Monatsarchiv für April 2013

Klimawandel: Weiter so?

Harald Stollmeier am 20. April 2013

Das Europäische Parlament hat sich vor wenigen Tagen mit knapper Mehrheit gegen eine Verteuerung von Kohlendioxid-Zertifikaten entschieden. Schlagzeilen wie „Desaster für den Klimaschutz“ regen zur Besorgnis an.

Parallel beschwört Greenpeace die tödliche Gefahr, die von Kohlekraftwerken ausgeht. Wem der Klimawandel noch nicht gereicht hat als Argument für den Umstieg auf Strom aus Wind und Sonne, der sollte es, so die Botschaft, wenigstens um seiner Gesundheit willen tun. Und zwar möglichst schnell.

Ich sehe auf meine Stromrechnung und frage mich, ob es mit der Energiewende nicht schon schnell genug geht. Und entschließe mich, mir endlich eine eigene Meinung zu bilden.

Vor zwei Jahren, nachdem ein Tsunami unter anderem das Kernkraftwerk im japanischen Fukushima schwer beschädigt hatte, war in den deutschen Debatten viel die Rede davon, dass man aus ethischen Gründen auf die Nutzung der Kernenergie verzichten müsse

Und als Deutschland dann mit beispielloser Geschwindigkeit entschied, aus der Atomenergie auszusteigen (zum zweiten Mal), da war einer der wenigen zulässigen Einwände die Frage, ob denn ohne Kernkraftwerke der deutsche Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu schaffen sei.

Konkret bedeutete das vor allem: Können wir ohne Kernkraftwerke genauso viel Strom produzieren, ohne dabei mehr Kohlendioxid auszustoßen? Die Bundesregierung sagte Ja. Das Zauberwort hieß „Erneuerbare Energien“ – die Energiewende setzt auf Sonne, Wind und neue Leitungen.

Wenn man in diesen Tagen liest, dass Deutschland seit der Energiewende zum Stromexporteur geworden ist, dann liegt auf der Hand, dass die reine Menge grundsätzlich kein Problem ist.  Das Problem ist die Steuerung, weil Wind und Sonne sich nicht nach dem Bedarf richten. Liefern sie zu wenig, müssen Kohle- und Gaskraftwerke mehr produzieren, liefern sie zu viel, müssen die „konventionellen“ Kraftwerke ihre Leistung möglichst schnell herunterfahren. Bleibt ein Überschuss, muss er exportiert werden, gegebenenfalls zu „Negativpreisen.“ Speichern kann man ihn nicht, zumindest noch nicht. Sicher ist jedenfalls, dass zusätzliche Speicher zusätzliches Geld kosten werden. Auch deshalb ist noch unklar, was der sowohl strahlungsfreie als auch kohlendioxidneutrale Strom Verbraucher und Volkswirtschaft am Ende kosten wird.

Die aktuell hohen Strompreise sind eine Folge des Erneuerbare-Energien-Gesetzes mit seiner Preisgarantie für Erzeuger, die zulasten der Verbraucher geht. Das muss korrigiert werden: Sollte Strom aus Wind und Sonne auch weiterhin ohne Subventionen nicht wettbewerbsfähig sein, dann besteht die Möglichkeit, seine Förderung als Gemeinschaftsaufgabe für den Klimaschutz zu definieren. Aber dann müssen die benötigten Geldmittel aus dem Bundeshaushalt kommen, nicht von den Konten der Verbraucher. Sonst droht vielen Privathaushalten die Verarmung, und energieintensive Betriebe werden ihre Produktion verlagern oder einstellen.

Während also klar scheint, dass Deutschland seine CO2-Ziele trotz Atomausstieg, wenn auch unter Opfern, erreichen kann, stellt sich eine zweite Frage: Was bringt das für den Klimaschutz?

Diese Frage teilt sich in zwei, eigentlich drei Fragen auf.

  1. Ist der Klimawandel im Wesentlichen die Folge des von Menschen freigesetzten Kohlendioxids?
  2. Ist der Klimawandel, wie viele glauben, die größte Gefahr, die der Menschheit in den kommenden 100 Jahren droht?
  3. Können Deutschland und Europa durch Erreichen ihrer Kohlendioxid-Ziele einen spürbaren Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten?

