Monatsarchiv für Juli 2013

„Jesus ist mein allerbester Freund“

Caroline Stollmeier am 25. Juli 2013

Die „Kinder“ des großen Häuptlings sind umringt von einer Schar wilder Indianer. Katy und Micha Petersmann heißen die beiden im wahren Leben. Aber im Moment sind sie damit beschäftigt das Rätsel um den verschwundenen Indianerschatz zu lösen. Der Trapper ist unschuldig, auch wenn der Medizinmann ihn zunächst verdächtigt hat. Ein Späher berichtet, er habe fremde Banditen beobachtet…

In Duisburg findet gerade das erste JuCamp statt, ein christliches Sommerzeltlager für über 50 Kinder und viele ehrenamtliche Helfer. Katy und Micha haben die Idee dazu aus ihrer Heimat, dem Sauerland, mitgebracht, als sie berufsbedingt ins Ruhrgebiet kamen. In ihrer neuen Gemeinde, der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Rheinhausen, warben sie um Unterstützung für ihr Vorhaben – und waren am Ende sehr erfolgreich. Mit großem organisatorischen Aufwand gelang die Durchführung des JuCamps. Und dass die Kinder sich dort wohl fühlen, sieht man sofort.

Das JuCamp ist aber nur der Auftakt für ein dauerhaftes Engagement der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Rheinhausen für Kinder und mit Kindern. Katys und Michas großer Traum ist es, eine funktionierende „Jungschar“ zu etablieren, eine regelmäßige Kindergruppe, die gemeinsam viel Spaß hat, in der aber auch christliches Gemeindeleben eine zentrale Rolle spielt. „Ich kenne Jesus schon seit ich auf der Welt bin. Er ist mein allerbester Freund. Und wer sein Freund ist, erlebt viele spannende Dinge mit ihm“, sagt Katy und möchte diese Erfahrung mit jungen Menschen teilen.

Das Leben von Katys Ehemann Micha verlief zunächst ganz normal, bestand aus Schule, Sportvereinen, Jungschar. Allerdings leidet er an einer Lese- und Rechtschreibschwäche, die ihm in der Schule zunehmend große Schwierigkeiten bereitet. Wenn es in einem Diktat oder Aufsatz gut lief, dann bekam er ein „Mangelhaft“.

„In der 5. Klasse kam für mich auch noch Englisch als schwieriges Fach hinzu. So dass ich mich nach nur so hagelnden Fünfen und Sechsen auch genau so fühle, nämlich ungenügend. Ich dachte, ich wäre zu nichts nütze, halt ungenügend. Weiter dachte ich, dass etwas, das ungenügend ist, weggeschmissen werden sollte. Genau dass hatte ich auch mit meinem Leben vor. Ich wollte mich umbringen. Dazu hatte ich mir extra ein Messer besorgt und mich auf den Balkon gestellt um möglichst wenig mit meinem Blut zu verdrecken“, blickt Micha zurück.

„Als ich da auf dem Balkon stand, habe ich nochmals über vieles nachgedacht. Dabei ist mir auch die Jungschar in den Kopf gekommen, und ich habe daran gedacht, dass die Mitarbeiter uns Kindern erläutert hatten, dass Gott uns mag und dass Selbstmord falsch ist. So habe ich gebetet. Ich habe Gott gesagt, dass er jetzt eine Chance bekommt, nämlich einen Monat Zeit, in dem er mir zeigen sollte, dass es ihn gibt. Ansonsten wollte ich den Selbstmord wirklich durchziehen.

In dem Monat habe ich die Schule gewechselt. Auf einmal kam ich auf Zweien und Dreien in Deutsch und Englisch, obwohl die Krankheit nicht verschwunden war und die Arbeiten sicher nicht leichter wurden, erst recht nicht, da ich auch noch andere Bücher kennenlernen musste.

Das habe ich als Wink Gottes wahrgenommen. Jetzt glaube ich an Ihn und möchte mein Leben, das Er gerettet hat, so leben wie Er es von mir möchte“, sagt Micha. Beim JuCamp, so hofft er, kann er anderen Kindern ein Stützpfeiler im Leben sein, so wie seine Betreuer es damals für ihn gewesen sind.

Im September wollen „Häuptling“ und Gemeindeleiter Peter Becker, Katy und Micha sowie alle anderen ehrenamtlichen Mitarbeiter mit etwas Abstand gemeinsam überlegen, ob es möglich ist, das JuCamp im nächsten Jahr zu wiederholen. Bis dahin muss aber noch eine wichtige Frage geklärt werden: Wer hat denn nun den Indianerschatz gestohlen?

