Monatsarchiv für Dezember 2012

Selbsthilfegruppen verschaffen Kranken eine Stimme

Harald Stollmeier am 8. Dezember 2012

Bericht vom Fest der Selbsthilfe 2012 in Essen

600 Selbsthilfegruppen gibt es in Essen. Alle zwei Jahre zeichnen die Stadt Essen und das Selbsthilfenetzwerk WIESE neun von ihnen mit dem Essener Selbsthilfepreis aus. Vor 480 Gästen überreichten Bügermeister Rudolf Jelinek und Dezernent Peter Renzel am 26. November in der Messe Essen die Preise in den Kategorien „Aufklärung und beispielhafte Hilfe“, “Kreativität und Innovation“ und „Mutiges Handeln.“

Stellen Sie sich vor, Sie haben plötzlich Taubheitsgefühle, unruhige Beine oder auch Verspannungen, die Sie sich nicht erklären können. Oder Kraftlosigkeit oder Gangunsicherheit. Oder Harninkontinenz. Oder Schluckbeschwerden. Ein Arzt nach dem anderen findet nichts.

So oder ähnlich beginnt bei den meisten Betroffenen eine Syringomyelie. Das ist eine schwere Rückenmarkserkrankung und grundsätzlich nicht heilbar, wohl aber einigermaßen beherrschbar. Oft dauert es Jahre, bis die richtige Diagnose erfolgt, Jahre, in denen symptomorientierte Therapien teils helfen, teils belasten, Jahre der Zweifel und der Verzweiflung – besonders wenn Ärzte oder Vorgesetzte andeuten, es sei vielleicht etwas Psychisches, wenn nicht sogar etwas Eingebildetes.

Syringomyelie ist eine seltene Erkrankung; in ganz Deutschland gibt es vielleicht 7.000 Betroffene. Das sind so wenige, dass die weitaus meisten Ärzte noch nie einen Patienten mit dieser Erkrankung gesehen haben – und deshalb kommen sie auch nicht auf die Idee, auf diese Erkrankung zu testen.

Die Syringomyelie-Selbsthilfegruppe NRW mit Sitz in Essen arbeitet seit etwas mehr als 10 Jahren daran, das zu ändern. Sie vernetzt und berät Betroffene, sie vernetzt aber vor allem Ärzte. Das Fernziel der etwa 10 Aktivisten und 200 Mitglieder: die Syringomyelie so bekannt machen, dass künftigen Erkrankten Odysseen wie ihre eigenen erspart bleiben. Beim diesjährigen Fest der Selbsthilfe konnte Hubert Schmolke-Magalhaes für die Selbsthilfegruppe den 1. Preis in der Kategorie „Aufklärung und beispielhafte Hilfe“ entgegennehmen.

Der 1. Preis in der Kategorie „Mutiges Handeln“ ging an die Selbsthilfegruppe Depression Essen-Werden aus. Diese Gruppe führt Gesprächsabende von Betroffenen und Nichtbetroffenen in ihrem Stadtteil durch, um die Isolation zu durchbrechen, die mit einer Depression sehr oft einhergeht – und damit neu Erkrankende leichter Helfer finden.

In der Kategorie „Kreativität und Innovation“ erhielt der Elternverein „Nephrokids“ (Kinder mit Nierenerkrankungen) den 1. Preis für Projekte wie eine rollende Bücherei, Krankenhausclown, Zirkusworkshop und vor allem ihre Zeitschrift NIRI-NEWS.

Die zweiten Plätze gingen an die Selbsthilfegruppe Lebertransplantierte Deutschland e.V., Ortsgruppe Essen, an die Ortsgruppe Essen der Angehörigen psychisch Kranker e.V. und an die Selbsthilfegruppe Deutsche Restless Legs Vereinigung, Selbsthilfegruppe Essen.

Die dritten Preise gingen an die Selbsthilfegruppe Kehlkopflosenverein-Essen e.V., die Selbsthilfegruppe für Trauernde / Angehörige nach Suizid Essen und die Selbsthilfegruppe Arbeitskreis Down-Syndrom e.V. mit dem Namen „Liebenswert. Lebenswert.“ Dieser Arbeitskreis berät Eltern, die mit der Diagnose „Down-Syndrom“ konfrontiert werden – und ermutigt sie dazu, mit ihren betroffenen Kindern zu leben; die gesellschaftlich geradezu geförderte Alternative ist bekannt.

Der Essener Selbsthilfepreis wurde in diesem Jahr zum fünften Mal verliehen.  Eine Besonderheit des Preises ist das Patensystem: Jeder Gruppe, die sich um den Preis bewirbt bzw. vorgeschlagen wurde, erhält einen Paten, der die Gruppe kennenlernt und der Jury präsentiert.

