Monatsarchiv für Februar 2014

Sex in der Schule

Harald Stollmeier am 15. Februar 2014

Ich bin dagegen, dass der Staat meinen Kindern Gespräche über Sex aufdrängt. Meine Sorge ist nicht, dass sie dadurch schwul oder lesbisch werden könnten – das halte ich für ausgeschlossen. Aber ich fürchte, dass sie dadurch belästigt werden könnten und verunsichert. Und deshalb habe ich die Petition gegen den baden-württembergischen Bildungsplan unterzeichnet. Anders als Ministerpräsident Kretschmann oder Volker Beck MdB deshalb wohl vermuten würden, bin ich weder homophob noch sonst irgendwie hassgeplagt.

Das wichtigste, was meine Kinder im Zusammenhang mit Sex können sollen, ist: Nein sagen. Wer sie womöglich unter Androhung schlechter Schulnoten zwingt, über Sex zu reden, der überschreitet eine Grenze.

Übrigens hoffe ich, dass meine Kinder später einmal normale klassische Ehen führen und selbst Kinder haben. Aber erstens werde ich sie, wenn es anders kommt, nicht weniger lieben. Und zweitens werde ich sie, wenn es anders kommt, nicht weniger gegen Belästigungen verteidigen.

Auch gegen übergriffige Politiker, die ja anscheinend nicht seltener sind als übergriffige Priester. Nur mächtiger.

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Adoptionsrecht: Diskriminierung oder Staatsräson?

Harald Stollmeier am 15. Februar 2014

Wer mit Schaum vor dem Mund spricht, ist nicht gut zu verstehen. Aber auch wer ruhig bleibt, tut gut daran, sauber zu argumentieren. Das ist wahrscheinlich besonders wichtig, wenn es um so heikle Themen wie die „Homo-Ehe“ und ein Adoptionsrecht homosexueller Paare geht. Die erste Frage, die man klären sollte, lautet: Was geht mich das an?

Was geht es mich an, wenn zwei Mitmenschen, sagen wir, zwei Mitmänner, miteinander auf Dauer zusammenleben wollen, weil sie ineinander verliebt sind? Ich brauche das nicht schön zu finden und darf diese Lebensform gegenüber der von mir bevorzugten durchaus für defizitär halten, unabhängig davon, was dafür der Grund ist. Aber es wäre schlechtes Benehmen, wenn ich das den beiden ohne Not sagen würde. Wenn sie mich fragten, dürfte ich das wohl, aber es käme schon auf meine Ausdrucksweise an. Wahrscheinlich würde ich ihnen dennoch Glück wünschen, weil nämlich homosexuelle Neigungen nach meiner Einschätzung angeboren sind (egal, ob genetisch oder etwa hormonell bedingt) und die Betroffenen deshalb keine Wahl haben.

Im Übrigen beeinträchtigt das Zusammenleben der beiden Mitmänner mein eigenes Leben nicht, und deshalb geht es mich weiter nichts an. Es kann zwar sein, dass ich mich aufgrund meiner eigenen Glaubensvorstellungen um das Seelenheil der beiden sorge. Und das darf ich ihnen unter Umständen sagen. Aber nur wenn es aus Liebe und in Liebe geschieht. Und nachdem ich den Balken aus meinem eigenen Auge entfernt habe.

Ein wenig anders ist es mit der Diskussion über die (gesetzliche) Bezeichnung und die gesetzliche Regelung der auf Dauer angelegten Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare. Hier darf ich als Bürger mitreden, denn ich bin zwar nicht direkt, wohl aber indirekt betroffen. Aktivisten wie Volker Beck hätten da sicher Einwände, aber die müssen nicht unbedingt stichhaltig sein.

Ich habe das Recht zu einer Meinung dazu, wie man diese Lebensform nennt. Ich darf sagen, dass das keine Ehe im eigentlichen Sinne ist. Eine solche gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft ist nicht das gleiche wie eine Ehe von Mann und Frau. Diese ist das Vorbild, jene ist die Variante.  Und Ungleiches ungleich zu nennen ist grundsätzlich keine Diskriminierung.

Ist es aber vielleicht eine Diskriminierung, wenn man bestimmte Rechte (steuerliche Bevorzugung etwa und das Adoptionsrecht) auf heterosexuelle Paare beschränkt halten möchte? Ich glaube, dass diese Einschätzung, die nicht zufällig von der Aktivistenseite vorgetragen wird, fehlgeht. Es handelt sich hier ja nicht um Menschen- oder Bürgerrechte, die bestimmten Gruppen vorenthalten werden, sondern um Privilegien, die der Staat einer bestimmten Lebensform zubilligt, letztlich weil sie den Staat in besonderer Weise stabilisiert, und dabei spielt der Umstand eine entscheidende Rolle, wo die kleinen Kinder herkommen. Das Nein zur vollen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der klassischen Ehe ist keine Diskriminierung.