Die beiden ersten Fragen sind schwerer zu beantworten als die dritte. Für Al Gore und das IPCC sind sie beantwortet, für viele Politiker in Europa auch, so dass sie Skeptiker als „Klimawandelleugner“ bzw. „Leugner des Klimawandels“ bezeichnen. Das sind hässliche Ausdrücke, wohl nicht zufällig an den „Holocaustleugner“ angelehnt. Man spürt die Absicht und ist ein wenig verstimmt.

Ich will dennoch vorläufig davon ausgehen, dass die Antwort auf die ersten beiden Fragen jeweils „Ja“ lautet. Beide Antworten sind übrigens voneinander unabhängig; der Klimawandel kann auch unabhängig davon eine große Gefahr sein, ob er vom Menschen verursacht wird. Aber wenn das der Fall ist, und das nehme ich jetzt einmal an, dann ist die Antwort auf die dritte Frage ausgesprochen wichtig. Und sie lautet aus zwei Gründen Nein.

Erstens hält sich Kohlendioxid jahrzehntelang in der Atmosphäre. Das bedeutet: Die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre wird selbst dann noch 20 oder 30 Jahre lang weiter zunehmen, wenn die ganze Welt ihre Emissionen reduziert.

Zweitens kann davon keine Rede sein: Entwicklungs- und Schwellenländer erhöhen ihre Emissionen, und allein China legt mehr drauf, als Europa selbst nach den ehrgeizigsten Plänen einsparen kann. Im Jahr 2011 betrug allein der Zuwachs des chinesischen Ausstoßes im Jahr 2011 etwa 75 Prozent des deutschen Gesamtausstoßes; insgesamt emittierte China in diesem Jahr mehr als elfmal so viel wie Deutschland. Trotzdem liegt der deutsche Pro-Kopf-Ausstoß immer noch deutlich über dem chinesischen.

Es stellt sich auch die Frage, ob man von Ländern, die noch heute einen Bruchteil unseres CO2-Ausstoßes (und unseres Wohlstandes) aufweisen, wirklich im Ernst verlangen kann, deutlich ärmer zu bleiben als wir, und angesichts der Schlüsselrolle der Energieversorgung für die Entwicklung des Wohlstands wäre das unweigerlich die Konsequenz. Und eine Energiewende nach deutschem Vorbild wäre für die Chinesen einfach zu teuer.

Also: Selbst wenn wir Europa komplett deindustrialisieren, können wir den Klimawandel damit nicht verhindern, ja nicht einmal spürbar lindern.  Das ist ernüchternd, denn so weit können wir ja längst  nicht gehen.

Bis hierher bin ich immer noch kein „Leugner des Klimawandels“, obwohl ich der Vollständigkeit halber erwähne, dass es meines Erachtens plausible Zweifel an der Alleinschuld des Menschen gibt und überzeugende Zweifel an der Glaubwürdigkeit einiger der gängigsten Horrorszenarien, wie sie insbesondere Al Gore verbreitet.

Aber ich widerspreche dem Dogma, der Klimawandel sei zu verhindern, wenn wir Europäer, insbesondere wir Deutschen, nur vorbildlich genug CO2 einsparten. An diesem deutschen Wesen wird die Welt wohl nicht genesen.

Das Unvermeidliche zu akzeptieren heißt aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Es heißt, die Prioritäten zu überdenken. Wenn wir den Klimawandel nicht verhindern können, müssen wir uns auf ihn einstellen. Wenn wir wegen des Klimawandels mehr Sturmfluten erwarten, müssen wir in den Küstenschutz investieren. Und wenn wir dieses Problem für global halten, dann müssen wir armen Küstenländern helfen, ihren eigenen Küstenschutz auszubauen. Ähnliches gilt für Bewässerungs- und Erosionsvermeidungsprojekte. Das hilft den bedrohten Ländern jedenfalls mehr als die Senkung unseres Kohlendioxidausstoßes, und das Geld dazu haben wir auch, wenn wir unsere CO2-Reduzierungsbemühungen auf ein wirtschaftlich vernünftiges Maß herunterfahren.

