Eines Tages werde ich noch Hindenburg-Fan

Harald Stollmeier am 23. Juni 2013

Zum Bürgerentscheid „Hindenburgstraße“ in Voerde (Niederrhein)

Nein, ich bin kein Hindenburgfan. Wahrscheinlich hätte ich den alten Herrn überhaupt nicht leiden können, wenn ich ihm je begegnet wäre, aber diese Chance hat nie bestanden – er ist ja 32 Jahre vor meiner Geburt gestorben und heute schon fast 79 Jahre tot. Trotzdem ist er aktuell in aller Munde, denn er muss anscheinend weg.

Besonders laut ging es im vorigen Jahr in Münster zu, wo der Rat der Stadt den Hindenburgplatz umbenannt hatte und opponierende Bürger einen letztlich vergeblichen Bürgerentscheid erzwangen. Die Debatten waren scharf, und ich hatte Freunde in beiden Schützengräben; ich selbst war ja nicht stimmberechtigt.

Jetzt soll in der Stadt, in der ich lebe, die Hindenburgstraße zur Willy-Brandt-Straße werden. Die Ratsmehrheit will es, und die Argumente sind im Prinzip dieselben wie in Münster: Nach Hindenburg könne man heute keine Straße mehr benennen, er sei ein Steigbügelhalter Hitlers gewesen, bei einer Entscheidung gegen die Umbenennung drohe ein Imageverlust. Wie soll ich entscheiden?

Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen die Umbenennung von Straßen aus politischen Gründen; keiner der vielen Adolf-Hitler-Straßen trauere ich nach. Aber als nach dem Ende des Krieges all die Adolf-Hitler-Straßen wegmussten, da hatten die Schildermacher mit Hindenburg kein Problem. „Weg“ musste er nicht. Hatten unsere Landsleute damals ein schlechteres Gedächtnis, als wir es heute haben?

Oder ordneten sie nicht vielmehr Paul von Hindenburg völlig anders ein: Als erfolgreichen General, als demokratisch gewählten Reichspräsidenten, ja, als letzte Bastion gegen das Dritte Reich?

Es wird gern übersehen, dass Adolf Hitler und seine Partei keine Außerirdischen waren, die unser Land (etwa mit Hilfe von Hindenburg) gekapert hätten, sondern Fleisch von unserem Fleisch, ganz normale Deutsche (und Österreicher, versteht sich), die demokratisch gewählt wurden, von Wahl zu Wahl immer mehr. Sie waren die stärkste Partei, sie stellten die stärkste Fraktion, und es war der Reichspräsident von Hindenburg, der sie trotzdem Mal um Mal bei der Regierungsbildung überging (überliefert ist die Aussage, allenfalls zum Postminister werde er “diesen böhmischen Gefreiten” machen).

Wer erinnert sich heute noch daran, dass Adolf Hitler ohne Paul von Hindenburg die Macht nicht erst stufenweise von Januar 1933 bis August 1934 in seine Hände bekommen hätte sondern bereits im April 1932 auf einen Schlag! Damals kandidierte Hitler für das Amt des Reichspräsidenten, und er war Favorit. Als Reichspräsident hätte er, mittels des Notverordnungs-Artikels 48, sofort diktatorisch regieren können.

Hindenburg, eigentlich ein „Rechter“, ließ sich als Kandidat von Zentrum und SPD gegen Adolf Hitler aufstellen, obwohl er sich reif für den Ruhestand wusste. Und Hindenburg gewann. Dass dieser Sieg der letzte war, dass er nicht auf Dauer reichte, dass der Widerstand des alten Herrn erlahmte, macht das Paul von Hindenburg nicht eher zu einer tragischen Figur als zu einem „Steigbügelhalter”?

In meinen Augen ist der Steigbügelhaltervorwurf ungerecht, ja sachlich falsch. Ihn darüber hinaus zu begleiten mit Plakaten, auf denen Hindenburg und Hitler beim „Tag von Potsdam“ abgebildet sind, wie es in Münster geschah, das war eine dramatische Entgleisung. Ich war mir sicher gewesen, dass ich zu meinen Lebzeiten in Deutschland keine Adolf-Hitler-Wahlplakate mehr würde sehen müssen. Manchen Leuten ist wirklich gar nichts zu schäbig.

Trotzdem stimme ich den Menschen zu, die heute keine Straße mehr nach Hindenburg benennen würden. So weit würde auch ich nicht gehen. Heute muss es nicht mehr sein, dass wir Schlachtensiege aus dem Ersten Weltkrieg mit Denkmälern und Straßennamen feiern.

Aber darum geht es ja nicht. Die Hindenburgstraße in Voerde heißt schon seit Jahrzehnten so. Handlungsbedarf bestünde deshalb nur, wenn eine klare Mehrheit der Anwohner die Umbenennung wünschte. Das scheint nicht der Fall zu sein. Meinetwegen kann sie deshalb ruhig weiter Hindenburgstraße heißen. Wir werden einen anderen Weg finden, Willy Brandt in Voerde zu ehren.

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Politik | 3 Kommentare

3 Kommentare zu “Eines Tages werde ich noch Hindenburg-Fan”

  1. Urs Janetzam 23. Juni 2013 um 14:35

    Wir hatten hier in Garmisch-Partenkirchen auch einen Bürgerentscheid zu Hindenburgstraße. Bei uns bleibt sie.

  2. Theodreds Schicksalam 3. Juli 2013 um 2:58

    Vielleicht das als Entscheidungshilfe: heute sollte man keine Strasse nach Hindenburg benennen wegen seiner Rolle, die er im 1. Wk gespielt hat. Ziemlich unrühmlich ist sein Einfluss auf die Politik in dieser Zeit, das Entgegentreten gegen einen Frieden (und damit die Rettung von Millionen Menschen) und nicht zuletzt die Dolchstoßlegende.
    Er ist nicht Hitlers Bügelhalter gewesen, aber seine Taten haben Trittsteine für den Verlauf der Geschichte gelegt und nicht wenigen Menschen das Leben gekostet.

    Zwar bin ich auch kein Freund von Brandt, aber so viele Kerben auf dem Holz hat der nicht.
    Schöner wäre es natürlich, wenn der Wechsel für Reales und nicht Fingiertes zustande käme.

  3. Harald Stollmeieram 18. Juli 2013 um 3:02

    Am 17. Juli 2013 wurde das Ergebnis des Bürgerentscheids bekanntgegeben.
    Abgegebene Stimmen: 9.843
    Gültige Stimmen: 9.685
    Ja: 8.966
    Nein: 719

    20-Prozent-Quorum: 6.106

    Beteiligung: 31,74 Prozent

    Der Bürgerentscheid war erfolgreich. Die Hindenburgstraße bleibt.
    Quelle: http://www.voerde.de/buergerentscheid-hindenburgstrasse-abstimmungsergebnis

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

Der Eisvogel