Die EKD-Orientierungshilfe: Relevant auch für mich?

Harald Stollmeier am 2. Juli 2013

In ihrer neu vorgelegten Publikation Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland leitet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) aus der Bibel eine weitgehende Gleichberechtigung von Patchworkfamilien und sogar homosexuellen Partnerschaften mit der christlichen Ehe ab. Da ich nicht evangelisch bin, geht mich das im Grunde gar nichts an. Aber was ist, wenn die EKD Recht hat?

Wenn sich das wirklich aus der Bibel herleiten lässt, dann betrifft es alle Menschen, die ein christliches Leben führen wollen, dann betrifft es auch mich. Und ich muss mich fragen: Hat die EKD Recht?

Dabei kann ich mich auf das Kapitel “Theologische Orientierung” (S. 54-71) beschränken, denn hier geht es um den Kern dessen, was unsere gemeinsame Grundlage ist, hier geht es um das rechte Verständnis der Bibel. Die seelsorgerische Praxis in den evangelischen Landeskirchen ist wirklich nicht mein Problem. Außerdem weiß ich, dass auch in den meisten katholischen Gemeinden ein großer (und theologisch gerechtfertigter) Unterschied besteht zwischen strenger Regelverkündigung einerseits und milder Behandlung des Einzelfalls andererseits. Das ist ein Weg, der cum grano salis durch Christus vorgezeichnet ist, u. a. am Beispiel der Ehebrecherin (Joh 8, 3-11).

Wenn aber die Regeln selbst geändert werden, dann bedarf das einer anderen Rechtfertigung. Die Autoren der Orientierung erklären dazu: „Ein normatives Verständnis der Ehe als „göttliche Stiftung“ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entsprechen nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“

Sie stellen der Schöpfungsgeschichte mit der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau und dem Christuswort aus Matth 19,6: „Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ die Wertung gegenüber: „Dabei konnte leicht übersehen werden, dass die Bibel im Alten und Neuen Testament das familiale Zusammenleben in einer großen Vielfalt beschreibt: Nach heutigen Begriffen gibt es Patchwork-Konstellationen wie bei Abraham, Sarah und Hagar mit ihren Kindern, zusammenlebende Geschwister wie bei Maria und Martha und tragende Beziehungen zwischen Familienmitgliedern verschiedener Generationen wie bei Rut, Orpa und Noomi. Von den vielfältig beschriebenen Formen des Zusammenlebens sind aus heutiger Sicht einige leichter, andere schwerer nachvollziehbar: Die gleichzeitige Sorge eines Mannes für zwei Frauen und ihre Kinder wie bei Jakob mit Lea und Rahel erscheint heute vielleicht weniger befremdlich als noch unserer Eltern- oder Großeltern-Generation …“

Wenn ich nun aber in die Bibel schaue, dann verhält es sich mit der Patchworkfamilie von Abraham, Sarah und Hagar mit ihren Kindern etwas komplizierter: Schon die Schwangerschaft Hagars kommt bei der kinderlosen Sarah nicht gut an (Genesis/1 Mose 16). Aber nach der Geburt ihres eigenen Sohnes greift Sarah durch und veranlasst, dass Hagar und ihr Kind in die Wüste geschickt werden. Dass beide entgegen aller Wahrscheinlichkeit überleben, ist weder Abrahams noch Sarahs Verdienst (Genesis/1 Mose 21,1-21).

Maria und Martha sind in der Tat zusammenlebende Geschwister. Aber sie leben nicht nur miteinander sondern auch mit ihrem offenbar ebenfalls unverheirateten Bruder Lazarus zusammen (Joh 11, 1-45). Da beide recht jung erscheinen, wird man wohl annehmen dürfen, dass sie einfach noch in ihrem Elternhaus leben, was ja bei den meisten Menschen vorkommt, aber nur bei den wenigsten das letzte Wort ist.

Rut, Orpa und Noomi (die Schreibweisen schwanken), oder vielmehr die verwitwete Rut und ihre Schwiegermutter Noomi stehen in der Tat im Mittelpunkt einer bewegenden Geschichte von Liebe und Treue. Ruts Worte zu Noomi „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Ruth 1, 16) sind nicht zufällig häufiger Lesungstext in Traugottesdiensten. Allerdings ist die Angelegenheit keineswegs erotisch. Und Rut heiratet später mit Noomis Segen Boas, einen Verwandten von Noomis verstorbenem Mann, und bekommt mit ihm einen Sohn.

