Monatsarchiv für Oktober 2012

„Sind die Demographieforscher mit Blindheit geschlagen?“

Harald Stollmeier am 20. Oktober 2012

1000plus-Projektleiter Kristijan Aufiero

1000plus-Projektleiter Kristijan Aufiero

INTERVIEW MIT KRISTIJAN AUFIERO (1000plus)

Die deutsche Gesellschaft überaltert und schrumpft. Dieses Phänomen, das zunächst hauptsächlich wegen seiner Folgen für die Rentenversicherung auffiel, ist inzwischen auf der politischen Tagesordnung angekommen. Hochkarätige Wissenschaftler ringen mit dem demographischen Wandel und suchen nach Erklärungen. Kristijan Aufiero, Leiter des Schwangerenberatungsprojekts 1000plus, entdeckt in den Fragenkatalogen der Wissenschaftler eine Tabuzone.

Moralblog: Herr Aufiero, Sie haben kürzlich öffentlich „eine spezifische Blindheit der demographischen Debatte“ beklagt. Was meinen Sie damit?

Kristijan Aufiero: Vor kurzem habe ich als Besucher an einem Colloquium teilgenommen, bei dem es – wie so oft heutzutage – um das Megathema „Demographische Krise und Kindermangel“ ging. Ein sehr kompetenter Referent zitierte dabei zu den verschiedenen Einflussfaktoren gefühlt zwei Dutzend Studien. Aber die Rolle der Schwangerschaftsabbrüche kam nicht vor. Das machte mich neugierig, und ich habe mich seither eingelesen. Und in keiner der verfügbaren aktuellen Studien zum Kindermangel kommen Abtreibungen vor. Keine einzige geht darauf ein, dass seit 1974 fünf bis acht Millionen Kinder abgetrieben wurden, die schon da waren, aber in den Geburtenstatistiken nicht auftauchen. Abtreibung als Faktor der Bevölkerungsentwicklung kommt in keiner Studie vor. Aber sie ist ein Faktor in der Wirklichkeit: 20 Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland enden mit einer Abtreibung – Jahr für Jahr.

Moralblog: Wollen Sie darauf hinaus, dass die Abtreibungen eine Hauptursache des demographischen Wandels sind?

Kristijan Aufiero: Nein, darum geht es nicht. Das wäre auch zu kurz gegriffen. Es ist aber unwissenschaftlich – so deutlich muss man das sagen –, den Faktor Schwangerschaftsabbrüche völlig auszuklammern. Schon rein statistisch ist das abenteuerlich. Denn selbstverständlich haben die Abtreibungen der Vergangenheit Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung, entweder indem sie die Zahl der geborenen Kinder pro Frau senken, oder indem eine gleiche Anzahl von Kindern pro Frau im Durchschnitt später geboren wird, was gleichfalls, wenn auch langsamer, zum Bevölkerungsrückgang führt.

Moralblog: Das ist aber nicht Ihr Hauptkritikpunkt?

Kristijan Aufiero: In der Tat, denn die Studien und Tagungen, die jetzt landauf, landab zur Bevölkerungsentwicklung durchgeführt werden, wollen die Situation ja nicht nur beschreiben. Sie suchen nach Lösungen, wollen herausfinden, was man tun kann, damit mehr Paare sich für Kinder entscheiden, und das idealerweise auch früher in ihrem Leben. Und wenn man das herausfinden will, drängt es sich doch geradezu auf, die über 100.000 Frauen zu fragen, die sich pro Jahr in ihrer Not gegen ein Kind entscheiden, das bereits lebt. Aber niemand kommt auf diese Idee – sind die Demographieforscher mit Blindheit geschlagen? Schon rein wissenschaftlich ist das unfassbar. Aber menschlich, um der betroffenen Frauen und Kinder willen, ist es eine Katastrophe, denn zur Verbesserung ihrer Lage trägt diese Blindheit natürlich nicht bei.

Moralblog: Haben Sie eine Erklärung für diese Blindheit?

Kristijan Aufiero: Die wahrscheinlichste Erklärung ist: Wir haben es mit einem Tabu zu tun. Seit Jahrzehnten wird uns beigebracht, Abtreibung sei ein Frauenrecht, eine entscheidende Bedingung der Befreiung von Frauen, und wer dem nicht zustimmt, der ist schnell ein Außenseiter. Da klammert man das Thema am liebsten ganz aus, besonders wenn man Zweifel an diesem gesellschaftlichen Dogma hat.

