Ob Christus wohl stolz auf uns ist?

Harald Stollmeier am 29. September 2013

Wenn Katholiken miteinander streiten …

„Seht, wie sie einander lieben!“ Mit diesen Worten beschrieb der römische Schriftsteller Tertullian den Eindruck, den die frühen Christen auf ihre heidnischen Mitmenschen machten. Man liest es mit Wehmut, wenn man weiß, wie Christen heute übereinander reden. Ausdrücke wie „Linkskatholiken“, „Liberale“, “Stuhlkreischristen”, „Konservative“, „Fundamentalisten“ oder gar „Katholiban“ gehören zum Standardrepertoire – unter Katholiken.*

Als vor ein paar Tagen der eher konservative katholische Publizist Andreas Püttmann in einem Artikel über „Die Moralpächter“ Kritik übte an bestimmten Tendenzen, die er unter konservativeren Katholiken beobachtete, da reagierten zwar viele Leser nachdenklich. Aber nicht wenige warfen Püttmann gleichsam Fahnenflucht vor, und den Vorwurf, er habe es versäumt, die Liberalen (oder die Linkskatholiken) zu tadeln, ersparten ihm nur wenige Kritiker aus dem eigenen Lager.

Im anderen Lager, bei den „Liberalen“, stieß Püttmanns Artikel auf mehr Wohlwollen. Aber der Grundtenor lautete: Endlich beschreibt mal einer treffend, welch schlechte Christen die „Konservativen“ sind. In diesen Kreisen versteht man Püttmanns Artikel als Bestätigung der eigenen Haltung, nicht als Anlass, die eigene Selbstgefälligkeit zu überdenken. Im Gegenteil: Man nutzt die Gelegenheit, um eine (an sich nicht unseriöse) Fundamentalistenkunde zu verfassen und einander in Verurteilungen zu überbieten.

Es ist wahrscheinlich unvermeidlich, dass es unter Katholiken Differenzen gibt in Fragen der Lehre, der Auslegung, des Stils. Auch Streit ist deshalb nicht vermeidbar. Aber wie man den Streit austrägt, dazu müsste uns unser Glaube eine klare Richtschnur sein.

Und dann würden wir nicht, wie im Theologenmemorandum, die pädophilen Verbrechen katholischer Geistlicher auf den Zölibat zurückführen, obwohl man das nicht nur nicht weiß, sondern es sogar besser weiß. Und dann würden wir nicht, wie in der Petition pro Ecclesia, der anderen Seite Böswilligkeit vorwerfen, obwohl doch auch ein Konservativer keine Gedanken lesen kann.

Wir wären dann wohl auch vorsichtiger damit, dem jeweils Andersdenkenden die Katholizität oder gar gleich die gesamte Redlichkeit abzusprechen; zumindest würden wir im Zweifelsfall zu seinen Gunsten annehmen, dass er für seinen Irrtum Gründe hat.

Und ganz sicher würden wir dann nicht Sünde und Sünder gleichsetzen und zudem die Angehörigen der jeweils anderen Seite in Typkategorien pressen, die wie „Linkskatholiken“ , „Fundamentalisten“  oder gar „Katholiban“ die beschriebenen Brüder und Schwestern ebenso abwerten wie entindividualisieren.

Ich weiß in vielen Fragen gar nicht, wer Recht hat. In der Sache wird das mit mehr zeitlichem Abstand sicher möglich sein. Heute kann ich ganz sicher nur die jeweiligen Methoden beurteilen. Und da haben wir, wie man heute so euphemistisch sagt, alle noch ein wenig Potential – außer natürlich Papst Franziskus, von dem sich vielleicht bald herumspricht, dass er in gar keine Typkategorie passt.

„Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“, sagt Christus. Ich verstehe das so: Wenn ich dereinst, zweifellos auf dem Gnadenweg, in den Himmel komme, dann werde ich wahrscheinlich überrascht sein, wen man da so alles trifft. Und wahrscheinlich erhöhe ich meine eigenen Chancen auf die ewige Seligkeit, wenn ich mich im Zweifel für die Nächstenliebe entscheide – auch im Umgang mit Katholiban, Liberaliban und anderen Mitchristen, die in meinen Augen auf dem Holzweg sind.

* Ich beobachte hier hauptsächlich Facebook-Diskussionen (und nenne, weil diese nicht in Reinkultur öffentlich sind, keine Namen). Aber ich halte sie für absolut repräsentativ.

Abgelegt unter Allgemein,Glaube | Religion | 2 Kommentare

2 Kommentare zu “Ob Christus wohl stolz auf uns ist?”

  1. BeKaam 3. Oktober 2013 um 22:12

    Sehr erfreulich, ihr Kommentar. Man kann sich nur wünschen, dass viele Katholiken aller Couleur Püttmanns Artikel und auch ihre Erläuterung lesen und sich zu Herzen nehmen.

    Vielleicht ist mit Papst Franziskus ja wirklich eine Stunde der Gnade und der innerkirchlichen Abrüstung angebrochen. Mir scheint, es wächst das Bewusstsein auf beiden Seiten, dass der eigentliche Feind nicht der andere ist sondern zu allererst in mir selbst zu suchen ist.

    Bitte weiter so!

  2. Ankerperlenfrauam 14. November 2013 um 22:48

    Ich bin so “gestresst” von dem rüden Ton, daß ich mich zunehmend nicht mehr äußere. Den Zwischenruf von Herrn Püttmann ebenso wie Ihren Beitrag nehme ich mit Erleichterung und Dankbarkeit zur Kenntnis!

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