Die Kirche, die Steuer und die Pforten der Hölle

Harald Stollmeier am 8. Oktober 2012

Die Deutsche Bischofskonferenz hat etwas ganz Normales getan: Sie hat definiert, welche Konsequenzen der Kirchenaustritt hat, und sogar erste Ansätze zu einem Kündigungsmanagement installiert. Parallel wurde der interessante Versuch des Kirchenrechtlers Hartmut Zapp zur Entkoppelung von Austritt aus der Körperschaft öffentlichen Rechts und Austritt aus der Glaubensgemeinschaft höchstrichterlich abgewiesen. Damit gelten in Deutschland für die katholische Kirche zweifelsfrei dieselben Regeln wie für jedes andere Dienstleistungsunternehmen: Wer kündigt, kann nicht mehr Kunde sein. Logisch.

Niemand kann der Deutschen Bischofskonferenz das Recht bestreiten, diesen Grundsatz durchzusetzen. Niemand wird allen Ernstes bestreiten, dass jeder Katholik verpflichtet ist, einen angemessenen Beitrag zur Arbeit der Kirche zu leisten. Trotzdem finde ich diesen Vorgang deprimierend. Am meisten deprimiert mich das „pastorale“ Standardschreiben, zu dessen Versendung anscheinend der jeweils zuständige Pastor verpflichtet ist. Die Vorstellung, dass ein nach langer Entfremdung austretender Katholik diesen Brief als ersten Kontakt mit seinem Seelsorger erfährt, wäre, wenn es nicht um die Auferstehung und das Leben ginge, beinahe kabarettreif.

Natürlich wäre es wohlfeil, die Bischöfe kurzerhand als geldgierig abzustempeln; sie tragen Verantwortung für eine große, wichtige und sehr, sehr nützliche Organisation. Wer die von Papst Benedikt XVI. empfohlene Entweltlichung als Auftrag versteht, die Kirche als Organisation abzuschaffen, am besten von heute auf morgen, der schüttet das Kind mit dem Bade aus.

Ich halte die Kirchensteuer für in jeder Hinsicht gerecht. Unabhängig von der Herleitung aus der staatlichen Entschädigungspflicht für die Enteignungen von 1803 ist sie die in der Bundesrepublik Deutschland vertraglich festgelegte Form, in der die Katholiken ihre angemessene Spende zur Finanzierung ihrer Kirche leisten.

Angesichts der Seltenheit des deutschen Modells kann man sich leicht andere Wege der Kirchenfinanzierung vorstellen. Mein Favorit wäre eine Verpflichtung zu regelmäßigen Spenden im ungefähren Umfang der heutigen Kirchensteuer. Die Pflicht könnte erfüllt werden durch Spenden an Organisationen auf einer von der Deutschen Bischofskonferenz erstellten Liste, auf der neben dem örtlichen Bistum auch sämtliche in Deutschland tätigen Orden und Gemeinschaften sowie im Prinzip sämtliche nach katholischer Glaubenslehre wirkenden gemeinnützigen Stiftungen und Vereine verzeichnet wären. Donum vitae wäre zum Beispiel nicht dabei.

Jeder Katholik könnte nach eigenem Gutdünken aus dieser Liste auswählen und damit seine „Kirchensteuerpflicht“ erfüllen. Um der DBK bzw. den Bistümern Planungssicherheit zu geben, könnte man erstens die Wahlfreiheit gleitend erhöhen, zweitens eine Frist für Veränderungen der Spendenempfänger festlegen.

Der Charme einer solchen Regelung liegt auf der Hand: Die Bistümer geben Kontrolle ab, gewinnen aber Vertrauen. Das Risiko ist ebenfalls klar: Es kann sein, dass die Prioritäten der Gläubigen ganz anders sind als die Prioritäten der Bischöfe. Und nach dem Allgemeinen Dekret der Deutschen Bischofskonferenz zum Kirchenaustritt zu urteilen wird dieselbe ein solches Risiko nicht eingehen.

Angesichts schrumpfender Gemeinden und Einnahmen steht die katholische Kirche in Deutschland vor einer Wahl, wie sie der Romanautor Stephen King in seinem frühen Roman Salem’s Lot präsentiert. In einer Schlüsselszene des Romans versucht der katholische Ortsgeistliche Father Callahan, den die Stadt erobernden Vampir Barlow aufzuhalten. Sein mit übernatürlicher Macht glühendes Kruzifix ist für den Vampir ein unüberwindliches Hindernis. Andererseits hat Barlow Geiseln, deren Ermordung Father Callahan nicht verhindern könnte. In dieser Situation schlägt Barlow dem Pfarrer vor, die Geiseln freizulassen, wenn der Pfarrer ihm anschließend ohne Kruzifix entgegentritt, allein mit seinem Glauben bewaffnet. Father Callahan stimmt zu, die Geiseln entkommen, der Showdown naht.

Plötzlich kommen Father Callahan Zweifel. Ob es nicht vielleicht besser wäre, die Sache mit dem Glauben zu vertagen? Absprachewidrig hebt er sein glühendes Kruzifix dem Vampir entgegen. Aber schon beginnt die Glut zu vergehen, erlischt schließlich, und der Vampir kann das Kruzifix gefahrlos zerbrechen. Bevor er den bedauernswerten Geistlichen mit seinem eigenen Blut „tauft“, erläutert er ihm gut calvinistisch, ohne Glauben seien die Zeichen überhaupt nichts wert.

Übrigens gibt es dazu einen Gegenentwurf: In Bram Stokers Dracula versiegelt der katholische Arzt Abraham van Helsing eine Vampirgruft erfolgreich mit einem Kitt, in den eine gewandelte Hostie gebröselt wird (mit Dispens) – ein klarer, wenn auch literarischer Beweis für die katholische Lehre von der Realpräsenz.

Angesichts des Dekrets der Deutschen Bischofskonferenz fühle ich mich leider, als stünde nicht Professor van Helsing vor mir, sondern Father Callahan. Das kann unmöglich das letzte Wort in dieser Angelegenheit sein. Wenn Jesus Christus wirklich von den Toten auferstanden ist, dann ist unsere Kirche mehr als eine weltliche Organisation. Dann darf sie, nein, dann muss sie darauf vertrauen, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden (Mt 16,18). Und das muss man von außen erkennen können.

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