Moralblog: Herr Aufiero, Sie organisieren im Projekt 1000plus Beratung und Hilfe für jährlich 1200 Frauen im Schwangerschaftskonflikt. Gewinnen Sie aus dieser Arbeit Antworten auf die Frage, was geschehen muss, damit sich mehr Frauen für Kinder entscheiden?

Aufiero: Ein immer größerer Teil unserer Beratungen findet online statt, per E-Mail oder Chat. Diese Beratungen sind vollständig dokumentiert, wenn auch natürlich anonym. Wir werden sie wissenschaftlich auswerten lassen, damit die Stimme der betroffenen Frauen in der Debatte gehört wird.

Moralblog: Können Sie eine Tendenz skizzieren?

Kristijan Aufiero: Zwei Erkenntnisse sind schon jetzt unübersehbar. Erstens: Keine Frau wünscht sich für sich und ihr Baby eine Abtreibung. Und zweitens: Nichts wünscht sich eine Frau im Schwangerschaftskonflikt mehr als einen Mann, der zu ihr und ihrem Baby steht.

Moralblog: Möchten Sie Demographen und Demoskopen, die sich mit der Frage nach den Ursachen des Kindermangels beschäftigen, an dieser Stelle eine Empfehlung geben?

Aufiero: Aus meiner Sicht lauten zwei der zentralen Fragen, die in diesem Zusammenhang beantwortet werden müssen: Warum genau enden in unserem Land mind. 108.000 Schwangerschaften im Jahr nicht mit einer Geburt sondern mit einer Abtreibung? Und zweitens: Was können wir als Gesellschaft für diese verzweifelten Schwangeren tun, damit sie sich doch für die Babys entscheiden, die sie längst unter ihren Herzen tragen?

Moralblog: Herr Aufiero, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Abtreibung: nicht nur Privatsache

Harald Stollmeier am 14. Oktober 2012

BUCHBESPRECHUNG

Griffig geschrieben, einfühlsam recherchiert und frei von Fanatismus: Caroline Stollmeiers Buch Abtreibung: eine Kopf-Bauch-Herz-Entscheidung ist ein leicht verständlicher Einstieg in ein Thema, dass trotz engagierter Auseinandersetzungen den meisten Menschen in Deutschland nur wenig Kopfzerbrechen bereitet. Denn eine ungeplante Schwangerschaft ist für sie Privatsache, und die mögliche Entscheidung der betroffenen Frau für eine Abtreibung erst recht.

„Privatsache“ kann bedeuten: Die Betroffene darf nicht bevormundet werden. Aber auch: Ich will damit nichts zu tun haben. Caroline Stollmeier warnt davor, sich in dieser Haltung einzurichten. Denn mittelbar betroffen kann jeder werden – als Partner, Angehöriger oder Freund, und ganz besonders wahrscheinlich als Mutter oder Vater einer jungen Frau.

Abtreibung hat viele Aspekte. Caroline Stollmeier beleuchtet sie aus den drei Perspektiven, die der Titel verspricht: Kopf, Bauch und Herz. Unter der Rubrik Kopf informiert sie u. a. über die Rechtslage, Möglichkeiten finanzieller Unterstützung, statistische Fragen und den Beratungsansatz des Projekts 1000plus. Zur Rubrik Bauch gehören die Themen Bauch und Eigentum, Verhütung, PID und Spätabtreibungen. Unter der Überschrift Herz schreibt die Autorin über Abtreibungsmethoden, traumatische Folgen wie das umstrittene „Post-Abortion-Syndrom“, Vergewaltigungen, Adoptionen und die Rolle von Schulen, Vätern und Großeltern.

Zu jeder Perspektive gehört eine Medienübersicht: Caroline Stollmeier gibt Tipps zu Büchern und Filmen, die sich mit den Themen Schwangerschaft und Abtreibung beschäftigen – nicht nur zu solchen, die ihrer Meinung entsprechen.

Ihre eigene Meinung sagt Caroline Stollmeier offen (S. 5):  Sie hofft, jede betroffene Frau „möge für sich und ihr Kind eine Alternative zur Abtreibung finden.“

Abtreibung: eine Kopf-Bauch-Herz-Entscheidung

Caroline Stollmeiers Buch Abtreibung: eine Kopf-Bauch-Herz-Entscheidung ist 2012 im Choros Verlag, Kempen, erschienen und kostet 11,90 Euro; 1 Euro pro Buch ist eine Spende zugunsten der Beratungsarbeit des Projekts 1000plus.