Deswegen ist es aber nicht notwendigerweise richtig. Das sollte sachlich diskutiert werden, wobei der Diskriminierungsvorwurf dem Ziel dient, die sachliche Diskussion zu verhindern. Dabei könnte diese überraschend ausgehen.

Das aktuelle BGH-Urteil über die Unterhaltspflicht von Kindern für ihre pflegebedürftigen Eltern beleuchtet die Konsequenzen des Adoptionsrechts: Nach § 1618 a BGB schulden Eltern und Kinder einander Unterhalt und Rücksicht. Im vorliegenden Fall hatte der BGH das Recht des Vaters auf Unterhalt trotz Kontaktabbruchs und Enterbung nicht als verwirkt angesehen, weil der Vater seiner Unterhaltspflicht bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres des Sohnes nachgekommen war.

Nutznießer des Urteils war der Staat, in diesem Fall das Land Bremen, das sich einen Teil der Pflegekosten vom verstoßenen Sohn zurückholen konnte. Wichtig ist, dass der BGH ziemlich ausdrücklich sagt: Die durch Zeugung (und ggf. durch Adoption) begründete Eltern-Kind-Beziehung reicht nicht aus. Aber das Gesetz sagt: Sie ist eine notwendige Bedingung.

Das bedeutet, dass nach geltendem Recht ein gleichgeschlechtlicher „Vater“, der das aufgezogene Kind weder gezeugt noch adoptiert hat, keinen Anspruch auf Unterhalt hat. Auf den Kosten für seine Pflege bleibt die Allgemeinheit sitzen. Es könnte also durchaus im Interesse des Staates sein, solchen Paaren die Adoption ihrer Kinder zu erlauben; die strengen Voraussetzungen für eine Adoption müssten natürlich auch für gleichgeschlechtliche Paare gelten. Denn bei der Adoption steht natürlich nicht der Kinderwunsch im Mittelpunkt sondern das Kindeswohl.

Andererseits würde ein Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare mit hoher Wahrscheinlichkeit die Einnahmen aus der Erbschaftssteuer senken, wobei Pflegebedürftigkeit das Erbe regelmäßig auffrisst.

Ferner ist eine gewisse Förderung auf Dauer angelegter gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, auch wenn sie nicht Ehe heißen, durchaus im Interesse des Staates. Diese Förderung darf aber geringer sein als bei heterosexuellen Paaren, wenn und soweit man die Aufzucht von Kindern als förderungswürdig betrachtet, weil aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften niemals Kinder hervorgehen.

Anders sieht es aus, wenn in einem gleichgeschlechtlichen Haushalt Kinder aufgezogen werden. Hier gilt aus Staatssicht, dass die Aufzucht dieser Kinder in vollem Umfang förderungswürdig ist.

Mir persönlich ist die Haltung des libertären Publizisten und Verlegers André F. Lichtschlag am sympathischsten. Lichtschlag fragt, warum der Staat überhaupt Ehen regeln muss. In der Tat: Was geht es den Staat an, wie zwei erwachsene Menschen freiwillig zusammenleben?

Bei all dem sollte man sich klarmachen, wie wenig das schrille Lärmen verhältnismäßig weniger Aktivisten mit der Lebenswirklichkeit der meisten schwulen bzw. lesbischen Menschen zu tun hat. Anders als viele der Aktivisten wollen die meisten einfach nur in Frieden leben und sich genauso wenig für ihr Privatleben rechtfertigen müssen wie jeder andere auch. Und das ist ihr Recht.

