Redlich, schmerzlich und bedenkenswert

Harald Stollmeier am 29. Januar 2014

Buchbesprechung: P. Klaus Mertes SJ, Verlorenes Vertrauen. Katholisch sein in der Krise, Herder Verlag 

Pater Klaus Mertes SJ hat sich nicht nur Freunde gemacht, als er im Januar 2010 als Rektor des angesehenen Berliner Canisius-Kollegs an 600 ehemalige Schüler einen sehr offenen Brief über zurückliegende Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg schrieb. Dieser Brief löste den großen Skandal um Missbrauch in deutschen katholischen Einrichtungen aus – und die Vertrauenskrise, die das Thema von „Verlorenes Vertrauen” ist.

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert: „Die Vertrauenskrise“, „Das Problem mit der Macht“ und „Vertrauensressourcen“ – schon an dieser Gliederung erkennt man, dass es dem Verfasser um etwas anderes geht als Enthüllungen oder Abrechnungen.

Er berichtet, wie er von den Vorfällen erfuhr und wie er damit umging, von erwarteten und unerwarteten Folgen. Bemerkenswert ausgewogen forscht er nach den menschlich-psychologischen Ursachen von Missbrauch, aber auch nach den kirchlichen Strukturen, die diesen Missbrauch begünstigt haben und vielleicht noch nicht überwunden sind. Er warnt vor Hierarchiegläubigkeit, Zentralismus, einem falschen, ja gefährlichen Gehorsamsbegriff und letztlich nicht nur vor dem Missbrauch von Macht in der Kirche sondern im Grunde vor der Macht selbst.

Klaus Mertes berührt in seinem Buch viele der vor allem im deutschen Katholizismus umstrittenen Themen von Donum Vitae über die Bewertung der Homosexualität und den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen bis zum Zölibat, und seine eigene Position ist bei all diesen Themen durchweg reformorientiert, ja „liberal“. Aber Klaus Mertes unterscheidet sich wohltuend von anderen „liberalen“ Autoren vor allem dadurch, dass er nicht als Parteigänger schreibt, sondern als Priester, der Christus und die Kirche liebt und deshalb für die Kirche nach dem richtigen Weg sucht. Bezeichnenderweise ist er auch weit weg vom Benedikt-Bashing, wie es mancherorts hoffähig geworden ist.

Dabei ergreift Klaus Mertes sehr wohl Partei: nämlich für die Missbrauchsopfer und für die Menschen, die infolge der von ihm beobachteten Erscheinungen das Vertrauen in die Kirche verloren haben. Um sie und für sie kämpft und betet er. Das beginnt damit, dass er entschlossen ist, ihr Zurückweichen bis hin zum Kirchenaustritt zu respektieren. Vor allem äußert es sich in der sehr wachsamen Selbsteinordnung, in der Mertes sich zwar nicht als Täter, bewusst aber als Sprecher der „Täterseite“ versteht. Ganz offensichtlich graust es Mertes in vorbildlicher Weise vor jeder Vereinnahmung oder gar Instrumentalisierung von Menschen und ihrem Leid.

In seiner Kritik an dem, was er als Mängel der katholischen Kirche versteht, ist Klaus Mertes maßvoll und fair, wahrt die Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde und betont Gemeinsamkeiten mit dem innerkirchlichen „Gegner“, und auch die „liberale“ Seite wird hier und da in ihre theologischen Schranken verwiesen. Vollständig ausgewogen urteilt Kb Mertes nicht: Ich hätte mich über eine kritische Bemerkung zur Instrumentalisierung des Missbrauchsskandals zum Zwecke der Zölibatsaufhebung im Theologenmemorandum gefreut, und die Anhänger von Donum Vitae habe ich persönlich als erheblich wehrhafter erlebt, als sie bei Klaus Mertes erscheinen.

Aber das sind Nuancen. Insgesamt hat P. Klaus Mertes SJ ein sehr gutes und sehr gut lesbares Buch geschrieben, und gerade die kontroverseren Thesen sind sauber theologisch begründet, so dass man vernünftig über sie sprechen kann und ihre Berechtigung anzuerkennen vermag, auch wenn man sich ihnen im Einzelfall nicht anschließt. Man kann das Buch als Beitrag zur aktuellen Krisen- und Reformdiskussion lesen, aber auch als autobiographisches Glaubenszeugnis und schließlich sogar als Handbuch für die eigene Gewissenserforschung. Ich stelle mir angesichts der Behutsamkeit und Redlichkeit des Verfassers vor, dass er auch ein guter Beichtvater ist.

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