Monatsarchiv für April 2014

War Christus Antikapitalist?

Harald Stollmeier am 16. April 2014

Buchbesprechung: Robert Grözinger, Jesus, der Kapitalist. Das christliche Herz der Marktwirtschaft

War Christus Antikapitalist? Kommt ganz darauf an, was man unter Kapitalismus versteht. In dieser Frage sind sich der Verfasser des Apostolischen Schreibens Evangelii Gaudium und der Verfasser von Jesus der Kapitalist keineswegs einig. Papst Franziskus symbolisiert geradezu die Distanz der katholischen Kirche zum Big Business, und außerhalb wirtschaftswissenschaftlicher Fachbereiche gelten Christentum und Kapitalismus weithin als Antagonisten. Tatsächlich scheinen reiche Menschen in den Evangelien nicht allzu gut wegzukommen, denkt man an Aussagen Christi wie die vom Kamel und dem Nadelöhr. Aber der libertäre Ökonom Robert Grözinger sichtet die Evangelien in seinem 2012 erschienen Buch mit dem provozierenden Titel Jesus, der Kapitalist aus einer völlig anderen Perspektive.

Denn für Grözinger ist der Kapitalismus diejenige Wirtschaftsordnung, die der Botschaft Christi am meisten entspricht. Allerdings, und das sagt Grözinger schon im ersten Kapitel deutlich, ist die Wirtschaftsordnung, die unsere Welt heute prägt, alles andere als kapitalistisch, alles andere als ein freier Markt. “Betrachtet man die Welt mit offenen Augen, so stellt man fest, dass an zahllosen Stellen die ‘Freiheiten des wirtschaftlichen Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Ungleichheit’ eingeschränkt werden, und zwar durch die Staaten – die ihrer Natur gemäß für sich das Monopol der Gewaltausübung auf ihrem Territorium beanspruchen.” (S. 23-24)

Da ist was dran. Staat und Banken sind nicht erst seit den Bankenrettungen infolge der Finanzkrise von 2008 eng verflochten, und jeder kann sehen, dass der Staat z. B. in Deutschland gewaltigen Einfluss auf die Investitionsentscheidungen von Unternehmen und Privatpersonen nimmt. Dieses System ist für Grözinger nicht durch die Botschaft Christi gedeckt.

Den Kapitalismus, für den er diese Deckung beweisen will, definiert er mit George Reisman als “ein auf Privateigentum an Produktionsmitteln basierendes Gesellschaftssystem. Sein Kennzeichen ist das Verfolgen materieller Eigeninteressen in Freiheit und es steht auf dem Fundament des kulturellen Einflusses der Vernunft. Auf seiner Grundlage und seiner wesentlichen Eigenschaft fußend, sind weitere Kennzeichen des Kapitalismus das Sparen und die Kapitalansammlung, Austausch und Geld, finanzielles Eigeninteresse und das Gewinnstreben, die Freiheitendes wirtschaftlichen Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Ungleichheit, das Preissystem, wirtschaftlicher Fortschritt und eine Harmonie der materiellen Eigeninteressen aller an ihm beteiligten Individuen.”

Den Kern von Grözingers Argumentation bildet die gründlich belegte These, dass Kapitalismus nach der von ihm vorgetragenen Definition nicht nur durch die Botschaft Christi gedeckt sondern sogar ihr korrekter Ausdruck ist, ja, ohne sie gar nicht möglich wäre. Es ist wahr: Wenn Gott in den Gleichnissen als Gutsbesitzer und Arbeitgeber (Weinberg) oder sogar als Geldverleiher (Talente) beschrieben wird, dann kann unmöglich eine Ablehnung von Unternehmertum daraus abgeleitet werden. Aus dem Gleichnis von den Talenten lässt sich sogar überzeugend die Zulässigkeit von Zinsen ableiten, allerdings mit weniger Wohlwollen, als es unternehmerischem Gewinn entgegengebracht wird, und anscheinend auch in geringerer Höhe.

Aber was ist mit dem Kamel und dem Nadelöhr? Hier findet Grözinger über seinen theologischen Gewährsmann Gary North einen Ausweg. Denn der bei Matthäus und Markus nicht näher beschriebene reiche junge Mann, der sein Vermögen nicht verschenken will und traurig fortgeht, ist bei Lukas ein “Oberster”, ein “archon.” Das bedeutet: Er bzw. sein Vater hat den Reichtum, um den es geht, auf unredliche Weise erworben, durch Unterdrückung und Machtmissbrauch. Und das ist in der Tat etwas völlig anderes als der Ertrag eines Weinbergs, gerade im Hinblick auf das Seelenheil.

Besonders lesenswert ist Grözingers Auseinandersetzung mit dem Sozialstaat und seiner Berufung auf den barmherzigen Samariter (S. 48-52). Wo der Samariter sein eigenes Geld einsetzt und u. a. den Wirt bezahlt, bei dem er den Verwundeten unterbringt, arbeitet der Staat mit dem zwangsweise erhobenen Geld Dritter und entzieht sich darüber hinaus der Verantwortung für die Redlichkeit der Mittelverwendung. Vielleicht am schlimmsten: Da alles auf Zwang beruht, sind die so erhobenen Leistungen der Bürger ethisch weitgehend wertlos.

Nicht alle Wertungen Grözingers wirken ausgereift. Dazu gehören die einseitige Abwertung des Pietismus als Fluchtreligion (noch dazu unter Berufung auf Peter Watson, The German Genius, wo gerade eine pietistische Verantwortungsethik das deutsche Bildungswunder bewirkt), aber auch die wohl doch etwas zu kurz greifende Einschätzung, obrigkeitsbejahende Aussagen von Christus (“Wenn Dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe mit ihm zwei”) oder Paulus (“Alle Obrigkeit ist von Gott”) seien im Wesentlichen Blendwerk für den römischen Geheimdienst.

Dennoch ist Grözingers Buch eine schlüssige und zum Nachdenken anregende Darstellung, die sich auf jeden Fall zu lesen lohnt (übrigens in vielleicht unerwartet friedlicher Nachbarschaft mit David Graebers Schulden: Die ersten 5000 Jahre). Und vielleicht hat er sogar Recht.

Robert Grözingers Jesus, der Kapitalist. Das christliche Herz der Marktwirtschaft, 170 Seiten plus Anmerkungen,  ist in der Edition Lichtschlag im Finanzbuchverlag erschienen und kostet 16,99 Euro.

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