Muss ich als Katholik homophob sein?

Harald Stollmeier am 6. Dezember 2012

EINE SELBSTEINORDNUNG

Der Dirk-Bach-Nachruf auf kreuz.net (die Seite ist inzwischen offline) hat bei den Katholiken in meinem Bekanntenkreis durchweg Abscheu hervorgerufen. Mit den meisten bin ich mir auch darin einig, dass ein Katholik, der in solcher Weise triumphierend auf den Tod eines Mitmenschen reagiert, vielleicht eher in Sorge um sein eigenes Seelenheil sein sollte. Mit uns und unserer Katholizität hat dieser Schwulenhass nichts gemeinsam. Wirklich nichts?

Auf den ersten Blick ist Homophobie alles andere als katholisch. Denn die Lehre der Kirche fordert, homosexuellen Menschen mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu begegnen. Auch ist ja nicht die Homosexualität an sich Sünde, sondern nur die homosexuelle Handlung. Und nicht einmal das ist an sich dramatisch, denn auch jede heterosexuelle Handlung außerhalb der Ehe ist objektiv schwer sündhaft.

Somit könnte alles ganz harmlos sein, ist es aber nicht. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens gibt es in der katholischen Kirche entlegene Gegenden, in denen sich weder die Unterscheidung von Sünde und Sünder noch der Aufruf zur Barmherzigkeit herumgesprochenen hat. Und während überzeugte Polarisierer wie der im Grunde tragische Renegat David Berger die Schuld dafür bei anderen suchen, stelle ich mir als gläubiger Katholik die Frage, ob ich sie nicht bei mir selbst suchen muss, weil die Art und Weise, wie manche von uns die Lehre der Kirche zur Homosexualität vertreten, vielleicht Missdeutungen begünstigt.

Es ist nämlich ungeachtet der jeweiligen sexuellen Neigung keineswegs leicht, enthaltsam zu leben, und während der heterosexuelle Katholik innerhalb der Ehe sinnliche Erfüllung finden kann, gibt es innerhalb der Lehre einen solchen Ausweg für homosexuelle Katholiken nicht. Es gibt mit Sicherheit heroische Betroffene, die das „fassen können“, die es schaffen, ihre Neigung nicht auszuleben. Aber man braucht gar nicht schlecht vom Menschen im Allgemeinen zu denken, um für die Mehrheit der Betroffenen zu vermuten, dass sie mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen immer wieder „sündigen.“

Und wenn man als regelgetreuer Katholik unterstellt, dass vielen Mitmenschen mit homosexueller Neigung eine dauerhaft enthaltsame Lebensführung nicht gelingen wird, dann verwischt sich schon einmal die Unterscheidung von Sünde und Sünder.  Das führt mich zu der Frage, ob nicht das Lehramt, die Geistlichkeit und auch ich selbst verpflichtet sind, in der Frage der Beurteilung homosexueller Handlungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf den von Christus vorgegebenen Maßstab für die Zulässigkeit des Steinewerfens hinzuweisen. Denn Christus fordert ja nicht die Freiheit von der gerade zur Debatte stehenden Sünde, sondern die Freiheit von JEDER Sünde.

Zweitens sehe ich in der Lehre der Kirche selbst einen inhaltlichen Ansatz zur Kritik, vielleicht zur Verbesserung. Er hat mit der Frage zu tun, ob man sich seine homosexuelle Neigung eigentlich aussuchen kann, die meines Erachtens der Beurteilung von möglicher Schuld vorausgehen muss. Es genügt nicht, sich auf den Verstoß gegen die natürliche Ordnung zu berufen, wenn der Anlass dazu außerhalb der Verfügungsgewalt des Menschen liegt.

Es scheint noch nicht abschließend geklärt, ob eine homosexuelle Neigung angeboren ist oder anerzogen oder vielleicht gar selbstgewählt. Es scheint sich aber ein Konsens zu verdichten, dass sie angeboren ist, sei es genetisch, sei es durch Einflüsse während der Schwangerschaft, z. B. Schwankungen des Testosteronspiegels.

Wäre die Neigung selbstgewählt, könnte sie selbst Gegenstand einer moralischen Beurteilung sein. Ist sie angeboren, so liegt die Schuld dafür, wenn es eine gibt, nicht beim Betroffenen, und es ist angebracht, zumindest mildernde Umstände auch bei der Beurteilung der aus dieser Neigung folgenden Handlungen zu berücksichtigen.

