Christen sind bessere Bürger

Harald Stollmeier am 6. Januar 2013

BUCHBESPRECHUNG: Andreas Püttmann, Führt Säkularisierung zum Moralverfall, Bonn 2013

Nachdem der bekannte Soziologe Hans Joas im Mai 2012 einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Moralverfall als „Parole“ abqualifiziert und unter Berufung auf „empirische Stützen“ verneint hat (Führt Säkularisierung zum Moralverfall? (StdZ 5/2012, S. 291-304), legt der katholische Politikwissenschaftler Andreas Püttmann eine gründliche, gut lesbare „Antwort auf Hans Joas“ (Untertitel) vor, deren Abdruck die jesuitischen Herausgeber der Stimmen der Zeit abgelehnt hatten.

Püttmann weist Joas Rechercheversäumnisse nach, die dessen Thesen spürbar schwächen. Vor allem aber belegt er mit einer Reihe seriöser empirischer Untersuchungen: Christen tauchen seltener als der Durchschnitt in den Kriminalstatistiken auf und bekennen sich signifikant häufiger als Nichtgläubige oder gar Atheisten zu Werten, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft fördern. Dabei sind kirchennahe Christen wiederum prinzipienfester als kirchenferne.

Vor allem erkennen Christen die grundsätzliche Allgemeingültigkeit moralischer Normen unabhängig von geltenden Gesetzen und persönlichen Vorteilen viel stärker als Atheisten an. Zudem bekennen sie sich signifikant stärker zu einer Vorstellung vom Leben als einer Aufgabe, die man möglichst gut zu bewältigen habe, anstatt es sich vorwiegend gut gehen zu lassen.

Püttmann widerspricht Joas auf solider empirischer Grundlage; das ist die größte Stärke seines Büchleins, das deswegen auch unabhängig von der Kontroverse mit Joas eine nützliche Lektüre bleiben wird. Püttmann umrahmt diesen Kern einerseits mit dem Verweis auf eine geradezu unübersehbare Schar agnostischer Autoritäten von Denkern der Aufklärung über Thomas Mann bis zu Joschka Fischer und Gregor Gysi, die den Gottesglauben als gesellschaftlich nützlich oder notwendig bezeichnen, andererseits mit plausiblen Begründungen für diese postulierte gesellschaftliche Nützlichkeit.

Nüchtern räumt Püttmann ein, dass man diesen Zusammenhang bisher zwar nicht zweifelsfrei beweisen könne. Widerlegen könne man ihn aber auch nicht, und die Indizien dafür überwögen diejenigen dagegen doch deutlich. Hans Joas‘ These ist damit wenn nicht widerlegt so doch massiv relativiert. Es wäre allerdings nicht nötig gewesen, Joas‘ Vorwurf apologetischer Motive an diesen zurückzugeben im Sinne einer Verteidigung des Konzepts von der „autonomen Moral“; diese Passage könnte in späteren Auflagen gestrichen werden.

Trotzdem: Führt Säkularisierung zum Moralverfall von Andreas Püttmann ist ein sehr gutes Buch. Jeder, der über die Rolle des Christentums in Staat und Gesellschaftnachdenkt, sollte es lesen. Es kann zum Preis von 5 Euro online bestellt werden beim Media Maria Verlag.

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Ein Kommentar zu “Christen sind bessere Bürger”

  1. Stefan Bartyllaam 6. Januar 2013 um 9:42

    …. “massiv relativiert”….. rein sprachlich gefällt mir Dein Beitrag wirklich ausserordentlich… aber eine grundsätzlich prinzipienfestere Lebenshaltung bei Christen als bei Nichtchristen kann ich als Glaubensamateur gar nicht im Besonderen feststellen. Nichtgläubige Idealisten weisen derlei Charaktermerkmale durchaus auch auf: Veganer, Fußballfans, Ökologieradikale, passionierte Raucher oder Nichtraucher…. Ich könnte mir vorstellen, dass Herr Püttmann in seiner Berachtung von Moralverhalten die Grenzen zwischen den verschiedenen Lebenszeitnutzergruppen vielleicht ein wenig zu traditionell zieht.

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