Das Gewissen: Frei und gebunden zugleich

Harald Stollmeier am 2. Februar 2014

Buchbesprechung: Josef Bordat, Das Gewissen

Unter dem Titel Das Gewissen hat der katholische Philosoph Josef Bordat Ende 2013 ein Buch vorgelegt, das sich im Untertitel als “Ein katholischer Standpunkt” versteht, in Wirklichkeit aber jedem Menschen etwas zu sagen hat, der sich für Bedeutung, Grundlagen und Grenzen der Gewissensfreiheit interessiert.
Das Buch beginnt mit Luthers “Ich kann nicht anders” und drei Beispielen für Menschen der Vergangenheit, die sich unter Berufung auf ihr Gewissen gegen die Gesetze ihrer Zeit stellten: Antigone, Martin Luther und Sophie Scholl. Schon dieser Einstieg macht zweierlei klar. Erstens: Wer sich auf das Gewissen beruft, erkennt Staat und Gesetze nicht als höchste Autorität an; etwas oder jemand stehen über ihnen. Zweitens: Gewissensfreiheit ist regelmäßig alles andere als bequem.

In sechs Abschnitten skizziert Josef Bordat die Entwicklung des Gewissensbegriffs und der korrespondierenden Vorstellung davon, was die höchste Autorität ist und fordert, die gegebenenfalls den Bruch der Gesetze legitimiert. Unweigerlich stößt man dabei auf das Naturrecht, vor allem in seiner Begründung durch Thomas von Aquin: Er beschreibt die praktische Vernunft des Menschen als Teilhabe an der absoluten Vernunft Gottes. Infolge dieser Teilhabe neigt der Mensch zum Guten und ist grundsätzlich fähig, es selbst zu erkennen, gegebenenfalls auch ohne an Gott zu glauben.

In den folgenden Jahrhunderten veränderte sich die Vorstellung vom Naturrecht und damit auch die Wertschätzung des Gewissens zum Beispiel mit der Kritik Schopenhauers (Gewissen als Ausdruck von Beliebigkeit) und Nietzsches (Gewissen als Krankheit).

Totalitäre Obrigkeiten können mit der Gewissensfreiheit nichts anfangen. Die Bundesrepublik Deutschland dagegen erkennt sie im Grundgesetz ausdrücklich an. Der Gottesbezug in der Präambel setzt hier den Maßstab, indem der in der eigentlichen Verfassung religiös neutrale Staat ausdrücklich anerkennt, dass es erstens einen absoluten Maßstab für menschliches Handeln gibt und  dass zweitens dieser Maßstab der Verfügungsgewalt von Menschen und Staaten entzogen ist.

In der Praxis führt die Gewissensfreiheit zu Konflikten, wenn ihr Gebrauch den Einzelnen dazu zwingt, sich gegen seine Umgebung zu stellen. Paradebeispiele in der Bundesrepublik Deutschland sind die obsolet gewordene Kriegsdienstverweigerung und die Gewissensfreiheit der Abgeordneten, die Bordat sorgfältig abwägend diskutiert (mit dem erlesenen Pofalla-Zitat), die Zweckmäßigkeit der Fraktionsdisziplin ausdrücklich anerkennend.

Abweichen unter Berufung auf Gewissensnot ist in unserer Gesellschaft die Ausnahme, und der wichtigste Indikatior dafür, dass es sich um echte Gewissensnot handelt, besteht für Bordat neben der Ernsthaftigkeit der Begründung darin, dass der “Verweigerer” regelmäßig bereit ist, Nachteile für sich persönlich in Kauf zu nehmen. Als Beispiele arbeitet er u. a. einen Berliner Apotheker und die hessische Landtagsabgeordnete Dagmar Mezger heraus.

Der Apotheker weigert sich, die “Pille danach” zu verkaufen – wegen ihrer abtreibenden Wirkung. Er bekennt sich dazu und wird zum Gegenstand von Agressionen, u. a. wird seine Schaufensterscheibe wiederholt zertrümmert.

Dagmar Metzger war die erste von vier hessischen SPD-Landtagsabgeordneten, die sich der Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin mithilfe der Linken verweigerten. Neben erheblichen Anfeindungen bedeutete dies für alle vier auch das Ende ihrer politischen Laufbahn.

Das Gewissen ist kein Joker, den man ziehen kann, wenn die Argumente ausgehen. Es ist ein realer moralischer Kompass, dem ein reales moralisches Magnetfeld entspricht. Für Josef Bordat ist es darüber hinaus ein “Geschenk Gottes” (S. 245), auf dessen leise Stimme insbesondere katholische Christen hören sollten.

“Und folgen wir dann seinem Ratschluss. Damit kann man nichts falsch machen. Schließlich können wir mit Blick auf das katholische Verständnis des Gewissens die Haltung des Paulus verstehen und annehmen, der den Christen Roms in ihrer spannungsreichen Situation, in ihrem Dauerkonflikt mit Staat und Gesellschaft, Mut macht, zu der Überzeugung zu gelangen, “dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes” (Röm 3,27). Und Rom ist heute überall.”

Josef Bordats Buch Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt, 245 Seiten, ist im Lepanto Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro. Es ist ebenso gehaltvoll wie gut lesbar und hat das Zeug zum Standardwerk.

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