Richtig und falsch ändern sich nicht abhängig von der persönlichen Situation des Betroffenen. Was sich ändern muss in Abhängigkeit von der persönlichen Situation des Betroffenen, das ist erstens die Strenge der Beurteilung, zweitens die Notwendigkeit einer Beurteilung.

Für mich als gläubigen Katholiken bedeutet das:

1. Ich erkenne in der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau die natürliche Ordnung und infolgedessen in der (christlichen) Ehe von Mann und Frau die gottgewollte Form des  menschlichen Zusammenlebens.

2. Dennoch kann ich in der gesetzlichen Regelung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften tolerable Maßnahmen zur Förderung von Werten wie Treue und Solidarität erkennen, die vorzunehmen der Staat mindestens berechtigt, unter den Bedingungen einer urbanen Gesellschaft vielleicht sogar verpflichtet ist. Denn sie vermindern Leid und fördern, wenn nicht das Gute, so doch das geringere Übel.

3. Jeder Mitmensch mit homosexueller Neigung ist Gottes Ebenbild wie ich, und ich bin ein Sünder wie er (oder sie). Deshalb interessiere ich mich für seine neigungsgemäßen Handlungen nur dann, wenn sie die Gottesebenbildlichkeit und die Freiheit anderer Menschen beeinträchtigen, vor allem die Freiheit, Nein zu sagen. Kurz: Die Maßstäbe, die ich an sein Verhalten anlege, sind dieselben, die auch für mich gelten.

4. Für jeden katholischen Mitmenschen mit homosexueller Neigung gilt darüber hinaus: Sein Kreuz ist schwerer zu tragen als meins. Und wenn ich ihm schon nicht beim Tragen helfen kann, so sollte ich es ihm wenigstens nicht auch noch schwerer machen.

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Glaube | Religion,Politik | 7 Kommentare

7 Kommentare zu “Muss ich als Katholik homophob sein?”

  1. David Bergeram 6. Dezember 2012 um 22:31

    Auch wenn ich persönlich hier nicht gut wegkomme (was im Grunde von der Sache her unbedeutend ist), finde ich den von Herrn Stollmeier skizzierten Ansatz immerhin als eine gute Diskussionsgrundlage. Punkt 2 wurde so schon einmal von dem Dominikaner Peddicord vorgeschlagen – wenn sich die katholische Kirche auf diesen Vorschlag einlassen würde, wäre das ein wichtiger Fortschritt im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens!

  2. Stefan Dewaldam 6. Dezember 2012 um 23:51

    Ihr seid Weicheierkrissden, die ernsthaft an Dialog von Schafen zu Hirten in eurer Kirchendiktatur glaubt. Euer Problem, nicht meins: http://hpd.de/node/14046

  3. Harald Stollmeieram 7. Dezember 2012 um 10:29

    Sehr geehrter Herr Dr. Berger,

    vielen Dank, und Kompliment für den souveränen Umgang mit meiner (nicht sauber zwischen Sünde und Sünder trennenden) Kritik an Ihnen!

    Besinnliche Adventstage wünscht

    Harald Stollmeier

  4. Claus Hilbigam 15. Dezember 2012 um 0:10

    Also, ich glaube ja, dass die katholische Kirche eine falsche Einstellung zur Homosexualität und zur Sexualität allgemein vertritt:
    Wenn ich davon ausgehe, dass Gott allmächtig ist, und dass er die Welt und den Menschen geschaffen hat, dann hat er auch die Homosexualität geschaffen, und er hat dafür gesorgt, dass Sexualität ein schönes Erlebnis ist …

  5. […] Weltanschauung zu vertreten, ohne als “menschenfeindlich” diffamiert zu werden: siehe Moralblog mit einer gut begründeten Stellungnahme zu der feindseligen Verallgemeinerung. Gibt es etwa einen […]

  6. Harald Stollmeieram 30. Juli 2013 um 12:20

    Man kann übrigens ohne Homophobie wie der St. Pöltner Diözesanbischof Klaus Küng die Meinung vertreten, dass die aus katholischer Sicht wünschenswerten Ziele einer staatlich definierten “Homo-Ehe” in zufriedenstellender Weise im Zivilrecht geregelt werden können. http://www.stjosef.net/stjosefnews/print.php?lang=de&layout=news&newsnr=4520

  7. Moralblog » Sex in der Schuleam 15. Februar 2014 um 13:57

    […] Ministerpräsident Kretschmann oder Volker Beck MdB deshalb wohl vermuten würden, bin ich weder homophob noch sonst irgendwie […]

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