„Bei dieser Präsentation sind grundsätzlich alle Paten dabei“, erläutert Dr. Karl Deiritz, „und das bedeutet, dass jeder Pate – in diesem Jahr waren es 34 – alle vorgeschlagenen Gruppen kennenlernt. Dadurch werden die Paten zu Selbsthilfeexperten und können das leisten, was Selbsthilfegruppen neben der finanziellen Unterstützung, die sie von den Krankenkassen erhalten, am meisten brauchen: Menschen, die in ihrem Umfeld von dieser wertvollen Arbeit berichten.“

Die Jury bestand in diesem Jahr ausschließlich aus Frauen: Schwester M. Annemarie Bluhm, stellvertretende Generaloberin der Barmherzigen Elisabeth zu Essen; Victoria Esser, Center Managerin Limbecker Einkaufscenter; Dr. Ute Günther, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied Verein pro Ruhrgebiet; Brigitte Keil, Fachbereichsleiterin des Amtes für Soziales und Wohnen der Stadt Essen; Marianne Menze, Geschäftsführerin der Filmkunsttheater GmbH; Bettina Rau-Franz, Zonta / Essen 2, Präsidentin; Ingeborg Schrader, Vorsitzende des Seniorenbeirats Essen.

Die Gewinner des Essener Selbtshilfepreises 2012
Die Gewinner des Essener Selbtshilfepreises 2012

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Muss ich als Katholik homophob sein?

Harald Stollmeier am 6. Dezember 2012

EINE SELBSTEINORDNUNG

Der Dirk-Bach-Nachruf auf kreuz.net (die Seite ist inzwischen offline) hat bei den Katholiken in meinem Bekanntenkreis durchweg Abscheu hervorgerufen. Mit den meisten bin ich mir auch darin einig, dass ein Katholik, der in solcher Weise triumphierend auf den Tod eines Mitmenschen reagiert, vielleicht eher in Sorge um sein eigenes Seelenheil sein sollte. Mit uns und unserer Katholizität hat dieser Schwulenhass nichts gemeinsam. Wirklich nichts?

Auf den ersten Blick ist Homophobie alles andere als katholisch. Denn die Lehre der Kirche fordert, homosexuellen Menschen mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu begegnen. Auch ist ja nicht die Homosexualität an sich Sünde, sondern nur die homosexuelle Handlung. Und nicht einmal das ist an sich dramatisch, denn auch jede heterosexuelle Handlung außerhalb der Ehe ist objektiv schwer sündhaft.

Somit könnte alles ganz harmlos sein, ist es aber nicht. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens gibt es in der katholischen Kirche entlegene Gegenden, in denen sich weder die Unterscheidung von Sünde und Sünder noch der Aufruf zur Barmherzigkeit herumgesprochenen hat. Und während überzeugte Polarisierer wie der im Grunde tragische Renegat David Berger die Schuld dafür bei anderen suchen, stelle ich mir als gläubiger Katholik die Frage, ob ich sie nicht bei mir selbst suchen muss, weil die Art und Weise, wie manche von uns die Lehre der Kirche zur Homosexualität vertreten, vielleicht Missdeutungen begünstigt.

Es ist nämlich ungeachtet der jeweiligen sexuellen Neigung keineswegs leicht, enthaltsam zu leben, und während der heterosexuelle Katholik innerhalb der Ehe sinnliche Erfüllung finden kann, gibt es innerhalb der Lehre einen solchen Ausweg für homosexuelle Katholiken nicht. Es gibt mit Sicherheit heroische Betroffene, die das „fassen können“, die es schaffen, ihre Neigung nicht auszuleben. Aber man braucht gar nicht schlecht vom Menschen im Allgemeinen zu denken, um für die Mehrheit der Betroffenen zu vermuten, dass sie mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen immer wieder „sündigen.“

Und wenn man als regelgetreuer Katholik unterstellt, dass vielen Mitmenschen mit homosexueller Neigung eine dauerhaft enthaltsame Lebensführung nicht gelingen wird, dann verwischt sich schon einmal die Unterscheidung von Sünde und Sünder.  Das führt mich zu der Frage, ob nicht das Lehramt, die Geistlichkeit und auch ich selbst verpflichtet sind, in der Frage der Beurteilung homosexueller Handlungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf den von Christus vorgegebenen Maßstab für die Zulässigkeit des Steinewerfens hinzuweisen. Denn Christus fordert ja nicht die Freiheit von der gerade zur Debatte stehenden Sünde, sondern die Freiheit von JEDER Sünde.

Zweitens sehe ich in der Lehre der Kirche selbst einen inhaltlichen Ansatz zur Kritik, vielleicht zur Verbesserung. Er hat mit der Frage zu tun, ob man sich seine homosexuelle Neigung eigentlich aussuchen kann, die meines Erachtens der Beurteilung von möglicher Schuld vorausgehen muss. Es genügt nicht, sich auf den Verstoß gegen die natürliche Ordnung zu berufen, wenn der Anlass dazu außerhalb der Verfügungsgewalt des Menschen liegt.

