Monatsarchiv für Januar 2013

Vergewaltigung und die Pille danach

Harald Stollmeier am 25. Januar 2013

Seriöse Journalisten machen diese Erfahrung immer wieder: Ein wenig Recherche kann die tollste Geschichte kaputtmachen. Das gilt cum grano salis auch für die Skandalmeldung „Katholische Klinik weist Vergewaltigungsopfer ab“, die in den vergangenen acht Tagen alle antikatholischen Reflexe abgerufen hat, die in unserer Republik verfügbar waren. Anerkennung verdienen in diesem Zusammenhang maßvolle Kritiker wie WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz, der die Kirche im Dorf zu lassen empfahl, und die Redaktion der WDR Lokalzeit Köln, die den Beschuldigten zu Wort kommen ließ (Danke, Bürstenfrosch!).

Nach Anhörung des Ärztlichen Direktors und Lektüre der offiziellen Stellungnahme des  Kölner St. Vinzenz-Krankenhauses bleibt vom eigentlichen Skandal nicht so richtig viel übrig: Es ging gar nicht um die Behandlung der Betroffenen sondern um die Untersuchung zu Zwecken der Feststellung eines Verbrechens, zu der das Vinzenz-Krankenhaus nicht berechtigt war. Wenn das Vinzenz-Krankenhaus die forensische Prüfung nicht durchführen konnte bzw. durfte, war es vollkommen angemessen, der behandelnden Notärztin die Überweisung ihrer Patientin an ein anderes, dazu befugtes  Krankenhaus zu empfehlen – wie oft hätte denn die betroffene junge Frau ihre belastende Geschichte vortragen sollen? Der Erklärung des Vinzenz-Krankenhauses zufolge wurde ja sogar ein konkretes Krankenhaus genannt, sodass auch von einer Absage vom Typ „Ich bin nicht zuständig“  keine Rede sein kann. Vor diesem Hintergrund geht anscheinend auch die honorige öffentliche Entschuldigung des Erzbischofs von Köln weiter, als es im akuten Fall erforderlich gewesen wäre. Als Hinweis auf die Prioritäten in ethischen Konflikten wird sie allerdings dauerhaft Bedeutung erlangen.

Worin besteht in diesem Zusammenhang der ethische Konflikt? Eigentlicher Stein des Anstoßes ist die nach einer Vergewaltigung vorgesehene ärztliche Verordnung der „Pille danach“, damit das Vergewaltigungsopfer nicht auch noch schwanger wird. Katholische Krankenhäuser dürfen diese Pille nicht verordnen. Für ein Krankenhaus in katholischer Trägerschaft ist die Haltung des Trägers zu dieser Frage natürlich maßgeblich. Diskutieren darf man, ob die Haltung des Trägers richtig ist.

Es ist eigentlich erfreulich, dass die in diesem Zusammenhang befragten Moraltheologen Eberhard Schockenhoff und Josef Spindelböck gleich auf den Punkt kommen. Genaugenommen auf zwei Punkte. Der erste: Ist die „Pille danach“ eine Form des Schwangerschaftsabbruchs (Spindelböck)? Das ist nicht ganz sicher, wie es für die meisten pharmazeutischen Verhütungsmittel nicht sicher ist . Grundsätzlich sind sie empfängnisverhütend, meist indem sie den Eisprung unterdrücken. Je sicherer sie dies tun, desto weniger Bedeutung hat die bei den meisten Mitteln ebenfalls vorliegende nidationshemmende Wirkung. Denn sie erlangt ja nur Bedeutung, wenn bereits eine Befruchtung stattgefunden hat. In diesem Fall existiert bereits ein Mensch, und man hat es mit einem Schwangerschaftsabbruch zu tun.

Unter dem von Kardinal Meisner betonten Vorrang der Hilfe für das Opfer bei einem so belastenden Verbrechen wie einer Vergewaltigung wäre eine reine Empfängnisverhütung in jedem Fall das geringere Übel und damit zulässig, wenn nicht gar zu empfehlen. Eine Klärung dieser pharmakologischen Frage für die Pille danach ist zweifellos einigen Aufwand wert. Reine Abtreibung wie bei Myfigene ist sie jedenfalls nicht.

Die Moraltheologen nehmen deshalb vorsichtshalber den ethisch ungünstigsten Fall an, den nämlich, dass die Pille danach einer Abtreibung gleichzusetzen sei, und diskutieren deshalb konsequenterweise die Zulässigkeit einer Abtreibung nach einer Vergewaltigung. Einig sind sich beide, dass eine Abtreibung niemals in sich richtig sein kann. Aber dann wird es interessant. Während Josef Spindelböck die Notlage des Vergewaltigungsopfers anerkennt, besteht er zugleich auf dem Lebensrecht des möglicherweise dabei entstandenen Kindes (das ja nichts dafür kann). Damit bleibt aus seiner Sicht die Entscheidung des Vergewaltigungsopfers zum (möglichen) Schwangerschaftsabbruch trotz massiv mildernder Umstände schuldhaft. Schockenhoff dagegen spricht das Vergewaltigungsopfer in diesem Fall von jeder Schuld frei: Die gesamte Schuld laste in diesem Fall auf dem Gewissen des Vergewaltigers.

