Im Urteil schroff, im Glauben fest

Harald Stollmeier am 11. Juli 2013

Buchbesprechung: Stefan Hartmann, Offene Kirche für einen offenen Glauben

Stefan Hartmann ist ein promovierter Theologe, Schüler Hans Urs von Balthasars, und langgedienter Gemeindepfarrer im Bistum Bamberg. In seinem “Plädoyer eines Pfarrers zum fünfzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils” legt er auf 78 gut lesbaren Seiten zunächst eine Diagnose der katholischen Kirche der Gegenwart, dann einen Therapievorschlag vor.
Hartmann beschreibt fünf “Blockierungen der Kirche und ihrer Botschaft”, für die er mehr oder weniger deutlich Papst Benedikt XVI. verantwortlich macht: die Blockierung der Seelsorge und des kirchlichen Amtes, die Blockierung der kirchlichen Sexualmoral, die Blockierung der Ökumene, die Blockierung der Liturgie und die Blockierung der christlichen Spiritualität. Seine Argumentation ist in vielem bedenkenswert, etwa in seiner Warnung vor einer “dualistischen Spiritualität des Habens statt des Seins” (S. 30) und in seiner zwar subjektiven aber nachvollziehbaren Abneigung gegen “unreife, unkommunikative und zu Fundamentalismus neigende Kandidaten”, die sich in die zölibatäre Priesterexistenz “drängen” und dadurch den aus seiner Sicht nicht zuletzt zölibatsbedingten Mangel an Seelsorgern noch verschärfen.
Trotzdem ist das alles eine Spur zu einseitig, und wenn in der Kritik an Papst Benedikt XVI. dessen Handlungen allein aus der Perspektive der öffentlichen Wahrnehmung kritisiert werden, ist das auch nicht gerecht. Bestünde Hartmanns Buch nur aus dieser Diagnose, dann wäre es ein interessantes Parteidokument aber nur wenig mehr, und man müsste auch den informierten Leser davor warnen, es ohne Konkurrenzpapiere von “konservativen” Katholiken oder sogar von Piusbrüdern zu lesen. Wenn man nämlich letztere über Benedikt XVI. urteilen liest, kommt man zu der Einsicht, dass dieser Papst doch wohl etwas richtig gemacht haben muss.
Gott sei Dank hat das Buch einen zweiten Teil, und man wünscht sich, dieser wäre der erste, oder doch zulasten des ersten stärker gewichtet. Der zweite Teil des Buches ist eine Bereicherung und ein Glaubenszeugnis: Hartmann plädiert für Optimismus, ja Mut und sieht in der vermeintlich säkularen Moderne einen fruchtbaren Boden für die Verkündigung des Glaubens, ja der “Schönheit und Lebendigkeit des Glaubens” (S. 53). Überzeugend und konsequent beschreibt er diesen Glauben als Hinwendung an die Person Jesus in der Gestalt des Auferstandenen. Kompromisslos bezieht Hartmann Position. Für ihn ist dieser Jesus erstens eine historische Person (S. 59) und zweitens wirklich auferstanden (S. 62): “Jesu Auferstehung ist jedoch unabdingbar für jede Katechese und Evangelisierung.”
Die deutschsprachige katholische Kirche ist heute in vieler Hinsicht gespalten, unabhängig davon, ob man die Flügel als “liberal” (Theologenmemorandum) und “konservativ” (Petition pro Ecclesia) politisiert oder einfach nur darunter leidet. Stefan Hartmanns “liberaler” erster Teil legt von dieser Spaltung Zeugnis ab, ja er ist ein Ausdruck dieser Spaltung und ein Teil des Problems. Aber Stefan Hartmanns vom Glauben an die Auferstehung, nein, an den Auferstandenen geprägter zweiter Teil ist auch für jeden “Konservativen” als gemeinsamer Weg erkennbar. Stefan Hartmanns zweiter Teil ist ein Teil der Lösung.
Offene Kirche für einen offenen Glauben. Plädoyer eines Pfarrers zum fünfzigsten Jahrestag des Beginns des Zweiten Vatikanischen Konzils und zum dazu ausgerufenen “Jahr des Glaubens” ist 2012 bei Pro Business in Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

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