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Erlösung „goedkoop“

Harald Stollmeier am 8. Februar 2014

Die Ergebnisse der Vatikan-Umfrage sind vielleicht nicht überraschend aber auf jeden Fall ein Anlass, ernsthaft nachzudenken. Der Bischof von Trier signalisiert sogar Änderungen der Lehre (allerdings „nicht völlig“) und nennt Beweggründe wie „… nicht mehr zeitgemäß …“ und „… das versteht niemand mehr.“ Es sind wohl vor allem diese Motive, die Bischof Stefan Ackermann den Zorn vieler „konservativer“ Katholiken zuziehen. Durchaus repräsentativ ist Peter Winnemöller mit dem zumindest von der bischöflichen Wortwahl her nicht völlig abwegigen Vorwurf der „Dudentheologie.“ Zu Ende gedacht heißt das bei Winnemöller: „Da Bischof Ackermann nun das 6. Gebot modifizieren will, können wir vielleicht das 5. und das 7. auch mal dudentheologisch überarbeiten. Geklaut und gemordet wird schließlich auch ohne Rücksicht auf die moralischen Vorgaben der Kirche.“

Viele Katholiken sind in einer Lebenssituation, die sie vom Empfang der Sakramente ausschließt. Die größte Gruppe sind wohl die wiederverheirateten Geschiedenen, weniger weil ihre Sünde die häufigste als vielmehr weil sie die am schwersten zu verbergende ist.
Die Menschen, die den Ausschluss der wiederverheirateten Geschiedenen von den Sakramenten kritisieren, lassen sich nach meiner Beobachtung in zwei Gruppen einteilen. Die einen sehen das insgesamt nicht ein, weil für sie keine Sünde vorliegt. Die anderen sehen ein, dass die Sache mit der Unauflöslichkeit der Ehe ihre Berechtigung hat, finden aber die Ausweglosigkeit der Situation, in der die Betroffenen stecken, irgendwie ungerecht.
Und ich muss zugeben: Auch mein Gerechtigkeitsempfinden sträubt sich beispielsweise dagegen, dass ein (cum grano salis) unschuldig Verlassener genauso auf Dauer gestraft ist wie der, der ihn (oder sie) verlassen hat. Und da Gott schlechterdings nicht ungerecht sein kann, hoffe ich, dass in dieser Frage das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Mit den Menschen der zweiten Gruppe habe ich also viel gemeinsam, obwohl ich persönlich in meinem Leben mehr Glück gehabt habe.
Mit den Menschen der ersten Gruppe finde ich aber sowas von keinen Konsens, dass ich geradezu wütend darüber bin, wie wütend diese Menschen auf die Kirche sind. Dafür habe ich einen theologischen und einen sozialen Grund.
Der theologische: Die Unauflöslichkeit der Ehe ist als direkte Aussage von Jesus Christus dokumentiert (Mt 19, 3-6), genau wie ihre Zusammensetzung aus einer Frau und einem Mann. Eine Änderung der katholischen Lehre, die sich darüber hinwegsetzte, könnte nicht anders als häretisch sein.
Der soziale: Wenn man die Regeln an die Realität anpasst, ist das Ergebnis das Recht des Stärkeren. Wenn ein Mensch, der es sich im Übrigen leisten kann, seine Familie zu verlassen, auch den Segen der Kirche dafür bekommt, dann wird das bestimmt nicht seltener vorkommen.
Ein zusätzlicher Gedanke sei den Opfern von Scheidungen gewidmet, die IMMER unschuldig sind: den Kindern. Ich will nichts gegen das oft heroische Unternehmen gesagt haben, ihnen in neuen Familienkonstellationen neue Geborgenheit zu geben. Aber niemand kann mir weismachen, das wäre grundsätzlich gleichwertig oder gar besser. Kinder haben das Recht, bei ihren eigenen Eltern aufzuwachsen.
Wie gesagt, ich hoffe, in der Frage des Ausschlusses der wiederverheirateten Geschiedenen von den Sakramenten ist noch Fortschritt möglich. Aber ich sage all denen meinen Widerstand an, die eine billige Lösung suchen. Sie machen im Grunde die Erlösung selbst zum Sonderangebot, und das ist absurd. Denn die Erlösung kann sich sowieso niemand leisten. In Wirklichkeit ist sie ein Geschenk.

PS: Bei diesen Überlegungen geht es NICHT um Regeln für alle, nur um Regeln für die katholische Kirche und die katholischen Christen.

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Das Gewissen: Frei und gebunden zugleich

Harald Stollmeier am 2. Februar 2014

Buchbesprechung: Josef Bordat, Das Gewissen

Unter dem Titel Das Gewissen hat der katholische Philosoph Josef Bordat Ende 2013 ein Buch vorgelegt, das sich im Untertitel als „Ein katholischer Standpunkt“ versteht, in Wirklichkeit aber jedem Menschen etwas zu sagen hat, der sich für Bedeutung, Grundlagen und Grenzen der Gewissensfreiheit interessiert.
Das Buch beginnt mit Luthers „Ich kann nicht anders“ und drei Beispielen für Menschen der Vergangenheit, die sich unter Berufung auf ihr Gewissen gegen die Gesetze ihrer Zeit stellten: Antigone, Martin Luther und Sophie Scholl. Schon dieser Einstieg macht zweierlei klar. Erstens: Wer sich auf das Gewissen beruft, erkennt Staat und Gesetze nicht als höchste Autorität an; etwas oder jemand stehen über ihnen. Zweitens: Gewissensfreiheit ist regelmäßig alles andere als bequem.