Vielleicht haben wir dann auch noch ein paar Milliarden Euro übrig für ein Projekt, das die Wissenschaftler von Intellectual Ventures in Seattle entwickeln (ausführlich beschrieben in: Dubner/Levitt, Super Freakonomics). Sie haben keine Lösung für das CO2-Problem. Aber sie haben eine für den globalen Temperaturanstieg.

Wenn Vulkane große Mengen Schwefeldioxid in die obere Atmosphäre schleudern, führt das erfahrungsgemäß zu einer globalen Temperatursenkung, weil das Sonnenlicht vom SO2 aufgehalten wird. Diesen Effekt kann man auch künstlich erzielen – durch ein paar Dutzend auf der Erde verteilte, mit Fesselballons in der Luft gehaltener Schläuche, die in beliebiger Dosierung SO2 in die Atmosphäre blasen. Damit wäre sogar eine präzise Steuerung der Temperatur möglich.

Selbst wenn sich dieses konkrete Projekt als undurchführbar erweisen sollte – diese Art Ingenieurs-Denken dürfte der richtige Weg sein, mit dem Klimawandel umzugehen: konstruktiv.

Klimawandel: Drohen dramatische Überschwemmungen?

Klimawandel: Drohen dramatische Überschwemmungen?

(Foto: C. Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Politik | Keine Kommentare

Der Fall Kermit Gosnell

Caroline Stollmeier am 16. April 2013

17 Jahre lang hat Kermit B. Gosnell im Bundesstaat Pennsylvania der USA eine Abtreibungsklinik betrieben. Nun steht er vor Gericht wegen Mord an einer Patientin und mehrerer Babys, Totschlag, Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Leichenschändung und weiterer krimineller Machenschaften.

In Pennsylvania sind Abtreibungen bis zur 24. Schwangerschaftswoche erlaubt. Aber nach Aussage von mehreren ehemaligen Angestellten Gosnells waren auch Spätabtreibungen weit über diesen Zeitraum hinaus an der Tagesordnung der „Women’s Medical Society“ – selbstverständlich nur, wenn die Patientinnen das dafür nötige Honorar aufbringen konnten.

Das übliche Vorgehen bei einer Spätabtreibung in Gosnells Klinik ist, dass die Schwangeren bestimmte Medikamente einnehmen und nach zwei bis drei Tagen ihr Kind entbinden. Wenn das Kind noch nicht durch die Medikamente getötet wurde, dann hat Gosnell ihnen mit einer Schere das Rückenmark durchtrennt, sobald es aus dem Geburtskanal heraus war. In unzähligen Fällen waren die Kinder zu diesem Zeitpunkt schon alleine überlebensfähig.

Die wenigen weißen Patientinnen betreute Dr. Gosnell persönlich. Alle anderen überließ er regelmäßig seinem ungelernten Personal. Teilweise war er während der Abtreibung (mit Medikamenten) nicht einmal in der Klinik anwesend. Schmerzmittel erhielten die Patientinnen in dem Umfang, den sie bezahlen konnten. Es sei denn, sie weinten oder schrien. Dann wurden sie ruhig gestellt, damit es keine Probleme mit den Nachbarn gibt. Die Praxisräume waren schmutzig, die medizinischen Geräte defekt und nicht sterilisiert. Die Firma, die den „medizinischen Abfall“ fachgerecht entsorgen sollte, wurde von Gosnell nur sporadisch bezahlt. So kam es immer wieder vor, dass die Leichen abgetriebener Kinder in Kühlschränken und Räumen der Klinik gelagert wurden.

Jahrelang wurde die Klinik von verschiedenen Aufsichtsbehörden nicht geprüft. Hinweise auf unsaubere Arbeit verliefen im Sande oder wurden aus politischen Gründen nicht verfolgt. Von der Regierung in Pennsylvania, die seit 1993 pro-Abtreibung ist, wurde gar befürchtet, dass zu starke Kontrollen der Abtreibungskliniken den abtreibungswilligen Frauen Steine in den Weg legen könnten. Gerade das aber öffnete nun der Misshandlung und Ausbeutung von Frauen Tor und Tür, wie der Fall Gosnell grausam zeigt.