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Das gute Gesetz

Harald Stollmeier am 12. Oktober 2012

Eine erfundene Geschichte

Es war einmal ein Land in Afrika, in dem die Männer gerne schnackselten. Sie taten das nicht nur mit ihren rechtlich angetrauten Ehefrauen, sie taten es auch mit Geliebten, denen sie die Ehe in Aussicht stellten. So sind sie, die Afrikaner.

Immer wieder kam es vor, dass die Geliebten schwanger wurden. Natürlich waren sie daran selber schuld, weil sie doch hätten verhüten können. Viele waren jedoch zu undiszipliniert – schließlich waren es Afrikanerinnen. Einige wurden sogar mit Absicht schwanger, weil sie hofften, den Mann so zur Ehe bewegen zu können. Die afrikanischen Männer wiederum fielen darauf nicht herein: Sie ließen sich das nicht gefallen und gingen auf und davon. Ihre Vorstellung von Männlichkeit erlaubte ihnen das.

Aber die weisen Männer, die das Land regierten, waren voller Sorge, denn die alleingelassenen Frauen brachten alleingelassene Kinder zur Welt. Schande lag auf ihnen, und ihre Familien litten schwer. Zudem wandten sich die alleingelassenen Frauen mit Hilfeersuchen an die weisen Männer, die ihnen Brot und Arbeit verschaffen sollten, damit sie ihre Kinder großziehen könnten.

Die weisen Männer berieten sich, denn sie hatten Mitleid. Die alleingelassenen Frauen dauerten sie, und die vaterlosen Kinder waren eine soziale Zeitbombe. Man konnte dieser Entwicklung nicht länger tatenlos zusehen.

Und die weisen Männer schufen ein gutes Gesetz, um Gerechtigkeit im Lande herzustellen. „Wenn Männer ihre Kinder im Stich lassen dürfen“, sagten die weisen Männer, „dann steht auch den Frauen das Recht zu, ihre Kinder im Stich zu lassen.“ Und die weisen Männer gaben den alleingelassenen Frauen das Recht, ihre Kinder schon vor der Geburt durch geeignete Kräutertränke oder durch den Eingriff eines Medizinmanns zu töten.

Dieses gute Gesetz schuf Frieden in dem afrikanischen Land. Zwar forderten immer wieder einzelne Nörgler, den alleingelassenen Frauen auf andere Weise zu helfen, aber das kam natürlich nicht in Frage – schließlich ging es um ein Menschenrecht.

Das gute Gesetz

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Die Kirche, die Steuer und die Pforten der Hölle

Harald Stollmeier am 8. Oktober 2012

Die Deutsche Bischofskonferenz hat etwas ganz Normales getan: Sie hat definiert, welche Konsequenzen der Kirchenaustritt hat, und sogar erste Ansätze zu einem Kündigungsmanagement installiert. Parallel wurde der interessante Versuch des Kirchenrechtlers Hartmut Zapp zur Entkoppelung von Austritt aus der Körperschaft öffentlichen Rechts und Austritt aus der Glaubensgemeinschaft höchstrichterlich abgewiesen. Damit gelten in Deutschland für die katholische Kirche zweifelsfrei dieselben Regeln wie für jedes andere Dienstleistungsunternehmen: Wer kündigt, kann nicht mehr Kunde sein. Logisch.

Niemand kann der Deutschen Bischofskonferenz das Recht bestreiten, diesen Grundsatz durchzusetzen. Niemand wird allen Ernstes bestreiten, dass jeder Katholik verpflichtet ist, einen angemessenen Beitrag zur Arbeit der Kirche zu leisten. Trotzdem finde ich diesen Vorgang deprimierend. Am meisten deprimiert mich das „pastorale“ Standardschreiben, zu dessen Versendung anscheinend der jeweils zuständige Pastor verpflichtet ist. Die Vorstellung, dass ein nach langer Entfremdung austretender Katholik diesen Brief als ersten Kontakt mit seinem Seelsorger erfährt, wäre, wenn es nicht um die Auferstehung und das Leben ginge, beinahe kabarettreif.

Natürlich wäre es wohlfeil, die Bischöfe kurzerhand als geldgierig abzustempeln; sie tragen Verantwortung für eine große, wichtige und sehr, sehr nützliche Organisation. Wer die von Papst Benedikt XVI. empfohlene Entweltlichung als Auftrag versteht, die Kirche als Organisation abzuschaffen, am besten von heute auf morgen, der schüttet das Kind mit dem Bade aus.