In sechs Abschnitten skizziert Josef Bordat die Entwicklung des Gewissensbegriffs und der korrespondierenden Vorstellung davon, was die höchste Autorität ist und fordert, die gegebenenfalls den Bruch der Gesetze legitimiert. Unweigerlich stößt man dabei auf das Naturrecht, vor allem in seiner Begründung durch Thomas von Aquin: Er beschreibt die praktische Vernunft des Menschen als Teilhabe an der absoluten Vernunft Gottes. Infolge dieser Teilhabe neigt der Mensch zum Guten und ist grundsätzlich fähig, es selbst zu erkennen, gegebenenfalls auch ohne an Gott zu glauben.

In den folgenden Jahrhunderten veränderte sich die Vorstellung vom Naturrecht und damit auch die Wertschätzung des Gewissens zum Beispiel mit der Kritik Schopenhauers (Gewissen als Ausdruck von Beliebigkeit) und Nietzsches (Gewissen als Krankheit).

Totalitäre Obrigkeiten können mit der Gewissensfreiheit nichts anfangen. Die Bundesrepublik Deutschland dagegen erkennt sie im Grundgesetz ausdrücklich an. Der Gottesbezug in der Präambel setzt hier den Maßstab, indem der in der eigentlichen Verfassung religiös neutrale Staat ausdrücklich anerkennt, dass es erstens einen absoluten Maßstab für menschliches Handeln gibt und  dass zweitens dieser Maßstab der Verfügungsgewalt von Menschen und Staaten entzogen ist.

In der Praxis führt die Gewissensfreiheit zu Konflikten, wenn ihr Gebrauch den Einzelnen dazu zwingt, sich gegen seine Umgebung zu stellen. Paradebeispiele in der Bundesrepublik Deutschland sind die obsolet gewordene Kriegsdienstverweigerung und die Gewissensfreiheit der Abgeordneten, die Bordat sorgfältig abwägend diskutiert (mit dem erlesenen Pofalla-Zitat), die Zweckmäßigkeit der Fraktionsdisziplin ausdrücklich anerkennend.

Abweichen unter Berufung auf Gewissensnot ist in unserer Gesellschaft die Ausnahme, und der wichtigste Indikatior dafür, dass es sich um echte Gewissensnot handelt, besteht für Bordat neben der Ernsthaftigkeit der Begründung darin, dass der „Verweigerer“ regelmäßig bereit ist, Nachteile für sich persönlich in Kauf zu nehmen. Als Beispiele arbeitet er u. a. einen Berliner Apotheker und die hessische Landtagsabgeordnete Dagmar Mezger heraus.

Der Apotheker weigert sich, die „Pille danach“ zu verkaufen – wegen ihrer abtreibenden Wirkung. Er bekennt sich dazu und wird zum Gegenstand von Agressionen, u. a. wird seine Schaufensterscheibe wiederholt zertrümmert.

Dagmar Metzger war die erste von vier hessischen SPD-Landtagsabgeordneten, die sich der Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin mithilfe der Linken verweigerten. Neben erheblichen Anfeindungen bedeutete dies für alle vier auch das Ende ihrer politischen Laufbahn.

Das Gewissen ist kein Joker, den man ziehen kann, wenn die Argumente ausgehen. Es ist ein realer moralischer Kompass, dem ein reales moralisches Magnetfeld entspricht. Für Josef Bordat ist es darüber hinaus ein „Geschenk Gottes“ (S. 245), auf dessen leise Stimme insbesondere katholische Christen hören sollten.

„Und folgen wir dann seinem Ratschluss. Damit kann man nichts falsch machen. Schließlich können wir mit Blick auf das katholische Verständnis des Gewissens die Haltung des Paulus verstehen und annehmen, der den Christen Roms in ihrer spannungsreichen Situation, in ihrem Dauerkonflikt mit Staat und Gesellschaft, Mut macht, zu der Überzeugung zu gelangen, „dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“ (Röm 3,27). Und Rom ist heute überall.“

Josef Bordats Buch Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt, 245 Seiten, ist im Lepanto Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro. Es ist ebenso gehaltvoll wie gut lesbar und hat das Zeug zum Standardwerk.

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