Mindestens eine Patientin starb während einer Abtreibung an einer Medikamentenüberdosis, die ihr von einer ungelernten Hilfskraft verabreicht wurde. In vielen weiteren Fällen traten schwerwiegende, teilweise lebensbedrohliche Komplikationen während oder nach einer Abtreibung in Gosnells Klinik auf. Systematisch wurden die Notausgänge verbarrikadiert und wartende Angehörige ausgesperrt, wenn es zu Notfällen kam. In mindestens einem Fall weigerte sich Gosnell eine Abtreibung zu unterbrechen, als eine Patientin ihn darum bat, weil sie ihr Baby doch behalten wollte. Als die Klinik im Jahr 2010 endlich geschlossen wurde, fanden die Ermittler reihenweise Füßchen verschiedener Größen in eingelegt Gläsern, die Gosnell Babys nach der Abtreibung abgetrennt hatte.

In den Medien wurde der Fall Gosnell bisher weitgehend totgeschwiegen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Vielleicht sind viele Journalisten Abtreibungsbefürworter, die kein gesteigertes Interesse an der Veröffentlichung einer Geschichte haben, die die schrecklichsten Auswüchse einer liberalen Abtreibungsgesetzgebung aufdeckt. Gosnell hat genau so gearbeitet wie die Hinterhof-Schlächter und skrupellosen Engelmacher, vor denen Abtreibungsbefürworter immer warnen und die ihr Hauptargument für ein „Recht auf Abtreibung“ sind – jahrelang erfolgreich gedeckt von eben diesem Recht.

who-is-gosnell-photo

Der amerikanische Abtreibungsarzt Gosnell steht in diesen Tagen vor Gericht. Ihm werden Mord und andere grausame Verbrechen vorgeworfen.

Abgelegt unter 1000plus | Leben,Allgemein | 3 Kommentare

Haare weg – na und?

Caroline Stollmeier am 2. April 2013

… unter diesem Motto haben die 16-jährige Melissa Momm und die 18-jährige Ronja Laur eine „Aktion zur moralischen und finanziellen Unterstützung krebskranker Kinder“ gestartet. Die beiden jungen Frauen vom Niederrhein haben sich vor wenigen Tagen eine Glatze schneiden lassen. Auf diese Weise wollen sie ihre Solidarität mit krebserkrankten Kindern und Jugendlichen ausdrücken und zeigen, dass man auch ohne Haar gut aussehen kann.

„Ein Bekannter ist an Leukämie gestorben, aber zu dieser Aktion haben uns am meisten das Buch und der Film ‚Beim Leben meiner Schwester’ von Jodi Picoult motiviert“, sagen die Beiden. In dieser Geschichte lässt sich die Mutter eines krebskranken Mädchens kurzerhand auch eine Glatze schneiden, weil ihre Tochter sich nach der Chemotherapie ohne Haare so hässlich fühlt.

Melissa und Ronja unterstützen mit ihrer Aktion die Elterninitiative der Kinderkrebsklinik Düsseldorf. Deshalb werben sie auch um Spenden, die sie an Betroffene und ihre Familien weitergeben möchten. Der „moralische Gedanke“ steht bei dieser Aktion aber klar im Vordergrund, sagen sie. Um möglichst vielen Menschen zu zeigen, dass man auch ohne Haare gut aussehen kann, hat Melissa eine Facebook-Seite eingerichtet, auf der sie auch über den weiteren Verlauf ihrer Aktion berichtet. Dort gibt es außerdem beeindruckende Vorher-Nachher-Fotos zu sehen.

Melissa und Ronja

Melissa und Ronja stellen in Voerde am Niederrhein ihr Aktion “Haare weg – na und?” vor und sammeln Spenden für krebskranke Kinder und Jugendliche (Foto: C. Stollmeier)

Abgelegt unter Allgemein,Gute Menschen | Gute Taten | 2 Kommentare