Das ist bedenkenswert und ganz sicher insofern völlig richtig, als der Vergewaltiger mit Sicherheit auch für diese Folge seines Verbrechens verantwortlich ist. Und für einen Seelsorger, der eine Betroffene berät, ist dieses Argument nützlich. Eine vollständige Entlastung des Vergewaltigungsopfers von Verantwortung und auch Schuld für den Fall eines Schwangerschaftsabbruchs wird ein gewissenhafter Seelsorger wohl trotzdem nicht verkünden.

Denn das Ausmaß von Schuld, dass Menschen auf sich laden können, hängt direkt mit ihrer Freiheit zu handeln und zu entscheiden zusammen. Und solange eine betroffene Frau die Option hat, das bei einer Vergewaltigung entstandene Baby leben zu lassen (obwohl das niemand von ihr verlangen kann!), solange wohnt auch der in diesem Fall menschlich absolut nachvollziehbaren Entscheidung zu einem Schwangerschaftsabbruch ein Schuldrisiko inne, die Möglichkeit, dass die Betroffene später einmal unter Qualen wünscht, sich damals anders entschieden zu haben. Auf diesem Umstand würde sicher auch der Beichtvater Schockenhoff aufmerksam machen.

Niemand hat also das Recht, über eine vergewaltigte Frau zu richten, die sich zu der außerordentlich heroischen Entscheidung, ein dabei entstandenes Kind auszutragen, nicht in der Lage sieht. Aber das ist nicht dasselbe wie die Überzeugung, ein Schwangerschaftsabbruch wäre nach einer Vergewaltigung auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

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Christen sind bessere Bürger

Harald Stollmeier am 6. Januar 2013

BUCHBESPRECHUNG: Andreas Püttmann, Führt Säkularisierung zum Moralverfall, Bonn 2013

Nachdem der bekannte Soziologe Hans Joas im Mai 2012 einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Moralverfall als „Parole“ abqualifiziert und unter Berufung auf „empirische Stützen“ verneint hat (Führt Säkularisierung zum Moralverfall? (StdZ 5/2012, S. 291-304), legt der katholische Politikwissenschaftler Andreas Püttmann eine gründliche, gut lesbare „Antwort auf Hans Joas“ (Untertitel) vor, deren Abdruck die jesuitischen Herausgeber der Stimmen der Zeit abgelehnt hatten.

Püttmann weist Joas Rechercheversäumnisse nach, die dessen Thesen spürbar schwächen. Vor allem aber belegt er mit einer Reihe seriöser empirischer Untersuchungen: Christen tauchen seltener als der Durchschnitt in den Kriminalstatistiken auf und bekennen sich signifikant häufiger als Nichtgläubige oder gar Atheisten zu Werten, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft fördern. Dabei sind kirchennahe Christen wiederum prinzipienfester als kirchenferne.

Vor allem erkennen Christen die grundsätzliche Allgemeingültigkeit moralischer Normen unabhängig von geltenden Gesetzen und persönlichen Vorteilen viel stärker als Atheisten an. Zudem bekennen sie sich signifikant stärker zu einer Vorstellung vom Leben als einer Aufgabe, die man möglichst gut zu bewältigen habe, anstatt es sich vorwiegend gut gehen zu lassen.

Püttmann widerspricht Joas auf solider empirischer Grundlage; das ist die größte Stärke seines Büchleins, das deswegen auch unabhängig von der Kontroverse mit Joas eine nützliche Lektüre bleiben wird. Püttmann umrahmt diesen Kern einerseits mit dem Verweis auf eine geradezu unübersehbare Schar agnostischer Autoritäten von Denkern der Aufklärung über Thomas Mann bis zu Joschka Fischer und Gregor Gysi, die den Gottesglauben als gesellschaftlich nützlich oder notwendig bezeichnen, andererseits mit plausiblen Begründungen für diese postulierte gesellschaftliche Nützlichkeit.

Nüchtern räumt Püttmann ein, dass man diesen Zusammenhang bisher zwar nicht zweifelsfrei beweisen könne. Widerlegen könne man ihn aber auch nicht, und die Indizien dafür überwögen diejenigen dagegen doch deutlich. Hans Joas‘ These ist damit wenn nicht widerlegt so doch massiv relativiert. Es wäre allerdings nicht nötig gewesen, Joas‘ Vorwurf apologetischer Motive an diesen zurückzugeben im Sinne einer Verteidigung des Konzepts von der „autonomen Moral“; diese Passage könnte in späteren Auflagen gestrichen werden.

Trotzdem: Führt Säkularisierung zum Moralverfall von Andreas Püttmann ist ein sehr gutes Buch. Jeder, der über die Rolle des Christentums in Staat und Gesellschaftnachdenkt, sollte es lesen. Es kann zum Preis von 5 Euro online bestellt werden beim Media Maria Verlag.

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