Jakob schließlich ist zwar sowohl mit Lea als mit Rahel verheiratet, aber man sollte erwähnen, wie es dazu kommt: Nachdem er sieben Jahre um Rahel gedient hat, wird ihm bei der fälligen Hochzeit die ältere Schwester Lea als Braut untergeschoben (Genesis/1 Mose 29, 20-30). Und als Jakob erkennt, dass er aus dieser Falle nicht mehr herauskommt, akzeptiert er, dass er beide Töchter Labans heiratet. Die gesellschaftliche und rechtliche Realität in biblischen Zeiten spiegelt sich nicht nur darin wieder, dass diese „Sorge eines Mannes für zwei Frauen“ allgemein akzeptiert wird, sondern auch darin, dass Jakob später nicht nur mit beiden Frauen, sondern auch mit deren Dienerinnen Silpa und Bilha Kinder zeugt. Dennoch ist völlig klar: Wenn es nach Jakob gegangen wäre, dann hätte er nur die eine geliebt und geheiratet: Rahel, deren Kinder nicht zufällig Jakobs Lieblingssöhne werden.

Nach dieser kurzen Bibellektüre kann ich nicht verstehen, warum die EKD-Theologen diese Beispiele für geeignet halten, das Gewicht der Aussage Jesu von der göttlichen Stiftung und der Unauflöslichkeit der Ehe zu relativieren. Vorbehaltlich vertiefender Erläuterungen durch die EKD-Theologen, die ja noch kommen mögen, ist das Ergebnis meiner eigenen Prüfung: Diese Relativierung entspricht nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.

Abgelegt unter Allgemein,Glaube | Religion | 10 Kommentare

10 Kommentare zu “Die EKD-Orientierungshilfe: Relevant auch für mich?”

  1. Jonathanam 2. Juli 2013 um 22:03

    Meine Meinung. Die EKD weicht damit vollkommen Gottes Vorstellung von Familie und legitimiert damit jegliche Art von ‘Zusammenleben’. Sie emtfernt sich damit immer stärker von der Bibel und hat eigentlich nur noch wenig damit zu tun.

  2. Murielam 3. Juli 2013 um 8:32

    Das ist jetzt zu geschätzten drei Vierteln OT, aber falls dus trotzdem beantworten magst: Denkst du denn, dass die Bibel (bzw. das Wort deines Gottes) direkt die Quelle von Moral ist, oder dass Moral nur durch sie vermittelt wird?
    Oder was ganz anderes?
    Vielleicht stehts ja auch schon irgendwo hier im Blog.

  3. Harald Stollmeieram 3. Juli 2013 um 10:37

    @Muriel: Ich bin “Naturrechtler” und davon überzeugt, dass die Maßstäbe für Richtig und Falsch absolute Gültigkeit besitzen, wenn sie auch nicht überall gleich gut verstanden werden. Diese Maßstäbe werden von der Bibel (unterschiedlich konsequent) erkannt und vermittelt. Die Quelle der Moral ist in meinen Augen letztlich der Schöpfer, der auch Anreger/Bewirker der Bibel ist, aber eben nicht Autor (wie nach vorherrschender muslimischer Meinung beim Koran).
    Das bedeutet, dass in der Bibel Missverständnisse und auch Fortschritte möglich sind und beobachtet werden können. Und es bedeutet, dass die Bibel zwar eine sehr gute Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Weg ist, aber mit Verstand gelesen werden muss.

    Herzliche Grüße
    Harald Stollmeier

  4. altkatholischam 4. Juli 2013 um 19:25

    Ich bin “Naturrechtler” und davon überzeugt, dass die Maßstäbe für Richtig und Falsch absolute Gültigkeit besitzen, wenn sie auch nicht überall gleich gut verstanden werden.