Kati und Micha im Jucamp 2013_klein

Katy und Micha Petersmann im JuCamp Rheinhausen

(Foto: Caroline Stollmeier, Juli 2013)

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Im Urteil schroff, im Glauben fest

Harald Stollmeier am 11. Juli 2013

Buchbesprechung: Stefan Hartmann, Offene Kirche für einen offenen Glauben

Stefan Hartmann ist ein promovierter Theologe, Schüler Hans Urs von Balthasars, und langgedienter Gemeindepfarrer im Bistum Bamberg. In seinem “Plädoyer eines Pfarrers zum fünfzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils” legt er auf 78 gut lesbaren Seiten zunächst eine Diagnose der katholischen Kirche der Gegenwart, dann einen Therapievorschlag vor.
Hartmann beschreibt fünf “Blockierungen der Kirche und ihrer Botschaft”, für die er mehr oder weniger deutlich Papst Benedikt XVI. verantwortlich macht: die Blockierung der Seelsorge und des kirchlichen Amtes, die Blockierung der kirchlichen Sexualmoral, die Blockierung der Ökumene, die Blockierung der Liturgie und die Blockierung der christlichen Spiritualität. Seine Argumentation ist in vielem bedenkenswert, etwa in seiner Warnung vor einer “dualistischen Spiritualität des Habens statt des Seins” (S. 30) und in seiner zwar subjektiven aber nachvollziehbaren Abneigung gegen “unreife, unkommunikative und zu Fundamentalismus neigende Kandidaten”, die sich in die zölibatäre Priesterexistenz “drängen” und dadurch den aus seiner Sicht nicht zuletzt zölibatsbedingten Mangel an Seelsorgern noch verschärfen.
Trotzdem ist das alles eine Spur zu einseitig, und wenn in der Kritik an Papst Benedikt XVI. dessen Handlungen allein aus der Perspektive der öffentlichen Wahrnehmung kritisiert werden, ist das auch nicht gerecht. Bestünde Hartmanns Buch nur aus dieser Diagnose, dann wäre es ein interessantes Parteidokument aber nur wenig mehr, und man müsste auch den informierten Leser davor warnen, es ohne Konkurrenzpapiere von “konservativen” Katholiken oder sogar von Piusbrüdern zu lesen. Wenn man nämlich letztere über Benedikt XVI. urteilen liest, kommt man zu der Einsicht, dass dieser Papst doch wohl etwas richtig gemacht haben muss.
Gott sei Dank hat das Buch einen zweiten Teil, und man wünscht sich, dieser wäre der erste, oder doch zulasten des ersten stärker gewichtet. Der zweite Teil des Buches ist eine Bereicherung und ein Glaubenszeugnis: Hartmann plädiert für Optimismus, ja Mut und sieht in der vermeintlich säkularen Moderne einen fruchtbaren Boden für die Verkündigung des Glaubens, ja der “Schönheit und Lebendigkeit des Glaubens” (S. 53). Überzeugend und konsequent beschreibt er diesen Glauben als Hinwendung an die Person Jesus in der Gestalt des Auferstandenen. Kompromisslos bezieht Hartmann Position. Für ihn ist dieser Jesus erstens eine historische Person (S. 59) und zweitens wirklich auferstanden (S. 62): “Jesu Auferstehung ist jedoch unabdingbar für jede Katechese und Evangelisierung.”
Die deutschsprachige katholische Kirche ist heute in vieler Hinsicht gespalten, unabhängig davon, ob man die Flügel als “liberal” (Theologenmemorandum) und “konservativ” (Petition pro Ecclesia) politisiert oder einfach nur darunter leidet. Stefan Hartmanns “liberaler” erster Teil legt von dieser Spaltung Zeugnis ab, ja er ist ein Ausdruck dieser Spaltung und ein Teil des Problems. Aber Stefan Hartmanns vom Glauben an die Auferstehung, nein, an den Auferstandenen geprägter zweiter Teil ist auch für jeden “Konservativen” als gemeinsamer Weg erkennbar. Stefan Hartmanns zweiter Teil ist ein Teil der Lösung.
Offene Kirche für einen offenen Glauben. Plädoyer eines Pfarrers zum fünfzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils und zum dazu ausgerufenen “Jahr des Glaubens” ist 2012 bei Pro Business in Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

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Die EKD-Orientierungshilfe: Relevant auch für mich?

Harald Stollmeier am 2. Juli 2013

In ihrer neu vorgelegten Publikation Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland leitet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) aus der Bibel eine weitgehende Gleichberechtigung von Patchworkfamilien und sogar homosexuellen Partnerschaften mit der christlichen Ehe ab. Da ich nicht evangelisch bin, geht mich das im Grunde gar nichts an. Aber was ist, wenn die EKD Recht hat?

Wenn sich das wirklich aus der Bibel herleiten lässt, dann betrifft es alle Menschen, die ein christliches Leben führen wollen, dann betrifft es auch mich. Und ich muss mich fragen: Hat die EKD Recht?

