Woran starb Lots Frau eigentlich genau?

Harald Stollmeier am 14. Mai 2013

Buchbesprechung: Claudia Sperlich, Mit deinen Flügeln will ich fliegen

Die Erschaffung Evas aus Adams Rippe, Lots Frau als Salzsäule, David und Batseba, die Passion Christi: Die Bibel ist voller vertrauter Geschichten – so vertraut, dass die meisten von uns aufgehört haben, darüber nachzudenken. Ich verpreche Ihnen: Das ändert sich nach wenigen Gedichten von Claudia Sperlich.

Claudia Sperlich aus Berlin hat Theologie studiert, spricht fließend Latein, bloggt und singt gregorianische Choräle. Als Lyrikerin hat sie sich die Fähigkeit bewahrt, an vertraute Texte Fragen zu stellen. So wie diese: Warum eigentlich ist Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, als sie sich umsah? 

 „Sah klaren Geistes

Ausbeutung, Mord,

Vergewaltigung ihrer Schwestern,

Gift und Feuer vom Himmel,

erstarrte in Tränen.

Ihr Mann lief fort.“

Durch Claudia Sperlichs Verse kommen biblische Menschen zu Wort, über deren Perspektive bisher niemand nachgedacht hatte. Es lohnt sich, zum Beispiel Sperlichs „Batseba“ zuzuhören. Oder ihren Zeitgenossen Christi im „Jerusalemer Klatsch”, die sich verdächtig modern anhören, heutzutage beinahe schon katholisch und auf jeden Fall wie von Erich Kästner:

„Er war nicht dumm, der junge Radikale

Aus diesem Kaff – war wirklich recht belesen.

Nein – kriminell ist er wohl nicht gewesen.

Er setzte nur so seltsame Signale.“

Neben ihre Gedichte stellt die Autorin ihre Quellen: Bibeltexte in der Übersetzung von Martin Luther und Gemälde aus den Museen der Welt. Damit ermöglicht sie es ihren Lesern, ihren Denkweg nachzugehen – und macht aus ihrem Buch ein Bildungserlebnis.

Mit Deinen Flügeln will ich fliegen von Claudia Sperlich, im Sperlich Verlag Berlin erschienen, 72 Seiten, ist eines von den Büchern, nach deren Lektüre man den Verfasser kennenlernen will. Es kostet 8,90 Euro, und ich bestelle mir gleich noch ein paar.

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