„Sind die Demographieforscher mit Blindheit geschlagen?“

Harald Stollmeier am 20. Oktober 2012

1000plus-Projektleiter Kristijan Aufiero

1000plus-Projektleiter Kristijan Aufiero

INTERVIEW MIT KRISTIJAN AUFIERO (1000plus)

Die deutsche Gesellschaft überaltert und schrumpft. Dieses Phänomen, das zunächst hauptsächlich wegen seiner Folgen für die Rentenversicherung auffiel, ist inzwischen auf der politischen Tagesordnung angekommen. Hochkarätige Wissenschaftler ringen mit dem demographischen Wandel und suchen nach Erklärungen. Kristijan Aufiero, Leiter des Schwangerenberatungsprojekts 1000plus, entdeckt in den Fragenkatalogen der Wissenschaftler eine Tabuzone.

Moralblog: Herr Aufiero, Sie haben kürzlich öffentlich „eine spezifische Blindheit der demographischen Debatte“ beklagt. Was meinen Sie damit?

Kristijan Aufiero: Vor kurzem habe ich als Besucher an einem Colloquium teilgenommen, bei dem es – wie so oft heutzutage – um das Megathema „Demographische Krise und Kindermangel“ ging. Ein sehr kompetenter Referent zitierte dabei zu den verschiedenen Einflussfaktoren gefühlt zwei Dutzend Studien. Aber die Rolle der Schwangerschaftsabbrüche kam nicht vor. Das machte mich neugierig, und ich habe mich seither eingelesen. Und in keiner der verfügbaren aktuellen Studien zum Kindermangel kommen Abtreibungen vor. Keine einzige geht darauf ein, dass seit 1974 fünf bis acht Millionen Kinder abgetrieben wurden, die schon da waren, aber in den Geburtenstatistiken nicht auftauchen. Abtreibung als Faktor der Bevölkerungsentwicklung kommt in keiner Studie vor. Aber sie ist ein Faktor in der Wirklichkeit: 20 Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland enden mit einer Abtreibung – Jahr für Jahr.

Moralblog: Wollen Sie darauf hinaus, dass die Abtreibungen eine Hauptursache des demographischen Wandels sind?

Kristijan Aufiero: Nein, darum geht es nicht. Das wäre auch zu kurz gegriffen. Es ist aber unwissenschaftlich – so deutlich muss man das sagen –, den Faktor Schwangerschaftsabbrüche völlig auszuklammern. Schon rein statistisch ist das abenteuerlich. Denn selbstverständlich haben die Abtreibungen der Vergangenheit Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung, entweder indem sie die Zahl der geborenen Kinder pro Frau senken, oder indem eine gleiche Anzahl von Kindern pro Frau im Durchschnitt später geboren wird, was gleichfalls, wenn auch langsamer, zum Bevölkerungsrückgang führt.

Moralblog: Das ist aber nicht Ihr Hauptkritikpunkt?

Kristijan Aufiero: In der Tat, denn die Studien und Tagungen, die jetzt landauf, landab zur Bevölkerungsentwicklung durchgeführt werden, wollen die Situation ja nicht nur beschreiben. Sie suchen nach Lösungen, wollen herausfinden, was man tun kann, damit mehr Paare sich für Kinder entscheiden, und das idealerweise auch früher in ihrem Leben. Und wenn man das herausfinden will, drängt es sich doch geradezu auf, die über 100.000 Frauen zu fragen, die sich pro Jahr in ihrer Not gegen ein Kind entscheiden, das bereits lebt. Aber niemand kommt auf diese Idee – sind die Demographieforscher mit Blindheit geschlagen? Schon rein wissenschaftlich ist das unfassbar. Aber menschlich, um der betroffenen Frauen und Kinder willen, ist es eine Katastrophe, denn zur Verbesserung ihrer Lage trägt diese Blindheit natürlich nicht bei.

Moralblog: Haben Sie eine Erklärung für diese Blindheit?

Kristijan Aufiero: Die wahrscheinlichste Erklärung ist: Wir haben es mit einem Tabu zu tun. Seit Jahrzehnten wird uns beigebracht, Abtreibung sei ein Frauenrecht, eine entscheidende Bedingung der Befreiung von Frauen, und wer dem nicht zustimmt, der ist schnell ein Außenseiter. Da klammert man das Thema am liebsten ganz aus, besonders wenn man Zweifel an diesem gesellschaftlichen Dogma hat.

Moralblog: Herr Aufiero, Sie organisieren im Projekt 1000plus Beratung und Hilfe für jährlich 1200 Frauen im Schwangerschaftskonflikt. Gewinnen Sie aus dieser Arbeit Antworten auf die Frage, was geschehen muss, damit sich mehr Frauen für Kinder entscheiden?

Aufiero: Ein immer größerer Teil unserer Beratungen findet online statt, per E-Mail oder Chat. Diese Beratungen sind vollständig dokumentiert, wenn auch natürlich anonym. Wir werden sie wissenschaftlich auswerten lassen, damit die Stimme der betroffenen Frauen in der Debatte gehört wird.

Moralblog: Können Sie eine Tendenz skizzieren?

Kristijan Aufiero: Zwei Erkenntnisse sind schon jetzt unübersehbar. Erstens: Keine Frau wünscht sich für sich und ihr Baby eine Abtreibung. Und zweitens: Nichts wünscht sich eine Frau im Schwangerschaftskonflikt mehr als einen Mann, der zu ihr und ihrem Baby steht.

Moralblog: Möchten Sie Demographen und Demoskopen, die sich mit der Frage nach den Ursachen des Kindermangels beschäftigen, an dieser Stelle eine Empfehlung geben?

Aufiero: Aus meiner Sicht lauten zwei der zentralen Fragen, die in diesem Zusammenhang beantwortet werden müssen: Warum genau enden in unserem Land mind. 108.000 Schwangerschaften im Jahr nicht mit einer Geburt sondern mit einer Abtreibung? Und zweitens: Was können wir als Gesellschaft für diese verzweifelten Schwangeren tun, damit sie sich doch für die Babys entscheiden, die sie längst unter ihren Herzen tragen?

Moralblog: Herr Aufiero, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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2 Kommentare zu “„Sind die Demographieforscher mit Blindheit geschlagen?“”

  1. […] Aufiero, Projektleiter von 1000plus, gibt in diesem Interview auf moralblog.de Denkanstöße auf die Frage, in welchem Zusammenhang Schwangerschaftsabbrüche mit […]

  2. […] Quelle: Moralblog […]

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