Adoptionsrecht: Diskriminierung oder Staatsräson?

Harald Stollmeier am 15. Februar 2014

Wer mit Schaum vor dem Mund spricht, ist nicht gut zu verstehen. Aber auch wer ruhig bleibt, tut gut daran, sauber zu argumentieren. Das ist wahrscheinlich besonders wichtig, wenn es um so heikle Themen wie die „Homo-Ehe“ und ein Adoptionsrecht homosexueller Paare geht. Die erste Frage, die man klären sollte, lautet: Was geht mich das an?

Was geht es mich an, wenn zwei Mitmenschen, sagen wir, zwei Mitmänner, miteinander auf Dauer zusammenleben wollen, weil sie ineinander verliebt sind? Ich brauche das nicht schön zu finden und darf diese Lebensform gegenüber der von mir bevorzugten durchaus für defizitär halten, unabhängig davon, was dafür der Grund ist. Aber es wäre schlechtes Benehmen, wenn ich das den beiden ohne Not sagen würde. Wenn sie mich fragten, dürfte ich das wohl, aber es käme schon auf meine Ausdrucksweise an. Wahrscheinlich würde ich ihnen dennoch Glück wünschen, weil nämlich homosexuelle Neigungen nach meiner Einschätzung angeboren sind (egal, ob genetisch oder etwa hormonell bedingt) und die Betroffenen deshalb keine Wahl haben.

Im Übrigen beeinträchtigt das Zusammenleben der beiden Mitmänner mein eigenes Leben nicht, und deshalb geht es mich weiter nichts an. Es kann zwar sein, dass ich mich aufgrund meiner eigenen Glaubensvorstellungen um das Seelenheil der beiden sorge. Und das darf ich ihnen unter Umständen sagen. Aber nur wenn es aus Liebe und in Liebe geschieht. Und nachdem ich den Balken aus meinem eigenen Auge entfernt habe.

Ein wenig anders ist es mit der Diskussion über die (gesetzliche) Bezeichnung und die gesetzliche Regelung der auf Dauer angelegten Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare. Hier darf ich als Bürger mitreden, denn ich bin zwar nicht direkt, wohl aber indirekt betroffen. Aktivisten wie Volker Beck hätten da sicher Einwände, aber die müssen nicht unbedingt stichhaltig sein.

Ich habe das Recht zu einer Meinung dazu, wie man diese Lebensform nennt. Ich darf sagen, dass das keine Ehe im eigentlichen Sinne ist. Eine solche gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft ist nicht das gleiche wie eine Ehe von Mann und Frau. Diese ist das Vorbild, jene ist die Variante.  Und Ungleiches ungleich zu nennen ist grundsätzlich keine Diskriminierung.

Ist es aber vielleicht eine Diskriminierung, wenn man bestimmte Rechte (steuerliche Bevorzugung etwa und das Adoptionsrecht) auf heterosexuelle Paare beschränkt halten möchte? Ich glaube, dass diese Einschätzung, die nicht zufällig von der Aktivistenseite vorgetragen wird, fehlgeht. Es handelt sich hier ja nicht um Menschen- oder Bürgerrechte, die bestimmten Gruppen vorenthalten werden, sondern um Privilegien, die der Staat einer bestimmten Lebensform zubilligt, letztlich weil sie den Staat in besonderer Weise stabilisiert, und dabei spielt der Umstand eine entscheidende Rolle, wo die kleinen Kinder herkommen. Das Nein zur vollen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der klassischen Ehe ist keine Diskriminierung.

Deswegen ist es aber nicht notwendigerweise richtig. Das sollte sachlich diskutiert werden, wobei der Diskriminierungsvorwurf dem Ziel dient, die sachliche Diskussion zu verhindern. Dabei könnte diese überraschend ausgehen.

Das aktuelle BGH-Urteil über die Unterhaltspflicht von Kindern für ihre pflegebedürftigen Eltern beleuchtet die Konsequenzen des Adoptionsrechts: Nach § 1618 a BGB schulden Eltern und Kinder einander Unterhalt und Rücksicht. Im vorliegenden Fall hatte der BGH das Recht des Vaters auf Unterhalt trotz Kontaktabbruchs und Enterbung nicht als verwirkt angesehen, weil der Vater seiner Unterhaltspflicht bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres des Sohnes nachgekommen war.

Nutznießer des Urteils war der Staat, in diesem Fall das Land Bremen, das sich einen Teil der Pflegekosten vom verstoßenen Sohn zurückholen konnte. Wichtig ist, dass der BGH ziemlich ausdrücklich sagt: Die durch Zeugung (und ggf. durch Adoption) begründete Eltern-Kind-Beziehung reicht nicht aus. Aber das Gesetz sagt: Sie ist eine notwendige Bedingung.