Ich halte die Kirchensteuer für in jeder Hinsicht gerecht. Unabhängig von der Herleitung aus der staatlichen Entschädigungspflicht für die Enteignungen von 1803 ist sie die in der Bundesrepublik Deutschland vertraglich festgelegte Form, in der die Katholiken ihre angemessene Spende zur Finanzierung ihrer Kirche leisten.

Angesichts der Seltenheit des deutschen Modells kann man sich leicht andere Wege der Kirchenfinanzierung vorstellen. Mein Favorit wäre eine Verpflichtung zu regelmäßigen Spenden im ungefähren Umfang der heutigen Kirchensteuer. Die Pflicht könnte erfüllt werden durch Spenden an Organisationen auf einer von der Deutschen Bischofskonferenz erstellten Liste, auf der neben dem örtlichen Bistum auch sämtliche in Deutschland tätigen Orden und Gemeinschaften sowie im Prinzip sämtliche nach katholischer Glaubenslehre wirkenden gemeinnützigen Stiftungen und Vereine verzeichnet wären. Donum vitae wäre zum Beispiel nicht dabei.

Jeder Katholik könnte nach eigenem Gutdünken aus dieser Liste auswählen und damit seine „Kirchensteuerpflicht“ erfüllen. Um der DBK bzw. den Bistümern Planungssicherheit zu geben, könnte man erstens die Wahlfreiheit gleitend erhöhen, zweitens eine Frist für Veränderungen der Spendenempfänger festlegen.

Der Charme einer solchen Regelung liegt auf der Hand: Die Bistümer geben Kontrolle ab, gewinnen aber Vertrauen. Das Risiko ist ebenfalls klar: Es kann sein, dass die Prioritäten der Gläubigen ganz anders sind als die Prioritäten der Bischöfe. Und nach dem Allgemeinen Dekret der Deutschen Bischofskonferenz zum Kirchenaustritt zu urteilen wird dieselbe ein solches Risiko nicht eingehen.

Angesichts schrumpfender Gemeinden und Einnahmen steht die katholische Kirche in Deutschland vor einer Wahl, wie sie der Romanautor Stephen King in seinem frühen Roman Salem’s Lot präsentiert. In einer Schlüsselszene des Romans versucht der katholische Ortsgeistliche Father Callahan, den die Stadt erobernden Vampir Barlow aufzuhalten. Sein mit übernatürlicher Macht glühendes Kruzifix ist für den Vampir ein unüberwindliches Hindernis. Andererseits hat Barlow Geiseln, deren Ermordung Father Callahan nicht verhindern könnte. In dieser Situation schlägt Barlow dem Pfarrer vor, die Geiseln freizulassen, wenn der Pfarrer ihm anschließend ohne Kruzifix entgegentritt, allein mit seinem Glauben bewaffnet. Father Callahan stimmt zu, die Geiseln entkommen, der Showdown naht.

Plötzlich kommen Father Callahan Zweifel. Ob es nicht vielleicht besser wäre, die Sache mit dem Glauben zu vertagen? Absprachewidrig hebt er sein glühendes Kruzifix dem Vampir entgegen. Aber schon beginnt die Glut zu vergehen, erlischt schließlich, und der Vampir kann das Kruzifix gefahrlos zerbrechen. Bevor er den bedauernswerten Geistlichen mit seinem eigenen Blut „tauft“, erläutert er ihm gut calvinistisch, ohne Glauben seien die Zeichen überhaupt nichts wert.

Übrigens gibt es dazu einen Gegenentwurf: In Bram Stokers Dracula versiegelt der katholische Arzt Abraham van Helsing eine Vampirgruft erfolgreich mit einem Kitt, in den eine gewandelte Hostie gebröselt wird (mit Dispens) – ein klarer, wenn auch literarischer Beweis für die katholische Lehre von der Realpräsenz.

Angesichts des Dekrets der Deutschen Bischofskonferenz fühle ich mich leider, als stünde nicht Professor van Helsing vor mir, sondern Father Callahan. Das kann unmöglich das letzte Wort in dieser Angelegenheit sein. Wenn Jesus Christus wirklich von den Toten auferstanden ist, dann ist unsere Kirche mehr als eine weltliche Organisation. Dann darf sie, nein, dann muss sie darauf vertrauen, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden (Mt 16,18). Und das muss man von außen erkennen können.

