten treffen aufeinander

Harald Stollmeier am 16. September 2012

Gläubige Juden haben im Grunde keine Wahl: Die Beschneidung männlicher Säuglinge ist für sie göttliches Gebot und entscheidendes Zeichen des Bundes. Jüdische Eltern lassen ihre Söhne in der Überzeugung beschneiden, damit dem Kindeswohl zu dienen.

Der deutsche Staat hat im Grunde auch keine Wahl: Er ist dem Schutz des Individuums verpflichtet. Es ist ziemlich sicher, dass der deutsche Staat die Brit Mila nicht für rechtmäßig erklären kann, ohne gegen das Grundgesetz zu verstoßen. Das Urteil des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 2012 ist einfach eine konsequente Anwendung der Gesetze, die insbesondere die Rechtmäßigkeit chirurgischer Eingriffe regeln. Und der Staat hat nicht das Recht, das Recht seiner Bürger auf körperliche Unversehrtheit zu beschränken.

Hier treffen zwei Welten aufeinander, obwohl eine sehr große Mehrheit des Deutschen Bundestages das überhaupt nicht will. Sie hat in einem Entschließungsantrag den Willen ausdrückt, die religiöse Beschneidung unter bestimmten Bedingungen für zulässig zu erklären.

Aber zugleich fordert eine gut wahrnehmbare Minderheit der Bevölkerung teils mit, teils ohne Unbehagen, im Zweifelsfall müsse das Recht des Säuglings auf körperliche Unversehrtheit über der Religionsfreiheit der Eltern stehen. Auch die wohlwollenden Vertreter dieser Haltung verstehen nicht, wo das Problem liegt. Warum, fragen sie, sollen denn die jüdischen (und natürlich erst recht die muslimischen) Jungen nicht erst nach Eintritt ihrer Religionsmündigkeit selbst entscheiden, ob sie beschnitten werden wollen?

„Die Thora einschließlich der sogenannten Mündlichen Thora ist in dieser Frage eindeutig“, erläutert Rabbiner Yaacov Zinvirt, Mitglied der Orthodoxen Rabbiner Konferenz Deutschland, „wir müssen unsere männlichen Kinder bis zum achten Tag nach der Geburt beschneiden.

Es gibt jedoch nach der Überlieferung der Mündlichen Thora verschiedene Gründe, die Moses dazu veranlassten, seinen Sohn erst später beschneiden zu lassen. Die Tatsache, dass G´tt ihn dafür bestrafen wollte, zeigt jedoch den großen Fehler, den Moses wegen der verspäteten Beschneidung seines Sohnes beging.

Vor der Thoraübergabe gibt es andere Zeitangaben zur Beschneidung unserer Vorfahren, bindend für uns sind jedoch die Gesetze, die uns am Berge Sinai gegeben wurden, und eines ist die Beschneidung unserer Söhne am achten Lebenstag.“

Eine Reform der Brit Mila im Sinne der Forderungen des Kölner Landgerichts ist also nahezu oder ganz unmöglich. Wie steht es mit der Forderung des Deutschen Bundestages nach der Vermeidung unnötiger Schmerzen, die sich auch in der vorläufigen Berliner Regelung wiederfindet?

„ Es gibt unterschiedliche Meinungen, in wie weit der Schmerz bei einer Beschneidung gemindert werden kann“, sagt Rabbiner Yaacov Zinvirt, „eine Narkose ist jedoch für einen Säugling weitaus risikoreicher.“

Einem möglichen Verbot der Brit Mila sieht Rabbiner Yaakov Zinvirt letztlich gelassen entgegen: „Wenn es ein Gesetz gäbe, das die Beschneidung von Söhnen im Alter von acht Tagen verbietet, so verweise ich auf dunkle Zeiten der Vergangenheit, in denen das jüdische Volk trotz aller Schwierigkeiten und Verbote (auch in der Zeit der Griechen, Römer, Inquisition, 20. Jahrhundert) seine Jungen beschnitten hat und an diesem Gesetz, das ein Bestandteil seiner Religion ist, festhielt.“

Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat des 21. Jahrhunderts kann kein Interesse haben, sich in die Liste der Unterdrücker des Volkes Israel einzutragen. Ohnehin müssen sich auch radikale Beschneidungsgegner fragen lassen, ob sie den Polizeistaat wirklich wollen, ohne den ein Beschneidungsverbot jedenfalls nicht durchzusetzen wäre. Ob nun Arztpraxen oder Privatwohnungen überwacht würden, oder ob erst bei der Schuleingangsuntersuchung die Eltern beschnittener Jungen nachweisen müssten, dass die Beschneidung medizinisch notwendig war – unser Land würde sich zu seinem Nachteil verändern.

Dieses Problem hat der Deutsche Bundestag nicht. Er muss nur in absehbarer Zeit ein Gesetz verabschieden, das nicht sofort vom Bundesverfassungsgericht kassiert wird. Zugleich soll es auf keinen Fall – das steht schon im Entschließungsantrag – die verstümmelnden Mädchenbeschneidungen ermöglichen, die zumeist auch unter Berufung auf die Religion, in diesem Fall den Islam, durchgeführt werden.

Schon allein deshalb darf die Begründung des Gesetzes nicht in der großen religiösen Bedeutung der Jungenbeschneidung vor allem im Judentum liegen, denn der Rechtsstaat ist zu theologischen Aussagen nicht berufen, und innerhalb seiner eigenen Logik fände er dann so leicht keine Grenze mehr, die er religiös begründeten Privilegien setzen könnte.

Er sollte sich auf die Handlung konzentrieren und Rechtsgüter abwägen, in diesem Fall das Recht der Eltern auf Religionsfreiheit und das Recht der Söhne auf körperliche Unversehrtheit. Dabei wird er dem Recht der Eltern einen niedrigeren Rang zumessen müssen, anschließend aber aus Verhältnismäßigkeitserwägungen eine Duldungsgrenze festlegen.

Die nächstliegende Lösung ist folglich diejenige, die der Gesetzgeber bereits für Schwangerschaftsabbrüche gewählt hat: Rechtswidrig aber unter bestimmten Bedingungen straffrei. Wer eine solche Konstruktion für die Brit Mila und wohl auch für die muslimische Jungenbeschneidung ablehnt, müsste das entweder auch für die Schwangerschaftsabbrüche tun oder nachweisen, dass bei der Beschneidung eine schwerer wiegende Rechtsgutverletzung vorliegt als bei einer Abtreibung.

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