    Das habe ich schon oft genug erfahren müssen. Katholiken wollen ein katholisches Naturrecht, Juden ein jüdisches und Muslime ein islamisches.
    Bei den katholischen und jüdischen Naturrechten wird Monogamie gefordert, während der Islam ein Naturrecht für die Vielehe postuliert.
    Und wie war das mit Sklavenhaltung, Sklavenbesitz und Sklavenhandel (bei uns nannte man das Leibeigenschaft)? Die wurden praktisch von allen diesen Religionen mit dem Naturrecht begründet und das über Jahrtausende hinweg. Und jeder, den man fragte, oder heute fragt, hält natürlich und selbstverständlich SEIN Naturrecht für das einzig existierende, absolut wahre, richtige und nicht zu hinterfragende, das einzige, das immer von anderen falsch verstanden, pardon “nicht überall gleich gut verstanden wird”. Was für ein Euphemismus, was für eine miese Beschönigung, für ein reines Willkürrecht, das in den Feudalsystemen als pures Recht des Stärkeren durchgesetzt, -oder wollen wir die Wahrheit sagen?- verbrochen wird.

  5. Harald Stollmeieram 7. Juli 2013 um 19:41

    Sehr geehrter Gesprächspartner altkatholisch,
    eine Diskussion über Ihre Thesen zum Missbrauch des Naturrechtsbegriffs würde den Rahmen dieses Blogs wahrscheinlich sprengen. Ich hatte den Begriff nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt. Ich bleibe aber dabei, dass es absolut gültige Maßstäbe für Richtig und Falsch gibt. Gäbe es sie nicht, dann wäre jedes Gesetz, das die jeweilige Obrigkeit verkündet, zugleich Recht. Dann wäre Kritik z. B. an den Nürnberger Rassegesetzen unsinnig. Nicht das Naturrecht, sondern der Rechtspositivismus öffnet dem Recht des Stärkeren Tür und Tor.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Harald Stollmeier

  6. Haraldam 6. Juli 2013 um 0:53

    Ich weiß nicht, ob die EKD hier wirklich redlich argumentiert. Die Schöpfungsgeschichte mit der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau ist eine theologische Aussage. Egal ob es in der Bibel Patchwork gegeben haben soll oder nicht, die theologische Grundlage der Ehe ändert sich dadurch nicht (möglicherweise berührt sich das nicht mal). Es steht auch, Du sollst nicht töten, aber in der Bandbreite der biblischen Zeugnisse wird andauernd getötet.
    Es ist aber auch zu sagen: Je mehr man die Ehe in eine Norm verwandelt, desto schwerer tun sich jene, bei denen es eben nicht so gelaufen ist. Auch die müssen eine stabile Gemeinschaft zusammenbekommen, schon der Kinder wegen. Auch ein Neuanfang soll möglich sein. Von daher verstehe ich die EKD Broschüre.
    Spitzt man gewisse Aussagen zu, kommen natürlich neue Hürden für die Ökumene. Wenn sich die EKD soweit von der katholischen Position entfernt (gemäß manchen Passagen), wie sollen die dann jemals zusammenfinden?
    Gerade die Ehe ist so eine Sache, die sich vielleicht gar nicht normen lässt. Sie ist dem Menschen bestimmt und soll auch gefördert werden, aber kann man das menschliche Leben normen? Auch die Bibel zeigt, dass das nicht geht. Was aber bleibt: Die Verbindung von Mann und Frau ist dem Menschen eingeschrieben. Die Liebe selber strebt nach Unendlichkeit d.h. Unauflöslichkeit. Beides zusammen bildet die Ehe.

  7. altkatholischam 24. Juli 2013 um 21:07

    Das Naturrecht lässt sich genau so missbrauchen, wie jedes andere Recht.

    Es hat absolut keinen Vorteil gegenüber positivem, gesetzten Recht.

    Es lässt sich perfekt dazu verwenden, Menschen zu unterdrücken.

    Das ist einer der Gründe, warum sich die Menschen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gegeben haben, unabhängig von jeder Religion, die für sich -und alle anderen Menschen- jeweils ihr eigenes Naturrecht durchsetzen will, um die je eigene Moraldoktrin, die sie für absolutes Naturrecht halten, durchzusetzen.

    Da ist mir der demokratische Konsens zu unserem Rechtspositivismus, der ganz ohne Gottesgnadentum auskommt, deutlich näher.

  8. Harald Stollmeieram 25. Juli 2013 um 9:07

    Sehr geehrter Gesprächspartner „altkatholisch“,

    ich will es noch einmal mit anderen Worten erklären: Naturrecht ist nirgendwo aufgeschrieben. Niemals wird man, etwa in der Tiefe der Erde, Steintafeln finden, auf denen „Naturrecht“ steht. Geltendes Recht ist immer das Ergebnis einer Setzung, wünschenswerterweise einer Übereinkunft.