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Größere Helden als Spiderman

Caroline Stollmeier am 7. Oktober 2012

Gestern kamen in Heidelberg Freunde, Unterstützer und Mitarbeiter von Pro Femina zum 1000plus-Tag zusammen. Ein befreundeter Hotelier stellte den Tagungsraum zur Verfügung; sogar für Kinderbetreuung war gesorgt. Durch das bunte Programm führte der sympathische neue 1000plus-Mitarbeiter Rolf Schirrmacher.

Johanna Gräfin von Westphalen, die Schirmherrin von 1000plus ist und sich u.a. mit ihrer „Stiftung Ja zum Leben“ unermüdlich für den Lebensschutz in Deutschland einsetzt, äußerte in ihrem bewegenden Grußwort ihre Bestürzung darüber, dass sich viele Menschen heute anmaßen, über Leben und Tod andere Menschen verfügen zu können. Dies ist ihr vor allem vor dem Hintergrund ihrer Kindheit im Dritten Reich unverständlich. Sie zeigte sich beeindruckt von der erfolgreichen Arbeit des 1000plus-Teams und allem, was 1000plus in den letzten drei Jahren bereits erreicht hat.

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, überbrachte Grüße verschiedener Lebensrechtsorganisationen und drückte seine persönliche Wertschätzung für 1000plus aus.

Claus Hipp, der den meisten Menschen aus der Werbung bekannt sein dürfte, konnte leider persönlich nicht anwesend sein, hat aber auch ein herzliches Grußwort übermittelt. Er unterstützt die Schwangeren, die bei 1000plus beraten wurden seit langem. In der letzten Zeit hat er außerdem 5.000 Fläschchen für die beliebten Babyflaschen-Aktionen zur Verfügung gestellt.

Cornelia Lassay leitet die telefonische und persönliche Beratung von 1000plus. Anhand von zwei Einzelschicksalen betroffener Frauen erläuterte sie die tägliche Arbeit der Beraterinnen. Ergänzt wurde ihr Vortrag von Brigitte Stelzle, die die bemerkenswerten Erfahrungen und Ergebnisse der Online-Beratung schilderte.

Die inzwischen 14 Beraterinnen sind das Herzstück von 1000plus und, wie Rolf Schirrmacher es ausdrückte, wirklich „größere Helden als Spiderman und alle anderen Superhelden zusammen.“ Sie sind professionell aus- und weitergebildet. Aber vor allem besteht ihre Arbeit aus gelebter Nächstenliebe. Sie verurteilen die Schwangeren nicht, drängen ihnen nichts auf. Mit Einfühlungsvermögen, Kreativität und ihren starken Persönlichkeiten schaffen sie es immer wieder, sich ganz auf den einzelnen Konfliktfall einzulassen und individuelle Lösungen zu finden. Beeindruckende 70 % der Betroffenen, die mit einer der 1000plus-Beraterinnen Kontakt hatten, entscheiden sich anschließend für ihr Kind.

Nach der Pause konnten die Besucher des 1000plus-Tags eine ganz besondere Familie kennen lernen, die Guidos. Simone und Bernhard Guido haben zwei gesunde Söhne und eine stabile Familie. Das Glück darüber wollten sie teilen und entschieden sich, ein Pflegekind aufzunehmen. Nachdem sie die entsprechenden Ausbildungen und Vorbereitungen durchlaufen haben, kam Tim zu ihnen, der das Down-Syndrom hat. Tim wurde vor Jahren als das „Oldenburger Baby“ bekannt, das seine eigene Abtreibung überlebte.

Inzwischen hat das couragierte Ehepaar sogar noch ein weiteres Kind mit Down-Syndrom aufgenommen und bemüht sich, anderen Eltern von behinderten Kindern beizustehen, Tipps zu geben und aufzuklären. Für sie ist die Behinderung ihrer beiden jüngsten Kinder keine Katastrophe, sondern normal. So sind die Kinder eben. Und man merkt der Familie an, dass sie einen guten Weg gefunden hat ihren bestimmt nicht einfachen Alltag zu meistern.

Zum Abschluss der Veranstaltung stellte Kristijan Aufiero, Initiator und Leiter von 1000plus, seine Visionen für die Zukunft der Schwangerenberatung vor. Als vor drei Jahren aus den Vereinen die Birke und Pro Femina unter maßgeblicher Unterstützung der Stiftung Ja zum Leben das Projekt 1000plus hervorging, war das ehrgeizige Ziel: Wir wollen in jedem Jahr mehr als 1000 Frauen und ihren Babys helfen. Dieses Ziel wurde inzwischen erreicht. Aber angesichts der enorm hohen Abtreibungszahlen in Deutschland und der vielen, vielen Frauen, die immer noch nach Hilfe suchen, obwohl sie den „Beratungsschein“ bereits in der Tasche haben, kann das Erreichte nur der Anfang der Arbeit von 1000plus sein.