Es scheint noch nicht abschließend geklärt, ob eine homosexuelle Neigung angeboren ist oder anerzogen oder vielleicht gar selbstgewählt. Es scheint sich aber ein Konsens zu verdichten, dass sie angeboren ist, sei es genetisch, sei es durch Einflüsse während der Schwangerschaft, z. B. Schwankungen des Testosteronspiegels.

Wäre die Neigung selbstgewählt, könnte sie selbst Gegenstand einer moralischen Beurteilung sein. Ist sie angeboren, so liegt die Schuld dafür, wenn es eine gibt, nicht beim Betroffenen, und es ist angebracht, zumindest mildernde Umstände auch bei der Beurteilung der aus dieser Neigung folgenden Handlungen zu berücksichtigen.

Richtig und falsch ändern sich nicht abhängig von der persönlichen Situation des Betroffenen. Was sich ändern muss in Abhängigkeit von der persönlichen Situation des Betroffenen, das ist erstens die Strenge der Beurteilung, zweitens die Notwendigkeit einer Beurteilung.

Für mich als gläubigen Katholiken bedeutet das:

1. Ich erkenne in der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau die natürliche Ordnung und infolgedessen in der (christlichen) Ehe von Mann und Frau die gottgewollte Form des  menschlichen Zusammenlebens.

2. Dennoch kann ich in der gesetzlichen Regelung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften tolerable Maßnahmen zur Förderung von Werten wie Treue und Solidarität erkennen, die vorzunehmen der Staat mindestens berechtigt, unter den Bedingungen einer urbanen Gesellschaft vielleicht sogar verpflichtet ist. Denn sie vermindern Leid und fördern, wenn nicht das Gute, so doch das geringere Übel.

3. Jeder Mitmensch mit homosexueller Neigung ist Gottes Ebenbild wie ich, und ich bin ein Sünder wie er (oder sie). Deshalb interessiere ich mich für seine neigungsgemäßen Handlungen nur dann, wenn sie die Gottesebenbildlichkeit und die Freiheit anderer Menschen beeinträchtigen, vor allem die Freiheit, Nein zu sagen. Kurz: Die Maßstäbe, die ich an sein Verhalten anlege, sind dieselben, die auch für mich gelten.

4. Für jeden katholischen Mitmenschen mit homosexueller Neigung gilt darüber hinaus: Sein Kreuz ist schwerer zu tragen als meins. Und wenn ich ihm schon nicht beim Tragen helfen kann, so sollte ich es ihm wenigstens nicht auch noch schwerer machen.

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Drei Jahre Moralblog – eine Zwischenbilanz

Harald Stollmeier am 2. Dezember 2012

Am 1. Advent (29. November) 2009 erschien der erste Moralblog-Artikel: “Auszeichnung für die Beratungsstelle Nachtfalter.” Am 27. November 2012 erschien der 102. und bisher letzte: “Jane: Das ist meine Abtreibung.” Nicht ganz drei Artikel im Monat sind auch Ausdruck einer Selbstbeschränkung der Moralblog-Redaktion: Wir schreiben grundsätzlich selbst. Nur in raren Ausnahmefällen übernehmen wir Pressemitteilungen, und auch dann nicht ohne eigene Recherche.

Thematisch sind wir im Laufe dieser drei Jahre katholischer geworden, als wir erwartet hatten. Vielleicht ist das kein Wunder, wenn man sich mit dem Lebensrecht ungeborener Menschen beschäftigt – keine Großorganisation tritt konsequenter dafür ein als die katholische Kirche. Andererseits streben Menschen auf den verschiedensten weltanschaulichen Grundlagen danach, Gutes zu tun; und wir haben sowohl über Muslime als auch über Agnostiker berichtet, für die das gilt. Auch wir selbst wollen Gutes tun.

Deswegen sind wir hier und da über das rein journalistische Arbeiten hinausgegangen, am deutlichsten beim von Peter Singer angeregten Spenden-Experiment. Und wir haben wenigstens einmal gegen das Verbot von Hanns-Joachim Friedrichs verstoßen, wonach der Journalist sich mit keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht mit einer guten Sache. Wir haben uns mit dem Projekt 1000plus gemein gemacht. Und variieren das Friedrichs-Verbot wie folgt: Wenn der Journalist sich mit einer Sache gemein macht, dann muss er das offen sagen.

Heute ist der 1. Advent 2012. Wir danken unseren Lesern und Begleitern, unseren Gesprächspartnern unter den Bloggern und vor allem den vielen Menschen, die es uns ermöglichen, über gute Taten zu schreiben, indem sie gute Taten “begehen.”

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