    Aber sind alle Gesetze gerecht? Sie nennen mit Recht die Erklärung der Menschenrecht als Paradebeispiel für eine Setzung, die Sie (und ich) rundheraus bejahen (Abweichungen im Detail nicht ausgeschlossen). Aber gelten die Menschenrechte überall? Oder nur dort, wo der zuständige Gesetzgeber sie bestätigt hat?

    Oder was ist, wenn die UNO-Vollversammlung eines Tages die Menschenrechte modifiziert, beispielsweise der Scharia anpasst und Frauen ebenso einen Minderstatus zuweist wie Nichtmuslimen? Ist das dann gültig, allgemeingültig, gerecht?

    Naturrecht (oder, bei C. S. Lewis, The Abolition of Man, das „Tao“) ist ein Ausdruck dafür, dass man bestimmte Rechte für objektiv gegeben hält, unabhängig von jeder Setzung. „Naturrechtler“ sind also überzeugt davon, dass es einen objektiven Maßstab gibt, dem Gesetze gerecht werden müssen, um gerechte Gesetze zu sein. Um diesen Maßstab der Gerechtigkeit ringt die Menschheit seit vielen Jahrhunderten, und dabei hat es Fortschritte wie Rückschritte gegeben.

    Wer das Naturrecht anerkennt, erlangt dadurch gerade nicht eine unfehlbare Gesetzgebungskompetenz. Im Gegenteil: Er weiß, dass NIEMAND, kein Mensch jedenfalls und auch kein menschliches Gremium, eine unfehlbare Gesetzgebungskompetenz hat. Alle sind fehlbar, alle optimierbar, alle kritisierbar.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr
    Harald Stollmeier

  9. altkatholischam 25. Juli 2013 um 10:09

    Naturrecht (oder, bei C. S. Lewis, The Abolition of Man, das „Tao“) ist ein Ausdruck dafür, dass man bestimmte Rechte für objektiv gegeben hält, unabhängig von jeder Setzung. „Naturrechtler“ sind also überzeugt davon, dass es einen objektiven Maßstab gibt, dem Gesetze gerecht werden müssen, um gerechte Gesetze zu sein.

    Und jeder “Naturrechtler” ist davon überzeugt, dass genau SEIN Naturrecht das einzig richtige ist, weil es, zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche absolut, auch bei Todesgefahr der Frau, striktest verbietet, oder gleichgeschlechtliche Liebe mit dem Tod am Galgen bedroht.

    … Um bei Ihren Worten zu bleiben:

    Oder was ist, wenn jemand eines Tages (wieder) als Naturrecht erkennt, dass beispielsweise die Sklaverei völlig rechtens ist?

    Sie wissen, dass dass keine Fantasie, kein Gedankenspiel ist, wie Ihre Spekulation über die Durchsetzung der Scharia durch die UNO, sondern über viele Jahrtausende bittere Wirklichkeit auch bei uns. Letztendlich haben wir die Abschaffung der Leibeigenschaft der Grossen Bürgerlichen Revolution in Frankreich und ihren Auswirkungen zu verdanken. Und nicht irgendeinem herbeifantasierten Naturrecht von völliger Beliebigkeit.

  10. Harald Stollmeieram 25. Juli 2013 um 13:19

    Sehr geehrter Gesprächspartner “altkatholisch”,

    Sie schreiben: “Und jeder “Naturrechtler” ist davon überzeugt, dass genau SEIN Naturrecht das einzig richtige ist, weil es, zum Beispiel Schwangerschaftsabbrüche absolut, auch bei Todesgefahr der Frau, striktest verbietet, oder gleichgeschlechtliche Liebe mit dem Tod am Galgen bedroht.”

    Sie schreiben das, nachdem ich das Gegenteil erklärt und mich selbst als “Naturrechtler” vorgestellt habe. Ihre Aussage ist also objektiv falsch und höchstwahrscheinlich verleumderisch.

    Eine Diskussion, auch eine öffentliche, hat nur dann einen Sinn, wenn die Teilnehmer einander ernst nehmen. Ich kann nicht finden, dass Ihr Verhalten diesem Maßstab entspricht. Weitere Kommentare in diesem Stil werde ich einfach löschen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Harald Stollmeier

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