Das bedeutet, dass nach geltendem Recht ein gleichgeschlechtlicher “Vater”, der das aufgezogene Kind weder gezeugt noch adoptiert hat, keinen Anspruch auf Unterhalt hat. Auf den Kosten für seine Pflege bleibt die Allgemeinheit sitzen. Es könnte also durchaus im Interesse des Staates sein, solchen Paaren die Adoption ihrer Kinder zu erlauben; die strengen Voraussetzungen für eine Adoption müssten natürlich auch für gleichgeschlechtliche Paare gelten. Denn bei der Adoption steht natürlich nicht der Kinderwunsch im Mittelpunkt sondern das Kindeswohl.

Andererseits würde ein Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare mit hoher Wahrscheinlichkeit die Einnahmen aus der Erbschaftssteuer senken, wobei Pflegebedürftigkeit das Erbe regelmäßig auffrisst.

Ferner ist eine gewisse Förderung auf Dauer angelegter gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, auch wenn sie nicht Ehe heißen, durchaus im Interesse des Staates. Diese Förderung darf aber geringer sein als bei heterosexuellen Paaren, wenn und soweit man die Aufzucht von Kindern als förderungswürdig betrachtet, weil aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften niemals Kinder hervorgehen.

Anders sieht es aus, wenn in einem gleichgeschlechtlichen Haushalt Kinder aufgezogen werden. Hier gilt aus Staatssicht, dass die Aufzucht dieser Kinder in vollem Umfang förderungswürdig ist.

Mir persönlich ist die Haltung des libertären Publizisten und Verlegers André F. Lichtschlag am sympathischsten. Lichtschlag fragt, warum der Staat überhaupt Ehen regeln muss. In der Tat: Was geht es den Staat an, wie zwei erwachsene Menschen freiwillig zusammenleben?

Bei all dem sollte man sich klarmachen, wie wenig das schrille Lärmen verhältnismäßig weniger Aktivisten mit der Lebenswirklichkeit der meisten schwulen bzw. lesbischen Menschen zu tun hat. Anders als viele der Aktivisten wollen die meisten einfach nur in Frieden leben und sich genauso wenig für ihr Privatleben rechtfertigen müssen wie jeder andere auch. Und das ist ihr Recht.

Abgelegt unter Allgemein,Gerechtigkeit,Politik | 8 Kommentare

8 Kommentare zu “Adoptionsrecht: Diskriminierung oder Staatsräson?”

  1. Moralblog » Sex in der Schuleam 15. Februar 2014 um 16:53

    […] Kretschmann oder Volker Beck MdB deshalb wohl vermuten würden, bin ich weder homophob noch sonst irgendwie […]

  2. Nonnenam 16. April 2014 um 19:10

    Im Gegensatz zu einem Kind in einer Vater-Mutter-Gruppierung, erleidet das in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heranwachsende Kind eine gewisse Deprivationssituation, da ihm der enge Kontakt mit der Gegengeschlechtlichkeit verwehrt bleibt und somit eine Art Freiheitsentzug vorliegt.
    Hirnphysiologische Gegebenheiten weisen auf die Bedeutung gegengeschlechtlicher Erziehung und damit auf die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit gegengeschlechtlicher Spiegelung für spätere Stressverarbeitung, Bindungsfähigkeit und emotionale Zwischenmenschlichkeit hin.
    Eine wesentliche neurophysiologische Basis für dieses wichtige Verhalten stellen die so genannten Spiegelneuronen dar, welche zur Grundausstattung des Gehirns gehören. Sie geben bereits dem Säugling die Fähigkeit mit einem Gegenüber Spiegelungen vorzunehmen und entsprechen so dem emotionalen Grundbedürfnis des Neugeborenen.
    [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014]

  3. Harald Stollmeieram 22. April 2014 um 15:20

    Ich lese das jetzt erst einmal! 🙂

  4. Harald Stollmeieram 6. Mai 2014 um 6:02

    Sehr geehrter Gesprächsteilnehmer Nonnen,

    ich habe das Buch jetzt gelesen (nicht schlecht!). In dem Aufsatz, auf den Sie sich beziehen, geht es in erster Linie darum, dass Kleinkinder nachweisbar Schaden nehmen, wenn sie aus der einzig idealen Umgebung (mit Mutter und Vater) herausgerissen werden und das keine Krippe auch nur annähernd so gut ist wie vor allem die eigene Mutter. Am Rande belegt Spreng, dass auch ein gleichgeschlechtliches Elternpaar das originale heterosexuelle nicht ersetzen kann und sozusagen defizitär ist.
    Für mich kommt dabei aber nicht eine spezifische Schädlichkeit gleichgeschlechtlicher Elternpaare heraus sondern eher eine Abstufung nach dem Kindeswohl. Bei sonst gleichen Bedingungen ist sicher das eigene Elternpaar besser als ein Patchwork-Paar, dieses besser als ein gleichgeschlechtliches Paar, dieses besser als ein Kinderheim. Sicher gibt es dazwischen Optionen, aber dann wird es schnell unübersichtlich, auch weil in der Praxis die sonstigen Bedingungen nur selten ganz gleich sind.
    Jedenfalls ergibt sich daraus für mich, dass bei einer Adoptionsentscheidung keine Verbote bestimmter Paarungen notwendig sind sondern das Kindeswohl als Maßstab ausreicht. Dann wird bei sonst gleichen Bedingungen ein Kind regelmäßig ein Adoptivelternpaar mit Mutter und Vater erhalten. Je nach den Alternativen ist aber durchaus vorstellbar, dass ein Kind bei einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar gut aufgehoben ist.