Immer noch ist es so, dass die Online-Werbung von 1000plus zwischenzeitlich abgeschaltet werden muss, weil die Beratungskapazitäten erschöpft sind. Bis zum Jahr 2020 möchte Kristijan Aufiero deshalb insgesamt 200 Beraterinnen beschäftigen, die sich nach den hohen Maßstäben von 1000plus um die Schwangeren in Not kümmern können. Dies ist wieder ein ehrgeiziges Ziel, weil 1000plus keine Steuerzuschüsse bekommt und sich rein aus Spenden finanziert. Aber es ist ein Ziel, dass sich dank der immer zahlreicher werdenden Unterstützer und Freunde hoffentlich realisieren lässt.

Kristijan Aufiero machte noch einmal ganz deutlich: Keine Frau wünscht sich eine Abtreibung. Jede ungewollt Schwangere würde immer die Lösung der Probleme, wegen denen sie sich zur Abtreibung gezwungen sieht, der Abtreibung vorziehen. Und wenn man das erkannt hat, dann kann man nicht mehr Abtreibung als Freiheitsrecht fordern, sondern man muss helfen. Jeder einzelne.

1000plus Tag

Eindrücke vom 1000plus-Tag in Heidelberg am 6. Oktober 2012: v.l. Johanna Gräfin von Westphalen, Kristijan Aufiero, Brigitte Stelzle, Cornelia Lassay, Tim und seine Eltern, Hartmut Steeb (Fotos: Caroline Stollmeier)

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Viereinhalb Wochen

Caroline Stollmeier am 1. Oktober 2012

In der 17. Schwangerschaftswoche erfährt Constanze, dass ihr Wunschkind unheilbar krank ist. Für sie und ihren Mann Tibor bricht eine Welt zusammen. Die meisten Frauen treiben in dieser Situation ab, erklären die Ärzte. Für Constanze und Tibor beginnt die schrecklichste Zeit  ihres Lebens. Sie müssen sich entscheiden, wie es weiter gehen soll.

Heilungsaussichten gibt es für das Kind keine, da sind sich alle Ärzte sicher. Aber möglicherweise überlebt es seine Geburt. Schwerbehindert.

Eine lange Liste mit triftigen Argumenten spricht für die Abtreibung, wenige Punkte dagegen. Dennoch brauchen Constanze und Tibor viereinhalb Wochen voller Verzweiflung, Vorwürfe und selbstgewählter Isolation, um die Entscheidung zu treffen, hinter der sie beide mit Herz und Verstand stehen können: sie werden das Kind bekommen.

„Natürlich waren wir nach wie vor traurig. Wir waren niedergeschlagen über das Schicksal unseres Sohnes, hilflos angesichts seiner Krankheit. Wir waren aber auch überzeugt davon, dass wir einen Weg gefunden hatten, damit umzugehen. Uns war klar, dass wir nichts tun konnten, außer bedingungslos zu lieben. (…) Nun lag alles wieder in Gottes Hand, genauso wie es das vor diesem Monat getan hatte. Das klingt einfach, ist aber ein schwieriger Satz für die, die ihn leben müssen. Für Tibor und mich war es der schwerste Satz, den wir je gesagt hatten in unserem Leben“, schreibt Constanze.

Arztbesuche, Wohnungssuche, Internetrecherche, Streit und Versöhnung mit ihrem Mann, Verständnis und Unverständnis von Freunden und Familie, der Kauf von Umstandsmode und die Frage, warum sie schwanger keinen Alkohol trinkt, obwohl ihr Kind doch sowieso sterben wird. Das alles beschreibt Constanze Bohg offen und schonungslos in „Viereinhalb Wochen“.

Der kleine Julius stirbt zwei Stunden nach seiner Geburt, friedlich und ohne zu leiden. Er hat aus Constanze und Tibor eine Familie gemacht. Und während die beiden versuchen so gut es geht mit ihrem Schmerz, ihrer Trauer und ihrem Verlust umzugehen, empfinden sie tiefe Dankbarkeit, dass sie Julius gehabt haben – ihr perfektes kleines Baby.

Constanze Bogh: Viereinhalb Wochen

Bohg, Constanze: Viereinhalb Wochen. Die Geschichte von unserem kleinen Julius, München, 2012.

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