Dabei kann ich mich auf das Kapitel “Theologische Orientierung” (S. 54-71) beschränken, denn hier geht es um den Kern dessen, was unsere gemeinsame Grundlage ist, hier geht es um das rechte Verständnis der Bibel. Die seelsorgerische Praxis in den evangelischen Landeskirchen ist wirklich nicht mein Problem. Außerdem weiß ich, dass auch in den meisten katholischen Gemeinden ein großer (und theologisch gerechtfertigter) Unterschied besteht zwischen strenger Regelverkündigung einerseits und milder Behandlung des Einzelfalls andererseits. Das ist ein Weg, der cum grano salis durch Christus vorgezeichnet ist, u. a. am Beispiel der Ehebrecherin (Joh 8, 3-11).

Wenn aber die Regeln selbst geändert werden, dann bedarf das einer anderen Rechtfertigung. Die Autoren der Orientierung erklären dazu: „Ein normatives Verständnis der Ehe als „göttliche Stiftung“ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entsprechen nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“

Sie stellen der Schöpfungsgeschichte mit der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau und dem Christuswort aus Matth 19,6: „Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ die Wertung gegenüber: „Dabei konnte leicht übersehen werden, dass die Bibel im Alten und Neuen Testament das familiale Zusammenleben in einer großen Vielfalt beschreibt: Nach heutigen Begriffen gibt es Patchwork-Konstellationen wie bei Abraham, Sarah und Hagar mit ihren Kindern, zusammenlebende Geschwister wie bei Maria und Martha und tragende Beziehungen zwischen Familienmitgliedern verschiedener Generationen wie bei Rut, Orpa und Noomi. Von den vielfältig beschriebenen Formen des Zusammenlebens sind aus heutiger Sicht einige leichter, andere schwerer nachvollziehbar: Die gleichzeitige Sorge eines Mannes für zwei Frauen und ihre Kinder wie bei Jakob mit Lea und Rahel erscheint heute vielleicht weniger befremdlich als noch unserer Eltern- oder Großeltern-Generation …“

Wenn ich nun aber in die Bibel schaue, dann verhält es sich mit der Patchworkfamilie von Abraham, Sarah und Hagar mit ihren Kindern etwas komplizierter: Schon die Schwangerschaft Hagars kommt bei der kinderlosen Sarah nicht gut an (Genesis/1 Mose 16). Aber nach der Geburt ihres eigenen Sohnes greift Sarah durch und veranlasst, dass Hagar und ihr Kind in die Wüste geschickt werden. Dass beide entgegen aller Wahrscheinlichkeit überleben, ist weder Abrahams noch Sarahs Verdienst (Genesis/1 Mose 21,1-21).

Maria und Martha sind in der Tat zusammenlebende Geschwister. Aber sie leben nicht nur miteinander sondern auch mit ihrem offenbar ebenfalls unverheirateten Bruder Lazarus zusammen (Joh 11, 1-45). Da beide recht jung erscheinen, wird man wohl annehmen dürfen, dass sie einfach noch in ihrem Elternhaus leben, was ja bei den meisten Menschen vorkommt, aber nur bei den wenigsten das letzte Wort ist.

Rut, Orpa und Noomi (die Schreibweisen schwanken), oder vielmehr die verwitwete Rut und ihre Schwiegermutter Noomi stehen in der Tat im Mittelpunkt einer bewegenden Geschichte von Liebe und Treue. Ruts Worte zu Noomi „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Ruth 1, 16) sind nicht zufällig häufiger Lesungstext in Traugottesdiensten. Allerdings ist die Angelegenheit keineswegs erotisch. Und Rut heiratet später mit Noomis Segen Boas, einen Verwandten von Noomis verstorbenem Mann, und bekommt mit ihm einen Sohn.

Jakob schließlich ist zwar sowohl mit Lea als mit Rahel verheiratet, aber man sollte erwähnen, wie es dazu kommt: Nachdem er sieben Jahre um Rahel gedient hat, wird ihm bei der fälligen Hochzeit die ältere Schwester Lea als Braut untergeschoben (Genesis/1 Mose 29, 20-30). Und als Jakob erkennt, dass er aus dieser Falle nicht mehr herauskommt, akzeptiert er, dass er beide Töchter Labans heiratet. Die gesellschaftliche und rechtliche Realität in biblischen Zeiten spiegelt sich nicht nur darin wieder, dass diese „Sorge eines Mannes für zwei Frauen“ allgemein akzeptiert wird, sondern auch darin, dass Jakob später nicht nur mit beiden Frauen, sondern auch mit deren Dienerinnen Silpa und Bilha Kinder zeugt. Dennoch ist völlig klar: Wenn es nach Jakob gegangen wäre, dann hätte er nur die eine geliebt und geheiratet: Rahel, deren Kinder nicht zufällig Jakobs Lieblingssöhne werden.

Nach dieser kurzen Bibellektüre kann ich nicht verstehen, warum die EKD-Theologen diese Beispiele für geeignet halten, das Gewicht der Aussage Jesu von der göttlichen Stiftung und der Unauflöslichkeit der Ehe zu relativieren. Vorbehaltlich vertiefender Erläuterungen durch die EKD-Theologen, die ja noch kommen mögen, ist das Ergebnis meiner eigenen Prüfung: Diese Relativierung entspricht nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.

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