  5. Donnieam 14. Mai 2014 um 15:12

    “weil nämlich homosexuelle Neigungen nach meiner Einschätzung angeboren sind (egal, ob genetisch oder etwa hormonell bedingt) und die Betroffenen deshalb keine Wahl haben.”

    Studien deuten eher auf sozial bedingte verqueere Sexualität hin (http://www.dijg.de/homosexualitaet/). Aber unabhängig von angeboren oder nicht: der Sünder soll keine Wahl haben, nicht zu sündigen / sich heilen zu lassen? Sie scheinen Lutheraner zu sein.

  6. Harald Stollmeieram 14. Mai 2014 um 15:35

    Sehr geehrter Gesprächsteilnehmer Donnie,

    wenn meine Einschätzung zutrifft, sind homosexuelle Neigungen angeboren. Dann haben die Betroffenen keine Wahl, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlen. Und wohl auch keine Wahl, sich heilen zu lassen, weil eine Heilung im medizinischen Sinne nicht möglich ist. Die Wahl, nicht zu sündigen, bleibt aber jedem; wie bei heterosexuellen Menschen auch. Aus reiner Neugier: Sagt die lutherische Theologie, dass der Mensch keine Wahl habe?

  7. Donnieam 15. Mai 2014 um 16:23

    Ja, das tut sie wohl. Stichwort “Prädestinationslehre”. Luther schrieb zB. das Buch: “Daß der freie Wille nichts sei (De servo arbitrio)”
    Zitat Luther: “Gott hat den Demütigen, das ist, die sich verloren geben und verzweifelt sind, seine Gnade gewiß zugesagt. Völlig sich zu demütigen aber vermag der Mensch nicht, bis er weiß, daß sein Heil ganz und gar außerhalb seiner Kräfte, Entschlüsse, Bemühungen, außerhalb seines Willens und seiner Werke gänzlich von dem freien Ermessen, dem Entschluß, Willen und Werk eines anderen, nämlich Gottes allein abhängen.”
    Weiter: “Daher werden diese Dinge um der Auserwählten willen allen zugänglich gemacht, damit die auf diese Weise Erniedrigten und Zunichtegemachten gerettet werden. Die Übrigen widersetzen sich dieser Erniedrigung, ja, sie
    verwerfen es sogar, daß diese Verzweiflung an sich selbst gelehrt werde und wollen, daß ihnen etwas, und wäre es noch so wenig, gelassen werde, was sie vermöchten.”

    (Zitiert nach http://www.irt-ggmbh.de/downloads/vondererwaehlung.pdf)

    Nach Luther gibt es also die Erwählten und die Nicht-Erwählten. Homosexualität (genauer: homosexuelle Akte) ist eine Sünde. Nach Luther kann also ein Homosex., zumindest wenn er seinen Neigungen nachgeht, wohl kaum ein Erwählter sein. Ergo sind Sie nach Ihrem obigen Kommentar kein Lutheraner.

    Zurück zum eigentlichen Thema: Einen Christ geht es sehr wohl etwas an, ob Homosexualität gelebt wird oder nicht: jegliche Sünde betrifft nicht nur den Sünder, sondern auch sein unmittelbares und mittelbares Umfeld, ja die ganze Welt. Alles Gute hat Folgen, aber auch alles Böse.

    “Was geht es den Staat an, wie zwei erwachsene Menschen freiwillig zusammenleben?” Das bedeutete entgegen Ihren Ausführungen weiter oben konsequenterweise doch auch die Abschaffung der bürgerlichen Ehe.

    Und andersherum: wenn homosexuelle Paare irgendwelche Privilegien erhalten: wieso dann nicht alle andere Formen von Zusammenleben: Witwer und erwachsener Sohn, zwei Geschwister, ja irgendwelche Personen (auch mehr als zwei), die erklären, sie wollen irgendwie auf Zeit zusammen leben? Warum das Zusammenleben dann überhaupt noch irgendwie mit Sexualität verknüpfen?

    Die Krux / Wurzel liegt wohl bei der Entkopplung von Sexualität und Zeugung. Humane vitae lässt grüssen…

  8. Harald Stollmeieram 16. Mai 2014 um 13:09

    Sehr geehrter Gesprächspartner Donnie,

    vielen Dank für diesen belesenen Kommentar! Ich melde mich dazu noch einmal.

    Humanae vitae ist wohl eine eigene Diskussion wert, auch wegen des Natürlichkeitsbegriffs.

    Alles Gute
    HS

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